HOTEL "E. A. KOMM"
Bedienung "oben ohne" und ihre Folgen

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Am Anfang der Litauer Straße, zwischen dem Alten Markt und dem Holzmarkt, stand das "Hotel E. A. Komm", wie es auf dem Titelbild links dargestellt ist. Es gehörte der Frau Komm. Soweit ich zurückdenken kann, war sie immer die alleinige Besitzerin des Hotels. Sie war sehr wohlhabend; denn neben diesem Hotel gehörte ihr auch noch das Saalgeschäft mit Gartenrestaurant in der Theaterstraße, das sie zuerst an Ernst Knittel, dann an Albert May verpachtet hatte. Später waren dann noch der Kaufmann Knuth und der Bäckermeister Franz Holland die Inhaber dieses Saalgeschäftes. Nach dem 1. Weltkrieg wurde es von der Kirchengemeinde aufgekauft und diente als Gemeindehaus. Doch davon später.

Frau Komm war nicht nur reich im Sinne der Angerburger, sondern auch mildtätig; denn damals galt noch der Grundsatz, daß Wohlhabenheit auch zur Wohltätigkeit verpflichte. So nahm sie z. B. den Sohn des Schneiders Möhring, als dieser und seine Frau verstorben waren, zu sich und zog ihn auf wie ein eigenes Kind. Da sie selbst keine Kinder hatte, hätte der Junge alles erben können, doch behagte ihm das Kaufmannsleben in einer Kleinstadt nicht. Er ging zur Marine und in die weite Welt. Niemand weiß, ob er da glücklicher geworden ist.

Solange Frau Komm selber das Hotel bewirtschaftete, ging der Betrieb ausgezeichnet, ebenso das Kolonialwarengeschäft, das sich im selben Hause befand.

Treu zur Seite stand ihr der Geschäftsführer Palaschke. Er war die Seele des Geschäftes und führte es so gewissenhaft, als sei es sein eigener Betrieb. Als Palaschke unerwartet in den besten Jahren gestorben war, zog sich auch Frau Komm vom Geschäft zurück und übertrug es nacheinander mehreren Pächtern, von denen mir Godau und Petrikat die bekanntesten waren. Durch den häufigen Wechsel der Pächter ließ aber der gute Ruf und damit der Besuch des Hotels wesentlich nach. Dies war wohl auch darauf zurückzuführen, daß die Pächter das Geschäft auf "Damenbedienung" umstellten, woran unerwarteter Weise ausgerechnet die reisenden Kaufleute Anstoß nahmen. Dennoch herrschte zwischen dem Alten Markt und dem Holzmarkt an Markttagen wenigstens im Restaurant ein reger Verkehr, so daß die Pächter keine Existenzsorgen hatten. Nur das Milieu des Hauses verschlechtere sich zunehmend.

Einen argen Stoß erlitt das Ansehen des einst so renommierten Hotels Komm durch folgenden Vorfall:
Erschienen da eines Tags in der Früh ein paar junge Männer im Hotelrestaurant, um sich schnell "mal einen zu genehmigen". Die Bedienung war nicht anwesend. Die jungen Leute traten also in das Hinterstübchen und fanden da ein nettes Idyll: Auf dem Billard lag schlafend, nur mit der Unterwäsche bekleidet und lieblich anzuschauen, die hübsche Kellnerin. Sie wurde von den jungen Männern - wie Dornröschen im Märchen - geweckt und, da die Herren es eilig hatten, von der Kellnerin, so wie sie war, in Unterhöschen und Untertaille bedient. Zur Entschuldigung sagte sie, sie habe am Abend zuvor mit ein paar Gästen ausgiebig gefeiert, sei beschwipst gewesen und werde wahrscheinlich nicht mehr den Weg zu ihrem Zimmer gefunden haben - anders könne sie sich ihre Aufmachung nicht erklären. Und weil sie hinzufügte, sie habe einen "furchtbaren Brand", luden die mitleidigen jungen Männer sie eben zum Mittrinken ein. Einer unter ihnen rief noch ein paar Bekannte von der Straße ins Lokal, und so wurde angesichts der so reizend bekleideten weiblichen Bedienung munter weitergezecht.

Nun wäre heute im Zeitalter des Bikinis und des Striptease diese außergewöhnliche Kostümierung der Kellnerin nichts Besonderes gewesen. Doch damals, als die holde Weiblichkeit sittsam hochgeschlossene Blusen mit Stäbchenkragen trug und Maxiröcke so lang,
daß man kaum die Fußspitzen erblicken konnte, war das schon etwas Aufregendes.

Dieses sensationelle Ereignis sprach sich in der Stadt nur zu schnell herum. Die Damen fanden es empörend und verboten ihren Männern in "so einem Lokal" überhaupt noch zu verkehren. Zwar wurde die Kellnerin unter dem Druck der öffentlichen Moral schleunigst entlassen, doch wer wollte garantieren, ob so etwas nicht noch einmal in besagtem Lokal vorkommen könnte? Erst als der Pächter vorübergehend einen Ober einstellte, durften auch die Ehemänner wieder einmal "zu Komm" gehen.

Doch die Angerburger waren von jeher konservativ. Wenn sie erst einen Stammkrug erwählt hatten, nahmen sie nicht so schnell wieder einen Lokalwechsel vor. So hatte auch das Hotel Komm einen nicht geringen Teil seiner ehemaligen Stammgäste verloren.