DESTILLATION "CARL ARLART"
"Sauer macht lustig". - "Creme de Rose". -
Der getreue Geschäftsführer

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Carl Arlart betrieb auf seinem Grundstück eine Destillation und eine Essigfabrik. In seinem Restaurant waren die eigenen Erzeugnisse zu einem unglaublich niedrigen Preis erhältlich, so daß der Schnaps nur in "Viertelliter-Bombchen" ausgeschenkt wurde, damit das Bezahlen sich überhaupt lohnte.

Arlart stellte damals auch Liköre der gängigsten Geschmacksrichtungen her, von denen der Rosenlikör, "Creme de Rose" genannt, bei den Angerburgern am beliebtesten war. Er schillerte in der Flasche verlockend rosa, verbreitete beim Einschenken einen herrlichen Rosenduft durchs ganze Zimmer und wurde bei Kaffeekränzchen und Geburtstagsfeiern von den Damen gern getrunken. -

Der Essig wurde bei Arlart nur aus natürlichen Rohstoffen hergestellt und kostete vor dem 1. Weltkrieg pro Liter - sage und schreibe - fünf Pfennige.

Der Essig von Arlart war so gut, daß er in Lokalen und in privaten Haushaltungen beim Essen fast auf jedem Tisch stand. Die Angerburger würzten sich ihre Speisen, wo es nur anging, mit diesem Essig. Waren es Sülze, Erbsen, Bohnen, Peluschken, Kartoffelsuppe, Sauerbraten, Rinderfleck, Salate - und was weiß ich noch alles: der Arlartsche Essig gab ihnen erst den letzten Pfiff. "Sauer macht lustig!" sagten unsere Angerburger, und sie hielten sich auch daran.

Carl Arlart hatte, wie es in Angerburg gang und gäbe war, eine große Familie: drei Söhne und zwei Töchter. Eine Tochter heiratete einen Lehrer an der damaligen Taubstummenanstalt, die später nach Tilsit verlegt wurde. Die andere Tochter schloß den Bund für' s Leben mit dem Witwer Kaufmann Viktor Grundmann, über den wir noch berichten werden.

Nach Carl Arlart übernahm sein Sohn Georg das Geschäft, und als der starb, dessen Bruder Karl (schon modern mit "K" geschrieben), obwohl der eigentlich ein "Büromensch" war. Der dritte Sohn ging über den großen Teich und wurde dort "Amerikaner", wie die Angerburger sagten.

Arlarts Geschäftsführer hieß Karath. Jahrzehntelang erledigte er
die schriftlichen Arbeiten und führte zudem die Aufsicht über das Restaurant. Karath war ein kleines, rundes Männchen, wie ein Äpfelchen mit rundem Kopf und zwei dünnen Beinchen. Ihn sah man immer nur in dem kleinen Kabäuschen hinter dem Schanktisch sitzen, wo er, emsig schreibend und rechnend, über seinen Geschäftsbüchern saß, dazwischen aber durch die stets offene Tür den Betrieb im Schankraum beobachtete. Mit den Jahren wurde er bei diesem Lebensstil so dick, daß er ohne Hilfe überhaupt nicht mehr gehen konnte; - bis er eines Tages, dann aber geschah es doch unerwartet, in die "ewigen Zechhallen" einging. Seine sterblichen Reste wurden auf unserm Friedhof beigesetzt, welche Stätte er bei Lebzeiten nur vom Hörensagen gekannt hatte.