RESTAURANT "HÖHE 304"
Den Landsern eine Oase - dem Herrn Superintendenten ein Greuel

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

An der Königsberger Straße am Kirchenberg gab es ein weiteres Lokal mit einem nicht alltäglichen Namen. Es hieß "Höhe 304" und gehörte zuletzt dem Gerbermeister Schmidtke aus der Litauer Straße, der das Grundstück für seinen Sohn, einen gelernten Kaufmann, erworben hatte. Zu diesem Lokal gelangte der Gast von der Königsberger Straße aus über eine verhältnismäßig steile, hohe Treppe.

Im ersten Weltkrieg fiel es manchen Soldaten schwer, nach ihrem Dienst diese hohe Treppe zu erklimmen, ehe sie in der Gaststätte zu ihrem Bier und Schnaps kamen: Mit ihren beim Feldzug in Frankreich kaputtgeschossenen Knochen taten sie in Angerburg doch noch ihren Dienst als Garnisonverwendungsfähige, kurz mit "g. v." bezeichnet. Mit dem Galgenhumor der Landser gaben sie nun diesem Lokal den Namen des Berges, um den sie mit den französischen Soldaten schwer gekämpft hatten und von dem sie, wenn auch schwer verwundet, noch einmal davongekommen waren: "Höhe 304".

Bald war dieser Name in aller Munde. Dem Rechnung tragend und als Hinweis für Fremde, prangte dann auch bald über der Treppe eine Ampel mit der weithin sichtbaren Aufschrift: Höhe 304. Kaum ein Angerburger, und vielleicht nicht einmal der Wirt selber, wußte später, was sich einst auf der Höhe 304 abgespielt hatte. Aber unser Herr Superintendent wußte es!

An einem Sonntag lenkte der Herr Superintendent seine Predigt auf die Gedankenlosigkeit der Menschen und auf das Unheil, das sie damit anrichteten, selbst hier in Angerburg. Er sprach von den schweren Kämpfen in Frankreich, bei Verdun, an der Marne und an der Somme, wo Tausende von Vätern und Söhnen kämpften, verbluteten und starben. So, sagte er, sei es auch auf der Höhe 304 gewesen. Und nun, fügte er erbittert hinzu, gäbe man ausgerechnet in Angerburg einer Amüsierkneipe den Namen dieser Höhe, um die soviel Leid geschehen sei. Und das in der Nähe unserer Kirche, in der Mütter, die um ihre gefallenen Söhne, Kinder, die um ihre gefallenen Väter trauerten, sich versammelten, um für ihre Gefallenen zu beten. -

Stillschweigend wurde bald darauf das Wirtshausschild mit der anstoßerregenden Aufschrift entfernt; aber der Name blieb weiterhin in aller Munde, und jeder Angerburger wußte nun endlich ganz genau, wo sich die "Höhe 304" befand.

Wieder einmal meinen Urlaub in Angerburg verlebend, suchte ich auch die "Höhe 304" auf. Ich traf dort Hans Schmidte, Bernhard Riemer, Paul Stasch und noch ein paar Altersgenossen, mit denen ich einst die Schulbank gedrückt hatte. Beim Bier und beim Wein gedachten wir vergangener Zeiten und sangen spontan - trotz unserer eigenen "goldenen zwanziger Jahre" - "Aus der Jugendzeit". Aber auch manches andere Volks- und Heimatlied wurde von uns angestimmt. Als wir damit am Ende waren, brachte ich meinen ehemaligen Schulkameraden die letzten Schlager zu Gehör, die ich in Königsberger Kabaretts, direkt an der Quelle großstädtischen Lebens, aufgeschnappt hatte. Das imponierte meinen Freunden gewaltig; aber sie wollten sich nicht geschlagen geben.

"Kennst du die neueste Angerburger Nationalhymne? " fragten sie mich. Als ich das verneinte, sangen sie im Chor nach der sentimentalen Melodie des Küchenfenster-Gesanges "Spinn, spinn, mein Mägdelein" folgende Verschen:

An, um, in Angerburg,
Lötzen, Lyck, Johannisburg,
Nikolaiken, Rudczanny
-
Trinken kann man spät und früh.

Trink, trink, trink aus dein Glas

und bestell' noch einmal 'was;

Denn man trinkt drei Tage durch
In Lötzen, Lyck und Angerburg.

Nun ja, eine weitere Lage Bier spendierte ich noch für diesen ermunternden Gesang; - aber "drei Tage lang" habe ich es selbst im Kreise unserer trinkfreudigsten Angerburger nie geschafft.