HOTEL "DEUTSCHES HAUS"
Späßchen der Angerburger Honoratioren

 Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Die größte Gästezahl hatte in Angerburg wohl das Hotel "Deutsches Haus" zu verzeichnen. Der Grund dafür war sicher in der günstigen Lage in der Stadtmitte am Alten Markt zu suchen, lag aber auch in der Güte dessen, was hier Küche und Keller boten.

Der Wirt des Hauses, Ernst Werner, war mit seiner Frau Lieschen um das Wohl jedes einzelnen Gastes aufs eifrigste bemüht. Hotelier Werner hatte sich seine kaufmännischen und gastronomischen Kenntnisse von Kindesbeinen an, gewissermaßen "von der Pike auf", erworben; denn schon sein Vater galt als bekannter, bestrenommierter Hotelbesitzer in Drengfurt. Frau Werner war die Tochter des Bäckermeisters Klee, dessen Bäckerei zu wechselseitiger lukrativer wirtschaftlicher Ergänzung dem Hotel "Deutsches Haus" genau gegenüber lag.

Ernst und Liesbeth Werner hatten zwei Kinder, Herta und Ernst. Ernst junior absolvierte bei der Firma Spirgatis in Königsberg die Kaufmannslehre und übernahm später die Leitung des Deutschen Hauses in Angerburg. Wie es in ostpreußischen Provinzhotels fast immer üblich war, stand auch Frau Werner in ihrem Hotel der Küche vor und kontrollierte eingehend jede an den Gast hinausgehende Speise auf Qualität, Quantität und appetitanregendes Aussehen.

Die Hotelgäste des Deutschen Hauses waren zumeist reisende Kaufleute und Vertreter. Sie kamen mit der Eisenbahn und waren gezwungen, am Ort ihrer Kunden zu übernachten und in ihrem Hotel auch das Essen zu sich zu nehmen. Sie kamen aus größeren Städten wie Königsberg oder Berlin. Verwöhnt von den großstädtischen Gaststätten, waren ihre Ansprüche sehr hoch und dementsprechend auch die Güte der Speisen und Getränke, die sie in einer Kleinstadt wie Angerburg erwarteten und auch erhielten. Die reisenden Kaufleute waren im Laufe der Zeit untereinander bekannt geworden. Am Abend tauschten sie in den Hotelrestaurants gegenseitig ihre Erfahrungen aus, und so hing von ihrer Beurteilung das Renommee jedes Provinzhotels ab.

Zu den Gästen des Hotelrestaurants des Deutschen Hauses gehörten auch die kreiseingesessenen Gutsbesitzer und alle diejenigen, die sich zur "first class" des Kreises und der Stadt zählten. Nach Erledigung ihrer Geschäfte speisten sie im Deutschen Haus und fachsimpelten oder politisierten bei Grog oder dem ausgezeichneten Bordeaux des Herrn Werner bis spät in die Nacht hinein. Ihre Kutscher saßen derweil in der Kutscherstube, die auf dem Hof in der Nähe der Stallungen für die ausgespannten Pferde lag.

Während der Ruhepause verzehrten die Kutscher ihren mitgebrachten geräucherten Speck und tranken dazu ihren "Kornus". Dieser wurde direkt aus der Flasche getrunken. Jeder Mann nahm mit bedächtigem Zeremoniell einen daumenbreiten, wohlabgezirkelten Schluck aus der im Kreise herumgereichten Buddel. Niemand erblickte darin etwas Unhygienisches. Außerdem wirkte gegen eine eventuelle Ansteckung folgendes Ritual:

Nachdem die Hand am Hosenboden sorgfältig abgewischt worden war, fuhr man mit ihr bedächtig um die Flaschenöffnung herum, was allerdings mehr sanft und liebevoll als intensiv geschah. Diese Prozedur half immer. Noch nie hatte sich ein Kutscher am anderen infiziert.

Den Kutschern wurde die gelegentlich endlose Wartezeit in ihrer Kutscherstube nie langweilig. Sie hatten die Ruhe weg, und schließlich fachsimpelten sie auf ihre Art untereinander genau so ergiebig wie ihre Herren im Restaurant. Je mehr Daumenbreiten sie aus der Buddel gesogen hatten, in desto höheren Tönen lobten sie ihre Pferde und die Güte und Anständigkeit ihrer Herren. Dies Prestigebewußtsein hatte für sie zugleich ein nützliches Bewenden, denn es fand seine Bestätigung, wenn einer der Herren, der gerade bei guter Laune war oder ein gutes Geschäft gemacht hatte, den Kutschern eine Lage Grogs nebst Zigarren spendierte. Die Zigarre wurde aber beileibe nicht an Ort und Stelle geraucht. Sie kam wohlverpackt unter die Mütze oder wurde hinter das Ohr gesteckt und diente später bei genußvoller Repräsentation als Sonntagsnachmittagsausgehzigarre.

Alle Kutscher trugen einen Backenbart a la Wilhelm I., steife Kutschermützen und meist dunkelblaue, uniformähnliche Mäntel mit blanken, silbernen Knöpfen. Wenn sie so in beschaulicher, würdevoller Ruhe in ihrer bescheiden eingerichteten Kutscherstube dasaßen, sah es aus, als weile der Marschall Blücher mit seinen Offizieren im Feldquartier.

Wahrlich, es wäre ein schönes, malerisches Motiv gewesen, würdig eines Adolph von Menzel!

In der Neuzeit, wozu wir hier die Jahre vor dem 1. Weltkrieg rechnen wollen, sah es mit dem Generalstab allerdings doch schon etwas anders aus als zu Zeiten Blüchers. Kamen Generäle und andere hohe Offiziere bei einem Manöver oder auf dem Marsch zum Truppenübungsplatz Arys durch Angerburg, dann bezogen sie im Deutschen Hause Quartier. Vor dem Eingang des Hotels wurden zwei schwarz-weiß gestreifte Schilderhäuschen aufgestellt. Sie waren mit Doppelposten besetzt, die stets exakt das Gewehr präsentierten, wenn irgendein Offizier - und war es auch nur ein blutjunger Herr Leutnant das Hotel betrat oder verließ. Dieses militärische Zeremoniell setzte unsere Angerburger in respektvolles und zugleich selbstgefälliges Erstaunen, unterstrich es doch die Bedeutung und das Ansehen i h r e s Deutschen Hauses.

Als in Angerburg das 10. Jägerregiment zu Pferde aufgestellt wurde und das Kasino auf dem Kasernengelände noch nicht hergerichtet war, saßen allabendlich die Offiziere des Regiments in der Veranda des Deutschen Hauses bei den damals sehr beliebten Bowlen "Kalte Ente" und "Türkenblut" - letzteres ein rubinfunkelndes Gemisch aus Bordeauxwein und Champagner.

Der am meisten bewunderte und beliebteste Gast war aber nicht einer der schneidigen Offiziere in seiner schmucken, grünen Jägeruniform, sondern das Äffchen des Leutnants von Platen in seinem zinnoberroten, goldbestickten Affenjäckchen.

Es vollführte in seiner menschenähnlichen Art so manch einen Unsinn und lockte dadurch vornehmlich die Kinder an. Doch die jungen Angerburger wurden in ihrer Zaungastrolle als störend empfunden und von den Kellnern verjagt. Sie kamen aber immer wieder, wie die Wespen zum Honigtopf.

Ein prominenter Gast des Deutschen Hauses war auch Graf Lehndorff aus Steinort. Dieser humorvolle Herr leistete sich so manch ein unerwartetes - oft auch skurriles - Späßchen. Ich will sie hier nicht alle schildern, wenngleich sie schon damals ein die Unterhaltung belebendes Tagesgespräch waren. Nur von einem seiner zahlreichen Streiche will ich hier erzählen, weil er ins Milieu paßt:

Der Herr Graf liebte im allgemeinen einfache Hausmannskost. So bestellte er sich eines Tages im Deutschen Haus zum Mittagessen "Bratklopse mit Gemüse". Dann ging er zur Kutscherstube und kam nach kurzer Zeit mit einer langen Peitsche wieder. Als ihm etwas später der Ober die Bratklopse serviert hatte, stand der Graf auf, stellte sich mit der Peitsche in die Mitte des Zimmers und knallte ein paarmal lautschallend über den Tisch hinweg, so daß alle Anwesenden entsetzt aufblickten. Darauf setzte er sich wieder seelenruhig an seinen Tisch, berührte mit der Gabel die Klopse und bemerkte trocken: "D a s Fleisch ist nicht vom Pferd, sonst wären die Klopse ja jetzt vom Teller gehopst." Der Graf hatte mit seiner ausgefallenen Logik wieder einmal die Lacher auf seiner Seite.

Ein Stammgast des Deutschen Hauses und ausgeprägter Charakter war der Schornsteinfegermeister Griguscheit. Würdevoll saß er täglich an seinem Stammplatz und wartete nur darauf, daß er an irgendetwas in gemessener Weise Kritik üben konnte. Man ließ ihn gewähren und gab ihm sogar dann recht, wenn es der Sachlage nach nicht angängig war; denn als ordensgeschmückter Veteran des Krieges 1870/71 mit bescheidener Kriegerrente war sein Ansehen tabu.

Nach dem Tode seiner Frau wurde bei ihm eine gewisse Helene sein "Mädchen für alles" - wie die "Ersatzhausfrauen" damals bezeichnet wurden.

Nach der festen Überzeugung des alten Griguscheit konnte niemand so gut kochen wie seine Lene, und selbst Frau Werners Kochkünste konnten nach seiner Ansicht nicht mit Lenes Meisterschaft konkurrieren. - Es machte nun aber dem alten Griguscheit trotz seiner gepflegten Würde gar nichts aus, sich von irgendjemand ein Glas Bier spendieren zu lassen; mit wegwerfender Handbewegung und nicht nachzuahmender Herablassung nahm er die Einladung an. Wollte jedoch ein Tischgenosse ihn zum Essen einladen, dann lehnte er konsequent ab und sagte: "Ich esse nur, was die Lene kocht. " Einmal allerdings wurde auch der alte Griguscheit in seiner Halsstarrigkeit überlistet:

William Christeleit ("Haus- und Küchengeräte") feierte im Deutschen Haus mit einigen Honoratioren seinen Geburtstag, an dem auch der alte Griguscheit - wie konnte es auch anders sein - teilnahm. Um bei ihren Mitbürgern nicht den Eindruck von Tagedieben zu erwecken, saßen die Geburtstagsgäste nicht vorn im Restaurant, sondern in Ernst Werners "Comptoire", unmittelbar neben der Küche. Hier hing keine Uhr. In der gemütlichen Runde wurde Zeit und Stunde vergessen.

Als William Christeleit zur Erhöhung der Festlichkeit noch eine Flasche Sekt auffahren ließ, mit dem man das "Kinderhöfer Bier" mixte, war selbst der alte Griguscheit um seinen Zeitsinn gekommen.

Mitten im bereits recht phonstarken Witzchenerzählen erschien der Oberkellner Müller und baute akkurat eine dampfende Terrine nebst Teller und Besteck vor dem staunenden Schornsteinfegermeister auf. Müller meldete dabei mit überzeugender Selbstverständlichkeit: "Das schickt die Lene; es ist schon halb eins. "

Mißtrauisch - wie es seine Art war - betrachtete Griguscheit den Teller und die Terrine. Jedoch der Dampf stieg ihm verlockend in die Nase. Das Geschirr? Wahrhaftig, es war sein eigenes, das die Lene erst vor kurzem für schweres Geld erstanden hatte. Nach dieser Überprüfung der Sachlage sagte er nur: "Aber se hädd' doch noch warten können. " Und dann haute er ein in Sauerkraut und Schweinebauch, als wäre er zu Hause.

Als der alte Herr sie Suppe verzehrt hatte und genüßlich die Speisereste von Mund und Bart strich, fragte ihn die Wirtin, Frau Werner: "Na, hat's denn auch geschmeckt, Herr Griguscheitchen? " Da blickte er sie nur so eben von der Seite an und sagte zurechtweisend: "Was die Lene kocht, schmeckt immer gut!"

Erst am nächsten Tage kam der ehrenwerte Meister Griguscheit dahinter, daß Sauerkraut und Schweinebauch aus Frau Werners Küche stammten. Das Geschirr hatte William Christeleit eigens zu diesem Zweck aus seinem Laden mitgebracht, um sich und seinen Gästen ein besonderes Geburtstagsvergnügen zu bereiten. Aber der alte Griguscheit war Manns genug, gute Miene zu diesem Spiel zu machen. - Der Chronist wollte hiermit nur zeigen, daß nicht nur der Graf Lehndorff Humor besaß, sondern daß die Bereitschaft zum Späßchenmachen eine verbreitete Charaktereigenschaft unter den Angerburgern war.