Borkenwalde 


Forstamt Borken vor 1928

Aus der Geschichte des Ortes Borkenwalde (mit Regulowken)

Das Bauerndorf Regulowken ist wie Gansenstein 1562 entstanden. Die Primordialverschreibung erfolgte am 09.12.1562. Je 30 Hufen wurden zu Gansenstein und Regulowken verschrieben. Die Einwohner bekamen 10 Freijahre (abgabenfrei) um den Wald (Die Wildnis) zu räumen. 
Als im Dorfe Mosehnen bei Angerburg  anfang des 17. Jahrhunderts die Wildniswarten infolge der fortgeschrittenen Landeskultur überflüssig wurden, sind sie zum selben Zwecke in den Borker Forst umgesiedelt, wo am 9. Mai 1617 das Dorf Borken, später Mo(s)dzehnen (noch später Borkenwalde) mit 12 Hufen entstand. Das ehemalige Mosehnen ging bereits 1613 für 2400 Mark in den Besitz der Stadt Angerburg über. 
Nach dem topografischen Register von H. Schmidt gehörten Regulowken und Modzehnen zum Schulverband Siewen (eine eigene Schule erhielt Borkenwalde erst nach 1918) und zum Kirchspiel Kruglanken. Regulowken hatte um 1855 111, Mosdzehnen 119 und die Oberförsterei Borken 38 Einwohner. 
Ab 16.07.1938 ging Regulowken in Borkenwalde auf. Im Jahre 1939 hatte Borkenwalde insgesamt 310 Einwohner. Fortan bestand Borkenwalde aus den ehem. Orten Modzehnen, Regulowken und der Oberförsterei Borken. 
Im Niekamer’s Güter-Adreßbuch von 1920 wird in Regulowken ein Rittergut genannt, dessen Besitzer Erich Waschau – Wittenhof hieß. Nach der Grundsteuerrechnung 4.020 M waren von 538 ha. Land: 350 ha. Acker, 60 ha. Wiesen, 100 ha. Weiden, 20 ha. Holz und 8 ha. Unland. Auf dem Gut waren im Jahre 1920 50 Pferde, 120 Rinder (50 Kälber), 200 Schafe und 150 Schweine vorhanden. Bis nach Siewen war es eine Entfernung von 2,8 km und nach Gansenstein 2,5 km. Als früherer Besitzer des Rittergutes Regulowken wird der Sohn des Angerburger Apothekers Buchholz genannt (H. Braun). Er schenkte 1875 der Kruglankener Kirche silberne Altarleuchter und Abendmahlsgeräte. Zum Gut gehörten 1928 40 Siedlerstellen.

 

Dorfskizze von Borkenwalde

 Familienliste von Borkenwalde (vor 1945)
mit Regulowken von Hide Frese, geb. Nowinski und Wilfried Reule

Ergänzungen und Richtigstellungen von Namen, Berufsbezeichnungen und Gebäudezuordnungen
bitte an webmaster@angerburg.de schreiben. Ihre Angaben werden kurzfristig in die Liste übertragen.

Name Plan Nr.
Abromeit, Willi (Lehrer) 16
Baltruschat 9
Bechthold, Jacob 12
Bechthold, Johann 4
Bechthold, Wilhelm 21
Bechtholt, Otto 9
Breier 22
Bressel, Ludwig 39
Buttler 28
Czycholl 2
Engelbrecht 1
Fiedler 46
Figura 30
Fliegel 24
Friedhof 13
Fritsche, Alfred 38
Ganswind, Josef 45
Gemeindehaus 8
Grabowski 19
Gorsky, Ludwig mit Ehefrau Ida geb. Stuhlmacher 19 (50 ?)
Hofer, Karl 31
Hofstädt, Karl (Molkerei) 11
Insthaus 30
Jetzlaff, Peter 42
Kalettka 37
Kapelle Buchholz, jetzt kath. Kirche 14
Klinschpahn 8
Kosziak 48
Kowalski 23
Kowenow 8
Labrenz, Julius 44
Liebeneiner, Ehrenfried (Forstmeister) 27
Löschteich 6
Matthäus 8
Mautz, Friedrich 20
Mollwitz 21
Netz, Gustav 33
Nowinski 8
Ohm 47
Opalla, Walter (Kolonialwaren) 11
Panther, Richard 32
Pede 49
Penner 40
Penner 43
Pizarka (bis 1972) 15
Preuß 29
Pukas 8
Radtke 20
Raszum 35
Reck 8
Reule, Gottlieb 34
Reule, Karl 36
Rosenfeldt 30
Scharkowski, Otto 5
Schlag, August mit Ehefr. Auguste u. Kinder Paul, Reinhard, Gerhard, Elisabeth, Horst, Edith 3
Schmiede und Spritzenhaus 7
Schule 16
Schweda 19
Seidlitz 26
Sobotka 10
Sommer, August 41
Sportplatz 17
Stäbner 18
Stinge Frl. (Lehrerin) 16
Tretzak 25
Willmann, Albert 9
Willnat 50

 


Mein Heimatdorf Borkenwalde

von Horst Preuß

Die Entstehungsgeschichte

Auszug aus meiner Jahresarbeit, die ich zur Abschlußprüfung der „Mittleren Reife" am Aufbauzug Hennstedt in Dithmarschen im Jahre 1952 anfertigen musste. Ich war zum Zeitpunkt der Anfertigung dieser Arbeit mit dem Titel „Mein Heimatdorf Borkenwalde" 17 Jahre alt und habe die Fakten mit Hilfe meiner Mutter Meta Preuß, geb. Scheffler (Steinwalde) aus diversen Quellen (u.a. Forstmeister Liebeneiner) bearbeitet. Der vorliegende Teil beinhaltet bearbeitete und verkürzte Auszüge der ursprünglichen wesentlich ausführlicheren Arbeit:

 

1. Teil: Mosdzehen

Zwischen Angerburg und Goldap entstand im 15. Jahrhundert das Rittergut Popiollen. Zu diesem Gut gehörte u.a. auch das Vorwerk Borken. Dieses lag etwa 30 km vom Rittergut entfernt. Ein Vorwerk ist bekanntlich ein vom Hauptgut abgetrennter Teil mit eigenen Wirtschaftsgebäuden. Es sollte ein Grundstein zu meinem Heimatdorf werden.

In der Nähe Angerburgs lag auch ein kleiner Freiort, der den Namen Mosdzehnen trug. Auch dieser Ort ist für die Entstehungsgeschichte Borken­waldes wichtig.

In einer Quelle erfährt man: „Beachtenswert sind die Bestimmungen der neuen handfeste über die Jagddienste. Zahlreiche Freidörfer waren verpflichtet, Jagddienste zu tun, namentlich die Warthen zu besetzen. Im Angerburgischen Gebiet zu Mosenen waren bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts solche Warthen angesetzt.

Und nachdem hier in der hier vorgeschrittenen Landeskultur ihr Dienst überflüssig geworden war, wurden sie zu demselben Zweck in die Nähe der Borker Forst übergesiedelt, wo dann mittels Verschreibung 1617 das Dorf Mosdzehnen (Borken) mit 12 Hufen entstand."

Hier wurde in anderen Worten mitgeteilt: Die Bauern des in der Nähe Angerburgs gelegenen Ortes Mosdzehnen waren zugleich Förster -was man damals so „Förster' nennen konnte - der „Borkener Wildnis", also des Waldgebietes, in dessen Nähe das vorher bekannte Vorwerk Borken lag. Wie erwähnt lagen beide Siedlungen ca. 30 Kilometer voneinander entfernt. Es ist so verständlich, daß die Erledigung der Aufgaben in der Borkener Wildnis für die Mosdzehner nicht leicht fiel. Daher wurden später die Einwohner Mosdzehnens im Gebiet des Vorwerkes des Rittergutes Popiollen neu angesiedelt (nahe bei Borken!). Der hier entstandene Ort wurde am 3. Mai 1617 auf Wunsch der Neusiedler nach ihrem alten Heimatdorf Mosdzehnen und nicht Borken genannt.

Mit großem Einsatz wurde das neue Mosdzehnen aufgebaut. Jahre harter Arbeit in einer friedlichen Zeit folgten. Aber im Jahre 1656 bedrohte der Tatareneinfall die Menschen meiner Heimat. Glücklicherweise blieben die Einwohner hier von Furchtbarem verschont. 1708 bis 1710 kamen die Jahre der Pest. Auch in Mosdzehnen und Borken schlug der „Schwarze Tod" unerbittlich zu, holte sich die von ihm gezeichneten Opfer. Fast ein ganzes Jahrhundert des Friedens folgte, und die Spuren der Pest waren verlöscht. Da brach neues Unglück, diesmal über das ganze Deutschland herein. Napoleon mit seinen Heerscharen hatte auch Preußen besiegt und besetzt.

Auch die Mosdzehner bekamen Einquartierung und mußte die Siegertruppen verpflegen und mit allem, was diese forderten, versorgen. Am 7.-9. Juli 1807 wurde der Frieden zu Tilsit geschlossen, den Preußen als Diktat entgegennehmen mußle. In diesen für ganz Deutschland verhängnisvollen Tagen pflanzten französische und preußische Soldaten gemeinsam als ein Symbol der Zusammengehörigkeit eine junge Eiche. Sie wurde später schlechthin die „Friedenseiche" genannt.

Die Friedenseiche stand im Revier Hagenhorst auf einem freien Platz, an der vier Wege vorbei führten. Sie war eingezäunt und ein Text auf einem Schild informierte den Vorbeikommenden, zu welchem Anlaß der Baum gepflanzt worden war. 1944 war die Eiche ein stattlicher Baum von etwa 7 m Höhe und 35 cm Durchmesser geworden. Als wir sie zuletzt sahen, war die Friedenseiche 137 Jahre alt. Wir hörten den Geschützdonner des näher kommenden Krleges. -

Die Franzosenzeit war für alle Ostpreußen unangenehm. Auch Moszehner Männer stellten sich ihrem Land freiwillig, um sich gegen Napoleons endlich geschlagene Große Armee" zu erheben. Das war in den Freiheitskriegen.

Danach waren 100 Jahre des Friedens und der Ruhe den Menschen in Masuren gegönnt. Aber nun brach mit dem 1. Weltkrieg großes Unglück über Masuren und weite Teile Ostpreußens herein. Mit Glück konnte man sein Leben retten und saß nun als Flüchtling irgendwo im Norden der Heimatprovinz. Währenddessen tobte eine harte Schlacht in den heimatlichen Wäldern, und eine russische Armee wurde von überwiegend ostpreußischen Soldaten unter der Führung Hindenburgs gefangengenommen. Vom 7. bis zum 27. Februar 1915 tobte dann die Winterschlacht in Masuren.

2. Teil: Regulowken

Ungefähr zur gleichen Zeit wie das Vorwerk Borken entstand - nur etwa einen Kilometer von diesem entfernt - ein Rittergut. Es trug den Namen Regulowken. Ebenso wie Mosdzehnen ist dieser Name wohl masurischen Ursprungs. Die deutsche Bedeutung ist mir nicht überliefert.

Die Namen der ersten Besitzer dieses Gutes sind in Vergessenheit geraten. Das könnte daran liegen, dass dieses Rittergut sehr abgelegen war, so dass keine Chronik darüber aufzutreiben gewesen ist.

In den Jahren um 1850 wirkte der Gutsbesitzer Kramer auf Regulowken. Eine Chronik informiert: „Der Gutsbesitzer Kramer ließ ein Erbbegräbnis und eine Kapelle einrichten". Beide Teile waren bis zur Flucht 1944 gut erhalten. Aus mir unbekannten Gründen verkaufte er sein Gut an die Familie Buchholz. Dieser schenkte 1875 der Kirche in Kruglanken silberne Altarleuchter und Abendmahlgeräte, da kurz vorher bei einem Einbruch in die dortige Pfarrerwohnung sämtliche heiligen Geräte gestohlen worden waren. Bis 1910 befand sich Regulowken in Händen dieser Familie. Die Eltern des letzten Buchholz sind im Erbbegräbnis beigesetzt worden.

Im Jahre 1910 kaufte ein Deutschrusse das Gut Regulowken (Name ist mir unbekannt - vielleicht kann jemand ihn mir nennen). Aber schon in den ersten Jahren seiner Herrschaft setzte ein wirtschaftlicher Rückschlag ein. Es folgte der erste Weltkrieg. Gutsbesitzer und Arbeiterfamilien mussten, so wie die Mosdzehner flüchten. 1918 übernahm ein neuer Käufer das Gut. Waschau sollte der letzte Besitzer Regulowkens sein. In den Kriegsjahren musste die Bewirtschaftung zeitweise unterbrochen werden. Regulowken war dadurch tief verschuldet. Der Besitzer Waschau stand vor dem Konkurs. Auch die „Osthilfe" nach dem Versailler Friedensschluss konnte das Gut nicht mehr retten. Nicht nur Regulowken, sondern viele Güter Ostpreußens waren stark verschuldet. Auf Bewirken des damaligen Reichskanzlers Brüning wurden derart tief verschuldete Güter vom Staat aufgekauft. Die Landflächen sollten an Neusiedler übergeben werden. 1925 wurde auch der größte Teil der Ländereien Regulowkens vom Reich aufgekauft.

Bis hier habe ich nur von der Geschichte des Rittergutes Regulowken geschrieben, und es sind Größe sowie andere Details unerwähnt geblieben. Das Herrenhaus, ein weißes stattliches Gebäude, lag mit dem Haupteingang zur dort vorbeiführenden Kopfsteinstraße. Es war von einem sehr großen parkartigen Garten umgeben. Mehrere große Wirtschaftsgebäude umgrenzten einen Hof von gewaltigen Ausmaßen. Ungefähr 200 Meter entfernt - an der Straße zum Kirchdorf Kruglanken zu - lag das lang gestreckte Insthaus. Dem Gut gehörten 2500 Morgen Land, davon waren 500 Morgen Waldbestand.

Nachdem das Gut vom Staat aufgekauft worden war, erhielt der Forstfiskus 300 Morgen des gutsangehörigen Waldbestandes. Der Rest sollte an die Siedler verkauft werden. Aber das ganze Gut war nicht aufgekauft worden, ein kleines Restgut blieb auch weiterhin bestehen. Besitzer dieses 17,63 ha großen Grundstücks wurde Hofstedt. Auch die Wirtschaftsgebäude gehörten dem neuen Besitzer, wurden von diesem aber nicht mehr alle genutzt.

1926 wurde dann gesiedelt. Die Siedler waren zumeist Deutsche, die aus den nach dem aufgezwungenen Friedensschluss von 1919 an Polen gefallenen Gebieten stammten. Die Menschen fühlten sich als Deutsche und wollten auch weiterhin die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Die ersten Siedlungen entstanden auf den geeignetsten Stellen dicht an der Straße, die durch Mosdzehnen nach Jorken zu führte. Aber dem Aufruf des Staates waren viele Menschen gefolgt, und bald reichte das Gebiet der Siedler bis an den Borkener Forst. Beide Teile - Mosdzehnen und die Siedlungsgebiete - bildeten nun eigentlich ein gemeinsames Dorf. Tatsächlich wurden auch schon im folgenden Jahr die vorgenannten Teile sowie das Forstamt Borken und das Restgut Regulowken zu einem neuen Dorf zusammengefasst.

Wie aber sollte der neue Ort heißen? Das gab viele Streitigkeiten! Vor allem die Mosdzehner bestanden darauf, dass ihr Ortsname bestehen bleiben sollte. Endlich gaben sie nach, als ein passender Name gefunden wurde. Man griff nämlich auf den Namen der ältesten Siedlung in diesem Gebiet zurück, und diese war - wir erinnern uns - das Vorwerk Borken! Da der neu entstandene größere Ort bis dicht an den großen Wald (den Borkener Forst) heranreichte, taufte man das neue Dorf Borkenwalde. Sehr viel zur raschen Gründung und zum Heranwachsen Borkenwaldes hat die Eisenbahn beigetragen, die mitten durch unser Dorf fuhr. Die Bahnstrecke war 1906/07 fertiggestellt worden. Das Leben war in den ersten Jahren nach der Gründung Borkenwaldes nicht nur für die Siedler schwer und hart. Es waren harte Zeiten - besonders für die Landwirte. Aber durch die „Bauernpolitik" der Hitlerzeit stieg der Lebensstandard ständig. Das war die kurze Blütezeit Borkenwaldes. Mit dem bitteren Ausgang des 2. Weltkrieges und der Flucht im Oktober 1944 aus meinem Heimatdorf verlor eine im Entstehen begriffene Dorfgemeinschaft einjähes Ende.

3. Teil: Das Forstamt Borken

Wie bereits im ersten Teil aufgezeigt wurde der Name des Vorwerks Borken vom Gut Popiollen nicht auf das in dessen Nähe entstandene Dorf Mosdzehnen übertragen. Und doch blieb dieser Name erhalten, denn eine Hofstelle, die knapp einen Kilometer von Mosdzehnen entfernt lag, behielt diesen Namen. Der Besitzer, ein Bauer und „einfacher Förster", wurde im Jahre 1617 zum Oberförster ernannt. Von nun an hieß dieser Gebäudekomplex „Oberförsterei Borken". Die Feldmark gehörte jedoch zur kleinen Gemeinde Mosdzehnen.

Der erste Oberförster hieß Bresicke. Sein Verwaltungsgebiet erstreckte sich damals über viele Förstereien der „Borkener Wildnis", nämlich Hagenhorst, Walisko (Waldsee), Teufelsberg, Grünheide, Orlowen (Adlersdorf) und Lipowen (Lindenheim). Man erkennt, das Gebiet der Oberförsterei erstreckte sich weit über andere Gemeinden hinweg. (Adlersdorf gehörte z. B. zur Gemeinde Jorken).

Alle Forstmänner der „Borkener Heide" - so wurde zunächst das große Waldgebiet genannt - haben mit gewaltiger Anstrengung die ehemalige „Borker Wildnis" zu kultivierten Forsten umgestaltet. (Nebenbei bemerkt: Wir Borkenwalder sprachen nicht in der offiziellen Lesart von Siewen, Jorken, Borken..., sondern sagten „Siewer See", „Borker Forst", die „Siewer, die Jorker"...!!!). Ich gebrauche deshalb in diesem Text diese charakteristische Art der Benennung geografischer Bezeichnungen. Im Verlaufe von zwei Jahrhunderten gelang das große Werk den „Grünen Männern" unter großen Mühen im Kampf gegen starke Naturgewalten. Gerade standen die Forsten, da brachen verhängnisvolle Unglücksjahre über die Borker Forst herein. Ich zitiere aus einer Chronik:

In der Nacht zum 29. Juli 1853 fielen Nonnenfalter wolkenartig, ja wie ein Schneegestöber, in die Forsten um Goldap, Lyck und Angerburg ein. Hunderttausende bedeckten die Waldseen der Borker Heide wie Schaum. Obwohl 150 kg der Nonneneier gesammelt wurden - das waren geschätzt etwa 150 Millionen - fielen die jungen Raupen in riesenhaften Herden auf die Forste, so daß die Schäden 1854 noch größer als vorher waren. Das Eiersammeln wurde zwecklos; denn die weiblichen Falter legten nun die Eier auch an Kräutern, Bretterzäunen, ja sogar an Häusergiebeln ab. So kam ein unerhörter nie wieder erlebter Raupenfraß zustande. Bis zum 27. Juli 1864 waren allein im Rothebuder Revier über 10 000 Morgen Nadelholzbestand kahlgefressen und weitere 5000 Morgen bedroht. Der Raupenkot bedeckte den Waldboden zuletzt 5 bis 7,8, ja stellenweise sogar 15 cm und rieselte ununterbrochen wie ein heftiger Regen aus den Kronen der Bäume herab."

In einzelnen Teilen der Borker Heide wüteten die Nonnenfalterraupen bis in das Jahr 1860 hinein. Anschließend vernichteten Fichten-Borkenkäfer noch den größten Teil der toten bzw. angefressenen Fichtenbestände, die ja den überwiegenden Anteil des Forstbestandes ausgemacht hatten. Ja, so konnte mit einem Schlag die gesamte Jahrhunderte lange Arbeit der Forstleute zunichte gemacht werden! Um so mehr hieß es nun, die zerstörten Forsten wieder herzustellen. Hierzu liegt mir ein Bericht des Forstmeisters Liebeneiner über die Neuaufforstung vor:

„Nach 1863 wurde energisch neu aufgeforstet. Man fing dabei von den Rändern der Heide an, indem man von den herumliegenden Dörfern aus mit der Pflanzarbeit begann. Bevor man aber zur Wiederaufforstung des mittleren Teiles kam, hatten sich dort Laubhölzer aller Art, denen der Nonnenfraß nichts geschadet hatte, und frisch von der Natur an gesamte Fichten angesiedelt. Man beschränkte sich dann, nur noch auf kleineren Stellen in dieser Laubholzwildnis Eichenpflanzungen anzulegen."

Nach ungefähr 60 Jahren, als die tiefen Wunden, die damals Nonnenfalterraupen geschlagen hatten, wieder verheilt waren, brach ein neues Unglück über die Borker Heide herein: Orkanartige Stürme tobten über unsere Heimat und vernichteten damals weite Gebiete der neu erstandenen Forste. Hauptsächlich waren die Reviere der Förstereien Walisko und Lipowen betroffen, kleinere Teile lagen auch in Waldgut und Orlowen. Die Forsten, die in den betroffenen Gebieten ohnehin urwaldartig anmuteten, boten aber jetzt ein einmaliges Bild! Das vom Windbruch betroffene Gebiet wurde unter Naturschutz gestellt, d. h. kein menschlicher Fuß durfte fortan mehr die schmalen Pfade verlassen. Keine Bodenpflanze durfte mehr gepflückt werden! Alles solle liegen bleiben, wie es nun war! Kein Wunder, wenn „Die Wilden Jagen" - so wurden diese Revieranteile genannt - ein Wildparadies wurden!!! Hirschen, Wildschweinen u. a. scheuen Tieren konnte der einsame Wanderer hier immer begegnen.

Die Borker Heide bot durch ihre Ursprünglichkeit und Unberührtheit fern allen modernen Treibens und natürlich durch ihre „Wilden Jagen" etwas Einmaliges. Sie wurde deshalb von vielen Menschen aus dem Reich, sogar aus dem Ausland besucht. Es gab viele idyllische Ausflugslokale, die manchmal wunderliche Namen trugen. Hier sei nur „Waldkater" genannt.

Wie Sie bemerkt haben dürften, habe ich das oben angekündigte Thema zwischenzeitlich verlassen und recht detailliert über die mühselige Arbeit der Forstmänner geschrieben. Ich komme also zurück zum eigentlichen Thema: „Oberförsterei Borken". Oberförster Bresicke hatte viele Nachfolger. Sie sind mir leider namentlich nicht bekannt. Um 1875 gingen einige Förstereien, die bis dahin der Forstverwaltung Borkens unterstanden, an die benachbarte Oberförsterei Rothebude verloren. Arbeitsreiche Jahre vergingen. Der neue

Ort Borkenwalde war entstanden, dem auch die Oberförsterei eingegliedert wurde. Sie behielt jedoch ihren Sonderstatus, lag übrigens auch weit ab vom dörflichen Siedlungsraum. Im Jahre 1930 wurde aus der Oberförsterei Borken ein Forstamt. Oberförster Negenborn wurde damals zum Forstmeister ernannt. Er hatte von 1906 an hier sein Amt als Oberförster versehen. Nur für kurze Zeit löste ihn Forstmeister Dombois ab, von dem in der Region wegen seiner hugenottischen Abstammung und seines Namens nur schlichtweg als dem„ Franzosen" gesprochen wurde. 1934 wurde Dombois nach Königsberg versetzt. Dritter und leider zugleich letzter der Borker Forstmeister wurde Liebeneiner. Im ersten Jahr seiner Amtszeit brannte das Forsthaus, ein ansehnlicher Fachwerkbau, ab. Am 18. Januar 1935 bei 18 Grad Kälte stand plötzlich das Gebäude in Flammen und konnte wegen der damals mangelnden Technik der dörflichen Feuerwehr nicht gerettet werden. Die Reste des alten Gebäudes wurden abgerissen. Es wurde völlig neu gebaut. Das neu entstandene Forstamt Borken glich mehr einem Stadthaus als einem in Einsamkeit gelegenen Forstamt. Auch die Inneneinrichtung war für damalige Verhältnisse hoch modern. Im Haus gab es eine Telefon-Anlage, eine Zentralheizung mit Heizkörpern in allen Zimmern, sogar „elektrisches Licht"! Über der Eingangstür waren die Abwurfstangen eines Sechzehnenders montiert. Die Stangen des kapitalen Hirsches waren im Revier der Försterei Orlowen gefunden worden.

Das Forstamt Borken lag am Wege nach Siewen zu, dicht am „Siewer See". Es war von hohen Schatten spendenden Bäumen umgeben. Zum Forstamt gehörte auch eine Landwirtschaft von 120 Morgen. Der Verwalter dieser Hofstelle wohnte unmittelbar neben dem Forstamt in einem kleineren Haus. Zwei große Wirtschaftsgebäude - Ställe in einem, die Scheune im anderen - rundeten den gesamten Komplex ab. Hinter einem Geräteschuppen stand eine hohe „Windrose", die eine Wasserpumpe betrieb. Mancher Dörfler beneidete die Bewohner und Angestellten im Forsthaus wegen der hier befindlichen modernen Wasserversorgung mit Waschbecken und Wasserhähnen im Gebäude.

4. Teil: Der Siewer See und die Borkenwalder Badeanstalt

Jedem Fremden, der Masuren besucht hatte, war es aufgefallen, dass dort fast jeder Ort seinen See besaß. So lag auch in unmittelbarer Nähe Borkenwaldes ein See: der Siewer See. Er war nach dem alten Nachbarort Siewen benannt und lag gleich hinter dem Forstamt Borken. „Unser" See bedeckte ungefähr eine Fläche von 1000 Morgen. Er lag sehr idyllisch. Eine Ruder­partie auf seinem meistens ruhigen Spiegel war immer ein Erlebnis besonde­rer Art, vor allem abends, wenn sich die im Untergehen begriffene Sonne dort widerspiegelte. An einigen Stellen ragten die Ufer recht steil auf. Sie waren dicht bewachsen. Die bestimmende Baumart waren Erlen. Auch viele Inseln und Inselchen verliehen dem See sein einmaliges Gepräge. Während die etwas größeren Inseln dichten Baumwuchs besaßen, waren die kleineren sehr sumpfig und kaum begehbar.

Die Uferränder waren z. T. steinig und meist seicht, sie fielen jedoch oft abrupt steil ab. Der See hatte Ab- und Zufluss, daher war sein Wasser klar und sehr sauber. Allerdings waren viele seichtere Uferstellen durch wucherndes Schlingkraut für waghalsig Badende - vor allem Schwimmer - gefährlich.

Auch unser See war sehr fischreich. Hier tummelten sich vor allem Karauschen, Barsche, Plötze, Hechte, Aale und einige andere Süßwasserfische. Der Borkenwalde angeeignete See-Anteil war verpachtet worden. Aber in Siewen gab es einen „richtigen" Fischer, der gut vom Fang leben konnte. Angler konnten immer mit reicher Beute heimkehren. Im Winter wurde Eisfischerei betrieben.

Die Eisdecke war besonders von der Jugend bevölkert. Viele fanden sich zum Schlittschuhlaufen und Schorren auf dem über weite Flächen spiegelglatten Eis ein. Eingezäunt und gut gepflegt lag hinter dem Forstamt Borken links am Weg nach Siewen zu die Borkenwalder Badeanstalt.

Aber das war nicht immer so gewesen! Zunächst wurde nur „wild" gebadet. Nachdem mehrfach Ertrunkene aus den ungesicherten Badestellen heraus­gefischt worden waren, wurde von Lötzener Pionieren im Jahre 1939 der Bau unserer Badeanstalt in Angriff genommen.

Ein ungefähr 20 Meter langer und 1,50 Meter breiter Holzsteg führte zu dem auf dem Foto gut erkennbaren Sprungturm. Über eine Leiter gelangte man zum 3-Meter-Sprungbrett. Unten gab es auch ein 1-Meter-Brett sowie 5 Startkästen am Steg. Es konnten hier also auch Schwimmwettkämpfe durchgeführt werden. Am Sprungturm war ein Rettungsring befestigt. Er trug die Inschrift „Lötzener Pioniere 1939". Flache Stellen in Ufernähe waren für Nichtschwimmer abgezäunt. Das auch hier in der Nähe der Badestelle dicht wuchernde Schlingkraut wurde regelmäßig mit Hilfe eines Spezialbootes entfernt. Seit 1939 sind in Borkenwalde keine Todesfälle durch Ertrinken mehr zu beklagen gewesen.

Im Sommer, besonders an Sonntagen, herrschte in der Borkenwalder Badeanstalt Hochbetrieb. Auch Menschen aus den Nachbardörfern und Sommerfrischler versammelten sich hier und genossen ihr Leben. Oft ruderten kleine „Gesellschaften" auf den See hinaus, landeten auf einer der Inseln und verbrachten dort Stunden in freier Natur.

5. Teil: Schule in Borkenwald

Vor anderen Gebäuden in unserm Dorf fiel besonders unsere Schule auf; denn es handelte sich um den „jüngsten" Bau in Borkenwalde. Vor kurzem hatte hier ein großes Feld gelegen und die Schulkinder Borkenwaldes mussten weite Wege zurücklegen, um lernen zu können. Aber davon will ich nun der Reihe nach berichten.

Als das Dorf Borkenwalde noch nicht existierte, mussten die Kinder der Rittergutsbesitzer - die Eltern konnten es sich ja leisten! - in einer Pension in der Stadt unterkommen und hier die Schulzeit verbringen. Kinder der Gutsarbeiter und der Mosdzehner mussten zur Schule nach Siewen. Das war ein weiter Weg. Denn von Regulowken nach Siewen waren es ungefähr 4,5 Kilometer. Immerhin betrug der Schulweg von Mosdzehnen nach Siewen ca. 3 km. Vorher, als es auch in Siewen noch keine Schule gegeben hatte, lebte man auch ohne Schulbildung - wie die Menschen auf dem Lande meinten - auch ganz gut und kam zurecht. Als das Rittergut Regulowken aufgelöst und „gesiedelt" wurde und noch mehr Kinder aus dem neu entstandenen Dorf Borkenwalde zur Schule gehen mussten, reichte der Schulraum in Siewen nicht mehr aus. Außerdem war der Schulweg für die Kinder der am Waldrand gelegenen Siedler viel zu lang. Von dort nach Siewen betrug die Wegstrecke meistens acht Kilometer. Und damals ging man zu Fuß zur Schule! Das konnte man den Borkenwalder Schulkindern natürlich nicht mehr zumuten. Man fand eine Lösung. In einem Saal des Restgutes wurde ein Schulzimmer eingerichtet. Eigentlich sollte dies ein Notbehelf von kurzer Dauer sein. Leider wurden die Schulkinder aber Jahre lang in diesem Raum unterrichtet. Der Siewener Lehrer Gerhard Hielscher wurde 1931 nach Borkenwalde zum Unterrichten abgeordnet. 1932 übernahm Lehrer Willy Abromeit das„ Regiment" über die rund 60-köpfige Schülerschar Borkenwaldes. Er war ein von Schülern und Eltern gleichermaßen geachteter, respektierter, sogar beliebter Mann. Bis zum Jahr 1935 mussten aber HerrAbromeit und seine Schüler warten, bis sich die Situation änderte. Man hatte es nämlich erreicht, dass eine Schule in Borkenwalde gebaut werden konnte. Hierbei packten Bewohner des Ortes kräftig an - sogar die großen Schüler beteiligten sich! -, um Kosten zu sparen und den Neubau schnell zu beenden. Endlich - im Mai 1935 -konnten Lehrer und Schüler das neue nach modernen Erkenntnissen eingerichtete Gebäude beziehen.

Auf der Vorderseite befand sich der Eingang zum Schultrakt, auf der Rückseite der zur im 1. Stock gelegenen Lehrerwohnung. Ein riesiger Garten umgab den größten Teil des Schulgebäudes. Er war von einer Maulbeerbaumhecke begrenzt. - Im Krieg sammelten wir Kinder die Blätter und „fütterten" damit Seidenraupen bis zur Verpuppung.- Zur Lehrerwohnung gehörte ein Stall - auf dem Foto das kleine hinten stehende Gebäude! Hinter dem Garten befand sich ein 5 Morgen großer Sport- und Tummelplatz. Hier am Rand lag auch das geräumige „mehrsitzige" Toilettenhaus (Plumpsklos! ! !). Rechts im Foto kann man gerade noch den dort befindlichen Hügel - unseren im Winter stark genutzten Rodelberg erkennen. Als Borkenwalde seine Badeanstalt erhielt, wurde im Sommer bei gutem Wetter ein großer Teil des Unterrichts dorthin verlegt, weil Herr Abromeit - später seine Nachfolger ebenfalls - großen Wert darauf legten, dass alle Kinder schwimmen konnten. Dies mag aber auch daran gelegen haben, dass während der Zeit des Naziregimes großer Wert auf Sportlichkeit gelegt wurde, um die „Wehrfähigkeit' zu erhöhen!? Kurz vor Ausbruch des „Polenfeldzuges" wurde Lehrer Abromeit eingezogen. Er fiel gleich zu Beginn des Krieges. Aber in der Erinnerung seiner Schüler/innen lebt er weiter! Jeweils für nur kurze Zeit folgten nun nacheinander folgende Lehrerinnen und Lehrer: Herr Karl Häusling (1939 -1941), Herr Konrad Schurbohn (1941-1942), Herr Reinhold Weyer (1942). Dieser wurde wegen „Volksverhetzung" verhaftet und verschwand völlig von der Bildfläche. Er war übrigens mein erster Lehrer und sehr streng! Ich erhielt gleich am Tag meiner Einschulung meine erste Tracht Prügel - ich war mir keines Vergehens bewusst! So bleibt er mir unvergesslich! ! ! ! Sein Nachfolger war Herr Japs (ab 1942 bis 1944?). Als 2. Lehrerin war Frau Liselotte Stringe ab 1940 tätig.

Während des Krieges lebten viele evakuierte Mütter aus den zerbombten Städten - vor allem aus Berlin und dem Ruhrgebiet in unserem Dorf. Jetzt wurde unsere Schule zweiklassig und Schichtunterricht abgehalten. Während dieser Zeit wurden auch Hilfslehrerinnen eingesetzt, so z. B. Frau Tony Czybulka, nachdem vorher für kurze Zeit bis zu seiner Einberufung Herr Siegfried Czybulka in Borkenwalde unterrichtet hatte.


Schule Borkenwalde 1942