BRAUEREIAUSSCHANK "KINDERHOF"
Die unerwünschte "Selbstbedienung". - Die "Hauspolizei"

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

In der Gründungsurkunde unserer Stadt vom 4. April 1571 wurde 50 Grundstücken die Brauereigerechtigkeit zugesprochen. Noch beim Einzug des Generals v. Katte mit seinen Kürassieren im Jahre 1718 hatte Angerburg 50 Brauhäuser. Von all diesen Brauereien blieb im Laufe der Jahrhunderte nur noch eine bestehen. Sie befand sich in dem Hause Litauer Straße Ecke Töpferstraße. Das Bier, das hier gebraut wurde, war gut und preiswert. Ein ganzer Liter kräftigen Braunbieres kostete nur 12 Pfennige ! Es war so nahrhaft und wurde so geschätzt, daß es in den Haushaltungen zur Bereitung der Speisen vielfältig Verwendung fand: Karpfen, Schleie und Bleie in Bier waren schmackhafte, beliebte Mittagsgerichte, und zum Abendbrot gab es Biersuppen in allen Variationen. Selbst die Angerburger Schweine wurden von dem abgestandenen sogenannten Leckbier schwer und fett und boten dem Schweinemäster Baltruschat in der Theaterstraße eine sichere Existenz.

Nach dem Tode des Braumeisters Müller, der nur eine Tochter hinterließ, erwarb die "Brauerei Kinderhof-Gerdauen" das Grundstück. Sie braute nicht mehr in Angerburg, sondern errichtete hier eine Niederlage für das "Kinderhöfer" Bier. Den Vertrieb dieses Bieres übernahm zunächst ein Herr Siegel, dann Herr Gauer, der später das Restaurant an der gegenüberliegenden Ecke der Töpferstraße bewirtschaftete.

Den Brauereiausschank führte Hans Flötzinger, ein Sohn des Fleischermeisters Flötzinger vom Alten Markt. Hans heiratete Grete, die Tochter des Fleischermeisters Behrend aus der Töpferstraße.

Hans Flötzinger fiel im 1. Weltkrieg, und Grete, seine Frau, führte dann allein den Betrieb tatkräftig weiter. Sie war - wie man sagt - zugleich hinten und vorn, sie arbeitete von früh bis spät in die Nacht, werktags wie sonntags, und war durch ihre immer gleichbleibende Freundlichkeit bei allen Gästen außerordentlich beliebt, so daß sie, wie eine mütterliche Freundin, bei ihren zahlreichen Stammkunden nur noch "die Grete" hieß.

Wenn Grete im Hinterstübchen arbeitete oder in der Küche wirkte, kam es schon einmal vor, daß ein eiliger Gast im vorderen Schankraum hinter die Theke ging und zur Selbsthilfe schritt. Was heute eher erwünscht ist und zunehmend üblich wird, das war damals streng verpönt: Man betrachtete eine Selbstbedienung als einen Einbruch in althergebrachte; geheiligte Rechte oder auch Gastgeberpflichten. Auch der Grete paßte diese Art der Warenübernahme nicht, - und so konnten die Gäste über ihrem Schanktisch folgenden Spruch lesen:

Die Gäste, an Gretes strenges Regiment gewöhnt, richteten sich dann auch willig nach dieser Hausordnung. Außerdem hatte die Grete ja auch noch ihre eigene Hauspolizei; denn nach dem Tode ihrer Schwester heiratete sie ihren Schwager, den angesehenen Stadtwachtmeister Waschkowski. Es war für die einheimischen Gäste immer ein Vergnügen zu beobachten, wie ein paar Radaubrüder, die es hin und wieder unter den "Fremdarbeitern" gab, plötzlich artig wurden, wenn - wie zufällig - Waschkowskis stattliche Gestalt in der Uniform der Stadtpolizei aus dem Hintergrund auftauchte.