Wohltätigkeitsanstalten „Bethesda"

 Nach Aufzeichnungen von Otto Suchodolski (Quelle AHB 121 1998)

  Die Anfänge der Bethesda-Anstalten sind mit dem Namen der Gräfin Lehndorff, Steinort, Anna geb. Gräfin Hahn, eng verknüpft. Am 1. Oktober 1880 erwarb sie das Haus des Riemermeisters Fechner am Ende der Töpferstraße und richtete es als Siechenhaus ein. Es wurde die Urzelle der späteren umfangreichen Anstalten. Das Pflegegeld betrug damals in der ersten Klasse für Zimmer und vollständigen Unterhalt 15 Pf. pro Tag, in der zweiten Klasse für Zimmer mit zwei Personen 10 Pf. pro Tag. In der dritten Klasse, für Zimmer mit vier Personen, waren Unterhalt und Kleidung unentgeltlich. Die ärztliche Betreuung war für alle frei (Damals kostete ein Pfund Fleisch 25 Pf., ein Pfund Roggen 5,5 Pf., ein Ei 5 Pf.).

Es waren zunächst wenig Bewerber für das Heim, man fürchtete, dort bald zu sterben. Aber das änderte sich rasch, und der Andrang wurde größer als der vorhandene Platz, man fühlte sich im Siechenhaus wohlgeborgen. Im Frühjahr 1881 wurde auch die 1878 von der Gräfin gegründete Kleinkinderschule mit 80 Kindern von der Entenstraße in die Töpferstraße verlegt, in einen Anbau des Siechenhauses. Etwa zur gleichen Zeit, am 15. Juni 1881, kam Pfarrer Braun aus Lötzen als Superintendent nach Angerburg und übernahm auf Bitten der Gräfin die Verwaltung der von ihr geschaffenen Einrichtung. Nicht jeder fand sie als für sich angemessen, einige alte Menschen - wie z. B. Lottchen Mohr aus Pillkallen - waren daher nicht bereit, im Siechenhaus ihren Wohnsitz zu nehmen. Die weitere Entwicklung des großen Liebeswerkes verfolgen wir am besten in chronologischer Reihenfolge.

 

  1884: Ein altes Gasthaus mit Kegelbahn in der Töpferstraße wurde angekauft und umgebaut, nachdem sich herausgestellt hatte, dass das anfängliche Kegeln die Kräfte der Heimbewohner überstieg.

  1886: Das Dzubielsche Haus kam hinzu und wurde als drittes Siechenhaus eingerichtet.
 
1894: Am 13. März starb Gräfin Lehndorff, die Stifterin. Ihr Vermächtnis an die Siechenhäuser betrug 10 000 M und jährlich 120 rm Holz aus den Steinorter Forsten. Der Sohn der Verstorbenen, Karl Graf Lehndorff, ließ die Anstaltsgrundstücke im Grundbuch auf Superintendent Braun umschreiben. Dieser erwirkte bei der Provinzialsynode eine jährliche Kollekte, und er bekam auch 3000 M von der Provinz.

An der Angerapp wurde sumpfiger Boden durch Abtragen eines Hügels für eine Weidenplantage trockengelegt. Von dem Gerichtsvollzieher Steiner erwarb Braun ein Haus mit Garten und vier Morgen Land und richtete hier eine Korbflechterei ein. Der pommersche Zwerg Paul, bis zum Alter von 16 Jahren Gänsehüter und Windelwäscher bei Bauern, wurde Korbflechtermeister. Nur hüpfend erreichte er die Türklinke. Um größer zu erscheinen, trug er gern einen hohen Zylinderhut auf dem großen Kopf und immer blank gewichste Stiefelchen und sprach, mit seinen kleinen Händen gestikulierend, überzeugend zur Kundschaft, wenn er am Markttag auf dem Waschkorb stand. Man hatte ihn und seine Ware gern. Nun erfuhr eines Tages seine Zuneigung zu einem Krüppelmädchen durch einen stärkeren Nebenbuhler durch Ohrfeigen ein Ende. Der gekränkte Paul zog zu den Seiltänzern. Man entdeckte ihn einmal in Bremerhaven auf einer Pauke reitend, die ein Hund zog.

Brauns Artikel im „Sonntagsfreund" brachten Spenden und Freunde, so dass trotz mancher behördlichen Widerstände 1896 das rote Haus - das neue Siechenhaus - gebaut und

1897 von Frauen und 15 behinderten Kindern bezogen werden konnte. Im gleichen Jahr zog eine trunksüchtige Frau aus dem Kreise Goldap ihren gelähmten zehnjährigen Sohn in einem Handwägelchen von Ort zu Ort und kam im Sommer zum Vieh- und Pferdemarkt nach Angerburg. Die Polizei brachte den Jungen zu Superintendent Braun. Das Kind fand als erster körperbehinderter Knabe in der Frauenabteilung Unterkunft. Er wurde der Sonnenschein seiner Umgebung und lernte schreiben. Dabei stützte die verkrümmte rechte Hand die verkrümmte, schreibende linke.

Mit dem Knaben begann die Geschichte des Angerburger Krüppelheims und für Braun die Gelegenheit zur Schuldbegleichung, und das war so: Als Neunjähriger durfte Hermann Braun den langersehnten Fußweg zum Wallfahrtsort Heiligelinde (Krs. Rastenburg) mit der schönen Barockkirche machen. Inmitten des Trubels vor der Kirche bettelte ihn unter den vielen Kranken auch ein schwerbehinderter Knabe an, dem er die Gabe schuldig blieb, weil er zuvor sein Geld verbraucht hatte. So erzählte Braun dieses Erlebnis 1920 in „Kreuz und Liebe". Es drückte ihn sehr, und ließ ihn auf die Gelegenheit zur Schuldbegleichung lange warten. Nun war sie gekommen. Während der Christfeier am 24. Dezember 1897 im roten Haus legte ein Arbeiter aus Königsberg seinen im Sack getragenen gelähmten Sohn unter den Tannenbaum. Nun waren schon 24 Kinder im Heim.

Den zähen Bemühungen des Superintendenten Braun gelang es, immer mehr öffentliche Zuwendungen, aber auch Spenden aus besonderen Kollekten und Geldmittel aus Liebesgaben des In- und Auslandes zu erhalten. Aus diesen Mitteln und aus den Erlösen von Veranstaltungen und der regelmäßig erscheinenden Schriften „Alte und neue Bilder aus der masurischen Heimat', „Grüne Blätter", „Kreuz und Liebe", aber auch von Predigtbüchern mit Bildern und großer Schrift für schwache Augen, den Predigten über den Vers „Kreuz ohne Liebe ist schwer, Liebe ohne Kreuz ist leer" wurden weitere Neubauten ermöglicht.

Nun erfolgte auch der Anstoß zur Errichtung eines Krüppelheims als eigene Anstalt. Das Innenministerium und der evangelische Oberkirchenrat in Berlin schrieben eine Haus- und Kirchenkollekte zum Bau eines Krüppelheimes in Krakau bei Magdeburg aus und versprachen Aufnahmen aus Mittel- und Norddeutschland, auch aus Ostpreußen, gegen Pflegegeld. Wegen des Platzmangels und des weiten Weges kam für Ostpreußen Krakau jedoch nicht in Frage. Nach Absage jeder Kollekte und Unterstützung warb Braun weiter durch seine Schriften, und sein Sohn, Pfarrer Lic. Erich Braun, auch durch sein China-Buch „Erlebnisse als freiwilliger Krankenpfleger im Boxer-Aufstand 1901". Aus Deutschlands Provinzen, aus Rußland, Österreich, Polen und Südafrika kamen Aufnahmegesuche. Unentgeltliche Aufnahme ohne Rücksicht auf Konfessionszugehörigkeit war Grundsatz, aber „es war kein Raum in der Herberge". Dennoch gedieh das Liebeswerk und wuchs ständig. Hier die weiteren Stationen:

1898: Ankauf des Rhodmannschen Hauses, das als Kinderkrüppelheim eingerichtet wurde.

1899: Ein zweites Haus für die Krüppelkinder wurde erworben und eine kleine Kapelle für Gottesdienste erbaut.

1900: Der Beginn des neuen Jahrhunderts bringt die Anerkennung als „milde Stiftung" und als juristische Person unter der Bezeichnung „Wohltätigkeitsanstalten Bethesda" mit einem Vorstand, dem außer dem Anstaltsleiter, dem Chefarzt, dem Bürgermeister und dem Landeshauptmann im Laufe der Zeit auch Förderer und Gönner der Anstalten angehörten. Aus dem Kreise Angerburg waren dies u. a. Gutsbesitzer Richard Gramberg, Kantor Habicht, Pfarrer Teschner. Langjähriger Kassenrevisor war Fritz Behrend.

Rentier Rehann stiftet 100 000 M für Siechenpflege und andere soziale Zwecke. - Das dritte Krüppelkinderhaus wurde in dem für 9000 M gekauften Fellerschen Haus eingerichtet.

1901: Für 80 000 M wurde ein Haupthaus für die Krüppelkinder gebaut (30 000 M Liebesgaben, 10 000 M Provinz, 40 000 M Hypotheken). In den zwei Klassenräumen unterrichteten zwei Schulschwestern. Schularbeiten wurden gemeinsam gemacht. Wo nötig, erfolgte Einzelunterricht. Geduld und Einfühlsamkeit führten zu anerkannten Leistungen, die auf Besucher immer großen Eindruck machten. Nach der Schulentlassung kamen die Kinder zur handwerklichen Ausbildung in die Lehranstalt.

Weitere Grundstückskäufe folgten, darunter der einer Sumpfwiese, die zu Rothof gehörte und die nun vom Anstaltspersonal und den Pfleglingen zu einem Park ausgebaut wurde. Braun kaufte auch für 51 000 M von dem Drogeriebesitzer Goralski ein bebautes Grundstück an der Bahnhofstraße und gründete dort eine Anstalt für schwer erziehbare Mädchen. Schon bald wurde diese durch Äcker und Wiesen vergrößerte Einrichtung umständehalber für 100 000 M an die Provinz verkauft, die die Anstalt weiter ausbaute und unter der Bezeichnung „Provinzial-Mädchen-Erziehungsheim" weiterführte. 1924 erwarb die Provinz den zur Gemeinde Kehlen gehörenden 200 Morgen großen landwirtschaftlichen Betrieb Thörichthof (seit 1929 Seeheim), um die etwa 100 Zöglinge für die Landwirtschaft auszubilden. Leitende Schwestern dieser Anstalt waren - soweit bekannt -Anna Boltz, Klara Lach und Lange.

1902: Das Töpfer Sensfußsche Haus mit Garten wurde für 11 000 M erworben und darin die Anstaltsbäckerei eingerichtet.

Pfarrer Lic. Erich Braun schenkte den Erlös aus dem Verkauf seines Chinabuchs (3000 M) dem Krüppelheim.

1903: Das fehlende Stall- und Wirtschaftsgebäude wurde von Kaufmann Podehl für 6000 M erworben, dazu wurden einige Gemüsegärten angekauft. ­Prof. Walter Simon aus Königsberg stiftete 20000 M.

1904: Für den Anstaltsarzt wurden zahlreiche neuentwickelte orthopädische Apparate angeschafft. Rentier Weiß, Kallningken, schenkte 3000 M.

1905: Die Regierung ordnete an, dass „die alten Siechen wöchentlich einmal zum Baden genötigt werden" und dass  auch in den kleinsten Siechenhäusern Badezimmer einzurichten seien. Braun antwortete u. a.: „Da die Schwestern die alten Männer zum Baden nicht zwingen können, möge man aus Gumbinnen eine Kompanie Soldaten schicken, um die Siechen ins Bad zu treiben."

Vier Bauten wurden errichtet: Das Männer-Siechenhaus „Abendsonne", ein Schwachsinnigenheim, ein Anbau an das alte Feierabendhaus und schließlich die neue größere Anstaltskirche. Den Bauplatz für die Kirche verkaufte die 90jährige Fleischerwitwe Ollesch für 900 M.

1906: Von einer Stiftung des Hauptmanns Kleist in Königsberg in Höhe von 30 000 M konnte ein zweites Krüppelheim, die „Kinderhilfe" (Kleist-Stift), das gleichzeitig Operationsschwestern ausbildete, gebaut werden.

1907: Wieder halfen Stiftungen: 30 000 M des Rentiers Alfred Kolmar für den Umbau einer Scheune zu einem Krankenhaus für Krüppelkinder (Kolmar­ Stift). Zwei Höhensonnen - die ersten in einer ostpreußischen Anstalt - und ein Röntgenapparat, überaus wertvolle Geräte in damaliger Zeit, konnten aus einem Vermächtnis von Agnes Weidlich aus Heiligenbeil beschafft werden. - Die Zahl der Krüppelkinder war auf 350 gestiegen.

  1908/10: Um die körperbehinderten Jungen nach ihrer Konfirmation einer Ausbildung zuführen zu können, wurde in diesen Jahren nach Ankauf des Bauplatzes etappenweise die Krüppellehranstalt erbaut. Im Laufe der Zeit entstanden folgende Lehrwerkstätten und Handwerksbetriebe. Soweit sie bekannt sind, sind in Klammern die Namen der tätig gewesenen Meister angegeben:

1. Bäckerei (Boldt gest. 1967)

2. Buchbinderei (Kuhnke, Werner, Slawski)

3. Buchdruckerei (Goldau aus Heilsberg, der zugleich Hausvater wurde; Bednarski ([1912-1920], Reichelt,Hoffmann)

4. Elektro-Installation (Spörl)

5. Holzschnitzerei und Bildhauerei (Richard Suchodolski gest. 1937, später Hausvater, Leiter der Lehranstalt und Vorstandsmitglied; Ziaddak)

6. Korbflechterei (Dombrowski)

7. Sattlerei (Unruh)

8. Schlosserei und Schmiede (Schulz, Schilawa)

9. Schneiderei (Kaschemek, mit Frau von den Russen erschossen)

10. Schuhmacherei (Hammer, letzter Hausvater)

11. Orthopädische Schuhmacherei (Borawski)

12. Mahl- und Schneidemühle (Schreitter)

13. Tischlerei und Stellmacherei (Spottka)

 

1910: Für 50 000 M erweiterte die Firma Tepper die „Kinderhilfe" durch einen dreistöckigen Neubau. 30 Lehrschwestern erhielten ihr Ess- und Versammlungszimmer. - Zwei Häuser wurden von Werda und Urban erworben. Damit bestand die „Kinderhilfe" aus fünf Pflegehäusern.

1911: Am 9. Februar wurde die Dampfwäscherei „Luise" (benannt nach dem Vornamen der Frau des Anstaltsleiters) in Betrieb genommen. Gesamtkosten 100 000 M. Erbaut von Baumeister Woitkowitz. Die bisherigen drei Waschhäuser für Handbetrieb wurden anderen Anstaltszwecken zugeführt. - Zwei Häuser von Börsch und Fechner kamen durch Kauf hinzu. Im Anstaltsbereich wurde ein Pfarrhaus erbaut.

1912: Die Anstalten wurden ein eigenes Kirchspiel. Erster Pfarrer wurde Lic. Erich Braun, seit 1904 Pfarrer in Mehlsack. Er wurde gleichzeitig zum Vertreter des Anstaltsleiters und späteren Leiter bestimmt. Weitere Anstaltspfarrer waren Georg Feix (1927-1931) und Gerhard Ehlert (1931-1945).

1913: Baumeister Woitkowitz begann mit dem Bau der neuen Krüppelklinik.

1914: Der Rohbau der Klinik wurde bis zum Sommer fertig.

Am Sonntag, dem 23. August Einzug der Russen: drei alte Sieche werden grundlos erschossen. Der Anstaltsbetrieb ging trotz erheblicher Erschwernisse durch Besatzung, Flüchtlinge und spätere Einquartierungen weiter.

1915: Ein Vermächtnis von 27 000 M des Landwirts Hitzigrat diente u. a. zum Ankauf von 21/2 Morgen Gartenland von Bäckermeister Kowalzick für 7000 M. Auf dem Grundstück wurde eine Schneide- und Mahlmühle errichtet.

1916: 150 wolhynische Flüchtlinge wurden den Anstalten zur Verpflegung zugewiesen, sie brachten eine besondere Belastung.

1917: Der Bau der neuen Krüppelklinik wurde nach manchen Schwierigkeiten fertig und erhielt die Bezeichnung „Hermann-Adalbert-Haus", nach den Vornamen des Anstaltsleiters. Der Bau diente bis zum 1. Mai 1920 als Reservelazarett und beherbergte anschließend bis 1. April 1922 ein Prediger-Seminar. Erst dann wurde er seinem eigentlichen Zweck zugeführt.

Mit einer beträchtlichen Stiftung des deutsch-amerikanischen Bankiers August Heckscher in New York konnte ein großes Haus mit 19 Wohnungen für Krüppelmeister und Kriegsbeschädigte an der Gumbinner Straße eingeweiht werden. Die Baukosten waren auf 320 000 M gestiegen.

1918: Um die Ernährung der Anstaltsbewohner auf eine sichere Grundlage zu stellen, erwarben die Anstalten im August von Mühlenbesitzer Budnick vor den Toren der Stadt einen durch die Kriegsereignisse zerstörten Hof mit 240 Morgen Land für 500 M je Morgen. Nach dem Bau moderner Gebäude entstand hier allmählich eine Musterwirtschaft mit Herdbuchvieh und neuzeitlichen Maschinen, ab 1922 geleitet von Bürgermeister a. D. Dr. Otto Braun, dem jüngsten Sohn des Anstaltsleiters, dann von Ambrasas, zuletzt von Mosch.

Am 1. Oktober, beim 50jährigen Amtsjubiläum des Anstaltsleiters, nannten die städtischen Körperschaften den im Anstaltsviertel gelegenen „Pferdewinkel` in „Braunstraße" um.

1919: Um der Wohnungsnot nach dem Kriege zu steuern, bauten die Anstalten für 200 000 M an der Gumbinner Straße vier Holzhäuser mit 16 Wohnungen. Je 10 000 M spendeten hierzu Fabrikbesitzer Johann Tepper und Kaufmann Recklies.

Die Folgen des Krieges mit der eintretenden rapiden Geldentwertung brachten in den nächsten Jahren die Bethesda-Anstalten in arge Bedrängnis. Besondere Schwierigkeiten bereitete die Ernährung der Anstaltsbewohner.

1923 schien der wirtschaftliche Zusammenbruch unvermeidlich, zumal die Zahl der Wohltäter geringer und die Liebesgaben und Spenden immer kleiner wurden. In dieser Not entschließt sich der stellv. Anstaltsleiter, Pfarrer Braun, zu einer Vortragsreise in die USA zu den deutschen Gemeinden. Am 20. August beginnt sie. Zahlreiche Bekanntschaften ausnutzend, gelang es, während sieben Monaten bis Ostern

  1924 Geldspenden in Höhe von etwa 5000 Dollar zu sammeln und laufend nach Angerburg zu senden, damit hier Lebensmittel, Kleider und Brennmaterial gekauft werden konnten. Die Notzeit wurde überwunden.

Das bevorstehende Ausscheiden des 79jährigen Superintendenten Braun aus seinem Kirchenamt machte einen Ruhesitz für ihn erforderlich. Er wurde auf dem Anstaltsgutgelände am Dowiater Weg errichtet.

1925: Zum 80. Geburtstag wurde D. Hermann Braun Ehrenbürger der Stadt Angerburg.

1927: Der lange beabsichtigte Bau des Lehrlingsheims wurde als dreistöckiges stattliches Gebäude für über 100 Lehrlinge errichtet.

1930: Am 2. Oktober wurde das 50jährige Anstaltsjubiläum gefeiert. Am selben Tage ist die Grundsteinlegung zur neuen Anstaltskirche erfolgt.

1931: Am 22. April starb der „Krüppelvater", D. Hermann Braun, 86 Jahre alt, nach 50jährigem segensreichen Wirken in Angerburg. Er ruht auf dem Anstaltsfriedhof inmitten seiner ihm vorangegangenen Pfleglinge. Einen Gedenkstein zierte bis zur Vernichtung 1945 ein von unserer heimischen Bildhauerin Edith von Sanden geschaffenes Bronze-Medaillon, das den „Krüppelvater" darstellte.

Die Nachfolge trat sein Sohn, Pfarrer Lic. Erich Braun, an.

  1933: Die neue Bethesda-Kreuzkirche wurde am 2. Oktober eingeweiht. In der bisherigen Kirche entstand allmählich ein Heimat-Museum, für das der reiche wissenschaftliche Nachlass des am 17. Mai 1931 verstorbenen Lehrers und Heimatforschers August Quednau den Grundstock bildete. In beleuchtbaren Schaukästen wurden seine und des Fischereiverwalters Schuchardt, Haarschen, beträchtlichen Vogel- und Vogeleier-Sammlungen gezeigt. Die Empore beherbergte eine von dem späteren General von Pannwitz zusammengetragene Sammlung von Uniformen.

Der körperlichen Ertüchtigung der Lehrlinge und Angestellten diente ein Sportverein, der Unterhaltung und Geselligkeit ein Schachklub, eine Laienspielgruppe und Bibliotheken in jeder Abteilung. Dem Instrumentalunterricht widmete sich mit besonderer Hingabe Lehrer und Kantor Otto Suchodolski. Streichorchester, Streichquartett, Lautenchor und Mundharmonika-Chor wurden gebildet. S. leitete auch den beachtlichen Bethesda-Chor und trat mit Vertonungen von Gedichten und Liedern, besonders solchen des Superintendenten Braun, hervor.

Die Bethesda-Anstalten hatten viele Freunde, Förderer und Gönner im Inland und in Übersee. Davon zeugten die zahlreichen Stiftungen, Vermächtnisse, Spenden und Liebesgaben. Zahlreich waren auch die Gäste und Besucher aus nah und fern. Viele Wohltätigkeitsvereine, Studiengruppen, Schul­ und Konfirmandenklassen ließen sich gern durch die weitverzweigten Anstalten führen und im Ausstellungsraum das von Anstaltsbildhauern gefertigte Modell der Anstalten und die im Anstaltsverlag erschienenen überaus zahlreichen Bücher und Schriften der Anstaltsleiter, ferner interessanten Schriftwechsel mit dem In- und Ausland sowie anderes aufschlussreiches Archivmaterial zeigen und erläutern. Kleinere Gruppen wurden im Bedarfsfalle bewirtet und fanden Nachtunterkunft. Das Gästebuch war ein interessantes Spiegelbild dieses Geschehens.

Aus kleinsten Anfängen, einem einzigen Siechenhaus in der Töpferstraße, hatte sich das große Liebeswerk durch die Initiative und Tatkraft des Superintendenten Braun zu einem ganzen Stadtteil mit rund 420 Morgen Grundbesitz entwickelt. In über 60 Gebäuden an der Töpfer-, Gumbinner-, Braun-, Theater-, Schlachthofstraße und am Dowiater Weg fanden 1000 Anstaltsbewohner Pflege und Betreuung, aber auch individuelle Ausbildung und Beschäftigung. Dieser Aufgabe widmeten sich außer den schon genannten Meistern zahlreiche weitere namentlich kaum noch bekannte Fachkräfte, Schwestern, Angestellte und Hilfspersonal mit viel Liebe und großer Umsicht. In vier Abteilungen wurden die zum Teil hilflosen Pfleglinge betreut:

1. Orthopädisch-chirurgische Klinik (Leiter seit 1926 Dr. Haebel, gest. 1971; Ass. Arzt Dr. Semkiv-Vorgänger Dr. Bohlius; Oberschwester Auguste Chychi). Die Klinik war mit modernsten medizinischen und orthopädischen Geräten und Hilfsmitteln ausgestattet. Mit großen Erfolgen wurden schwierige orthopädische Operationen und Heilbehandlungen nach neuesten Erkenntnissen durchgeführt. Es wurden sogar von Königsberg schwere Fälle zur Spezialbehandlung überwiesen. - Die Reihe der ärztlichen Betreuer reichte - um nur einige zu nennen - von dem damaligen Kreisphysikus Dr. Bredschneider über Dr. Goetz, der 1920 starb, bis zu dem Chirurgen und Orthopäden Dr. von Oepen, der 1926 in Angerburg eine eigene Praxis eröffnete (gest. 1949) und seinem Nachfolger Dr. Haebel, der gleichfalls Facharzt für Orthopädie und Chirurgie war. Sein besonderes Interesse galt der Wiederherstellung versteifter Gelenke. Er hat mit Erfolg eine Anzahl von Knie- und Ellenbogenverknöcherungen durch eine von ihm entwickelte besondere Operationstechnik für Lebenszeit beweglich gemacht. Eine besondere Freude war es für ihn, dass einer dieser Patienten nach der Vertreibung aus Ostpreußen zwei Jahre nach der Operation von seinem Heimat-Ort in Ostpreußen mit Gepäck nach Sachsen zu Fuß gegangen ist.

2. Kinderkrüppelheim (Oberschwester Mathilde Weyl, Nachfolgerin?) mit Schule, Kindergärten und Heimen für Tuberkulose und Schwachsinnige. Letzte Lehrkräfte waren die Kreuzschwestern Backschat und Stein sowie Frl. Loepke.

3. Siechenhäuser (Oberschwester Margarete Fischer, Nachfolgerin Schuster) mit Feierabendhaus, Blindenheim und Haus für Schwachsinnige.

4. Krüppellehranstalt (Kantor Suchodolski). Vorbildliche langjährige Bürokräfte waren u. a. die Damen Gutzeit, Podschus, Oltersdorf.

Außer den schon genannten Lehrwerkstätten und Handwerksbetrieben hatten die Anstalten eine gewerbliche Berufsschule (u. a. mit den Lehrern Otto Suchodolski, Schumann, früher auch Wichmann), ein eigenes Elektrizitätswerk, eine Fernheizanlage, das Gut, einen Sportplatz und zwei Friedhöfe.

Die Lehrwerkstätten wurden immer mehr zu produktiven Betrieben, nicht nur für die Anstalten, sondern auch für einen weiten Umkreis. Dass für Liebesgaben oft mit in den Werkstätten hergestellten Büchern und Bildhauerarbeiten gedankt wurde, galt schon als selbstverständlich. Mehr und mehr konnten aber auch öffentliche Aufträge entgegengenommen werden, besonders zu Sonderveranstaltungen, so dass z. B. die Vorweihnachtszeit wochenlang Überstundenarbeit erforderte. Die letzten Sonderarbeiten wurden noch 1944 ausgeführt zur Herder-Ausstellung in Mohrungen, sodann für eine Jubiläumsmappe für die Albertina in Königsberg und schließlich für Verpackungsbedarf für das Inventar des Steinorter Schlosses und auch für das der Bethesda-Anstalten selbst.

Pfarrer Lic. Erich Braun leitete die Anstalten im Geiste seines Vaters, in theologischer Verantwortung und christlicher Pflicht gegen jedermann. Das brachte nach 1933 steigende Schwierigkeiten mit den neuen Machthabern, die an dem missionarischen Charakter der Anstalten Anstoß nahmen. Den ständigen Kämpfen ging Braun schließlich aus dem Wege, indem er 1938 die Anstaltsleitung niederlegte und nach Königsberg verzog. Hier erlebte er die Schrecknisse der russischen Besetzung, denen er schließlich mit seiner Frau erlag. Kirchenrat Leitner hat beide in Königsberg beerdigt.

Nachfolger Brauns war der von ihm vorgeschlagene Pfarrer Mudrack geworden. Er kam aus dem nach dem Ersten Weltkrieg polnisch gewordenen Gebiet Posen, wo er in seiner Gemeinde ein ähnliches Werk kleineren Umfanges aufgebaut hatte. Aber auch er konnte den Trend, die Anstalten in die öffentliche Hand zu überführen, nicht aufhalten. Es kam hinzu, dass die kriegsbedingten wirtschaftlichen Schwierigkeiten immer größer wurden, nicht zuletzt bedingt durch den Wegfall der Spenden aus dem In- und Ausland. Am 1. Mai 1943 übernahm schließlich die Provinzialverwaltung Ostpreußen die Anstalten und führte sie unter der Bezeichnung „Orthopädische Provinzial-, Heil-, Lehr- und Pflegeanstalt Angerburg" weiter. Kantor Suchodolski wurde vom Kuratorium und der Provinzialverwaltung zum Liquidator und Verwaltungsdirektor bestellt unter Beibehaltung seiner bisherigen Aufgaben. Der Anstaltsbetrieb ging zunächst weiter. Als neue Aufgaben kamen hinzu die Einrichtung von Lazaretten, die Einquartierungen und die Beherbergung und Betreuung von Flüchtlingen. Als Letztes erfolgte im Herbst 1944 die Verlegung der Anstaltsbewohner nach Allenstein, Tapiau, Königsberg und Frauenburg. Über ihr Schicksal konnte nichts in Erfahrung gebracht werden, doch muss mit ihrem Untergang auf ostpreußischem Boden gerechnet werden.

Das große Liebeswerk des „Krüppelvaters" D. Hermann Braun war damit vernichtet. Die Zweckbestimmung einiger unzerstörter Anstaltshäuser ist aber erhalten geblieben. So scheint der Geist des Anstaltsgründers auch unter fremdem Regime fortzuleben.