Kleinkutten   (Przytullen)

 
Insthäuser in Przytullen 1918

Kleinkutten, nahe dem See „Kleine Kutte“ gelegen, hatte 1939 eine Flächengröße von 840,2 ha, auf der 231 Einwohner lebten. Letzter Bürgermeister war der Landwirt August Wittke. Kleinkutten gehörte zum Amtsbezirk Wiesental. Dessen letzter Vorsteher war der Lehrer a. D. Fritz Schikorra aus Kl. Strengeln. Als Ortsteil gehörte das Gut Karlsberg zu Kleinkutten.

Die Umbenennung von Przytullen in Kleinkutten erfolgte im Jahre1938. (Bis 1820 war für Przytullen auch die Bezeichnung Kutten, Kammergut gebräuchlich.)

Vorgeschichtliche Funde sind 1883 beim Chausseebau in der Nähe Przytullens entdeckt worden, und zwar mehrere Augenfibeln, 1 Arm- und 1 Fingerring sowie 1 Lanzenspitze auf einem Gräberfeld mit Brandbestattungen aus der römischen Kaiserzeit.

Auf der Gemarkung von Przytullen scheint seit 1553, der Gründung des Kirchdorfs Kutten, ein Vorwerk bestanden zu haben. Dieses wurde 1569, dem Jahr der Primordialverschreibung für das Dorf Przytullen, nach Popiollen verlegt, und zwar mit der Massgabe, dass in Przytullen 6 Hufen für eine Schäferei reserviert werden, während man die übrigen 49 Hufen zur Gründung eines Dorfes bestimmte, das mit Bauern besetzt wurde.

Nachdem während der Pestjahre 1709-10 viele der Bauernhöfe wüst geworden waren, schlug man deren Ackerflächen (12 Hufen) und Wiesengelände zur Schäferei, welche zum Kern eines neuen Vorwerksbetriebes wurde.

Eine derartige Praxis ist nach den Pestjahren in Ostpreußen sehr häufig zu beobachten.

Die wegen des Menschemangels brachliegenden Flächen wurden zwischenzeitlich recht häufig für den Schäfereibetrieb genutzt. Gehalten wurden zu dieser Zeit in Przytullen bis zu 800 Schafe.

Für Scharwerksdienste wurden die Bauern aus den Dörfern Jakunowken, Jesziorowsken, Klein Strengeln, Kutten, Przerwanken sowie Willudden herangezogen.

Um 1700 war Hironimus Ungefug Amtmann in Przytullen und Wilhelm Adamski Landkämmerer, d.h. Wirtschaftsführer des Vorwerksbetriebes.

Aus den schlimmen Pestjahren in Ostpreußen (1709-10) überliefert Superintendent Hermann Braun eine tragikomische Begebenheit, die sich auf der Domäne Przytullen zugetragen haben soll: Pfarrer Paul Bernhard Drigalski (1676- 1752) aus Kutten, der mit seinem kleinen Sohn und einem Knecht zu den wenigen Überlebenden der Pest in seinem Kirchdorf gehörte, begab sich in das nahegelegene Przytullen, um zu erkunden , wer dort noch am Leben sei. Er traf auf eine in Seide gekleidete und mit Goldketten geschmückte junge Dame. Es war die Gänsemagd des Vorwerks, welche von allen Bewohnern als Einzige nicht der Seuche zum Opfer gefallen war. Sie hatte sich Kleidungsstücke und Schmuck der Frau des Pächters angeeignet, Nahrungsmittelreserven angelegt und versucht, in Przytullen zu überleben. Pfarrer Drigalski rügte sie für ihr Verhalten und nahm die Magd mit nach Kutten, wo sie ihm als Hilfe bei der Hausarbeit sehr nützlich war.

Von 1715-19 war Przytullen an den Landschöppen Johann Gottfried Strinke verpachtet.

In der Ämteruntersuchung des Litauischen und des Ostpreußischen Kammerdepartements aus dem Jahre 1777 wird Johann Kaeler als Kämmerer des Vorwerks Przytullen genannt. Er versah dieses Amt bereits seit 5 Jahren. Johann Buscheck war seit 1767 Lohnschäfer auf dem Vorwerk. Für seine Arbeit erhielt er einen festen Betrag, war aber am Ertrag der Schafhaltung nicht beteiligt, allerdings auch nicht an den dabei anfallenden Unkosten.

1815 gehörte zum Domänenvorwerk Przytullen eine Betriebsfläche von insg.33 Hufen.

1831 wurde dieses für 5832 Reichstaler an Michael Romeyke verkauft und jetzt (gem. den behördlichen Vorgaben) als Rittergut eingestuft. Seine weitere Besitzgeschichte ist durch die chronikalischen Aufzeichnungen des Kaufmanns Oskar Thies recht gut dokumentiert. Romeyke vergrößerte die Betriebsfläche durch Zukauf von 399 Morgen Bauernland und verkaufte das Gut 1838 für 13.000 Mark, also mit beträchtlichem Gewinn, an einen gewissen Fleischer weiter. Fleischer verkaufte das Vorwerk 1839 an Karl Reiner für 14.000 Mark.

(Häufige Besitzwechsel, durch Überschuldung verursacht oder wegen erwarteter Spekulationsgewinne ausgelöst, waren vor allem beim Großgrundbesitz zu dieser Zeit in Ostpreußen an der Tagesordnung.)

Karl Reiner vergrößerte das Gut durch weitere Zukäufe von insg. 29 Hufen, legte die Vorwerke Natalienhof (1939 zur Gemeinde Kl. Strengeln gehörend) und Karlsberg an und verkaufte den gesamten Besitz 1875 an Wilhelm Karl Fessel aus Westpreußen. (Flächengrösse: 50 Hufen, Preis 300.000 Mark).

Fessel hat auf dem Gutskomplex eine Dampfbrennerei, Mühle, Meierei sowie eine Dampfpresstorffabrik eingerichtet und schuf damit für viele Menschen zusätzliche Verdienstmöglichkeiten. 1885 beschäftigte das Gut 100 polnische Wanderarbeiter alleine bei der Kartoffelernte. Auf dem Gut lebten zu diesem Zeitpunkt 134 Personen (28 Haushaltungen) in 6 Wohnhäusern.

1881 vernichtete ein Großfeuer das Brennereihaus, das Wohnhaus des Brennereiinspektors sowie mehrere Stück Großvieh.

Unter dem letzten Eigentümer des Gutes Kleinkutten, Walter Fessel, er hatte dieses 1910 von seinem Vater geerbt, galt Kleinkutten (Betriebsfläche zusammen mit Natalienhof: 550 ha) als Mustergut, auf dem Hochleistungen bei der Erzeugung von landwirtschaftlichen Produkten erbracht wurden. Einige Monate vor dem Ende der Kampfhandlungen des 1. Weltkrieges brannte der Gutshof von Przytullen bis auf wenige Reste nieder. Walter Fessel hat mit großer Tatkraft die teilzerstörten Gebäude wiederaufgebaut und sich besonders dem Hackfruchtanbau gewidmet. Er betrieb eine von den nach 1918 im Kreis Angerburg noch arbeitenden vier Brennereien. Auch arbeitete Walter Fessel engagiert bei berufsständischen Organisationen mit und war geschätztes Mitglied des Angerburger Kreisausschusses.

Die Flucht für die Gutsangehörigen begann am 22. 1 .1945 und führte über das Eis des Frischen Haffes, auf dem die meisten Fuhrwerke des Trecks versanken. Nur mit großer Mühe entkam der fast 70jährige Gutsherr dem Untergang und ist im Oktober 1945 im Harz verstorben.

Das Gut Karlsberg mit Flächenanteilen in Przytullen und Kl.Strengeln hatte 1903 eine

Grösse von 192,92 ha und gehörte Rudolf Hundsdörfer, 1920 (jetzt mit 198 ha ausgewiesen)

einer Familie Grohnert und danach Gustav Färber. Gehalten wurden auf dem Gut 1932  16 Pferde, 50 Rinder und 30 Schafe.

Kleinkutten gehörte zum Kirchspiel Kutten.

Bereits zwischen 1744 und 1781 wird Michata Broza als Schulmeister und Schulze in Przytullen genannt. Eine einklassige Schule ist aber erst 1820.eingerichtet worden. Zu ihr gehörten 15 Morgen Schulland (1929). Das Schulgebäude befand sich auf einer kleinen Anhöhe am Ende des Dorfes. Die Schülerzahl lag im Jahr 1820 bei 51, 1854 bei 55 und 1935 bei 48. Als erster Lehrer wird 1820 Friedrich Schiemann genannt. Samuel Knischewski unterrichtete hier zwischen 1901 und 1924, Fritz Wegner zwischen 1925 und 1935. Letzter Stelleninhaber war ab 1937 Friedrich Möller. Während der Kriegsjahre wurde er von seiner Frau, Annemarie Möller, vertreten.

Quellen: Schmidt, Pfeiffer, AHB, Rech.Vf.

Zusammenstellung: Georg Malz