Der "Hobel", sein trockener Humor und die "Säuferliste"

Erinnerung an Angerburgs Gatstätten von Gerhard Freundt

Ein Musikautomat, aber in kleinerer Ausführung als das Prachtstück im Mühlenkrug, bot auch den Gästen der "Hobelhalle'', in der Theaterstraße Nr. 4, im Bedarfsfalle musikalische Unterhaltung. Immerhin war jenes "Tonmöbel" noch so groß wie ein "Vertikow". In dem wesentlich kleineren Raum entwickelte es eine solche Lautstärke, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Doch wer hatte damals in Angerburg schon Nerven? Im Gegenteil! Der Krach gehörte damals zu einer gemütlichen Feierstunde und war bei den Angerburgern dann genau so beliebt wie heute phonstarker "Beat" bei vielen Jugendlichen.

Die Hobelhalle trug ihren Namen nach dem Wirt Emil Milkuhn, dessen Spitzname "Hobel" war. Von Hause aus Tischlermeister, mußte er wegen einer Krankheit seinen Beruf aufgeben und wurde Gastwirt. Aus Liebe zu seinem erlernten Beruf und "für alle Fälle" lagerte sein Tischlerwerkzeug, wie Sägen, Meißel, Hobel und Hobelbänke, noch jahrelang in einem Hinterhäuschen, wo es im Laufe der Zeit dem Staub, dem Rost und der Vergessenheit anheimfiel. Nur noch der Spitzname "Hobel" erinnerte an den einstigen tüchtigen Handwerksmeister. Ein transparentes Wirtshausschild mit aufgemaltem Hobel prangte über der Tür des Hauses und wies dem Suchenden den Weg.

Die Berufsumstellung muß unserem guten "Hobel" nicht leicht gewesen sein. Sie ist ihm sicher sehr nachgegangen; denn er entwickelte mit der Zeit einen bärbeißigen Charakter und gab sich nur zu gern als "grober Gottlieb". Ansonsten war er ein anständiger, grundehrlicher Kerl mit gutmütig-kindlichem Gemüt, geachtet und geehrt von seinen hauptsächlichsten Stammgästen, den Männern der Freiwilligen Feuerwehr.

Wenn die Angerburger im gemütlichen Freundeskreis beisammen saßen und sich bei ihrer Wortkargheit nichts zu sagen hatten oder nicht ihr Herz ausschütten wollten, mußten sie singen. Ihre gemeinsam gesungenen Lieder offenbarten hierbei all das, was zuvor in ihren Herzen schlummerte.

In der "Halle" des Hobel wurde besonders viel und gern gesungen" denn der Nachbar, der musikalische Drechslermeister Gustav Gille, brauchte nur herübergerufen zu werden, um mit seiner Ziehharmonika dem Gesang die harmonisierende instrumentale Untermalung zu geben. Wem dann die Musik die Brust befreit und der Alkohol die Zunge gelöst hatte, der gab einen Sologesang zum besten. Der Hobel sang selbstverständlich das bekannte "Hobellied" und tat das mit einer Inbrunst, die seinen ganzen Jammer ob des ihm verpatzten Berufes wiedergab; denn auch bei ihm hatte das Schicksal den Hobel hart angesetzt.

Bei alledem hatte der Hobel seinen trockenen Humor nicht ganz verloren. An einer Wand hatte er ein Schild befestigt, auf dem in kunstvollen Buchstaben zu lesen war:

Tatsächlich lag hinter dem Ofen nichts weniger Gewichtiges als eine alte Wagenrunge. Wer sie hervorholen wollte, sah sich schon unter dem Gelächter der anderen Gäste angeführt: Der Hobel hatte die Wagenrunge mittels einer starken Kette untrennbar mit der Wand verbunden.

Und noch ein Späßchen erwartete den Gast in der Hobelhalle:

Damals wurde in Angerburg auf Grund einer Anordnung des Magistrats eine "Säuferliste" geführt, in der diejenigen aufgeführt waren, denen der Alkohol lieber war als das Wohl ihrer Familie. Diese Liste mußten die Gastwirte, jedem zugänglich, im Schankraum aushängen. Es war den Gastwirten untersagt, an die darin aufgeführten Personen geistige Getränke zu verabfolgen. Dieser Anordnung des Magistrats kam dann auch jeder Gastronom mehr oder minder diskret nach.

Bei Hobel hing nun neben dem Schanktisch gar ein in Leder gebundener Umschlag, auf dem in goldenen, gut sichtbaren Lettern das Wort "Säuferliste" stand. Nahm nun ein Neuling unter den Gästen diese Säuferliste zur Hand und schlug neugierig den Deckel des Umschlags auf, dann erblickte er zum Gaudium der Zuschauenden in einem Spiegel sein eigenes Gesicht. Dennoch war der Hobel der Anordnung des Magistrats nachgekommen: Die amtliche Säuferliste steckte, sorgfältig zusammengelegt, in einem Täschchen h i n t e r dem Spiegel.

Hobel hatte zwei Töchter. Lieschen, die ältere, heiratete einen Herrn Basemann, den ehemaligen Oberkellner des Schloßhotels.

Als dann der wackere Hobel sein Hobellied ausgesungen hatte, wurde Basemann der neue Wirt der Hobelhalle, die er im Sinne seines Schwiegervaters weiterführte.