Unsere jüdischen Mitbürger

 Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, daß im Rahmen dieser Seiten ungeachtet ihres zahlenmäßig geringen Anteils an der Bevölkerung des Kreises auch über unsere einstigen jüdischen Mitbürger berichtet wird. Die meisten der jüdischen Landsleute wohnten in der Kreisstadt und waren Gewerbetreibende. Die Anzahl der Juden betrug in Angerburg nach dem Deutschen Städtebuch, Bd. 1, S. 25: 1816 = 3, 1839 = 16; 1849 = 28, 1885 = 65, 1902 = 57, 1921 = 40, 1937 = 35. In der Königsberger Straße, Ecke Alter Markt, besaß Max Radinowski das wohl größte Textilgeschäft „E. Jaruslawsky". Am Alten Markt lag das Schuhgeschäft seines Bruders Albert Radinowski. Beides waren alt eingeführte Geschäftsunternehmen. Albert R. war aktives Mitglied der Schützengilde. Alfred Simon besaß einen Schuhwarenladen, der auch in der Königsberger Straße lag. Bis in die dreißiger Jahre bestand das Manufakturwarengeschäft von Simon Cohn, Inh. Georg Cohn. Die Gattin von Georg C. sang als Sopranistin im Frauenchor und wirkte bei Aufführung großer Chorwerke in der Evangelischen Kirche mit. Ihr Mann hatte das Geschäft von seinem Vater übernommen. Dieser war bis in den Ersten Weltkrieg hinein Ratsherr und eine geachtete Persönlichkeit unserer Stadt. Sein ältester Sohn Felix, als Offizier hoch ausgezeichnet, fiel schon in der ersten Zeit des Ersten Weltkrieges. Ein Geschäft für Berufsbekleidung besaß gleichfalls in der Königsberger Straße Kurt Katzki. Am Holzmarkt betrieb Isidor Arschinowitz einen ambulanten Textilhandel. Joseph Lehmann, Bahnhofstraße, betätigte sich als Pferdehändler. Das gleiche gilt von Daniel Friedmann, Gumbinner Straße, einem sehr patriotisch gesonnenen Mann und mit seinem weißen Haar eine würdige Erscheinung, der daneben auch mit Rohprodukten handelte. Weiter ist Siegmund Kari zu nennen, der ebenfalls Produktenhändler war. Als Dentist wirkte am Alten Markt Charles Levy. In Rosengarten lebte die Kaufmannsfamilie Bohm, die dort ein Ladengeschäft betrieb, und in Possessern (Großgarten) Familie Pscherowski mit gleicher Tätigkeit. Schließlich sei noch Familie Löwenstein genannt, die in dem kleinen Ort Jorkowen (Jorken) ein Kolonial- und Manufakturwarengeschäft betrieb. Damit sind wohl alle in unserem Heimatkreis ansässig gewesenen jüdischen Familien aufgezählt. Was ist das Schicksal dieser jüdischen Mitbürger? Die Bemühungen um Klärung hatten nicht den vollen Erfolg. Die Israelische Botschaft in der Bundesrepublik und Irgun Olej Merkas Europa, die Organisation der aus Mitteleuropa kommenden jüdischen Einwanderer in Israel, konnten trotz aller Bereitwilligkeit hierbei nicht helfen. So war man weitgehend auf Informationen durch Privatpersonen angewiesen, die aber aufgrund ihrer Beziehungen zu den jüdischen Landsleuten als ziemlich zuverlässig gelten dürften. Den größten Teil der jüdischen Bürger traf in der Zeit des Hitler Regimes ein unsagbar trauriges Los. Zunächst Geschäftsboykott, Verstoßung aus der Gemeinschaft, Herabwürdigung, Kennzeichnung durch den aufgenähten Davidstern, dann Misshandlungen, Erschießungen, Vergasung oder Tötung auf andere Art - das war das bekannte Schicksal dieser schwergeprüften Volksgruppe. In der so genannten „Kristallnacht" (8. November 1938) kam es, nachdem die anwesenden jüdischen Männer verhaftet worden waren, zu Übergriffen. Nur wenige haben sich vor dem infernalischen Treiben rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Das gilt von der Familie Georg Cohn, die noch früh genug nach Brasilien hat auswandern können. Wenn die Quellenangabe zutrifft, hat sie dort eine Existenz als Farmer gefunden. Simon Cohn und Frau waren bereits vor 1933 verstorben. Der Verbleib des jüngst Sohnes Bruno (Rechtsanwalt) und der Tochter Elly von Simon Cohn unbekannt. - Auch Katzki hat sich dem Zugriff entziehen können, und zwar durch Emigration nach den USA. 1972 ist die Familie nach Israel umgesiedelt. - Dentist Levy, der kriegsbeschädigt und mit einer Christin (Tochter des Schlossermeisters Schulz) verheiratet war, wurde während des Krieges gezwungen, nach Königsberg umzuziehen. Dort haben Levys die bösen Jahre trotz zeitweiliger Gefängnishaft und darauf folgender Schikanen der verschiedensten Art, die sich auch auf die Kinder erstreckten, überlebt. Die Familie war nach der Besetzung Königsbergs durch die Russen in einem erhalten gebliebenen Hause der Batockistraße. Während Sohn Bernd und Tochter Traute nach einem Zwischenaufenthalt in Berlin mit den Eltern nach den Vereinigten Staaten ausgewandert sind, ist die älteste Tochter Marlo, die mit einem Juden verheiratet war, mit ihrem Mann u einem 3/4 Jahr alten Säugling in Auschwitz umgekommen. Charles Levy ist etwa 1967 verstorben. - Das Ehepaar Friedmann hat sich nach zuverlässigen Angaben mit Sohn Siegbert und dessen Ehefrau Eva, einer Tochter von Max Radinowski, noch rechtzeitig nach Auckland (Neuseeland) retten können, während der Sohn Bruno, der sich nach Berlin gewandt hatte, im Osten umgekommen sein soll. - Pferdehändler Lehmann, dessen Frau schon in der Heimat verstorben war hat in Berlin, wo er - wie viele andere Juden - vor dem Zugriff sicherer zu sein hoffte, durch einen Sturz von der Treppe den Tod gefunden. Sohn Leo konnte 1939 mit Familie nach London flüchten während Tochter Clara, die mit einem Nichtjuden verheiratet war, das teuflische Treiben in Berlin überlebte; Tochter Betty hatte schon 1934 eine Zufluchtsheimat in den USA gefunden. - Albert Radinowski u Frau hofften, ebenfalls in Berlin besser untertauchen zu können vergeblich. Beide Eheleute sind von dort nach dem Osten weggebracht worden und umgekommen. Unbestätigten Aussagen zufolge sollen von Landsern gesehen worden sein, wie sie in Polen zur Erschießung (oder Vergasung?) transportiert wurden. Drei Kinder von Albert haben in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat finden können, dagegen haben der Ehemann und der Sohn der Tochter Selma das übliche traurige Ende gefunden. - Von Berlin weggebracht wurde ferner Max Radinowski; er soll auch vergast worden sein. Seine Gattin hatte zuvor den Freitod gewählt. Die Kinder konnten dem Inferno entrinnen. Tochter Ulla lebt jetzt in Brasilien, ihr Bruder in Neuseeland. Von Tochter Eva war schon oben die Rede. - Umgekommen (damit ist immer gewaltsame Tötung gemeint) ist mit dem Sohn auch das Ehepaar Alfred und Tilly Simon, geb. Jaruslawsky. - Das gleiche Schicksal traf die Eheleute Arschinowitz. Der Sohn Joe lebt in Philadelphia (USA). - Siegmund Kari konnte nach England entkommen. Ob dies auch der Ehefrau, die zunächst in einem Lager in der Nähe von Berlin lebte, gelungen ist, konnte nicht ermittelt werden. Der älteste Sohn Alfred ging nach landwirtschaftlicher Ausbildung nach Palästina. Der Sohn Erich war auch in der Landwirtschaft tätig, weiteres wurde über ihn aber nicht bekannt. - Familie Pscherowski ist dem Zugriff durch Flucht nach Amerika entgangen und lebt jetzt in New York. - Das Schicksal der Familien Löwenstein und Bohm ist unbekannt. Von einer Tochter der Familie Bohm weiß man, daß sie in San Francisco (USA) lebt.

Es ist ein schreckliches Schicksal, das durch den Wahnsinn eines ausrottungswütigen Regimes das Judentum und damit auch die jüdischen Mitbürger unseres Kreises getroffen hat. Ehrbare Landsleute sind einem unbarmherzigen, sadistischen Treiben zum Opfer gefallen. Die begangenen Schandtaten sind ein schwarzes Blatt in der deutschen Geschichte. Wir aber wollen den jüdischen Miteinwohnern unseres Heimatkreises ein ehrendes Gedenken bewahren.

Bericht von Otto Sadlack (mit Angaben von Josef Smuda und Martha Levy, geb. Schulz), aus E. Pfeiffer"Der Kreis Angerburg" 1973

Es folgen Ergänzungen, mitgeteilt von Andrzej Zubkowicz:

Von Berlin weggebracht wurde ferner Max Radinowski; er soll auch vergast worden sein. Seine Gattin hatte zuvor den Freitod gewählt.
Max Radinowski kam am 3.02.1943 von Berlin nach Auschwitz und ist dort umgekommen (Quelle: Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, Freie Universität Berlin, Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung, Edition Hentrich, Berlin 1995).

An anderer Stelle schreibt Otto Sadlack:
Siegmund Kari konnte nach England entkommen. Ob dieses auch der Ehefrau gelungen ist, die zuletzt in einem Lager in der Nähe von Berlin lebte, konnte man zunächst nicht ermitteln. Klara Kari, die Frau von Siegmund, ist auch am 20.04.1943 in Auschwitz umgekommen. Sie wurde von Neuendorf abtransportiert.

Eine Information über Frau Mathilde (Tilly) geborene Jaruslawsky (*1889 in Angerburg) erhielten wir von Alfred Simon:
Sie wurde am 1.03.1943 von Berlin nach Auschwitz transportiert und ist dort umgekommen (die Informationen aus derselben Quelle wie oben bei Max Radinowski).