"BAHNHOFSHOTEL"
Erste und letzte "Station". - "Wer kann onns Bure bändge !"

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Das Bahnhofshotel gehörte zunächst dem Schmiedemeister Kroll, dessen Schmiede am Anfang der Königsberger Straße gegenüber dem Hotel Kronprinz lag und später von Schmiedemeister Meier übernommen wurde.

Meister Kroll übergab das Bahnhofshotel einigen Pächtern, aber erst als Michael Budnick das Hotel kaufte und die Bewirtschaftung übernahm, kam seine eigentliche Blütezeit. Wesentlich trug dazu bei, daß Michael Budnicks eigentliche Profession der Viehhandel war und sich daher auf dem Hof des Hotels eine Viehwaage befand, die von Viehhändlern und viehverkaufenden Landwirten gern in Anspruch genommen wurde. Den geschäftlichen Teil erledigten sie dann bei Grog, Bier und Schnaps im Hotelrestaurant, so daß hier, insbesondere an Markt- und Viehverladetagen, ein recht reger Betrieb herrschte.

Auch die Fremdenzimmer waren im Bahnhofshotel sehr begehrt. Es gab Reisende genug, die ihre Unterkunft möglichst in der Nähe des Bahnhofs haben wollten. Leider wurde der schöne, große Garten des Hotels mit seinen lauschigen Plätzen unter hohen, schattigen Bäumen vom Publikum nicht im verdienten Maße ausgenutzt. Nur am Pfingstsonntag, beim Frühkonzert der Stadtkapelle Ebert erhielt er den ihm gebührenden gastlichen Zuspruch. Aber nicht allein Viehhändler und Geschäftsleute waren Gäste des Bahnhofshotels, sondern auch Bauern aus Thiergarten, Engelstein, Brosowen - überhaupt von all den Dörfern, deren Bewohner auf ihrem Weg zur Stadt am Bahnhofshotel vorüberfahren mußten.

Hatten die Bauern ihre Geschäfte in der Stadt erledigt und sich auch schon genügend von dem guten ostpreußischen Kornus einverleibt, dann fiel es ihnen auf der Heimfahrt plötzlich ein, daß sie schließlich auch noch einmal im Bahnhofshotel Station machen könnten. Da trafen sie denn auf alte Bekannte, die sie schon lange nicht mehr gesehen hatten und die rein zufällig auf denselben guten Gedanken gekommen waren. Das Wiedersehen mußte selbstverständlich begossen werden. Und da es jeder eilig hatte, wurde dann stundenlang immer noch einmal "der Letzte" getrunken, bis endlich wirklich nichts mehr durch den Hals gehen wollte.

Mit hochrotem Gesicht, die Mütze im Genick und einen zerkauten Zigarrenstummel im Munde, steuerten sie mühsam, aber auf Haltung bedacht, ihr Fuhrwerk an. Das Aufsteigen fiel ihnen jedoch so schwer, daß ihnen der Ober oder irgendein des Weges Kommender dabei helfen mußte. Hatten sie aber erst die Leine in der Hand und die Straße erreicht, dann schwenkten sie die Peitschen und veranstalteten miteinander auf der Chaussee ein Wettrennen wie auf einem Turnierplatz. Meines Wissens geschah dabei aber nie ein Unfall. Wie sollte es auch? Hieß es doch, daß Kinder und Betrunkene ihren Schutzengel hätten, - und die Pferde fanden den Weg nach Hause notfalls auch ohne sonderliche Zügelführung. Sie waren deswegen nicht die Schlechtesten - unsere Angerburger Bauern. Sie arbeiteten unverdrossen von früh bis spät, tagein, tagaus im Hof und im Hause, im Wald und auf dem Felde. Sie leisteten manchmal Unmenschliches. Aber eine Fahrt zur Stadt war für sie eben ein wohlverdienter Feiertag. Ihn ausgiebig mit Kornus oder Grog zu "begießen", betrachteten sie als selbstverständliche Belohnung für all die geleistete Arbeit.

Da war zum Beispiel ein Bauer aus ... Doch Name und Ort tun nichts zur Sache. Nennen wir ihn daher nur "Fritz", nach seinem Vornamen. Dieser Bauer war ein Hüne von Mann, mit Muskeln wie aus Stahl. Er galt als der Fleißigste und Wohlhabendste im Dorf. Doch wenn er mit seinen herrlichen Pferden zur Stadt fuhr, war es mit ihm, als sei ein Hofhund von der Kette gelassen. Selbstkritisch sagte er von sich: "Däm Fliet häbb öck vonne Mutterke, datt Supe vom Voader; wer kann onns Bure bänd' ge ! "

Eines Tages hatte dieser Bauer in der Stadt an den Pferdehändler Rosenau, den Vater unseres berühmten und beliebten Baritons Willy Rosenau, ein paar Pferde verkauft. Grund genug, daß er dies nach seiner Meinung gute Geschäft auch begießen, wollte. Auf der Heimfahrt suchte er auch noch das Bahnhofshotel auf, wo er mit anderen Männern weiterzechte.

Plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, war Fritz aus der Runde verschwunden. Nach einiger Zeit stellte ein Zechgenosse fest, daß Wagen und Pferde des Bauern noch auf dem Hof standen, - aber wo war unser Fritz? - Nach längerem Suchen fanden sie ihn unter einem Busch im Hotelgarten.

Lautschnarchend, schlief er da den Schlaf des Gerechten. Das war für die Suchenden ein Grund, dem starken Manne, an den sich sonst niemand herangewagt hätte, einen Streich zu spielen. Sie holten aus dem Lokal ein paar Mostrichtöpfe und bestrichen mit dem Senf das ganze Gesicht des Schlafenden, so daß nur noch Augen, Nase und Mund freiblieben. Darauf gingen sie ins Lokal zurück und tranken weiter - wartend, was nun kommen werde.

Nach einer Stunde erschien dann auch wieder "der Fritz" wohlausgeruht und erneut unternehmungslustig.

"Aber, Frötz, wie sittst du blossig uht", sprach ihn einer verschmitzt-teilnahmsvoll an.

"Wie sull öck uhtsehne, " antwortete Fritz, "denkst du sitst bäder uht? "

"Joa, bekickt die moal önne Spegel, " wurde ihm erwidert.

Fritz ging zum Spiegel, erblickte sein braunverkrustetes Gesicht, sackte in den Schultern zusammen und murmelte dumpf: "Doa hebb öck mie doch önne egne Schiet gewälzt - öck Supkopp, - öck sulld mie watt schäme. "

Mitleidig reichte ihm der Ober ein Handtuch. Doch Fritz wies es von sich und sagte bedrippst: "Loat man sönn, Ober, sonst stinkst ohk noch. " - Wortlos ging er aus dem Lokal, wortlos bestieg er seinen Wagen und wortlos fuhr er davon. Sein Ehrgefühl hatte einen Knacks bekommen; aber niemand wagte es, dem starken, unberechenbaren Manne den wahren Sachverhalt darzulegen.

Auch den "Übeltätern" war nach diesem Verlauf der Dinge der Spaß vergangen. Aber dieser Vorfall zeigt doch überzeugend, was für ein guter, menschlicher Kern in der harten Schale unserer ostpreußischen Bauern steckte.