AUSFLUGSLOKAL "BIRKENHAIN“
Eine mißglückte Bootspartie

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Die "Uferpromenade" längs der Angerapp war ein erholungbietendes Kleinod unserer Stadt. Sie führte durch den schönsten Wiese]grund an der Reußener Insel vorbei und durch ein schmuckes Birkenwäldchen zum schilfumstandenen Ufer unseres Mauersees. Auf solchem Tagessparziergang begleitete uns der Gesang sämtlicher Singvögel: "Amsel Drossel, Fink und Star" wetteiferten mit ihren lebensbejahenden Liedern. Vor dem Mauersee empfing uns das fröhliche Kiewiet der Kiebitze, und des Nachts sangen uns vom "Toten Arm" herüber unzählige Nachtigallen ihre uralten und noch heute unvergessenen Melodien. Wenn unsere Heimatstadt irgendwo am schönsten war, dann hier an der Uferpromenade.

Den Bau der Uferpromenade verdankten wir dem Angerburger Verschönerungsverein - besonders seinem rührigen Vorstandsmitglied Apotheker Max Rademacher. Sooft durch die Ereignisse des 1. Weltkrieges der Bau zum Stillstand zu kommen drohte - Herr Rademacher fand immer wieder Mittel und Wege, die Arbeiten voranzutreiben, bis das Werk vollendet und der Öffentlichkeit übergeben werden konnte.

Inmitten des Birkenwäldchens an der Uferpromenade lag, umgeben und beschirmt vom zarten Grün der Bäume, die Rast- und Gaststätte "Birkenhain", ein schmucker Holzbau mit überdachter Veranda. Er fügte sich harmonisch in die Landschaft ein. Der Birken Rinden glänzten hellweiß im Sonnenschein. Es schien, als hätten sie, wie eine Garde von Ehrenjungfrauen, zu unserem Empfang ihr Feiertagskleid angelegt.

Der Wirt des Birkenhains war Herr Bogdan. Er und seine Frau Helene, die Tochter des Fleischermeisters Pätsch, sorgten für das leibliche Wohl der Gäste. An Wochentagen, wenn ganz Angerburg im Beruf stand, hatten sie immer ein bißchen Zeit zu einem Schwätzchen mit dem einsamen Wanderer. Nach Feierabend und nach dem Abendbrot zogen die Teenager und die Twens sommers hinaus in den kühlen Birkenhain, wo sie, bis zu dem von den Eltern vorsorglich angesetzten Zapfenstreich, tanzten und im Garten und besonders auf dem Heimweg turtelten. - Der Sonntagnachmittag blieb hier dem allgemeinen Familienkaffee vorbehalten.

Kapellmeister Zallet und seine Musiker hatten sich sehr schnell in Angerburg eingelebt und sich unseren Sitten und Gebräuchen im Nu angepaßt. Auch sie liebten den Mauersee und die Uferpromenade. Wenn sie ihren Dienst in der Konditorei Werstat beendet hatten, gingen sie noch längst nicht schlafen, sondern suchten nach der in Angerburg nicht so streng genommenen Polizeistunde ein Lokal auf, in dem "noch etwas los war". Dabei hatte Zallet stets seine wertvolle Geige, von der er unzertrennlich war, bei sich, sorglich unter den Arm geklemmt.

Es war schon längst nach Mitternacht, als die Konditorei Werstat ihre Pforten schloß. Die Musiker beschlossen, in der lauen Sommernacht zum Birkenhain hinauszuspazieren, um noch an einem dort stattfindenden Tanzvergnügen teilzunehmen. Mit Freude und großem Hallo wurden sie empfangen, nicht zuletzt von den jungen Mädchen, denen die Musiker als gute Könner damals moderner Tänze bekannt waren.

Schon seit Urzeiten hatte die Damenwelt eine Schwäche für die Musensöhne. Wie konnte es in Angerburg anders sein? Wer wollte es da den jungen Damen verübeln, wenn sie sich nun von ihren bisherigen Tischherren ab- und den Jüngern der edlen Musica zuwandten? Um jeden Streit zu vermeiden schlugen die Musiker vor, an Bord eines der dort vertäut liegenden Ruderboote zu gehen und mit den Mädchen auf dem Mauersee den Sonnenaufgang zu genießen.

Aber, o weh! Das "Bootchen" faßte zwar sechs Personen, doch lag es in seiner Art, den Rhythmus der schwankenden Gestalten mitzumachen. Ob nun einer der Musendiener aus dem Takt gekommen war oder ob das Bootchen heimlich zu den abgeblitzten Angerburger Jünglingen hielt - wer konnte das so genau wissen? Kurz gesagt: Das erwählte Lustboot legte sich urplötzlich auf die Seite und richtete sich nicht mehr empor. Die Insassen kippten ins Wasser und schrien nach dem ersten Schrecken so laut und so atonal um Hilfe, daß Gershwin und die Neutöner nebst ihren Anhängern daran ihre helle Freude gehabt hätten. - Zallets Meistergeige aber schwamm im silberglänzenden Morgennebel, der schleierzart über der Angerapp lag, wie ein zierlicher Kindersarg dahin.

Diese Katastrophe forderte kein Menschenleben; denn die vorhin schnöde verlassenen Jünglinge leisteten sofort erste Hilfe. In wahrhaft menschlicher Größe zögen sie die treulosen Mädchen und ihre erwählten Kavaliere aus des Flusses kühlen Fluten ans sichere Ufer. Auch Zallets Geige wurde von ihnen - wie weiland die Kiste mit dem kleinen Moses aus dem Nil - irgendwo im Schilf der Angerapp aufgefischt. Nach diesem unfreiwilligen Morgenbad gelüstete es niemand mehr, die jungen Damen auf dem Heimweg zu begleiten, zumal sie in ihren durchnäßten Kleidern und mit ihrer aufgeweichten Pracht kaum eine Ähnlichkeit mit masurischen Wassernixen hatten.

In unmittelbarer Nähe der Uferpromenade lagen auch die Klubhäuser der Angerburger Segler, Ruderer, Paddler und Angler, so daß jeder Angerburger Wassersportler in dem ihm sympathischsten Klub nach seiner Fasson selig werden konnte.