Georg Andreas Helwing

 

J. Zachau 1921: Chronik der Stadt Angerburg

Hatte das 17. Jahrhundert der Stadt unsäglich viel Leid und Trübsal gebracht, so besserte es ihr doch im Anfange seiner zweiten Hälfte Angerburgs bisher größter Sohn, der Probst und Magister Georg Andreas Helwing. Seinen Lebensgang hat uns sein Schwiegersohn Christoph Pisanski, Rektor an der Königsberger Domschule, beschrieben, abgedruckt in Werners schon oft zitierten Werk. Eine Beschreibung hat Medizinalrat Hagen aus Königsberg verfaßt: "Bruchstücke zur Lebensbeschreibung des Probstes Helwing" gedruckt in den Beiträgen zur Kunde Preußens Bd. 1 Kap. 5 p. 435 ff. Helwing wurde am 14. Dezember 1666 geboren. Sein Vater war Pfarrer an der Angerburger Kirche, seine Mutter Katharina aber Tochter des Amtsvorgängers ihres Mannes, des schon einmal genannten M. Uriel Bertram. Seinen ersten Unterricht erhielt er auf der Lateinschule seiner Vaterstadt. Der damalige Rektor Michael erkannte sehr früh die Neigung des Knaben zur Pflanzenkunde und nahm ihn oft nach dem Wäldchen, die Damerau genannt, mit, wo er Blumen sammelte und nach ihren Namen sorgfältig forschte. Nach dem Besuch der Angerburger Schule schickte ihn der Vater nach Königsberg in die Löbenichtsche Stadtschule, wo er bis 1684 blieb, "da ihn denn der damalige Rektor M. Rackmann mit einem gar rühmlichen Testimonio dimittirte." Hierauf bezog er die Universität Königsberg, um Theologie und Philosophie zu studieren. Von den theologischen Professoren interessierten ihn besonders Dreiern, von Sanden, Deutschen, von den philosophischen Vorlesungen in allererster Linie Aristoteles, sodann Cartesius und Wolff. Schon im Jahre 1686 zeigte er öffentlich den Erfolg seines bisherigen Fleißes: er disputierte über das Thema "an et in quantum mores hominum sequantur naturam temperamenti" mit so großem Beifall, daß ihm die Würde eines Magisters angetragen wurde. Da er aber noch andere Universitäten aufsuchen wollte, um sich in den Wissenschaften weiterzubilden, so lehnte er die ihm angebotene Ehre ab. Er begab sich im Mai 1687 zu Schiff nach Kolberg und von da nach Wittenberg, wo er ein Jahr blieb und die gelehrtesten Leute seiner Zeit fleißig hörte. Von Wittenberg ging er nach Leipzig, und nachdem er die dortigen Professoren kennen gelernt und die vornehmsten Städte Sachsens gesehen, ging er nach Jena und nahm hier 1688 die Würde eines Magisters an. Hier war der Ort, wo unser Helwing "sein Genie zur Botanik erst zu excolieren anfing." Der berühmte Professor der Botanik Wedel hatte bald bemerkt, daß sich bei Helwing eine ganz ausgeprägte Neigung zu dieser Wissenschaft zeigte, und so bot er ihm Haus und Tisch an, und der Magister wurde so freundschaftlich behandelt, daß er nachher oft zu sagen pflegte daß der Aufenthalt im Wedelschen Hause den größten Teil seiner Glückseligkeit ausgemacht habe. Um sich dankbar zu beweisen, unterrichtete er die ihm von Wedel überwiesenen Zuhörer mit größter Treue und machte auch mit ihnen oft botanische Spaziergänge, sehr zur Freude des großen Gelehrten. Da dieser immer mehr die große Begabung Helwings für die Botanik erkannte, überredete er ihn, die Theologie mit der Arzneikunde zu vertauschen. Aber Helwings Vater willigte nicht in diesen Plan. Nun fing der Sohn mit desto größerem Eifer an, die Gottesgelehrtheit zu treiben. Er verließ jetzt das Haus seines Gönners und begab sich nach Erfurt, wo er aber nur kurze Zeit weilte. Dann machte er große Reisen und suchte die berühmtesten Gelehrten kennen zu lernen. In Leyden besuchte er den berühmten Arzt Börnhawe: dieser gewann Helwing so lieb daß er ihm beim Abschied sagte er werde Börnhawe in Preußen werden. Auch nach Italien führte ihn seine nie rastende Wißbegierde. Nachdem er in Venedig sich mit der Sprache des Landes bekannt gemacht hatte, lernte er die berühmtesten Orte dieses schönen Landes kennen. Nach seiner Rückkehr begab er sich nach Jena und hielt hier mit großem Beifall theologische, philosophische und mathematische Vorlesungen. Da wurde seiner Arbeit in Jena und seinen Plänen ein Ziel gesetzt durch die Nachricht daß er auf Wunsch des Vaters zu dessen Adjunkt bestimmt sei und sich zu seiner Angerburger Gemeinde begeben sollte. Er nahm diese Berufung als eine von Gott gesandte auf und eilte zurück in sein Vaterland. Er traf im Mai 1691 in Königsberg ein, wurde im September vom Konsistorium geprüft und am 28. Oktober von dem damaligen Erzpriester Jester in sein Amt eingeführt.
Von nun an gehörte er ganz seiner Gemeinde. Er unterstützte seinen Vater in aller priesterlichen und kindlicher Treue, bis dieser im Jahre 1705 starb und er in den alleinigen Besitz der Stelle gelangte. Er zeichnete sich durch musterhafte Führung seines Amtes so aus, daß König Friedrich Wilhelm I ihn 1725 zum Probst und Erzpriester ernannte und seiner Aufsicht die Kirchen in den Hauptämtern Angerburg und Lötzen übertrug. Er wurde in das neue Amt vom Oberhofprediger Dr. Quandt feierlich durch eine Rede vor dem Altar eingeführt. 
Im Jahre 1693 heiratete er die einzige Tochter des berühmten Professors der Mathematik und Astronomie M. Andreas Concius. Helwing stand schon damals in so großer Achtung und Liebe, daß die Bürger Angerburgs bei der Heimführung seiner jungen Frau Ehrenpforten vom Tore, durch welches er hineinkam, bis zur Pfarrwohnung errichteten und unter Bivatrufen ihn bis dahin begleiteten.
Erst im 72. Lebensjahr beantragte er einen Adjunkt für sich und erhielt als diesen seinen Sohn Georg Aemilius. Aber trotzdem verwaltete er, soviel es die alternden Kräfte nur zuließen, sein Amt selbst. Ja drei Tage vor seinem Absterben, am Neujahrsfeste 1748, mußte man ihn an das der Kirche gegenüber befindliche Fenster führen, und von hier erteilte er der zur Kirche gehenden Gemeinde den Segen. Er starb am 3. Januar 1748 im 84. Jahr seines Lebens und im 57. seines Lehramts und hinerließ 4 Söhne und 5 Töchter, von denen er 29 Enkel und 18 Urenkel sah.
Die Familie des gelehrten Mannes war in Angerburg in wichtigen Aemtern tätig. Sein Bruder M. Joh. Christoph Helwing war Rektor in Angerburg von 1701-10; er starb an der Pest; sein Sohn Karl Friedrich ebenfalls Rektor von 1723-56, er starb 1774; sein zweiter Sohn Georg Aemilius Probst, er lebte von 1708-67; sein Enkel aus der Ehe seiner Tochter Katharina Louise mit Christoph Pisanski, dem Diakonus in Johannisburg, war Jakob Ludwig Pisanski, ebenfalls Probst, er lebte von 1738 - 1807.
Ueber seinen Charakter berichtet uns Hagen folgendes: Er war von freundlichem, sanftmütigem und leutseligem Wesen, dabei aber voll Würde und Ernst. Seine Untergebenen zitterten vor ihm bei Vernachlässigung ihrer Pflichten, wie anderseits alle aus seiner Gemeinde, die sich durch Frömmigkeit und Tätigkeit auszeichneten, ihn herzlich liebten und ehrten. In seinem Hauswesen sowie bei der Erziehung seiner Kinder war er sehr strenge. Einen seiner Söhne, der ihm nicht folgen wollte, steckte er in das am Ort stehende Kürassier-Regiment Katt und ließ ihn solange darunter, bis er sich besserte und nun die Erlaubnis zum Studieren erhielt. Als die Pest im Jahre 1709 und 1710 wütete, war er bei seinen medizinischen Kenntnissen ein wahrer Wohltäter seiner Gemeinde. Sein starker Körper und die einfache Lebensführung sicherte ihn vor Krankheiten. Er besuchte daher die Pestkranken sehr treulich, tröstete nicht bloß sie und ihre Angehörigen, sondern gab ihnen auch unentgeltlich Arzneien und Lebensmittel. Da sich die Leichname an der Seuche Gestorbenen auf dem Lande häuften, ging er nebst einem Knaben hinaus und traf die gehörigen Anordnungen, um die Leichen zu versenken. Durch diese eifrigen und gemeinnützigen Bemühungen stieg bei seiner Gemeinde die Achtung und Liebe zu ihm so sehr, daß z. B. die Einwohner von Ogonken und Gr. Strengeln ihm freiwillig jeder 1/4 Sch. Roggen schenkten. - In seinem Hause, welches aus 15 Personen bestand, verlor er nur ein einziges Kind an der Pest. Er hielt die ganze Pestzeit aufs genaueste darauf, daß alle Personen aus seinem Hause die Kleider wechselten und auf dem Kirchhof, der mit Bäumen bepflanzt war, aufhängten, die dann mit Wachholder, Tabak und Wermuth geräuchert wurden.
Bei seinen häufigen Amtshandlungen verließ ihn dennoch nicht die Liebe zur Natur, besonders der Botanik. Er hatte in seinem Gut Stullichen einen botanischen Garten angelegt, worin er alle seltenen Pflanzen, die er auf seinen Exkursionen gesammelt oder von seinen auswärtigen Freunden erhalten hatte, säte und pflegte. Selbst eine Menge ausländischer Gewächse zierte denselben. Sehr oft besuchte er die große Ogonkensche Heide und nahm oft aus dem Dorf einige lernbegierige Einwohner mit, denen er die Heilkräuter zeigte und auch angab, wie sie bei Krankheiten zu verwenden seien. Oft unternahm er auch eine Wanderung nach Johannisburg, wo sein Schwiegersohn Joh. Pisanski Erzpriester war und wo er in der weiten Forst sehr seltene Pflanzen fand. Seiner so gründlichen botanischen Kenntnisse wegen gaben mehrere angesehene Familien ihre Söhne zu ihm nach Angerburg, damit er sie in die Botanik einführte.
Helwing stand mit den gelehrtesten Männern seiner Zeit in regem Briefwechsel. Die Berliner Akademie der Wissenschaften erkannte seine Verdienste an, indem sie ihn 1709 zu ihrem Mitgliede ernannte. Er war der erste, der Pflanzen zu einem sogenannten Kräuterbuch oder Herbarium kunstmäßig trocknete. Er verfertigte mehrere solcher "Herbaria viva", die teils aus fünf teils aus sechs Foliobänden bestanden. Eins ist auf der Bibliothek in Dresden, eins ging nach Petersburg. In Königsberg sind drei vorhanden, eins auf der Schloßbibliothek, eins auf der Stadtbibliothek und eins im Besitz der Familie Hagen.- Von den sehr vollständigen Sammlungen von Vogeleiern ist eine in die Galerie von Dresden, die andere nach Bayreuth gekommen.
Von seinen herausgegebenen Schriften ist für uns die wichtigste  Litographia Angerburgica, von der der 1. Teil 1717 in Königsberg erschien, der zweite 1720 in Leipzig. Er beschreibt darin alle in hiesiger Gegend vorgefundenen Mineralien. Der erste Teil enthält 11, der zweite 5 Holzschnitte, auf welchen vorzüglich Versteinerungen abgebildet erscheinen. Von seinen anderen Schriften seien erwähnt:
1. Flora quasimodegenita svie enumeratio aliquot plantarum indigenarum, erschienen 1712 mit 3 Kupfertafeln. Es enthält 280 bisher in Preußen nicht entdeckte Pflanzen.
2. Supplementa Florae Prussicae, erschien 1726 mit drei Kupfertafeln, eine Ergänzumg des oben genannten Werkes.
3. Florae Campanac erschien 1720 mit 12 Kupferstichen.
Viele Aufsätze von Helwing finden sich in den "Breslauer Sammlungen der Natur und Medizin" über naturwissenschaftliche aber auch unwissenschaftliche Themen. Es sind nach Jahren geordnet folgende:


1717. Bericht vom Feldbau bei Angerburg
          Bemerkungen über Bienenzucht
1718. Von dem Aalfang in Preußen
          Von der sog. Blauasche in Preußen.
          Von der Materie oder Geburtslage des Bernsteins.
          Vom Elendtier und denen in dessen Gehirn befindlichen Bremsen.
          Verzeichnis der zu Angerburg fortgezielten orientalischen Gewächse.
1719. Von bernsteinern Brennspiegeln.
           Von den wie Moschus riechenden Haaren des Auerochsen.
           Vom Pelikan, weißen Elstern, weißen Goldammern und Sperlingen.
1721. Von dem Fischfang in Preußen durch moskowitsche Fischfänger.
           Vom Zahmmachen der Tiere, besonders der wilden Enten.
           Von monströsen Tieren und Menschen.
           Vom Erlenholz und dessen Kraft gegen Wanzen.
           Von der Wölfe Grausamkeit und den fabelhaften Werwölfen.
           Von Maulwürfen und wie selbige zu fangen.
1722. Von dem polnischen Upierz oder sich selbst fressenden Toten.
1723. Bemerkungen von Vögeln und besonders vom Krummschnabel.
1724. Von Haaren so aus dem Holz gewachsen zu sein scheinen.
1725. Von dem neuen Kanal bei Angerburg

Außerdem hat er vom Jahre 1718 bis 1720 tägliche Witterungsbeobachtungen, wiewohl ohne Hilfe von Barometer und Thermometer, und bis zum Jahre 1723 allgemeine meteorologische Bemerkungen zu diesen Sammlungen geliefert.
Aus allem Gesagten erhellt, daß die Tätigkeit und der Fleiß dieses Mannes, der sein Amt mit der größten Treue wahrnahm und dabei doch so erfolgreiche naturwissenschaftliche Studien trieb, ganz außerordentlich groß gewesen sein müssen.

Ein in Oel gemaltes Bild Helwings besitzt die physikalisch- ökonomische Gesellschaft in Königsberg. Als der Chemiker Professor Hagen Helwings Schriften und Verdienste um die Naturkunde bearbeitete, gab ihm ein Enkel Helwings, Pfarrer Wollweber, der ebenfalls in Angerburg angestellt war, darüber recht ausführliche Notizen und verehrte ihm auch das Oelgemälde des gefeierten Mannes. Dies Bildnis erbte Professor Dr. August Hagen von seinem Vater und überreichte es in der Sitzung am 2. November 1877 durch den Stadtältesten Dr. Hensche der Gesellschaft, die es mit großem Dank annahm. Nach diesem Oelbilde ist der Kupferstich gefertigt, welcher sich in den Beiträgen zur Kunde Preußens findet. Auch die Kirche in Angerburg besitzt eine Kopie des Oelgemäldes, ihres berühmten Predigers. Sie ist von Frau Hotop gemalt und der Kirche geschenkt.

 

Quelle: J. Zachau: "Chromik der Stadt Angerburg" 1921