Vom Elend-Thier, und denen in dessen Gehirn befindlichen Bremsen, als der wahrscheinlichen Ursache der fallenden Sucht bey diesen Thieren.  

Anno 1718, Augustus

§1
Es ist bekandt, daß dieses Thier, welches sonderlich in Preussen, Curland, Liefland, wie nicht weniger auch in Norwegen und andern Nordischen Gegenden häuffig anzutreffen ist, von der Epilepsie oder fallenden Sucht gar offters befallen werde, daher es auch den Teutschen Nahmen Elend
[= Elch], d. i. jämmerlich, solle bekommen haben. Zum Exempel dessen dienet, was der Autor der Nordischen Reisen c.3.p.m.10.11. hiervon erzehlet, da er nemlich auf der Elends- Jagt, wohin ihn ein Norwegischer Edelmann mitgenommen, zwischen Christiana und Wisby, als sie kaum einen Pistolen-Schuß weit ins Holz hinein kommen, wahrgenommen, daß ein Elend, ohne daß ein Schuß wäre gethan oder gehöret worden, plötzlich zu Boden gefallen: Worüber er,nach der Ursache fragende, zur Antwort erhalten, es rühre solches von der, dem Thiere ganz gewöhnlichen Schwerenoth her. Dergleichen auf eben dieser Jagt einem andren Stück begegnet, welches 2 Stunden lang verfolget, aber eher nicht erhaschet worden, als bis es ebenfals von der fallenden Sucht plözlichwäre nieder geworffen worden. Das Thier selbst ist so hoch, als ein grüß Pferd, sein Leib hat eines Hirschen Gestalt, aber viel dicker und länger, die Läuffte seyn hoch, die Fuß breit und gespalten, das Geweihe groß, rauch, und wie eines Gemsen seines weit; jedoch nicht mit so vielen kleinen Hörnern versehen, als des Hirschen seines, und wenn es nicht diese Kranckheit fällete, so würde man Mühe haben, es zu ertappen. vid. Nord. Reise c.1. Das Fleisch von diesem Thiere dienet zur Speise, und werden die Braten hiervon auch auf vornehmer Herren Taffel gebracht, wie dort in dem Gezelte eines vornehmen Moscowitischen Generals in Liefland, vor Riga, bey Belagerung dieser Stadt, wovon der Hr. H. G. als damahls anwesender Gast, in der exacten Relation von der Stadt und Festung St. Petersburg edit. Lipf. 1713.8. p.52. ein Zeugniß giebet.

§2
Von der Ursache dieses Ubels bey sothanen Thieren allegiret letztallegirter Referente p.53. folgendes: Als der Discours von sothanen Thiere, in specie wegen der hinfallenden Sucht, so diesem Thiere anhangen sollte, continuiret wurde, so erzehlte gedachter General mit besonderen Umständen, daß vor einiger Zeit kurz vor dem Frühling ein Elend wäre gefället/ und nachdem es zerleget worden, hätte man im Kopffe noch einige grosse Fliegen oder Brümsen gefunden, und das Gehirn innerlich wäre bey nahe verzehret gewesen. Man hätte auch sonst genug observiret, daß das Ungezieffer, sonderlich die grossen Brumsen, diesem armen Thiere in denen grossen Wäldern und Wildnissen, sonderlich gegen den Winter, starck zusetzten, und durch die Ohren suchten ihr Winter- Quartier im Kopffe zu nehmen. Dahero denn leicht abzunehmen wäre, daß, wenn solch Ungezieffer diesem Thiere in den Kopff solch Summen, Brummen und Toben verursachte, ja gar das Gehirn zu ihrer Nahrung angriffen, und Winters über, als an einem warmen Orte, sich suchten zu verbergen, es wohl unmöglich anders seyn könte, denn sich, aus Mattig- und Krafftlosigkeit, endlich niederzuwerffen, und als einen in hinfallender Sucht oder Schweren-Noth liegenden, solche Tortur und Quaal auszustehen. Ich lasse dieses denen Tieffsinnigen und Naturkündigern zu mehreren Speculationen, und zu Untersuchung der Wahrheit, als etwas nachdückliches, über. Daß nun diese Obversation ihre völlige Gewißheit habe, solches sind wir durch die curieuse Feder des offt- belobten Angerburgischen Theologi, Hr. M. G. A. Hellwings, in Preussen in folgender Relation vergewissert worden: Berichte auch, daß ich mehr denn 20 mahl wahrgenommen, wie in einem Elends-Kopffe eines frisch- geschossenen Elends, deren sehr viele unsres Orts gefället werden, im Monat Augusto, eine generation der Bremsen sich findet, die durch die Nase vom Elends-Thiere heraus geniest werden. Der Kopff ist inwendig im Gehirn so voll, daß man sie heraus scharren muß, ie näher sie denen Nasenlöchern, ie vollkommener sind sie, ie tieffer sie aber in dem Kopffe stecken, ie unvollkommener sind sie, so gar, daß einige noch in ihren Involucris andre gar, wie kleine Maden, anzutreffen seyn. Und welches zu bewundern, so wachsen auch solche Insecta in der Haut dieses Thieres, und im specie um den Rückgrad, wo sich das Thier nicht reiben kan, welche Wohnung wegen, rudera und Löcher in der Haut übrig lassen: Aus welcher Ursache denn auch die Weißgärber keine Haut um solche Zeit kauffen, wenn sie selbige auch vor einige Groschen erhalten könten.

 

Hinweis: http://www.trash-online.ch/index/diverses/oestridae.htm