Von dem heurigen Aalfang in Preussen

Anno 1718 Junius

 

§1

Da von Mense [Monat] Majo an biß in diesen Monat der Aalfang in Preussen zu geschehen pflegt, so communiciren wir hier eine Relation von dem heurigen Zustande desselben, wie uns solche der curieuse Theologus in Angerburg M. G. A. H. zugeschrieben hat. „Die Fischerey, sagt er, hat dieses Jahr fast nichts getragen, und insbesonderheit der Aalfang, welcher der renommirteste in ganz Preussen ist, da die Aale in zweyen unterschiedlichen Kasten gefangen werden, in welche sie durch gewisse gezogene Schleusen auf dem Angerapp-Strom des Nachts einlauffen, am meisten, wenns finstere Nächte giebt; bey lichten Nächten gehet der Aalstrich gar nicht. Der Zug dieses Fisches kommet aus 77 Seen, welche in die Angerapp einlaufen. Wenn ein Segen-reich Jahr ist, so fänget man wohl in einer Nacht a 30 biß 40 Schock Aale, und zwar von unglaublicher Grösse, so dicke wie ein Manns-Arm, über welchen ein kleiner Ermel gezogen: vorm Jahre habe die Länge eines grossen Aals gemessen und denselben 2 ¼ Ellen lang gefunden: wobey man beobachtet, dass da die Aale insgemein gräulich, so hat man vorm Jahre weißliche Aale gefangen, mit einem ganz schwarzen Strich auf den Rücken. Dieses Jahr ist fast wenig oder nichts gewesen, weil im Majo, an welchem der Aalfang sonst angehet, wie auch weiter im Junio, meistentheils Nordwinde gewehet, auch wenig Donnerwetter gewesen; denn wenn Donnerwetter, Blitz und Wetterleuchten in der Nacht ist, und dabey West- Wind wehet, so giebts den besten Fang.

 

 

§2

Diese Relation weiset, welchergestalt das Vaterland der Aale auch in denen Preußischen Seen, und nicht allein in denen Märckischen, zwischen Cüstrin und dem grossen Hafen, von daraus sie sich in die Ost-See vertheilen, zu suchen sey, wie hiervon die Relation eines Stettinischen Schiffers folgender Gestalt lautet: Der Ursprung der Aalen wird von denen Schiffern und Fischern davor gehalten, dass er sey zwischen Cüstrin und dem grossen Hafen in dem Morast, allda sie so lange verbleiben, biß auf St. Jacobi-Tag [25.Juli], alsdenn sie miteinander leichen, und in den grossen Hafen kommen. Wenn sie leichen, verwickeln sie sich ineinander, dass sie wie die grossen Brau-Fässer in der Dicke klumpen-weise beysammen zu sehen sind. Wann dann also der Sturm oder Trieb von dem Winde in den Oder-Fluß kommt, so werden sie durch die 3 Oftia [Mündungen] der Oder in die Ost-See fortgeschicket, worauf sie von der Force [Kraft] der grossen Wellen voneinander gerissen werden, sich auch, weiter in die See zu gehen, wegen der Wellen Gewalt, nicht getrauen, sondern kommen per Mare Balticum [Ostsee] in den Mittelfahrter Sund [Middelfart Dk.], weil dessen Wasser nicht gar salzig ist, so dass sie meistens an dem Jütländischen Gestade bleiben, allwo sie auch bey Fridericia [Fredericia Dk.] in der Enge des Nachts mit Reisen [Reusen], welche mit grossen verzäunten Pfählen, so man Aal-Gärre nennet, geleget und gefangen werden, in solcher Menge, dass bey 100 und mehr in einer Reise zu finden sind, worunter theils an Dicke eines Mannes Arm dicke sind. Wenn sie des Nachts kommen, scheinen sie nicht anders, als feurige oder glänzende Schlangen, und währet dieser Gang von Michaelis [29.September] biß alt Martini [11.November], alsdann weder zuvor, noch darnach, keine mehr gesehen werden. Die, so nicht gefangen werden, kommen in den Sinum Codanum, da sie von der Weite des Meeres und der Gewalt der Wellen also müde werden, dass, wenn sie biß unter Christiania oder Capo Lindenes [Südspitze] in Norwegen kommen, wie ein todtes Gerippe an das Ufer geworffen werden. Dergleichen oberzehlte Aal-Gärre oder Zäune werden in Hollstein bey Schleswig in der Schlie 30 bis 40 gefunden. So weit die Relation des Schiffers beym Herrn Paulini Tr. De Anguilla, Sect.1.c.3.p.87.seq.befindlich ist.