HOTEL "KRONPRINZ"
Die Selbstbedienung

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

An der Ecke Königsberger Straße - Braunstraße stand das "Hotel Kronprinz" -, und die Tochter, die aus diesem Hause hervorging, wurde allgemein "Kronprinzessin" genannt. Die Braunstraße war ursprünglich nur eine ungepflegte, ewig staubige Landstraße gewesen. Erst zum 50-jährigen Amtsjubiläum des Superintendenten D. Hermann Braun wurde sie gepflastert und erhielt den Namen des berühmten "Krüppelvaters".

Das "Hotel Kronprinz" war ursprünglich ein Wohnhaus gewesen. Adolf Podehl, der eine Tochter aus der angesehenen Familie Maibaum geheiratet hatte, richtete hier ein Kolonialwarengeschäft ein und gestaltete das Haus zum Hotel mit Hotelrestaurant um.

Vermöge Adolf Podehls kaufmännischer Tüchtigkeit und nicht zuletzt auch durch die von Frau Podehl vorzüglich geführte Küche erlangte das Hotel bald einen guten Ruf unter den reisenden Kaufleuten und in der ganzen Provinz Ostpreußen. Aber auch Bauern und Gutsbesitzer, die über die Nordenburger, Rastenburger und Darkehmer Chausseen in die Stadt kamen, kehrten hier ein und stellten bis zur Erledigung ihrer Geschäfte Pferde und Wagen in dem geräumigen Hof des Hotels unter.

Optischer Blickfang und "Repräsentant" des Hotels Kronprinz war ein starker Bernhardiner, der wie ein mächtiger Löwe in majestätischer Trägheit vor dem Hoteleingang lag und nur ein bißchen mit den Augen blinzelte, wenn ein Gast in den "Kronprinz" einkehrte. Dieser Bernhardiner war ob seiner Größe so selbstbewußt und stolz, daß er sich mit den anderen Hunden der Stadt auch nicht im entferntesten näher einließ. Nur wenn der Viehhändler Gustav Biege mit seinem "Lord", ebenfalls einem Bernhardiner, erschien, erhob er sich gemächlich und begrüßte, gemessen mit dem buschigen Schwanze wedelnd, seinen "Standesgenossen". Dann übernahmen beide Hunde gemeinsam den Wachdienst vor dem Hoteleingang wie ein paar Wappenlöwen.

Während Adolf Podehl in seinem Kolonialwarengeschäft nach dem Rechten sah und seine Frau der gewiß nicht leichten Arbeit in der Küche nachging, sorgte im Hotelrestaurant der Oberkellner Preuß für das Wohl der Gäste.

Damals kannte man noch keine Massenabfertigung und Selbstbedienung, wie es heute üblich ist. Jeder Kunde, jeder Gast wurde individuell bedient. Man las ihm - wie es hieß - jeden Wunsch von den Augen ab. Was Wunder, daß sich so manch ein Angerburger in "seinem" Lokal oft wohler fühlte als zu Hause !

"I, was sag' ich!" Wilhelm Adam, der humorige und schlagfertige Fleischermeister, behauptete einmal sogar: "Hier ist es noch scheener als inne Kirch' ! "

Der Grog im Kronprinz war aber auch wirklich exzellent. Nirgendwo habe ich jemals einen besseren getrunken. Das lag wohl hauptsächlich an Adolf Podehls exquisitem Geschmack, der ihm beim Einkauf seiner Waren zugute kam. Außerdem konnte jeder Gast nach seinem Belieben den Grog zubereiten; denn auf jedem Tisch standen drei Flaschen, und zwar je eine mit Jamaikarum, mit Arrak de Goa und französischem Rotwein, dazu Zucker in Dosen. Der Oberkellner Preuß servierte nur das kochendheiße Wasser und kassierte am Ende die vom Gast angegebenen Gläser Grogs.

Ein Gast kannte den anderen. Die Gäste waren ehrlich und bezahlten lieber ein Glas mehr als weniger. Es kam wohl schon mal vor, daß ein schlaues Bäuerlein sich in der Anzahl der getrunkenen Grogs zu seinen Gunsten "verzählt" hatte. Doch mit ein paar freundlichen Worten des Oberkellners und den witzigen Bemerkungen der übrigen Gäste war der "Irrtum" bald aufgeklärt.

Überhaupt die Bauernschläue ! Wenn sie irgendwo Blüten trieb, dann bei uns in Ostpreußen. Es war erstaunlich, auf was für Ideen manche unserer Landsleute kamen, wenn es um ihren Vorteil ging. So erzählte man sich damals in Angerburgs Lokalen ein Geschichtchen, das für solche Art von Pfiffigkeit typisch ist:

Erschien da eines Tages ein Bäuerlein in einem Kolonialwarengeschäft und fragte den Verkäufer: "Junger Mann, Sie haben doch so viele leere Kartons, können Sie mir nicht einen abgeben? " - Antwort des jungen Mannes: "Ja, aber der kostet 10 Pfennig, wenn Sie weiter nichts kaufen." - Das Bäuerlein denkt angestrengt nach und fragt weiter: 'Ei, wenn ich bei Ihnen 'was kauf', krieg' ich denn den Karton magrietsch? " (=gratis, umsonst) - "Selbstverständlich," erwiderte der junge Mann. - Darauf das Bäuerlein: "Na, denn jeben Se mir eben für 10 Pfennig Bonbons !"