Zeichnung aus dem Buch von Braun

 Superintendent Herrmann A. Braun: "Aus der Masurischen Heimat"
Kapitel 13 zur Kirchengeschichte (um 1900)

Das selten schöne, massive Sterngewölbe unserer Kirche mit seinen kühnen, gotischen Bogen und der reiche, altertümliche Schmuck am Altar und an der Kanzel haben oft selbst Bau- und Kunstfachverständige vermuten lassen, das die Kirche aus dem Mittelalter stamme. Doch ist ihr Grundstein erst im Jahre 1605 gelegt, nachdem man mit den nötigen Vorbereitungen zum Bau schon drei Jahre früher begonnen hatte. Die hiesigen Amtshauptleute, Graf Johannes Friedrich zu Dohna und sein Nachfolger Andreas von Kreytzen, führten den Bau in 6 Jahren aus. Ihnen zum ehrenden Andenken sind die Wappen der Adelsfamilien Dohna und Kreytzen von einem Steinhauer für 30 Mark in Stein gehauen, über der Hauptpforte in den Turm eingemauert. Die Einweihung der neuen Kirche erfolgte im Jahre 1611 durch den Pfarrer Christoph Kaulperschke. Die Mittel zum Bau lagen zum größten Teil in der Kirchenkasse bereit, welche durch einzelne Wohltäter in eine günstige Lage versetzt worden war. Hatten doch der "Knecht" des Herrn von Bildern, die Ursula Koziol, der Dachdecker Hans und der Zimmermann Philipp" der Kirche ihr Vermögen durch Testament vermacht. Den Armen wird das Evangelium gepredigt, sagt der Heiland, und die Armen sind der Kirche daher auch am dankbarsten. Waren diese Vermächtnisse auch nur kleine Summen von 12 bis 80 Mark, so bekam man doch damals schon für 6 Mark 1000 Ziegel. Außerdem waren in der Kirchen 1117 1/2 Mark Kapitalien vorhanden. Diese hatten die Kirchenväter in 21 kleineren Posten von 5 bis 200 Mark zu 5 Prozent ausgeliehen, freilich nicht auf Grundstücke, sondern auf die Treue und den Glauben des Mannes. Hatten doch die Grundstücke in unserer Wildnis einen verschwindend geringen Wert. Unter den Darlehnsempfängern finden sich außer dem Pastor Wisotzki, der für 10 Mark sicher schien, die Kirchenväter selbst und die Dorfschulzen.

Mitten im Kirchenbau traf die Gemeinde ein schweres Unglück. Eine furchtbare Feuersbrunst im Frühjahr 1608 legte fast den ganzen Ort in Asche. Auch die alte Kirche, das Pfarrhaus, die Kaplanei, die Schule, das Rathaus und noch andere öffentliche Gebäude gingen in Flammen auf. Zum Wiederaufbau der Stadt mußte auf Befehl des Kurfürsten Johann Friedrich das ganze Land Beisteuer zahlen. Die Mittel zur Wiederherstellung des Pfarr- und Schulgebäudes hatten die Kirchenväter im ganzen Lande zusammen zu betteln. Der Kurfürst bevollmächtigte sie durch ein eigenhändiges Schreiben, das noch im hiesigen Pfarrarchiv (um 1900) aufbewahrt wurde.

Im Jahre 1609 machten sich die vier Kirchenväter aus Angerburg auf die Reise, fuhren von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, überall mit großen "Mitleiden und Erbarmen" aufgenommen. Sie durchstrichen das ganze Land, über Oletzko, Lyck, Arys, Johannisburg, Sensburg, Ortelsburg, Passenheim, Soldau, Neidenburg, Osterode, Pr. Holland nach Königsberg und von hier über Schippenbeil und Rastenburg nach Hause. Fürwahr, ein schwerwiegendes Opfer, das diese Leute der Kirche geleistet. Nach fünfmonatlicher Abwesenheit im Mai desselben Jahres kehrten sie heim. Ungefähr 340 Mark hatten sie zusammengeschnurrt. Jeder Geber hatte seinen Namen mit herzlichen Wünschen für unsere Kirche oder frommen Denksprüchen ins Kollektenbuch eingetragen, z.B.:

"Kirchengehen säumet nicht,
Almosen geben armet nicht,
Unrecht Gut gedeihet nicht",

und ähnliche Verse. Die größte Gabe war die des Johannisburger Amtshauptmannes, Freiherrn zu Eylenburg, von 20 Mark. Einige hatten freilich nur aus christichem Erbarmen ihren Beitrag gezeichnet, aber nicht gezahlt. Die Engelsteiner und Rosengarter Kirche waren ihren versprochenen Beitrag von 20 resp. 15 Mark nach 16 Jahren schuldig geblieben. Der schwere Geldsack, den die Kirchenväter bei ihrer Heimkehr ausschütteten, enthielt ein buntes Gemisch der verschiedensten Geldsorten aus aller Herren Länder, wie sie bei der damaligen Münzverwirrung im Lande umherliefen. Noch reicher als ihr Kirchensäckel war der Schatz von Erlebnissen, Neuigkeiten und Abenteuern, welche die kollektierenden Kirchenväter heimbrachten, wovon sie ihr ganzes Leben lang gezehrt haben mögen. So kommt aus Tränensaat, Freudenernte. Noch eine andere große Freude erwuchs dem Orte aus seinem Unglück. Der neue Kurfürst Johann Sigismund kam gleich nach seiner Thronbesteigung mit seiner jungen Gemahlin hierhin, überzeugte sich persönlich von dem Elend der Stadt und beschenkte sie und unsere Kirche reichlich.
Die neue Kirche erhielt einen spitzen Turm. Er ist ein beträchtliches Stück höher als heute gewesen; doch die Schindeln, womit er gedeckt war, hielten nicht lange vor. Er wurde daher 1636 neu belegt, wozu man 24 Zentner Blei gebrauchte, die laut Kirchenrechnung 651 Mark 16 Schilling kosteten. Auch der Bleibelag hielt nur etwas über 100 Jahre vor. Es war ein Umbau des Turmes schon wieder 1741 nötig; seine Vollendung mit der noch heute vorhandenen Turmfahne geschah 1743. Der heutige Turm hat die Form einer achtkantigen Laterne, das Zeichen der Aufklärungszeit, und rührt diese Gestalt aus dem Jahre 1826 her (Die Anfertigung der Turmspitze in Gestalt einer Laterne kostete 656 Taler (Bauunternehmer Raulin). Die Bedeckung mit Schiefer geschah durch den Schieferdecker Wehres 1862). Dreimal fuhr der Blitz auf unseren Turm nieder. Das erste Mal, am 18. Juli 1671, riß er ein Stück Mauer ein und schmolz die Orgelpfeifen; das zweite Mal, am 11. Mai 1711 zertrümmerte er einige Balken und Orgelpfeifen,; das dritte Mal, am 16. August 1745 zerschmetterte er die ganze Ostseite und verursachte einen Schaden von 1000 Gulden, die auf die Reparatur verwendet wurden.

Auch die Glocken im Turm haben ihre Leidensgeschichte. Freilich das eine Glöcklein, das die Inschrift "Jesus Maria" hat, und das man beim Brand der alten Kirche gerettet hatte, dient bis heute als Beicht- und Gebetglocke und ruft noch immer an jedem Morgen die Schuljugend ans Tageswerk. Aber die große Glocke, die man in den neuen Turm hing, barst schon 1633. Man gab zwar dem Martin Philipzig 1 1/2 Mark Reisegeld und schickte ihn zum berühmten Glockengießer Dornmann nach Königsberg, um guten Rat einzuholen; doch es war keine andere Hilfe als Neuguß einer anderen Glocke. So ist denn unsere große herrliche Glocke entstanden, die bereits 250 Jahre lang ihren Dienst zu Gottes Ehren treulich verrichtet hat. Ihr Geburtstag ist der 19. Januar 1638 11 Uhr Mittag, ihr Gebutsort das Kreuztor in Königsberg. Meister Michael Dormann bekam dafür 1170 Gulden. Viel Silber und edles Erz ist in ihren Adern geflossen, das hört man an ihrer wohlklingenden Stimme. 122 Stein wiegt diese edle Sängerin, und mußte daher ein Frachtwagen mit 6 Pferden bespannt werden, um sie heimzuholen. Als sie hier am 18. Februar desselben Jahres ankam, entstand ein großer Auflauf, denn ein jeglicher wollte sie sehen. Zwei Tage brauchte man, und viel Anstrengung kostete es, sie auf ihren hohen Stuhl zu setzen. Am 22. Februar desselben Jahres um 1 Uhr Mittags ließ sie zum ersten Male ihre Stimme erschallen. Um die Krone trägt sie die Inschrift:

"Lobet ihn mit vollklingenden Zimbeln!
Durchs Feuer bin ich geflossen.
Michael Dormann in Königsberg hat mich gegossen."

Im Saum der Glocke steht der Vers:

"O Gott, laß dir befohlen sein
Die Glock und auch die Kirche dein,
Daß viele kommen nach diesem Klang
Zur Kirch zu deinem Loc und Dank.
Für große Gefahr sie auch bewahr
Auf viele Zeit und lange Jahr!"

Dieser Wunsch ist, Gott sei Dank, in Erfüllung gegangen. Nur in ihrer Jugend widerfuhr ihr ein Mißgeschick. Es war der 19. Juli 1658 ein Uhr Mittags, als man durch ein gewaltiges Krachen und erschütterndes Getöse erschreckt wurde. Der Glocke war beim Läuten das Ohr abgebrochen und stürzte sie, alles Gebälk zerschmetternd, nieder, ohne sich jedoch großen Schaden zu tun. Schon am 5. Oktober desselben Jahres war sie wieder mit einem neuen Ohr an ihre alte Stelle gebracht und konnte abends um 5 Uhr wieder geläutet werden. Sie ist in alten Zeiten häufiger gezogen als heute. Es gab früher kaum ein Ereignis im häuslichen wie im öffentlichen Leben, welches nicht seinen Wiederhall oben im Glockenturm fand, wie es bei Schiller heißt:

"Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhängnis bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiter klingt!"

Wie man auf den Hartknoch'schen <bilde sieht, hatte die neue Kirche weder Apsis (Altarraum) noch Seitenflügel, dafür aber war auf demselben Platz unmittelbar hinter dieser noch eine zweite kleinere Kirche für die polnische Gemeinde erbaut, ist jedoch 1717 nicht mehr vorhanden. Am Anfange des 18. Jahrhunderts scheint die polnische Kirche abgebrochen und aus ihrem Material die Apsis gebaut zu sein. Weil die Kirche schon damals für die große Gemeinde zu klein war, bat Probst Helwing den König Friedrich Wilhelm I., als er 1729 unsern Ort besuchte, um ein Gnadengeschenk. Er bewwilligte zur Erweiterung der Kirche 2000 Taler, und so entstanden die Seitenflügel, durch welche unser Gotteshaus die Gestalt einer Kreuzkirche erhielt.

Der heutige Altar ist seit 1611 bereits der dritte. Der erste stand von 1611 bis 1632, in welchem Jahre ein neuer für 800 Gulden angeschafft wurde. Letzterer wurde 1651 der Engelsteiner Kirche für 500 Gulden verkauft und steht daselbst noch heute. Der jetzige ist 1652 in Königsberg angefertigt und zeichnet sich durch einen großen Reichtum an sinnbildlichen Figuren und kunstvollem Schnitzwerk aus. Er wurde in den Tagen vom 16. bis 18. Juni 1652 hier aufgestellt und an einem Donnerstag nachmittags um 3 Uhr fertig. Auf ihn legte man ein kostbares, mit Silber beschlagenes, in rotem Sammet gebundenes Kirchenbuch (noch um 1900 im Pfarrarchiv aufbewahrt), ein Geschenk des Amtshauptmannes Hans von Kreytzen, der darin eigenhändig den frommen Wunsch schrieb, daß "der Allerhöchste Gott die Kirche Angerburg nach dem Inhalt und Anleitung dieses Kirchenbuchs bei der wahren Evangelischen Augsburger Confession bis an den jüngsten Tag erhalten, auch vor sonstigem Unglück bis an das Ende der Welt gnädiglich bewahren möge." Auch die alte " Bettmutter Elze vom Schloß" gönnte sich die fromme Freude, "ein schwarzes Tüchlein mit Silber genehet uffn Altar zu verehren." Aus christlicher Liebe schickte auch der Amtshauptmann von Oletzko, Balzer Fuchs, unserer Kirche eine silberne Weinkanne, die leider nebst drei silbernen Obstschalen im Jahre 1877 für 120 Mark verkauft ist, weil die hiesige Kirchenkasse ganz verarmt war.

Von den fünf Kronleuchtern, die heute in unserer Kirche zu sehen sind, haben drei den Doppeladler, eine Erinnerung an die Zeit der polnischen Lehnsherrschaft. Der älteste Kronleuchter ist ein Geschenk der hiesigen Schuhmacher. Daß dieselben nicht nur kunstvolle Schnabelschuhe, sondern auch schöne Verse zu fertigen verstanden und sich also ihrem berühmten Kollegen Hans Sachs in Nürnberg  als würdigen Zunftgenossen zur Seite stellten, bezeugt die auf ihrem Kronleuchter vorhandene poetische Inschrift:

"Gottes Wort und Luthers Lehr
vergehet nun und künftig nimmermehr.
Gleich wehr es allen Ketzern leidt,
So bleibt es doch in Ewigkeit.
Ein erbar Werk des Schustersfron
Thut verehren diese Leuchterkron
Diesem Gotteshause zu Ehren
Auch allen die Gottes Wort gern hören.
Und seint gewesen zu der Zeit
des erbaren Werks Elterleut:
Martin Schelewa der erste ist,
Heinrichs Nöltke sein Cumpan zu der Frist
Urban Blum und Wilhelm Bierfreund
diese beide zugeordnet Beisetzer seindt.
Gegeben eintausend sechshundert und zehn Jahr für war
Am vierzehnten Tage des Monats IV. s.
Eben Gott verleihe uns allen
nach diesen das ewige Leben."

Zwei Engel halten das Schuhmacherwappen. Den zweiten Kronleuchter schenkten am 11. Juni 1633 die hiesigen Bäcker. Es sind deren 14 namentlich angeführt, während sich heute bei der dreifachen Einwohnerzahl nur 7 Bäcker nähren können. Aber je mehr Bäcker desto größer und länger die Semmeln, die, was ihre Länge anbetrifft, sich zu den heutigen wie Goliath zu David verhalten. Der dritte Kronleuchter, ein Denkmal der 17 Zichner und Leinweber aus dem Jahre 1638 trägt die Inschrift: " Das Wort Gottes ist der Baum der Weisheit und das ewige Gebot ist ihre Quelle Eccl. 1,15.

Ehe du was unterwindest dich,
so such voerst Gottes Reich täglich,
sein Wort zu hören nicht veracht;
so du betest, thu' es mit Andacht".

Die blühende Leinweberzunft ist vor dem Dampf der modernen Fabriken verschollen, aber die frommen Sprüche auf ihrer Lichterkrone gelten heute noch als bare Münze in Gottes Reich.

Nin aber lasset die Musika hören, was sie uns von ihrer Geschichte zu erzählen weiß. Das herrlichste Musikinstrument, das jetzt ausschließlich im Dienste Gottes und der christlichen Gemeinden steht, die Orgel, hat sich senfkornartig entwickelt. Bis ins vorchristliche Altertum reichen ihre ersten Entwicklungskeime. Schon bei den Griechen und Römern verband man mehrere Pfeifen zu einem Blasintrument. Um die menschliche Lunge zu schonen, verband man diese Pfeifen mit einem ledernen Schlauch, den man unter dem Arm haltend drückte, um durch die zusammengepreßte Luft die Pfeifen tönen zu lassen. Dann machte man noch größere Pfeifen und bediente sich des Wassers, um Luft in die Pfeifen zu bringen. So entstand die Wasserorgel. Als Erfinder der Orgel wird Archimedes zu Syrakus, wohl richtiger Ktesibius, ein Mechaniker aus Alexandrien, angeführt. Der Kaiser Nero war ein großer Liebhaber der Wasserorgel. Ungefähr im 7. Jahrhundert nach Christo wurde aus der Wasserorgel die Windorgel die durch einen Blasebalg mit Luft gefüllt wurde. Vor 1100 Jahren trat diese Windorgel zuerst in den Dienst der Kirche. Karl der Große stellte eine solche im Aachener Dom auf. Schon um die Mitte des 10. Jahrhunderts war ein großartiges Orgelwerk in der Benediktinerkirche zu Winchester in England mit 400 Pfeifen, 26 Blasebälgen, welche von 70 kräftigen Männern getreten werden mußte.
Die Tasten der ersten Orgel waren so breit, dick und schwer, daß sie mit kräftiger Faust niedergeschlagen werden mußten um einen Ton von sich zu geben. Die Spieler hießen deshalb Orgelschläger. Die Klaviatur hatte nur höchstens 10 Tasten, und dennoch waren zum Orgelspiel mehrere Orgelschläger nötig. Verschieden ist die Stellung der christlichen Konfessionen zur Orgel gewesen. In der orientalischen Kirche ist die Orgel nie in Gebrauch gekommen. Auch die römisch-katholische Kirche war auf dem Konzil zu Trient nahe daran, die Orgel aus der Kirche zu entfernen, hat sie aber damals doch auf Verwendung des Kaisers Ferdinand behalten. Die päpstliche Kapelle in der Petrikirche zu Rom hat sie bis heute noch nicht zugelassen. Die Reformierten haben bekanntlich im Bildersturm auch die Orgeln zertrümmert. In der lutherischen Kirche behielt von Anfang an die Orgel ihre unbestrittene Bedeutung. Die lutherische Kirche hat diesem Instrument seine großartige Ausbildung und Vollkommenheit geschaffen und den größten Orgelspieler aller Zeiten hevorgebracht: Johann Sebastian Bach.

Da die Kräfte der Angerburger Gemeinde beim Kirchenbau von 1605-1611 erschöpft waren, konnte man sich auch nur eine kleine Orgel, ein sogenanntes Positiv, anschaffen. Solbald man sich aber etwas erholt hatte, ging man an die Anschaffung einer großen Orgel. Das alte Positiv verkaufte man 1650 an den Oberleutnant von Bodenbruck für 315 Mark, die er freilich schuldig blieb. Die Pump- und Schuldenwirtschaft war in alter Zeit noch schlimmer wie heute. Die der Kirche schuldigen Dezemsreste waren im Jahre 1664 bis auf 4510 Mark angewachsen. Den Bau der neuen Orgel übergab man dem Orgelbauer Joachim Thiele aus Rastenburg. Derselbe baute daran von 1647 Johannis bis 1648 Simonis Judä, und fertigte sie mit 25 Stimmen für 1000 Taler. Die Schutzflügel, die auf beiden Seiten der Orgel mit Gemälden versehen, zugleich zum Schmuck dienen, ließ der Amtshauptmann Johann von Kreytzen im Jahre 1651 durch die Maler Johann Großmann und Merten Küßner für 1000 Gulden herstellen. Es ist noch heute unsere Orgel nach 240 Jahren immer ein stattliches Werk mit kräftigen Stimmen. Sinnbildliche Figuren dienen ihm zur Zierde. Bis vor kurzem stand freilich nur der harfenspielende König David mit zwei Engeln auf dem Posten. Weil nun auf den Beichtstühlen mehrere Propheten und Engel untätig standen, sind für sie im Jahre 1895 die nötigen Musikinstrumente, Geigen, Flöten, Trompeten, vom hiesigen Kaufmann Specowius gekauft, und also ausgerüstet, ist diese heilige Schar als Musikchor dem König David zugesellet, um unseren Kantor im Musizieren zu helfen. Wer zählt alle die frommen Lieder, die nun schon 240 Jahre lang auf dieser Orgel gespielt, all die andächtigen Ohren und Herzen, die von ihren weichen, lieblichen Tönen erbaut wurden! Aber ach, wie viel ohr- und herzzerreißende Töne sind ihr auch schon entlockt!

Was führten doch unsere Kantoren in alter Zeit für ein geplagtes Leben! Man höre und staune! Herr Joachim Wedecke war (1626-1640) hierselbst Schulmeister, Kantor, Organist, dazu Notarius (Rechtsanwalt), Stadtschreiber und Vizebürgermeister - alles zu gleicher Zeit in einer Person (Von allen diesen Ämtern erhält Herr Wedecke 1657 eine Pension von 6 Mark 15 Schilling). Wer macht's ihm heute nach? Herr Organist und Kantor David Schmidt (1672-1677) war zugleich Stadtrichter. Nun denke man sich einen solchen Mann, der eben ezliche Räuber an den Galgen befördert oder etliche Diebe mit mehreren Schock Peitschenhieben bedacht hat, noch tönt in seinen Ohren das Schmerzensgeheul der bestraften Spitzbuben, da läuten die Glocken, und er muß ans "heilige Werk", und während vor seiner Seele das Bild des eben an den Galgen gehängten Bösewichts steht, spielen seine Finger das Lied: "Liebe, die du mich zum Bilde". Da läßt sich denken, wie fein säuberlich die Orgel behandelt ist.

Im vorigen Jahrhundert sitzt ein ausgezeichneter Musiker, der Kantor Johann George Waldeck (seit 1712 Kantor in Goldap, von 1716-1737 Kantor in Angerburg, verheiratet, Vater von zwei Töchtern) auf der Orgelbank, um der Gemeinde zum Gottesdienst zu spielen, aber fortwährend greifen seine Finger falsche Tasten, oder er zieht die unrichtigen Register auf, oder er spielt eine ganz falsche Melodie. Die Gemeinde murrt und die Geistlichen schelten. Alle Welt wundert sich, was mit dem Manne vorgegangen sei; denn er zeigt sich seit einiger Zeit ganz verändert. Er ist so menschenscheu, träumerisch und zerstreut. Auch in der Schule macht er alles gedankenlos und verkehrt, und an dem sonst so vorzüglichen Schulmanne läßt die Jugend ihren Übermut aus. So bald er nach Hause kommt, schließt er sich ein und treibt hinter verschlossenen Türen geheimnisvolle Dinge. Viele, die an seiner Wohnung neugierig gelauscht, haben lautes Zischen, Hämmern und Klopfen gehört. Ja der arme Kantor war aufs Goldmachen geraten. In einer Zeit, wo selbst Kaiser und Könige an diese Kunst glaubten und sich von Betrügern Jahrelang täuschen ließen, ist's dem Kantor zu Angerburg wahrlich nicht zu verdenken, wenn auch er, von dem Durst nach Gold gequält, sein Heil in der Alchymie suchte. Was sollte auch aus seinen beiden heiratsfähigen Töchtern werden? Ohne Geld und Gold fanden doch arme Schulmeistertöchter keinen Mann. Doch hören wir weiter den Berichterstatter Pisanski in seinen Preußischen Anekdoten (N. Pr. Provinzialblätter VIII, S. 41): " Weil Kantor Waldeck es in dieser Kunst zu großem Erfolge gebracht zu haben entweder meinte oder vorgab, so überredete er einen Kaufmann in Rastenburg, einen gewissen Hippel, daß er den Stein der Weisen gefunden habe und fügte das Versprechen hinzu, ihn in die Gemeinschaft dieser Erfindungen und des daraus zu erzielenden Gewinnes zu ziehen, wenn er ihm eine Summe Geldes borgte, die zur Fortbetreibung des Werkes notwendig wäre. Hippel ließ sich den Kauf von Rauch und Wind gefallen und ging darauf ein; sogleich zahlte er 1000 preußische Gulden ihm selbst sein stille aus. Damit jedoch die wechselseitigen Verrichtungen verschwiegen bleiben und Waldeck durch ein plötzliches Reichwerden nicht in den Verdacht käme, die Reichtümer unredlich erworben zu haben, so dachten sie folgende Gaukeleien aus. Hippel veranstaltete es, daß ein Brief von einem gewissen Zimmermann in Amsterdam unterzeichnet, durch Verwandschaft verbunden und schon seit vielen Jahren nach Ostindien ausgewandert. Durch den Brief aber bedeutete er ihn, daß er mit ungeheuren Gütern beladen nach Holland zurückgekehrt sey und Waldecken, wenn er noch unter den Lebenden sich befinde, zum Erben seines Vermögens durch eine letztwillige Bestimmung verschreiben wolle; einstweilen schenkte er ihm alljährlich tausend preußische Gulden, welche er für das erste Jahr laut beigefügtem Geldbrief von Hippel empfangen würde. Da war niemand in Angerburg, der nicht dem Manne zu dem unverhofften und glücklichen Geschick Glück wünschte, denn alle wollten ihm wohl. Er selbst aber, was nicht von allen  gebilligt wurde, dankte die Kantorstelle ab und fing an, den Scheitel höher zu heben, herrlich und in Freuden zu leben und in der Genossenschaft von Schmeichlern und Schmarotzern nur Vergnügungen nachzuhangen. Inzwischen sind einige Wochen verflossen, als von Neuem ein Brief ins Haus fliegt, von Zimmermann wie verlautet, in Amsterdam ausgestellt. Durch ihn ladet er Waldecken ein, ihn, den von Alter und Mühseligkeiten Niedergebeugten, der dem Tode nahe sei, des Baldigsten in Holland zu besuchen. Es hat keine Weile. Er befestigt von Jubel und Glückwünschen überschüttet den Wagen, um die Reise, wie er sagte, geradenwegs nach Amsterdam zu richten. In der Kirche an einzelnen Sonntagen ergießt man sich in öffentlichen Gebeten für seine glückliche Abreise und Rückkunft. Die zurückgelassene Gattin und ihre Töchter machen bald Besuche, bald empfangen sie solche und durch andere Zerstreuungen suchen sie sich den Schmerz über die Abwesenheit des Ehegemahls und Vaters zu erleichtern. Doch plötzlich ändert sich die Szene. Nach und nach sehen sie ihre Kasse zusammen schmelzen und sie nicht durch neue Zugänge vermehren. Die geschmälerte Habezwingt die Segel einzuziehen und was sonst als Schlden zu machen. Es hört auf die Zutätigkeit der Freunde, es hören auf die gegenseitigen Gastgebote, es hören auf die öffentlichen Ehrenbezeugungen. Mangel an allem zwingt sie den Unterhalt und zwar einen genugsam schmalen durch Handarbeit zu suchen. Briefe, welche mittlerweile an die Gattin gerichtet von Waldecks Hand ankommen, sind voller Klagen mit dem Bericht, daß die Reise von ihm umsonst unternommen sei, indem Zimmermann aus Amsterdam verschwunden wäre und kein Nachforschen fromme, nach welcher Gegend er sich hingewandt habe. Sie sind voller Klagen über die Notdurft in allen Dingen, mit der Waldeck an fremden Küsten kämpfen müsse. Ein Gerücht, zuerst ohne Gewährschaft bricht  durch, bald macht eine glaubhafte Kunde offenbar, daß alles was bisher über Zimmermann und die von ihm zu ertwartende Erbschaft unter so annehmlichen Gerüchten verbreitet und bestätigt gewesen, reine Erfindungen von Waldeck und Hippel seien zu Verhehlung ihrer Heimlichkeiten. Es kommt ins Klare, das Waldeck keineswegs nach Holland abgegangen sei, sondern sich zuerst in Danzig, dann in Warschau verborgen gehalten und daselbst von Hippels Gelde unterhalten der Alchymie obgelegen habe. Hippel aber, da er sich von eitler Hoffnung genärrt und seinen Beutel ausgesogen sah, weigerte sich, Waldecken weiter Geld vorzustrecken, ja um der Beschimpfung zu emtgehen, leugnete er stets, mit ihm je in Verkehr gestanden zu haben. Waldeck fand daruf nirgend einen bleibenden Wohnsitz, hier und dort mherirrend, nach dem er durch seine alchymische Künste und Täuschereien sich und die Seinen zu dem Äußersten getrieben und dem öffentlichen Spott ausgesetzt hatte. Endlich nach etlichen Jahren in irgend einer Stadt in Pommern zu einem Schulamt befördert, erreichte er hier sein letztes Stündlein."

Fügen wir noch eine andere tragikomische Geschichte hinzu, die sich auf der Orgelbank zu Angerburg zugetragen hat. Im Jahre 1826 erklärte der Kantor Weininger, die Orgel sei in so schlecjtem Zustande geraten, daß es darauf zu spielen nicht mehr möglich sei. Behufs Wiederherstellung derselben hält er in hiesiger Stadt eine Kolekte. Dieselbe ist höchst dürftig: 9 Th. 21 Sg. kommen ein. Die beiden Bürger Bolle und Rehan sind über den geringen Ertrag so entrüdtet, das sie in die Sammelliste einschreiben: "Man muß das heilige Werk einfach in den Stand setzen und die Kosten auf die ganze Gemeinde verteilen." Da findet sich zufällig scon nach drei Tagen ein polnischer Orgelkünstler aus Wirballen, Namens Woicichowslki hier ein. Er rühmt seine Kunst und gibt vor, die berühmtesten Orgeln der Welt gebaut zu haben. Für 1000 Gulden wollte er auch die Angerburger Orgel zur herrlichsten Orgel im ganzen Lande machen. Geld brauche er nicht und könnenlange Jahre warten, bis die Summe allmählich durch Dezemseinnahmen eingekommen sei. Wer war glücklicher als Angerburgs Kirchenvorsteher! War doch ein so nobler Mann ihnen bisher in ihrem Leben noch nicht vorgekommen. Sofort schließen die Kirchenväter Raulien und Maschke mit Woicichowski den Kontrakt ab. Nun holt der Orgelbauer aus Polen sein Weib und seine Kinder und läßt sich am Orte nieder. Bevor er jedoch an sein Werk herangeht, erklärt er, ihm fehle das Geld, um sich die nötigen Materialien anzuschaffen, sei er doch durch unvorhergesehenes Unglück seines Vermögens beraubt. Durch seine Bitten gerührt, geben ihm die Kirchenvorsteher sofort zwei Drittel des Betrages. Kaum ist dieses geschehen, so kommt auch schon ein gerichtlicher Befehl aus Rössel, durch welchen Woicichowskis Gläubiger auf die an ihn zu zahlende Summe Arrest legen lassen. Die Kirchenväter erschrecken; da sie aber nachweisen daß sie ihm seine Arbeit schon bezahlt haben, das letzte Drittel seiner Forderung aber kaum zur Anschaffung der Materialien hinreicht, wird der Arrestbefehl erfolglos. Nun geht Woicichowski langsam an sein Werk heran. Kaum hat er aber die Orgel auseinander genommen, so fleht er auch schon wieder die Kirchenväter um das letzte Drittel seines Honorars an und droht, er müsse sonst die in ihre Teile zerlegte Orgel im Stich lassen, um irgendwo eine andere Arbeit zu suchen und sich vor dem Hunger zu retten. Jetzt sind die Kirchenväter aber fest und verweigern die Zahlung des Restes. Der Orgelkünstler erläßt jetzt einen Aufruf an alle Wohltäter der Stadt und bettelt die "Honoratiores" um milde Gaben an, man möge ihm "in seinem traurigen Schicksal einen Nutzen geben" und möge bedenken, daß er "das allerschönste Orgelwerk mit Aufopferung seiner Gesundheit herstelle." So nährte sich der polnische Künstler durch Betteln und Borgen lange Zeit. Allmählich kommt auch die Orgel in Ordnung und soll wieder gespielt werden. Da zeigt Woicichowski den Kirchenvätern im Oktober 1827 an, daß "der Kantor Weininger die Orgel durchaus nicht spielen kann, ohne das dieses schöne mit größter Mühe verfertigte Kunstwerk dodal rugeniert werde." Der Kampf zwischen Orgelbauer und Kantor erbrannte aufs heftigste. Als die Orgel das erste Mal gespielt werden soll, stehen beide wie zwei Kampfhähne an der Orgel sich gegenüber. Kaum hat der Geistliche seine Predigt beendigt und Amen gesagt, so springt Woicichowski auf der Orgelbank, um Weininger fortzudrängen. Aber gleichwie eine Gluckhenne ihr Küchlein vor dem Habicht schirmet,also der Kantor seine Orgelbank: "Hie sitze ich und lebend weiche ich nicht einen Finger breit!" Sein Gegner befiehlt ihm "das Maul zu halten." Es kommt zu einem heftigen Ringen. Schon scheint unser Kantor den dicken, rothaarigen Orgelmeister unterzukriegen, da springt dieser fix an die Orgelpfeifen und zieht sie schnell auf. Laut heulen und brausen in wildem Chaos die Orgelstimmen durch die Kirche und lassen eine Musik ertönen, daß sich die Gemeinde entsetzt die Ohren zuhält. Aber diese häßliche Störung im Gottesdienst war nicht das letzte Ende der Geschichte. Der Zweikampf zwischen den beiden streitenden Orgelmännern teilt alsbald Stadt und Gemeinde in zwei Kriegslager. "Hie Weininger, hie Woicichowski" lautet die Losung. Die einen nehmen Partei für den Orgelbauer, die anderen für den Kantor. Die Kantorpartei, in welcher sich die Gemeindevertreter vom Lande befanden, verlangt sofortige Entfernung Woicichowskis, weil er die Orgel ruinier, nicht repariert habe. Die Gegenpartei, von den Kirchenvorstehern angeführt, dringt auf Absetzung des Kantors, weil er zum Orgelspiel unfähig sei, sich auch oftmals von den Schulknaben Bolle und Sachitzki im Orgelspiel vertreten lasse und die Polnische Chöre deutsch singe. Endlich kommt es dahin, daß man zur Abnahme der Orgel und zugleich zur Prüfung des Kantors im Spiel den Musikdirektor Hermes aus Gumbinnenbestellt. Da ist's dem polnischen Orgelbauer nicht mehr geheuer, und er verschwindet vor der Orgelabnahme plötzlich bei Nacht und Nebel, viele Schulden und getäuschte Gläubiger zurücklassend.

Einer der letzteren war der Kirchenvorsteher Raulien. Er hatte sich von Woicichowski das letzte Drittel seiner Forderung an die Kirchenkasse in Höhe von 133 Talern abtreten lassen und diese Forderung weiter an den Kaufmann Degen in Königsberg cediert. Nun heben die Prozesse an. Degen verlangt Befriedigung von der Kirche und verklagt die Kirchenvorsteher. Diese suchen bei der königlichen Regierung Schutz und selbige erklärt die ganze Orgelreparatur und den mit Woicichowski abgeschlossenen Kontrakt für ungültig, weil alles ohne Genehmigung der Patronatsbehörde geschehen sei. Kaufmann Degen treibt den Prozeß durch alle Instanzen und verliert. Jetzt beginnt der Prozeß zwischen Degen und Raulin. 15 Jahre lang währen diese Prozesse. Die Forderung wächst von 133 Taler auf 329 Taler an. Endlich des Kampfes müde, suchen die Parteien gütlichen Vergleich und Versöhnung. Auch die Kirchenvorsteher lassen sich bewegen, einen Teil der Forderung Rauliens zu befriedigen. Von Woicichowski war keine Spur zu entdecken. Sachverständige erklärten, daß er die vorher herrliche Orgel ganz zerstört habe, und mußte dieselbe daher im Jahre 1850 mit einem Kostenaufwand von 616 Talern durch den Orgelbauer Scherweit aus Königsberg vollständig umgebaut werden. Am schlechtesten fuhr bei diesem Orgelstreit Kantor Weininger. Für das Orgelspiel seiner Schulknaben wurde ihm eine Strafe von 30 Mark auferlegt. Gebrannte Kinder scheuen das Feuer. Der schrecklichste aller Schrecken blieb ihm bis an sein Lebensende ein Orgelbauer. Sobald er daher im Jahre 1847 hörte, daß man wieder die Orgel in Stand setzen wolle, suchte er sofort seine Pensionierung nach (Er starb den 10. November 1869 im Alter von 86 Jahren).

Außer der Orgel diente der Kirche schon im 16. Jahrhundert ein Musikchor mit Blas- und Streichinstrumenten unter Leitung eines dazu angestellten Kirchenmusikus (musicus instrumentalis). Dieser bekam aus der Kirchenkasse ein Gehalt von 18 Talern und von jeder Dorfschaft ein Fuder Kalendeholz, das billigste Zahlungsmittel jener Zeit; außerdem hielt er alljährlich einmal einen Umzug in Stadt und Land, "circuitus", um sich seine Nahrung zusammenzublasen. Die Instrumente waren Eigentum der Kirche. Schon zu seinen Lebzeiten hatte der Kupferschmied Thomas Merkisch die heute noch vorhandene Kesselpauken der Kirche geschenkt; als er 1695 starb, vermachte er der Kirche 100 Gulden zur Beschaffung von Musikinstrumenten, und wurden letztere dann dem Kapellmeister Rehann übergeben. Dieselben waren noch 1835 vorhanden, doch schon im unbrauchbaren Zustande (Das Inventarienverzeichnis von 1835 zählt auf: 3 Trompeten, 4 Posaunen, 2 Violinen, 2 Mundstücke, 1 Violoncelle). Wenn im Jahre 1617 der Musikus Fahrenwald sich ein Denkmal in der Kirche durch Verehrung eines bunten aus Holz fein geschnitzten Sternes setzt, scheint er bessere Nahrung gehabt zu haben als ein Jahrhundert später sein Kollege Tetterau. Dieser stöhnt über sein jammervolles Hungerleben und die bösen Landleute, welche ihm das Kalendeholz seit mehreren Jahren schuldig geblieben wären und verschwindet dann 1752 plötzlich ohne Sang und Klang. Nachdem die Stelle eines Kirchenmusikus länger als 100 Jahre unbesetzt geblieben war, sorgte der als Musikfreund und ausgezeichneter Klavierspieler in weiten Kreisen rühmlichst bekannte Superintendent Paulini im Jahr 1855 für Wiedereinführung der Instrumentalmusik bei Festgottesdiensten (Der hiesige Kapellmeister Haase, der eine vorzüglich geschulte Musikkapelle, vieleicht die beste in der ganzen Provinz besitzt, erhält laut Kontrakt 60 Mark für die Begleitung des Gemeindegesanges an Festtagen. Wegen der großen Fülle der Kirchenbesucher an den Feiertagen ist die Orgel zur Leitung des Gesanges zu schwach).

Von jeher herrschte in hiesiger Kirchengemeinde ein reges Musik- und Gesangesleben. Wohlgeschulte Kirchenchöre erbauten die Gemeinde mit ihren mehrstimmigen Liedern. Das hiesige Pfarrarchiv enthält eine reich Fülle teils geschriebener, teils gedruckter alter Liederbücher mit den alten dickköpfigen Noten. Die Deckel sind mit altem Pergament beklebt. Einige gedruckte Titel klingen zu naiv und komisch: "Gallus Dreßlers Außerlesene Teutsche Lieder mit vier und fünf Stimmen ganz lieblich zu singen und auff allerley Instrument zu gebrauchen. Folgen hernach Teutsche Weltliche Liedtern mit viere, Fünff, sechs und acht stimmen - 1580."- "Musikalischer Leute Spiegel, welcher sich vor ehrliche Leute wohl darf sehen lassen von einem deutschen Spaniol - 1687." - "Daniel Selichs Opus novum Geistlicher Lateinisch und Teutscher Concerte und Psalmen Davids nebenst dem Basso continuo vor die Orgel, Lauten, Chitaron x Also daß dieselbe nicht allein in Fürstl. Kapellen, sondern auch in andern wohlbestallten Stadtkirchen nach Beliebung füglich können gebraucht und Musiciert werden." u.a.m.

Dem Inhalte nach enthalten diese Liederbücher entweder geistliche Lieder meist in lateinischer Sprache, aber auch weltliche deutsche Volkslieder. Letztere zeigen uns, was unsere alten Vorfahren gesungen haben, und sich frohe und heitere Stunden zu schaffen. Den Frauen hingen sie die Tugend "zentnerweise an und sangen zu ihrem Lobe:

"Ein schönes Bild ganz liebelich,
Gütig, mild, holdseelig,
Freundlich, treu
Wie auch dabei
Von Art sehr zart und fein
Seynd unsre Weiberlein.
Leutseligkeit und aller Tugend Preis
hängt an ihnen Zentner weis'
Wie auch Barmherzigkeit, wie sie oftmals gethan
An manchen Mann
Und zwar sogar an dem,
Der liebet ihr Gebrehm -"

In knapper Zeit machten sie sich Lust und Mut zum "Krautfressen und sangen:

"Auff meiner weiß will ich hinauß
Und laß die vöglein sorgen.
In meinem hauß
Kein ratz noch mauß:
Der Wirt der muß mir borgen.
Hab ich nit Visch auf meinem Tisch,
Gwonete speiß thut wole,
So friß ich kraut,
Fült mir d' Hundshaut.
Nun geh mir auß den Bonen.
Wils Gott so sol ins alter kein
gelt bei mir nit schimlicht werden.
raum auff, spar nichts, daß ist mein sitt 
und ist mein brauch auf erden.
Es gilt dir ein helt sieben stein,
unbt kost er gleich ein Kronen,
so sing ich doch mein Liedlein noch
nun geh mir aus den Bohnen".

Auch dem edlen Rebensafte widmeten die alten Vorfahren ihr Liedlein und sangen:

"Den liebsten Bulen den ich han
thut auß der rebn entspringen
er hat ein höltznes röcklein an,
macht mich lustig singen,
frischt mir das blut, gibt freyen mut,
als durch sein kraft und eigenschafft.
nun grüß dich Gott mein rebensaft".

Waren sie verliebt oder verlobt, dann sangen sie der Liebsten ein Ständchen in folgender Weise:

"Ach schönes Jungferlein, mein höchste schatz auf erden,
Du sollt mein eigen sein, so bald es nur kan werden.
So wollen wir freundlichen, lieblich und züchtiglichen
Ganz freundlich unser lebe zu bringen hier auf Erden.
Ach, das es bald möcht werden! -

oder:

"Ach, edles bild,
blitz nit so wild,
es kommpt die Zeit
die dich erfrewt.

leg hin die klag.
es bringts der tag.
das du dich wirst erfrewen.
grüß dich gott mein Ketterlein".

Die hiesige Gemeinde hat sich von jeher bis heute durch regen Kirchenbesuch ausgezeichnet. Es machte oft die größten Schwierigkeiten einen Sitz in der Kirche zu erlangen. Die Chöre waren von den Handwerkern besetzt, und hatte ein jegliches sein besonderes Chor; das eine Chor war für das Militär bestimmet. Unten saßen die Frauen und nahmen 296 Stände ein. Vor der Kanzel hatten die Ratsherrn ihren Platz. Um den Dorfschulzen eine besondere Auszeichnung zu verleihen, befahl 1752 König Friedrich II., daß ihnen "als kleine Distinction" die ersten vordersten Bänke einzuräumen seien. Für General Katt und seine Offiziere mußte die Kirchenwand am Altar durchbrochen und das "Amtsthor" angebaut werden. Als dann im Jahre 1781 die Kreis-Justiz-Kommission das hiesige Schloß bezog, nahmen die Gerichtsbeamten mit ihren Familien Besitz vom Amtsthor und wollten die übrigen Beamten nicht zulassen.  Zwar versuchten es die Kirchenvorsteher im Jahre 1825 auch den übrigen königlichen Beamten den Zutritt auf dieses Thor zu verschaffen, erhielten aber dafür vom Oberlandsgericht zu Insterburg einen derben Verweis: "Wir können uns ", so schreibt diese Behörde, "eine solche Anmaßung der Kirchenvorsteher nicht gefallen lassen." 

Dem reichbegüterten Herrn Christian von Schlieben, dessen Besitzungen sich über die Kirchspiele Angerburg, Engelstein, Nordenburg und Dombrowken erstreckten, gelang es im Jahre 1715 nur durch eine Eingabe an Seine Majestät den König, sich hier einen Kirchenstand und ein Erbbgegräbnis zu verschaffen. Er schreibt an den König, daß "unter genannten vier Orten (Engelstein, Nordenburg, Dombrowken und Angerburg) ihm der wohleingerichteste Gottesdienst in Angerburg am besten gefall". 

Die Not macht die Leute erfinderisch. Da lebte hier um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Männlein, das den Stadtschreiberposten versah, Namens David. Weil er klein von Gestalt war wie sein berühmter Namensvetter, der König der Juden, wurde er beim Gottesdienste im Gedränge oft bei Seite geschoben. Das kränkte seine Würde und verursachte ihm schlaflose Nächte. Endlich hatte er's gefunden, wie diesem Übel abzuhelfen sei. Er erbaut sich mit Erlaubnis der Kirchenväter neben der Kirche eine kleine Klause, "10 Fuß breit und 24 Fuß lang in einem Winkel, wo sonst lauter Unreinlichkeit hingeworfen wird". Damit er mit seinem Weibe und mit seinen zahlreichen Kindern imstande wäre, die Predigt zu hören, so wird ein "kleines Loch in der Kirchenmauer gemacht, wodurch ja den Kirchenmauern nicht der geringste Schaden zufließt". Nicht wahr, ein origineller und schöner Gedanke! Wir freuen uns über den kleinen Zöllner Zachäus aus Jericho, der, um Jesum zu sehen, auf einen Maulbeerbaum stieg, aber nicht minder kann man sich über diesen kleinen Stadtschreiber David aus Angerburg freuen, der, um Jesu Wort zu hören, für sich und seine Familie eine Klause neben der Kirche baut. Schau, geneigter Leser, das liebliche Bild, wie sich das große David'sche Häuslein, Vater, Mutter und Kinder, in ihrer Klause an die kalte Kirchenmauer herandrängt und alle ihr Ohr zu der kleinen Öffnung in der Mauer hinhalten, um dem Wort der Predigt zu lauschen. So haben sie's gehalten viele Jahre und die Stadt hat davon keinen Schaden gehabt, sondern einen frommen, fleißigen, treuen und zuverlässigen Beamten. Als die Russen im Jahre 1758 Ostpreußen in Besitz nahmen und auch die hiesigen Bewohner der russischen Kaiserin den Huldigungseid leisteten, war David unter den wenigen Treuen, welche ihren dem Könige von Preußen geschworenen Amtseid nicht brechen wollten, sondern dafür lieber ins Elend gingen. Der treue Amtschreiber wurde daher seines Amtes entsetzt und in einer russischen Festung eingekerkert. Seine zuückgelassene Frau geriet in bitterste Not und verkaufte daher ihr Kirchenhäuschen 1761 an den Ratsverwandten Schöne. Von diesem ging es mit Schönes Grundstück im Jahre 1798 an die Landschaft über. Aber das Regenwasser, das vom Kirchendache herabfloß, verursachte dem Davidschen Kirchenhäuschen viel Schaden, so daß die Ziegel und Bretter verfaulten. So konnten denn im Jahre 1851 die Diebe durch diese Klause bequem in die Kirche einbrechen und stehlen. Da brachen die Krchenvorsteher die Klause ab und mauerten das Loch in der Mauer zu. Die Landschaft wollte sich den Abbruch nicht gefallen lassen und strengte gegen die Kirchen einen Prozeß an, wurde aber abgewiesen. So ist Davids Klause verschwunden, aber das Gedächtnis des Gerechten bleibt im Segen (Sir. 10,7).

Die äußeren Angelegenheiten der Kirche, namentlich die Bauten und Reparaturen, Dezemenseinnahme, das Ziehen der Kirchenlichte hatten die vier Kirchenväter zu besorgen. Dafür erhielten sie ein jeder ein Gehalt von 1 bis höchstens 2 Mark. Ihr zuweilen recht mühevolles Amt brachte ihnen aber auch frohe Stunden. Wurde die  Kirchenrechnung vom Herrn Amtshauptmann "abgehört", d. i. revidiert, oder wurden die Kirchenlichte gezogen, oder der Dezem eingenommen, dann hatten die Kirchenväter ein üppiges Leben; da gab es "vor Zehrung und Bier" sogar die hohe Summe von 9 bis 10 Mark. Sonst waren ihnen ihre Amtsbefugnisse recht spärlich bemessen. War an einem alten Ofen eine Kachel oder an einem Fenster eine Scheibe zerbrochen, so hatten sie als untertänigste Knechte solches erst höheren Ortes zu melden und die Genehmigung zur Ausbesserung des Schadens in tiefster Demut zu erflehen. Erst eine Verfügung vom 24. Okt. 1801 gestattet den Kirchenvorstehern kleine Reparaturen bis zu 2 Taler jährlich ohne zuvor eingeholte Genehmigung vorzunehmen. Wurde die Kirchenlade auch noch so strenge gehütet, die Kirchenväter in alter Zeit ließen sich doch nicht abhalten, zu gemeinnützigen und wohltätigen Zwecken recht bedeutende Ausgaben zu machen. Die Armen in Bentheim erhielten zu Salz und Schmeer, Fleisch und Bier erhebliche Unterstützungen. Jeder fahrende Mann und Exulant empfing aus der Kirchenkasse seinen Zehr- und Reisegroschen. So finden sich noch im Jahre 1703 zu Bentheim: "Ein aus Worms vertriebener;" " ein polnischer Edelmann Przemislowski;" "ein Michel Jablonski, Vertriebener Edelmann aus Ungarn;" "die Witwe M. Stärkin aus der Unterpfalz;" "eine russische Rittmeisterin, in Anna Latkowsin;" "eine Pfar.wittwe Engel aus Kurland;"  - also 6 vornehme Reisende, die jeder 36 bis 54 Schilling Reiseunterstützung aus der Kirchenlade erhalten. Außerdem unterstützt Benkheim in selbigem Jahre die Städte Etzlingen und Neustettin und 7 Kirchen (darunter Speier und Worm) mit Beiträgen von 1 -3 Mark. Den höchsten Unterstützungsbeitrag zahlte die Kirche zu Bentheim im Jahre 1697 für das "Neu angelechte Zuchthaus", nämlich 6 Mark.