Auszüge aus dem Buch von Superintendent H. Braun 1888 (s. Seite: Pfarrer)

Als sich die Galindier unter der Faust der eisengepanzerten Ritter beugen mußten, wurden in unserem Landstrich Deutsche angesiedelt. Reußen und Thiergarten bei Angerburg blieben mit peußischen Ureinwohnern besetzt. Neben den Deutschen und den alten Preußen wohnten hier auch Litauer. Der zweite Geistliche in Angerburg heißt in den alten Kirchenrechnungen des 16. Jahrhunderts immer der litauische Kaplan. In dem alten Angerburger Kirchspiel wurden die Ortschaften Sobiechen, Buddern, Benkheim usw. zu Litauen gerechnet. Einst wurde also in hiesiger Kirche in vier Sprachen gepredigt, in deutscher, preußischer, litauischer und polnischer.

Die Einwanderung der Polen

Es flutete im 16. und 17. Jahrhundert, als Preußen unter polnische Oberherrschaft gekommen war, eine große Schar polnische Ansiedler herein, ganz besonders solche, die für ihren evangelischen Glauben Schutz und Schirm suchten. Die deutschen Namen für die Ortschaften unseres Kirchspiels verschwinden um jene Zeit in unseren Kirchenrechnungen und an ihre Stelle treten polnische. Aus Schwyntz wird Ogonken; aus Großgarten wird Possessern; aus Angerapp Stullichen; aus Birkenwald Brosowken; aus Spitzing Przerwanken, aus Treugenfluß Pietrellen; aus Gehling Pietzarken; aus Gr. Sieben Siewen; Kl. Sieben Siewken; den Herrn von Mondstern (der Mond und Sterne in seinem Wappen hat) machte man zu einem Pan Morstein, dessen Nachkomme noch heute (1888) in Kruglanken wohnt.

Von höchstem Interesse ist es, das allmählige Anwachsen und Absterben des Polnischen Elements in hiesiger Gegend zu verfolgen. In der ältesten Kirchenrechnung aus dem Jahre 1539 findet sich nur "ein Polack" in Angerburg. Im Jahre 1598 hat man hier bereits einen polnischen Pfarrer Pogorzelski, einen polnischen Kantor Wisotzki, auch polnische Bauhandwerker. Jedoch hatten die Ortschaften noch alle deutsche Namen. 1627 sind bereits sämtliche Ortsnamen polonisiert und 1694 sind in der Gemeinde nur 426 deutsche, dagegen bereits 2567(!) polnische Kommunikanten. Das Verhältnis des deutschen zum polnischen Element war also damals wie 1 : 6. Dann aber im 18. Jahrhundert nimmt das deutsche Element allmählich wieder zu und das polnische ab. Am Anfang dieses (19.) Jahrhunderts halten sich Polen und Deutsche in Angerburg das Gleichgewicht. Jedoch in den andern zur Diözese Angerburg gehörenden Kirchspielen ist das Polentum bei weitem stärker vertreten. Selbst in der Stadt Rastenburg, wo heute (1888) doch kaum ein polnischer Laut zu hören ist, waren a. 1801 in der höheren Töchterschule 46 deutsche und 44 polnische Schülerinnen.

Als das Seminar in Karalene Mitte Oktober 1816 eröffnet wurde, waren die 6 jungen Leute, welche aus hiesigem Kreise sich zum Eintritt meldeten, ganz polnisch und verstanden kein deutsches Wort. Sie wurden jedoch angenommen in der Hoffnung, daß sie das Deutsche bald erlernen würden.

Als ich in meiner Kindheit vor ungefähr 30 Jahren mit meinem Vater eine Besuchsreise zu Schlitten nach Masuren machte, irrten wir hinter Gr. Strengeln bei einbrechender Dunkelheit von der Schneebahn ab und gelangten über den für Schlittenfahrt höchst gefährlichen Wilkussee nach dem sogenannten Hegewald. Die Gegend war uns ganz fremd, nirgends war ein Haus oder ein Mensch anzutreffen. Da begegneten uns im Walde 20 bis 30 Holzschlitten. Wir fragten die Fuhrleute nach dem Wege, aber alles sprach polnisch, wir verstanden nicht ein einziges Wort. Uns war zu Mut, als wären wir in einem amerikanischen Urwald verirrt. Solche Vorfälle sind heute (1888) nicht mehr möglich, da in dortiger Gegend bereits Alt und Jung deutsch versteht. Das deutsche Wesen dringt unaufhaltsam weiter. Sein Vorkämpfer ist die evangelische Kirche und Schule. Freilich würde auch die Arbeit der Kirche und Schule vergeblich sein, wenn nicht die Masuren von jeher trotz polnischer Zunge als evangelische Christen eine Zuneigung für deutsches Wesen und deutsche Sprache hätten. Sie wollen nicht "Polen" sondern Preußen sein. "Polack" ist ihnen ein Schimpfname. Die Eltern wünschen selber dringend, daß ihre Kinder deutsch lernen sollen. In meiner früheren Landgemeinde Lötzen wurden mir oft Kinder zum Pfarrunterricht angemeldet, die fertig polnisch aber höchst mühsam deutsch sprachen. In diesen Fällen stellte ich den Eltern frei, ob ihre Kinder den polnischen oder den deutschen Konfirmandenunterricht besuchen wollten. Sie wählten meißt immer den deutschen Unterricht, so daß 1875 der polnische Unterricht ganz aufhören konnte.

Diese evangelischen, polnisch redenden Masuren haben recht interessante Charaktereigentümlichkeiten. -Um die schlechten Eigenschaften zuerst zu nennen, besitzen sie bekanntlich eine verderbliche Zuneigung zu "butelka" (Schnapsflasche). Helwing klagt 1720 über das Laster der Trunkenheit in Masuren: "Ich glaube nicht, daß man die delikatesten Weine in Italien, Spanien und Frankreich so begierig schlürft, als das der preußische Pöbel den gemeinen Kornbranntwein. Des Morgens ist er ein Verwahrungsmittel gegen die böse Luft; da trinkt alles Branntwein, was ihn nur bezahlen kann. Hat der Bauer kein Geld, so bringt er ein Viertel Hafer oder Getreide, eine Mandel Eier oder ein Huhn in den Krug und versäuft es in Branntwein. Nach der Mahlzeit soll er die Speisen verdauen helfen, darum muß ein Glas Branntwein eingestürzt werden und so auch gegen die Nacht, daß die Speisen nicht drücken. Im Sommer bei heißem Wetter trinkt er Branntwein, um die Luft zu kühlen und bei Winterkälte ruft er nach Branntwein, weil er wärmt". - Jedoch hat dieses Laster in neuerer Zeit (1888) allgemein bedeutend nachgelassen. Während früher, wie alte Leute erzählen, an Markttagen die Landleute den ganzen Tag in den Gasthäusern der Stadt saßen, und man abends dieselben trunken auf den Straßen und in den Stadtgräben fand, sind sie heutzutage schon früh gegen Mittag nach hause gefahren.

Was nun aber den masurischen Volksstamm vorteilhaft auszeichnet, ist seine erstaunliche Beweglichkeit und Anstelligkeit, seine Freundlichkeit und Höflichkeit nicht nur gegen höher  Gestellte, sondern auch gegen seinesgleichen. Ist die ihm gleichgestellte Person älter, so redet er sie , mag sie ihm auch ganz fremd sein , mit "woyu" = Onkel, oder "ciotko" = Tantchen, "Ojczulku" = Väterlein, "matulku" = Mütterlein an. Altersgenossen redet er mit "bracie" =Bruder oder "siostro"= Schwester an. Fast nie habe ich einen masurischen Ehemann von seiner Frau anders reden hören, als "moja zonka" =mein Frauchen. Seine Geistliche nennt er "Panie dobrodzejo" (Herr Wohltäter). Zu dieser lobenswerten Eigenschaft gesellt sich eine unversiegliche Redseligkeit. Ein Masure redet an einem Tage mehr als ein Natanger oder Samländer sein ganzes Leben lang. Dazu kommt ein heiteres Gemüt und trefflicher Humor. Die Sprichwörter der Masuren treffen meistens den Nagel auf den Kopf. Eine volkstümliche, durch derben Humor bekannte Perönlichkeit war der Im vorigen (18.) Jahrhundert in Kutten lebende Rektor Pogorzelski. Zahlreiche Anekdoten werden über dieses urwüchsige Original erzählt.

Michael Pogorzelski 

war zu Lepacken, einem Kleinen Dorfe bei Lyck am See Sunoea im Amtsbezirk Stradaunen, Kirchspiels Grabnick, geboren. Seine Eltern waren Polen und Michael hat sein lebenlang (wie sein gelehrter Landsmann Cölestin Mislenta ) mit der deutschen Sprache auf dem Kriegsfuß gestanden. Der Knabe zeichnete sich durch eine schöne Stimme und musikalische Begabung aus. Durch Vermittlung des Pfarrers Drigalski in Stradaunen kam er in die Schule nach Lyck, von der er auf die Universität Königsberg entlassen wurde. Zwar bekam er, als er ausstudiert hatte, die Erlaubnis zum Predigen, doch wegen seiner mangelhaften deutschen Sprache keine Anstellung.

 Der Erzpriester D. G. Fiedler in Ragnit, Drigalski’s Schwager hatte in seiner neu erbauten Kirche (die vorher 1757 von den Russen verbrannt war) 1771 eine neue Orgel erbauen lassen, der Kantor aber konnte dieselbe nicht spielen. Hier fand daher der sehr musikalische Kandidat Pogorzelski Anstellung als Organist. Da er aber von den wenigen Organistengroschen nicht leben konnte, verschaffte ihm Fiedler in Ragnit Freitische. Der masurische Kandidat war bald in allen Häusern, die ihm freien Tisch gaben, ein großer Liebling. Als Pogorzelski geäußert hatte, sein liebstes Essen sei „saurer Komst“ (Kumst), fand er täglich in allen Häusern dasselbe Essen: „sauren Komst“. Bei Erzpriesters fühlte er sich am wohlsten. Die Frau Erzpriesterin war die einzige Person in Ragnit, mit der Pogorzelski seine Muttersprache reden konnte. Pogorzelski sollte auch in der Schule unterrichten, aber er konnte weder litauisch noch deutsch, daher war es ihm unmöglich Schule zu halten. Durch Fiedlers Vermittlung erhielt er aber bald die Rektorstelle in Kutten, wo er in seinem Element war, denn hier wurde zu Pogorzelski’s höchster Freude fast nur polnisch gesprochen. In Kutten würde er auch wohl sein Leben beschlossen haben, wenn nicht eine zufällige Begegnung ihm weiter geholfen hätte.

 Es war nämlich an einem Nachmittage im März 1778 als der General v. Lossow aus Stallupönen (Nach Andersons Mitteilung war es General Günther aus Lyck) auf einer Inspektionsreise in das Dorf Kutten einfuhr. Der Weg war tief aufgeweicht und nur mit Mühe konnten die vier vorgespannten Rosse den schweren Verdeckwagen vorwärts bringen. In Erwartung eines Ruhestündchen im nahen Kruge trieb der Kutscher die Pferde noch einmal an; in schnellerem Lauf ging’s die Dorfstraße entlang. Da gab’s plötzlich einen Krach, die Kutsche neigte sich zur Seite und blieb stehen; ein Rad war gebrochen. Ärgerlich blickte der General heraus, schaute sich um und rief einen Mann herbei, der auf seinem nahen Hof mit Zerkleinern von Holz beschäftigt gewesen, und bei dem außergewöhnlichen Ereignis in seiner Beschäftigung innehaltend, die Hand an die Stirn gelegt, zusah. Es war ein Mann in mittleren Jahren, sein Kopf mit einer schwarzen Pelzmütze bedeckt, derlange unbezogene, aber mit roten in Wolle gestickten Figuren geschmückte Pelzrock mit einem ledernen Riemen zusammengehalten, die Füße mit Holzschuhen bekleidet. Bedächtig trat er näher.

  „Wo ist hier die Schmiede? Fragte v. Lossow. Aber jener betrachtete zunächst mit prüfendem Blick den Schaden am Rade und fragte dann dagegen: „Wer sind Sie?

„Ich bin der General v. Lossow; sagen Sie mir schnell, wo die Schmiede ist, ich muß heute noch nach Angerburg kommen“.-

„Steigen Sie nur aus, Herr Generalchen! Binnen ich der Rektor in Kutten Pogorzelski, werden ich Rad zurecht machen, wird mein Puttchen Ihnen Tasschen Kaffee machen“.-

Gerne folgte der General der Aufforderung, begab sich in die Wohnung des Pogorzelski, welcher seine Frau beauftragte , Kaffee zu besorgen. Er selbst machte sich daran, das zerbrochene Rad in den Stand zu setzen, was auch in so kurzer Zeit geschah, dass er früher mit seinem, als seine Frau mit ihrem Geschäfte fertig wurde. In die Stube zurückgekehrt rief er ihr deshalb zu: „Puttchen, mach doch geschwind! Ellender Weib! Macht er nicht und macht er nicht Kaffee!“ Bei der nun folgenden Unterhaltung der des Generals v.  Lossow mit Pogorzelski fand ersterer immer mehr Gefallen an dem natürlichen Verstande des Rektors, er erkannte in ihm einen Mann von einiger Bildung, und fragte ihn, ob er nicht daran dächte, Pfarrer zu werden. Pogorzelski erwiderte, dass er sich zur Zeit in Kutten in seinem Schulamte ganz wohl fühle und an Bewerbung um ein Pfarramt nicht dächte. Nachdem endlich der verheißene Kaffee mit frischem Gebäck erschienen und genossen war, verabschiedete sich v. Lossow  mit Dank für des Rektors Hilfe, forderte ihn auf ihm auch einmal einen Besuch in Stallupönen zu machen und versprach ihm Beistand, falls er betreffs des Pfarramtes anderer Meinung werden sollte.

 Des Generals Vorschlag war bei Pogorzelskis „Puttchen“ auf gutem Boden gefallen. Sie ließ ihrem Manne keine Ruhe, bis er sich entschloß, dem General den Gegenbesuch zu machen, und seine Hilfe behufs der Pfarrerstelle in Anspruch zu nehmen . Gegen Ende des nächsten Winters sattelte er sein Roß und ritt gen Stallupönen. Das Wetter war nicht schön, Schnee und Regen gemischt fiel dicht vom Himmel und durchnässte seinen Pelz. Aber bei dem General traf er zu gelegener Zeit ein.

 Derselbe hatte große Gesellschaft geladen und der größte Teil der Gäste war bereits in den hell erleuchteten Zimmern versammelt; die Diener erwarteten im Flur stehend die letzten. Da trat ein Mann ein, die hohen Stiefel, in denen die Beinkleider vorsorglich gesteckt waren, von Schmutz bedeckt, nicht minder der lange Pelz, die Pelzmütze von Schnee und Wasser triefend. „Was will er hier? Mache Er, dass er herauskomme!“ herrschte ihn der Diener an.

 „Schweinepelz! Nennst mich Er!“ erwiderte entrüsstet Pogorzelski, „binnen ich Rektor aus Kutten, komme ich besuchen Generalchen, mein Freund“ – und dabei schüttelte er den erschreckten Diener recht unsanft, ihn mit den Händen an den Schultern fassend. Der General war, durch das laut geführte Gespräch aufmerksam gemacht, herausgetreten, erkannte bald Pogorzelski, und da er für seine Gesellschaft eine angenehme Erheiterung duch den unerwarteten Gast hoffte, führte er ihn sofort in die Salons hinein, ihn den Anwesenden vorstellend: „Mein lieber Freund Pogorzelski, Rektor in Kutten“. Dieser fand jetzt erst die Zeit, seine tief über den Kopf herabgezogene Pelzmütze abzunehmen und sie mit dem Arm schlenkernd, dass das Wasser zum Schrecken der Damen nach allen Seiten hin spritzte, rief er „Brr! Ist das heute ein Hundewetter“.

 Nachdem er sein Reisekostüm abgelegt hatte, mischte er sich ungeniert unter die Gesellschaft, sich mit den Damen und Herren zu deren Erheiterung in seiner originelldrastischen Weise unterhaltend. Als ihm eine Tasse Tee gereicht wurde, schrie er den Diener an: „Pfui! Will nicht von dem Schwadderjux! Bring mir Bier!“ Als man sich zu Tische setzte, sah Pogorzelski mit großem Staunen die Servietten an, die alle kunstvoll zusammengefaltet waren als Schiff oder Bischofsmütze oder Adlerkopf. Jeder Gast nahm seine Serviette in Gebrauch, nur Pogorzelski nicht. Voller Scheu rührte er seine als Adlerkopf zusammengefaltete Serviette nicht an, als auch nichts. Alles Bitten und Nötigen half nicht. Als aber die Tafel aufgehoben wurde, alle Gäste sich mit der Serviette den Mund wischten und dieselbe weglegten, klärte sich das Rätsel auf, weshalb Pogorzelski nicht gegessen hatte. „Ui! Ui!“ rief er schmerzerfüllt, „hab ich gewusst, dass ich kunnt dem Kodder wegschmeiße, had ich gegesse; dacht ich, musst wedder Adlerkopf mache. Mirr ungert!“ Hierauf nötigte man ihn , das Versäumte nachzuholen und Pogorzelski langte tapfer zu. So sehr war jetzt seine Scheu vor dem „Adlerkopf“ geschwunden, dass er mit dem „Kodder“, wie er die Serviette nannte, sogar nach dem Essen seinen Teller rein wischte.

 Das offen stehende Klavier veranlasste ihn, den Gästen auch einige Stücke zur allgemeinen Verwunderung mit viel Fertigkeit und Gefühl vorzutragen. Als er des Generals etwa sechzehnjährige Tochter neben dem Klavier seinem Spiel zuschauend  bemerkte, forderte er sie auf, sie möchte doch ein Stückchen vortragen. Als sie dieses getan, zog er aus seiner Hosentasche einen ledernen Beutel hervor, knüpfte die Riemen auf, nahm einen Fünfschillinger heraus und gab ihn dem Mädchen mit den Worten: „Hier meine Tochter, hast gut gemacht, will ich Dir schenken Pentschchen!“ Am nächsten Tage fand Pogorzelski Gelegenheit, dem General seine Bitte vorzutragen und empfing von ihm einen Empfehlungsbrief an den Minister von der Gröben. Mit diesem ausgerüstet, machte er sich auf die Reise nach Königsberg. Ohne Aufenthalt begab er sich direkt zur Wohnung des Ministers. Im Garten vor dem Hause band er sein Pferd an einen Baum und ließ es auf dem wohlgepflegten Rasen grasen. Im Sprechzimmer des Ministers fand er diesen gleich anwesend. Ungeduldig öffnete er das dortstehende Klavier und fing an nach kurzem Vorspiel mit kräftiger Stimme zu singen. Als der Minister erstaunt eintrat, entschuldigte sich Pogorzelski: „Binnen ich Liebhaber von Vokalmusik“, ging aber sofort zu seiner Angelegenheit über: „Binnen ich Rektor in Kutten möchte ich bitten um Pfarrstelle in Pissanitzen“. Von der Gröben, durch das sonderbare Benehmen des Mannes erregt, erklärte kurz, er könne die Stelle nicht erhalten.

„Wenn nicht, denn nicht!“ meinte Pogorzelski und wendete sich nach dieser kurzen Audienz zum Rückgang. Doch fiel’s ihm, bevor er hinausgegangen war,  noch ein, dass er auch ein Empfehlungsschreiben besitze. „Halt!“ rief er, zog aus der Tasche das Schreiben des General von Lossow hervor und überreichte es: „haben ich auch ein Briefchen abzugeben“. Der Minister las den Brief, worin der General Pogorzelski als einen zwar originellen, aber tüchtigen, redlichen und durch gute Geistesgaben für ein Pfarramt wohl brauchbaren Mann empfahl. Freundlicher wandte er sich nun an den wartenden Rektor und erklärte, dass er auf die Empfehlung des General von Lossow gern bereit sei, ihm zu helfen. Die gewünschte Pfarrstelle in Pissanitzen könne er allerdings nicht erhalten, da diese bereits vergeben sei, doch könne er ihm die ähnlich gut datirte Stelle in Kalinowen anbieten. Pogorzelski fand sich im Dank gegen den Minister bereit, sich um die genannte Pfarrstelle zu bewerben und sich zugleich dem erforderlichen Examen zu unterziehen. Nur eine Bitte hatte er noch: „Herr Minister, haben Sie gesorgt für mich, sorgen Sie auch für mein Pferd. Haben Si ja großen Rossgarten vor der Thür!“ Lächelnd willfahrte der Minister auch diesen Wunsch, indem er die Unterbringung des Pferdes, wenn auch nicht auf dem vorgeschlagenen „Rossgarten“, veranlasste.

 Das Konsistorium wurde nunmehr mit Abhalten des Examens beauftragt. Leider ist uns die Einsicht in die Akten der Behörde nicht möglich gewesen. Es erstreckt sich daher unsere Kenntnis nur auf den ersten Teil des Examens. Über die Kenntnis im Hebräischen befragt, erklärte Pogorzelski offen: „Diesen Sprach kenn ich nicht.“ Als der Examinator meinte, ein Geistlicher müsse doch die heilige Schrift in der Ursprache lesen können, erwiderte Pogorzelski: „Herr Konsistorialrat, können Sie Bolsch (polnisch)“? „Nein“ antwortete der Gefragte. „Sieh da! Einen kann diesen Sprach, andern kann jenen. Werden ich nicht predigen auf ebräisch, werden ich predigen auf Bolsch!“ – Das Examen in der Dogmatik war lateinisch. Examinator: Quot sunt peccata irremissibilia (unverzeihliche Sünden)? – Pogorzelski: Tria. Examinator: Quaenam? – Pogorzelski: chrisma, schisma et adulterium, Examinator: Quid est adulterium? – Pogorzelski: Quasi nesciatis! – Mangelte nun auch dem Examinanden die Kenntnis des Hebräischen, so war er doch im Übrigen nicht auf den Kopf gefallen. Konnte er auch nur gebrochen deutsch sprechen, so war er doch in einer ganz polnischen Gemeinde auf dem Platz. Er erhielt die Pfarrstelle in Kalinowen. Hier wurde er am 3. September 1780 eingeführt und ist daselbst am 27. April 1798 gestorben. Unter seinen polnischen Bauern waltete er wie ein Vater unter seinen Kindern. Seine Predigten waren derb, aber seinen Pfarrkindern verständlich. Seine Art zu reden und zu dichten zeigen die folgenden folgenden Bruchstücke, die uns mündlich überliefert sind:

 a)      Gedicht Pogorzelskis im Dunkeln gemacht:

 Ich sah in Dunkelheiten

Und dacht an Ewigkeiten.

Da kam ein Wanzker bunter

Ganz kühn den Wand herunter,

Kam nah’ mir vor’s Gesicht –

Da macht ich dies Gedicht.

 

Wir Menschen sind wie Wanzker,

Oft keck, oft kein Courage;

Sind oft recht dumme Hansker

Und doch von hoch Etage;

Sich gerne mögen zeigen,

Als wäre Wunder was

Und ist doch still zu schweigen

Von solchem Hochmutsspaß

 

Heißt mancher groß und edel,

Gar stolz herumspaziert,

Und hat doch nichts im Schädel

Von Tugend niks passiert.

Denn wenn man recht d’rauf achtet,

Ist kein Johanniswurm nicht,

Vielmehr nahbei betrachtet

Kommt Wanzker vor’s Gesicht.

 

Drum lasst euch gar nicht blenden

Von solchem Gloria!

Merkt ab, bis sich wird wenden

Die ganz’ Historia:

In kurzem geht’s bergrunter,

Denn Menschenleben rennt,

Oft ist man fix und munter, -

Und wie sieht’s aus am End?

 

Moral:

Einst kommen Ewigkeiten,

Wohl dem, der, wenn Tod winkt,

Hat gut Geruch bei Leuten

Und nicht wie Wanzker stinkt.

   

b)      Anfang einer Begräbnisrede, die Pogorzelski als Rektor gehalten:

 

O, weh! Dir Ortelburg’sch Gemein!

Du hast verloren den Pfarrer Dein,

Geschlossen ist das Auge tott,

Maul zu, was hat gelehret Gott!

 

So blüht im Garten Rosenstock;

Springt zu, frisst ab der Ziegenbock.

So fraß auch mitten im Lebenslauf

Der Tott den selgen Pfarrer auf.

 

Nun liegt er da auf Gottes Acker.

Pfui Tott! – Du Racker!

 Kreuz, Jammer und Elend sind die drei Windhunde menschlichen Lebens, mit was wird Mensch gehetzet und gejaget, wie Asen auf Batolomäusjagd. Quid est vita humana? Was ist menschlich Lebben ? – Menschlich Lebben ist Theerpaudel am Wagen: schlicker und schlacker, schlicker und schlacker, bums! – liegt auf de Erde. Item quid est vita humana? Was ist menschlich Lebben ist baufällig Strohdach ; kommt Wind, pardauz ! – fällt um!  usw.

 c)      Anfang einer Predigt: „Liebe Gemeind! Ich will euch heute predigen von Nuß, nicht von Hasselnuß, auch nicht von Wallnuß, auch nicht von Betrübnuß und Ärgernuß und Kümmernuß, sondern vom heiligen Johannus“.

 So derb und komisch diese Gedichte und Reden des masurischen Sonderlings auch klingen, es ist doch nicht zu verkennen, dass ihnen eine tiefe, ernste Wahrheit zu Grunde liegt. Seinen polnischen Bauern versteht er in anschaulichen Bildern die richtige Eitelkeit alles Menschlichen und Irdischen vortrefflich ans Herz zu legen. Wenn man in den sonstigen Leichenreden des 18. Jahrhunderts so viel schwülstige und endlose Höflichkeitsphrasen findet und so viel vom „Strahlenglanz der menschlichen Tugenden“ liest, hat Pogorzelski wohl recht, wenn er sagt:

 „Wir Menschen sind oft dumme Hansker,

Und doch von hoch Etage“.

 Haben wir den originellen Pogorzelski als Vertreter masurischen Humors kennen gelernt, so liefert uns wiederum folgende Anekdote ein Beispiel von der großen Begeisterung der Masuren für die Musik:
Ein Fleischermeister in Angerburg übergab seinem Lehrburschen 100 Gulden, um in Ogonken einen Ochsen zu behandeln und zu kaufen. Der Bursche kommt mit seinen 100 Gulden in die Nähe des Dorfes. Da klingt aus der Ferne ein lieblicher Ton an sein Ohr: Es ist ein Brummbaß, Violin und Klarinet. Sie spielen einen Tanz. Ganz hingerissen von diesen Tönen springt der Bursche ins Wirtshaus. Da hüpfen fröhliche Paare vor seinen Augen, sie haben ihre Klumpschuhe ausgezogen und tanzen mit um so größerer Behendigkeit auf Woczen. Sofort zieht er seine schweren Stiefel aus und mischt sich auf Strümpfe in die Reihen der Tanzenden. Ach wehe, die Musik verstummt. Die Musikanten nehmen ihre Instrumente und wollen abziehen, sie haben ja noch eine Hochzeit in Gr. Strengeln mit Musik zu versorgen. "Bleibt hier!" schreit der Bursche. - "Wir können nicht" ist die Antwort. - "Was wollt ihr haben?" - "Wir müssen fort!". Da schleudert  der Bursche seine 100 Gulden auf den Tisch und ruft: "Das ist euer, wenn ihr mir diesen einen schönen Tag die Nacht hindurch spielt!" Jetzt ist das Musikantenherz überwunden. Sie bleiben und die ganze Nacht gehts in derselben Weise. Der Morgen graut. Der Bursche tritt vor seinen gestrengen Lehrherrn: "Du bist lange fortgeblieben! Wo ist der Ochse ?" "La,la,la" ist die Antwort des Burschen, indem er die Melodie trillert, die er während der ganzen Nacht gehört und wovon noch seine Seele ganz erfüllt war. "Bist du toll?" Wo ist das Geld?"  "La, la, la, la" ist die Antwort. Der Meister packt den Burschen mit kräftiger Faust und verabfolgt ihm die wohlverdienten Podoschki (Hiebe). Aber auch unter Schmerzen tröstet der Bursche seine Seele mit der lieblichen Zaubermelodie. Der Meister begehrt von den Eltern des Burschen Schadenersatz. Es kommt zum Prozeß. Der junge Musikfreund steht vor den Schranken des Gerichts. "Hast du von deinem Meister 100 Gulden bekommen?" - "Ja"- "Solltest du dafür einen Ochsen kaufen?" - "Ja"- "Hast du das getan?" - " La, la,la,la" antwortet der Bursche und singt seine Melodie. "Wo hast du das Geld gelassen?" - "La,la,la,la!" - Der Richter konnte mit dem Burschen nichts anfangen. Er mußte wegen musikalischen Irrsinns aus der Haft entlassen werden. Dies ist der Ursprung des in hiesiger Gegend allbekannten Hundertguldentanzes.
Wie gerne unsere Masuren singen, weiß jeder, der einem polnischen Gottesdienste in Masuren beigewohnt hat. Alle die zahlreichen Melodien des Gesangbuchs sind ihnen bekannt. Und wie kräftig, fröhlich, fest sie singen. Erhebend und tief ergreifend klingt's, wenn eine große polnische Gemeinde ihre Lieblingsmelodien anstimmt. Da tönt's wie ein rauschendes Meer durch das Gotteshaus: O, Jesusie zbaw ma duße (O. Jesu rette meine Seele! (oder: Pola juz biale (Das Feld ist weiß, der Ähren Häupter neigen).

 

Die Einwanderung der Schotten

Nicht nur Polen, sondern auch Schotten fanden in Angerburg gastliche Aufnahme. Schon im 15. Jahrhundert waren Schotten mit ihren Laken (Tüchern) nach Danzig gekommen, wo sie das bis heute (1888) sogenannte "englische Haus" erwarben, doch die eifersüchtigen Danziger Kaufleute sperrten dieses Handelshaus mit Ketten ab. Im Jahre 1588 gab der Polenkönig der Stadt Elbing das Recht, schottische Kaufleute aufzunehmen. Nun blühte Elbings Handel sichtbar empor, denn diese Schotten zeichneten sich durch ihre Redlichkeit, Klugheit und Fleiß sehr vorteilhaft aus. Im 17. Jahrhundert finden wir Schotten in vielen Städten Preußens, z.B. in Memel (wo heute (1888) noch die eine Kirche "Schotten-Kirche" genannt wird), Bartenstein, Schippenbeil, Insterburg u.a.m. Aber diesen Einwanderern wurde die Niederlassung allenthalben erschwert, am meisten in Rastenburg. Hier hatte im Jahre 1612 ein Johann Starcovius eine Spott- und Schmähschrift auf "die schottische Nation" verfaßt und verbreitet. Die in Rastenburg ansäßigen Schotten wandten sich an den König Jacob von Groß-Brittanien und dieser beschwerte sich wieder beim Kurfürsten in Berlin. Die Rastenburger mußten alle verbreiteten Exemplare dieser Schmähschrift an die Regierung bei Vermeidung von Strafe abliefern. Der Verfasser Starcovius mußte widerrufen, wurde trotzdem laut Urteil des Hofgerichts mit dem Schwerte hingerichtet. Gleichwohl nahm die Stadt Rastenburg die Schotten nicht als Bürger auf, denn die "Willkühr" der Stadt Rastenburg setzte Cap. III, § 4 fest:

"Es soll keinem Schotten allhier zu Rastenburg alter Gewohnheit nach das Bürgerrecht gegeben werden."

In Folge dessen wanderte der Schotte Daniel Wilson 1626 nach der benachbarten Stadt Angerburg, wo man duldsamer war. Später zog Thomas Hamilton ihm nach und erwarb bereits 1646 von Michael Link ein Mälzenbräuergrundstück. Am bekanntesten ist hier die schottische Familie Anderson. Wilhelm Anderson kam 1648 nach Angerburg und kaufte von George Wilson ein Mälzenbräuergrundstück. Es war ein sehr betriebsamer Mann, denn er übernahm auch die hiesige Eisenfabrik, welche bis zu ihrer Zerstörung durch die Tartaren 1657 am Orte blühte. Von dem großen Vertrauen, das sich dieser Mann hier erworben, zeigt der Umstand, daß er bald "Rathsverwandter" wurde. Sein Sohn Thomas Anderson wurde sogar Bürgermeister und starb 1710 an der Pest. Auch dessen Sohn Bernhard Anderson war Bürgermeister hierselbst. Großer Kinderreichtum zeichnete diese Familie von  jeher aus. Viele tüchtige Geistliche hat sie unsere Provinz geschenkt. Nachkommen dieser Angerburger Bürgermeisterfamilie Anderson leben noch (1888) in Ostpreußen. Der eine ist Pfarrer zu Schönfließ, im Kreise Rastenburg, und dessen älterer Bruder Eduard Hermann Johannes Anderson ist Präzentor in Popelken. Letzterer hat eine kulturhistorische Erzählung "Thomas Anderson" verfaßt, deren Örtlichkeit die hiesige Stadt ist, und die sich durch historische Treue, volkstümliche Sprache und lebhafte Schilderung auszeichnet und uns die Menschen, die hier in Angerburg und Umgegend vor 200 Jahren gelebt haben, so vorführt, als ob wir sie mit unseren leiblichen Augen vor uns sehen. Leider ist das Manuskript dieser hochinteressanten Erzählumg noch nicht gedruckt.

 

 

Die Einwanderung der Salzburger

Von großem Segen für Litauen und Masuren war die Einwanderung der Salzburger, welche vom katholischen Erzbischof Firmian um ihres evangelischen Glaubens willen aufs blutigste verfolgt, 1732 in Preußen gastliche Aufnahme fanden. Jedoch zogen die meisten Salzburger vor, sich in Litauen anzusiedeln, da ihnen Masuren zu unwirklich schien. Als der Steuerrat Schulze aus Barten auch den hiesigen Magistrat aufforderte, sich zu erklären, ob und wie viel an Knechten, Mägden, Tagelöhnern, Lehrjungen und Handwerkern in Angerburg gebraucht würden, erbat sich die Stadt 48 Personen, und ließ sie am 03. Oktober 1732 von Königsberg abholen. An diesen Fremdlingen nahmen die Angerburger den innigsten Anteil und bereiteten ihnen einen großartigen Empfang. Die ganze Bewohnerschaft ging ihnen im festlichen Aufzuge entgegen. Die Geistlichen, der Magistrat, die Lehrer mit ihren Schulen zogen den Ankömmlingen entgegen und führten sie zum Königsberger Tor unter dem Gesang des Liedes: " Der Herr ist mein getreuer Hirt" in die Kirche, wo ihr Einzug unter dem Gebet und Gesang gesegnet wurde. Unter den Salzburgern, die sich in hiesiger Stadt niederließen, finden sich in den Kirchenbüchern die Namen: Leitner, Asdecker, Empacher, Mittelsteiner, Brandsteter u. a. m.

Ein ausführliches Kapitel zu den Salzbuger Immigranten wird später erstellt.

So sind es also sechs verschiedene Nationalitäten, die sich im Laufe der letzten drei Jahrhunderte in hiesiger Gegend vermischt haben: Preußen, Litauer, Deutsche, Polen, Schotten, Salzburger. Alle sind jetzt ein Stamm.

 

Auszüge aus dem Buch von Superintendent H. Braun 1888 (s. Seite: Pfarrer)