Chronik der Kirche Kutten

 

 

kallies_kutten

Aus dem Buch: Aus der Masurischen Heimat, H. Braun, 1926

 

 

Pfarrer der Kirche Kutten (Groß Kotten)

  1. Schulz, Valentin                                          1574 – 1576
    ein Schlesier, der in Wien und Krakau studiert hatte, war 1576 hier Pfarrer, wurde aber dann nach Zinten versetzt, wo er den 11. Dezember 1596 starb.
  2. Danovius, Michael                                     1578 – 1581
    von 1570-73 Rektor in Angerburg, dann 1573 -76 Diakonus in Angerburg, zuletzt Pfarrer in Kutten, wo er 1578(81) [1] starb.

  3. Mislenta, Matthäus                                    1581 – 1599(?)
    (s. unten)

  4. Schinski, Markus (Jacob?)                          - 1625
    starb 1625 an der Pest. Zu seiner Zeit wurde der Turm gebaut.

  5. Gembalowski, Albert                                 1649
    war zuerst Schulmeister in Kutten, 1630 Diakonus in Angerburg, 1649 Pfarrer in Kutten, starb aber kurze Zeit darauf.

  6. Drigalski, Paul                                            1650 – 1655

  7. Mrosovius, Andreas                                   1655 – 1678
    vorher Diakonus in Benkheim.

  8. Riediger (Rüdiger), Christoph                  1678 – 1689
    von 1673 – 78 Rektor in Angerburg.

  9. Trantz, Andreas                                          1689 – 1699
    in Angerburg geboren, den 24. Februar 1662, wurde 1685 Rektor in Angerburg.

  10. Cibulcovius, Johann Albert (Albrecht?)  1699 – 1708
    Sohn des Predigers
    Cibulkovius
    und Schwager des Angerburger Bürgermeisters Thomas Anderson.

  11. Drigalski, Paul Bernhard                          1708 – 1752
    (s. unten)

  12. Drigalski, Paul Christian (A)                   1739 – 1742
    des vorigen Sohn, in Kutten den 27. Juni 1714 geboren, 1737 Rektor in Kutten, 1739 Adjunkt seines Vaters, 1742 Pfarrer in Stradaunen.

  13. Josewich, Albrecht (A)                               1742 – 1749
    1717
    in Goldap geboren, 1742 – 49 Adjunkt Drigalskis, starb zu Kutten 32 Jahre alt.

  14. Gisevius, Martin                                         1749 – 1767
    in Wielitzken geboren, Kantor beim großen Hospital in Königsberg, 1749 – 53 Adjunkt Drigalskis, 1753 – 67 alleiniger Pfarrer in Kutten.

  15. Sagrobski, Jacob                                         1766 – 1776
    den 25. Juli 1731 in Rhein geboren, 1766 Rektor in Benkheim, starb den 20. Dezember 1776 am Schlagfluß.

  16. Gutowski, Jacob                                         1777 – 1780
    1756 – 77
    zweiter Geisticher in Kruglanken, starb 63 Jahre alt 1780 den 11. Januar am Fieber.

  17. Boretius, Friedrich Ludwig                       1780 – 1785
    geboren in Angerburg, Sohn eines Geistlichen, 1747 – 54 Rektor in Drengfurt, 1754 – 59 Pfarrer in Gonsken, 1659 – 80 Pfarrer in Kallinowen. Starb den 30. Juni 1785.

  18. Schultz (Schultze), Johann Christoph     1785 – 1791
    geboren zu Oletzko, 1767 – 85, Diakonus in Arys, starb den 16. Juni 1791.

  19. Pianka, Albert (Albrecht?)                        1791 – 1797
    in Soldahnen 1753 geboren, starb den 12. November 1797.

  20. Paulini, Salomon Daniel                           1798 – 1826
    geboren den 27. September 1747, erhielt den 26. August 1798 seine Anstellung als Pfarrer in Kutten und feierte den 24. August 1825 sein 50jähriges Jubiläum. Anfang des Jahres 1826 pensioniert, starb er den 25. Juli 1826.

  21. Paulini, Andreas Gottlieb                         1826 – 1869
    geboren in Miken bei Lötzen den 5. Januar 1790, 27. September 1816 als Diakonus für Kruglanken ordiniert, den 16. April 1826 durch Superintendent Neumann als Pfarrer in Kutten eingeführt, feierte den 16. Dezember 1866 sein 50jähriges Dienstjubiläum wobei ihm das Kirchspiel einen Sorgstuhl schenkte und ein neunjähriges Mädchen (Tochter des Przytuller Lehrers Grinda) bekränzte ihn mit einem Myrenkranz. Er starb den 2. Dezember 1869.

  22. Willamowski, Anton Emil                        1870 – 1899
    den 2. September 1829 in Rhein geboren. Sein Vater war Prediger in Rhein und Pfarrer in Bialla. Vom Vater zu Schule vorbereitet, wurde er 1843 in die Tertia des Lycker Gymnasiums aufgenommen und bezog 1850 die Universitöt Königsberg, wo er ein Jahr die Rechte und drei Jahre Thologie stufdierte. 1855 – 59 Rektor in Benkheim, wo er sich mit Heinriette Böhme, Tochter des dortigen Forstkassen-Rendanten verheiratete (6 Söhne und 2 Töchter). 1859 am Sonntag Judika vom Oberkonsistorialrath Oestereich ordiniert, war 1859 – 1870 Pfarrer in Ribben Kreis Sensburg und seit 1870 Pfarrer in Kutten, hierselbst am Sonntag Judika v. Js. durch den Superintendenten Paulini in sein Amt eingeführt.

  23. Wolter, Friedr. Ludwig J.                           1899 – 1907

  24. Wangnick, Anton Otto                              1907 – 1914

  25. Hecht, Ernst                                                  1915 – 1921

  26. Venske, Karl                                                 1921 – 1926

  27. Sallet, Gottfried (H)                                    1926

  28. Obgartel, Walter                                         1926 – 1929

  29. Vorrath, Alfred                                            1930 – 1933

  30. Dr. Mertens, Erhard (H)                             1934 – 1935

  31. Ehrhardt, Rudolf (Vertr.)                           1936

  32. Lekies, Werner                                             1936 – 1941

  33. Siltmann, Günter (H)                                  1942 – 1945

 

(A)  Adjunkt, (H) Hilfsprediger

 

[1] Wahrscheinlicher ist, dass Michael Danovius erst 1581 oder später gestorben ist, da er zur Visitation am 22.5.1581 von Bischof Johannes Wigand hier noch als einziger aber sehr kranker Pfarrer angetroffen wurde.  (Visatationsbericht s. unten).

 

Aus der Denkschrift zur Einweihung der neuen Kirche in Kutten im Jahre 1887,

endhaltend die Geschichte des Kutter Kirchspiels,

von H. Braun, Superintendent in Angerburg.[2]

 

[2] Die 1579 erbaute Kirche wurde 1887 wesentlich restauriert und erneuert. Das vorliebende Manuskript [Archiv der Kreisgemeinschaft Angerburg in Rotenburg /Wümme] enthält auch das Programm der Einweihungsfeier am 3. Juni 1887.    

 

    …Was den Namen des Kirchdorfs betrifft, so heißt derselbe in alter Zeit gewöhnlich abgekürzt „Kutt“ wie z.B. auf dem silbernen Obladenschreinchen steht, das im Jahre 1638 George Taube der Kirche verehret hat. Der Name Kutten ist höchstwahrscheinlich aus dem Litauischen oder Altpreußischen abzuleiten: Kutis heißt Hütte, Kuttenai sind die Hüttenbewohner. Anders berichtet freilich die Sage, welche erzählt, daß hier ein Mönch im Urwalde sich niedergelassen habe. Von seiner Mönchskutte seien die benachbarten Seen Schwarz-, Weiß-, Krumm- und Tiefkutt und das Dorf benannt worden. Pfarrer Paulini, der das alte Pfarrhaus erst 1828 abbrechen ließ, fand dabei ein glatt beschlagenes und nur mit Kalk übertünchtes Holz mit einer lateinischen Inschrift: Römer 8, 31 und MDXXXVIII (1538). Der angeführte Spruch: „Was wollen wir nun hierzu sagen,

ß Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein,“ ist dem mit der Welt zerfallenem Einsiedler gewiß der köstlichste Trost seines einsamen Daseins gewesen. Obgleich im Jahre 1538 schon das Kloster- und Mönchswesen dem gewaltigen Vordringen der reinen lutherischen Lehre gewichen war, so ist doch möglich, daß die dem Papsttum ergebenen und darum abgesetzten Geistichen mit dem Weltverlauf unzufrieden, sich in die Wildnis flüchteten. Ein solcher im Papattum steckender Geistlicher wurde zum Beispiel 1537 in Angerburg abgesetzt. Pfarrer Paulini, welcher das alte Pfarrhaus beschreibt [3] meint, daß es aus drei in verschiedenen Zeiten und in verschiedener Art erbauten Teilen bestanden habe, der mittelste Teil soll die alte Emeritage gewesen sein, er war aus großen hohen Feldsteinen ohne alle Kunst plump ausgeführt und umfaßte zwei Zimmer, jedes mit einem niedrigen aber breiten Fenster. Hier hauchte der alte Einsiedler im Morgenlichte der Reformation seine müde Seele aus.

   Auch eine Kapelle soll auf der Stelle, wo sich jetzt der Altar befindet, gestanden haben. Die Jahreszahl über diesem Stande hat dann der Maler bei der Erneuerung des Anstrichs mit brauner Farbe überpinselt. Es soll, so weit sich Pfarrer Paulini zu erinnern gewußt hat, die Zahl 1559 darauf gestanden haben, was jedoch unwahrscheinlich ist, da in diesem Jahr wohl eine verfallene Kapelle aber kein neu eingerichteter Kirchenstand in Kutten gewesen sein kann. Kutten gehörte mit allen andern Dörfern bis zum Bau der eigenen Kirche im Jahre 1576 zu Kirche Angerburg [4].

 

[3] Bruchstücke einer von Pf. Paulini 1859 angelegten Chronik.

[4] 1576 erließen die Regimentsräte ein Rescript an den Hauptmann zu Angerburg, wegen der „neu angelegten Kirche im Dorfe Gr. Kutten“.

 

   Im Jahre 1576 wurde eine massive Kirche ohne Turm erbaut; letzterer ist erst in seiner jetzigen schlanken Gestalt im Jahre 1611 errichtet, wie auf der Fahne des Turms zu lesen ist. Die Kirche bekam eine glatte Holzdecke, mit großen Bildern geschmückt, welche bis zum jetzigen Umbau der Kirche unversehrt erhalten geblieben sind und der Kutter Gemeinde unvergeßlich bleiben werden. Diese bunten grotesken Bilder auf großen Holztafeln, die durch kunstvolle Rosetten mit einander verbunden waren, gaben der alten Kirche ein eigentümliches Gepräge. Sie waren mit rohen Pinselstrichen in grellen Farben ohne jegliche Kunst ausgeführt. Doch haben sie über 300 Jahre ihren Zweck erfüllt: sie haben die Blicke einer andächtigen Gemeinde gefesselt, gen Himmel gelenkt und die heiligen Geschichten der Bibel ins Herz geprägt. Als in alten Zeiten noch keine Schulen waren; da haben die Kutter Geistlichen mit dem Zeigestock in der Hand die biblischen Geschichten an der Kirchendecke erklärt, und die Leute haben bei diesem Anschauungsunterricht leichter gelernt und begriffen als durch Vorlesen und Erzählen. Ähnliche Bilder waren in der alten Kirche in Darkehmen, wo es die Geistlichen mit dem Unterricht der Gemeinde ebenso gehalten haben.

   Auch die Glocken der Kutter Kirche versehen schon seit mehreren Jahrhunderten ihren heiligen Dienst zur Ehre des Herrn. Die kleine Glocke ist bereits vor dem Turmbau angeschafft und trägt in der Krone die Inschrift: „Jesus Nazarenus Rex Judaerum,“ ferner am Rande: „Gloria Die plena est terra saulutis A. MDLXXX (1580)

   Die größere Glocke ist unter dem Pfarrer Cibilcovius 1699 angeschafft und trägt die Inschrift: „Alles was Odem hat lobe den Herrn, Hallelujah!“ Michael Dormann (Glockengießer zu Königsberg). Außer dem Pfarrer stehen noch auf dieser Glocke die Namen derjenigen, welche diese Glocke aus Liebe zur Kirche geschenkt haben: „Wilhelm Adaniski, Johann Olßewshi, Johann Malessa, Albrecht Olßewski, Ursula Olßewski“. Von diesen Personen war Wilhelm Adamski ein Landkämmerer in Przytullen. Nachkommen des Johann Malessa wohnen noch im Kirchspiel. Des Johann Malessa Vater, in Grodzisko wurde 93 Jahre alt und starb 1714.

   Ein sehr seltener Schmuck der Kirche sind die alten Hirschgeweihe, die als Kronleuchter dienen und eine Größe und so zahlreiche Zweige haben, wie man sie jetzt kaum findet. – Über dem Gotteshaus hat der Herr allzeit seine schützende Hand gehalten. Nur am 17. Januar 1818 wütete ein furchtbarer Orkan, der das Kirchendach und einige Chöre in der Kirche zertrümmerte. – Der herrliche Park neben der Kirche ist in der Mitte dieses Jahrhunderts durch den Pfarrer Paulini angelegt. Hier fand im Sommer 1883 ein großes Missionsfest, zu welchem gegen 2000 Teilnehmer erschienen waren, statt.

   Kutten war durch Gottes Gnade verschont geblieben, als im Jahre 1656 und 1657 die Tartaren sengend, mordend wie die wilden Raubtiere in die hiesige Gegend einfielen und Angerburg nebst den umliegenden Dörfern verwüsteten und zerstörten. In jener Zeit, als die Berge ringsherum dicht bewaldet waren, blieb das Dorf und die Kirche wie in einem stillen Versteck den Blicken dieser unmenschlichen Horden verborgen. Aber Gottes Strafgerichte trafen in der Pestzeit umso härter das Kirchspiel. An jene Zeit erinnern die ergreifenden Bilder, die Pfarrer Drigalski auf den Chören malen ließ. Sie stellen den Tod auf jagendem Rosse mit der Sense dar, wie vor ihm alt und jung ins Grab sinkt. Der Schmied Kujek aus Klein Strengeln verschleppte diese furchtbare Seuche aus Klimken hierher. Er und seine ganze Familie starb in wenigen Stunden. Nun raste der Würgeengel des Todes schonungslos durch die Gemeinde, Grauen und Entsetzen um sich her verbreitend. Ganze Familien, ja, ganze Dörfer starben in wenigen Wochen aus. Das Dorf Gassöwen blieb nach der Pest 27 Jahre lang ganz unbewohnt und unbebaut.

   Im Dorfe Kutten starben die meisten Bewohner oder entflohen vor der Pest, so daß zuletzt der Pfarrer Drigalski, sein kleines Söhnchen und ein Knecht übrig blieben; seine Frau, die andern Kinder und Gesinde waren auch dahingerafft. [5] Da man für die vielen Leichen keine Särge beschaffen konnte, so ging der Pfarrer mit seinem Knecht in die Häuser, nahmen die Verstorbenen samt ihren Betten und versenkten sie in eine Sandgrube. Die Ställe wurden geöffnet, und die Haustiere groß und klein in die Felder gelassen. Das Getreide verdarb auf dem Felde und das Obst auf den Bäumen, weil niemand da war, der sich um die Ernte kümmerte. Gegen den Herbst ging der Pfarrer mit seinem Knecht aufs Feld, um ein eingezäuntes Roggenfeld, das vom Vieh noch nicht zertreten war, abzubauen. Das Korn fuhren sie ein, Pfarrer und Knecht droschen es aus und mahlten es auf einer kleinen Handmühle. Da für Brod gesorgt war, wollte der Pfarrer auch für die drei Menschen Salzfleisch zum Winter haben. Aus alter Gewohnheit kam ein Ochse jeden Abend auf den Pfarrhof, der, wie alles ohne Aufsicht in den Getreidefeldern umherirrende, herrenlose Vieh von der überreichen Weide sehr fett geworden war. Pfarrer Drigalski befahl dem Knecht ihn einzusperren, damit er am andern Morgen früh geschlachtet würde. Mit Anbruch des Tages, als noch das kleine Söhnchen des Pfarrers im Schlafe lag, band sich der Pfarrer eine Schürze um und ging mit dem Knechte an seine Fleischerarbeit. Als er bereits den Ochsen abgezogen hatte und das Fleisch zu zerlegen begann, hörte er plötzlich hinter sich das ängstliche Geschrei und Weinen seines kleinen Sohnes, welcher mit aufgehobenen Händen und ängstlichem Gesicht auf den Hof gelaufen kam. – „Mein Sohn, was fehlt dir? Hast du auch schon die Pest? – rief der geängstigte Vater auf das Kind zueilend. Lange konnte der Junge vor Weinen nicht reden, endlich brachte er schluchzend hervor: „Ich habe immer gedacht, mein Vater ist der Herr Pfarrer – nun ist er ein Fleischer geworden!“ – Es kam der Pfarrer sehr zu statten, daß er als Sohn eines Landmanns – (sein Vater war der kurfürstliche Landschöppe Johann Drigalski in Grunden gewesen) – die Arbeiten auf dem Felde, in der Scheune und im Hause von kindheit an kannte und jetzt in der Not auszuführen verstand. Nur das Kochen und Waschen wollte ihm schlecht gelingen. Das Fleisch des Ochsen wurde zum größten Teil eingesalzen und von dem Talg Lichte gezogen. Nachdem die Wintervorräte besorgt waren, ging Drigalski an einem freundlichen Herbsttage nach dem nahe gelegenen Gute Przytullen, um nachzusehen, ob von den Bewohnern  desselben noch jemand am leben wäre. Als er durch den Garten auf das Haus zuging, erblickte er am Ende eines langen Ganges eine ihm ubekannte in Seide gekleidete mit goldenen Ketten geschmückte vornehme Dame in einer Laube sitzen. Drigalski säuberte sich, wischte den Schmutz von den Schuhen, nahm den Hut unter den arm und näherte sich der der fremden Dame, um sie höflich zu begrüßen. Diese aber als sie durch das Rascheln der welken Blätter aufmerksam gemacht, sich umsah, erschrak beim Anblick des Pfarrers und wollte fliehen. Da erkannte Drigalski in der fremden vornehmen Dame die Gänsemagd des Guts, welche von allen Bewohnern des Guts allein übrig geblieben war. – „Dirne, Dirne!“ sagte der Pfarrer sehr ernst zu ihr, „was treibst du für Hochmut zu einer Zeit, wo der Tod dir so nahe getreten ist?“. Die Gänsemagd hatte im Keller und Speisekammer Vorräte zu ihrem Lebensunterhalt seit mehreren Wochen vorgefunden, sich die besten Kleider und goldenen Schmucksachen ihrer verstorbenen Herrschaft angelegt und lebte so sorglos und einsam im verödeten Herrenhause. Drigalski nahm die Wertsachen und vorgefundenen Papiere, versiegelte sie, verschloß dann das Haus und übergab alles den Verwandten der verstorbenen Herrschaft. Die Gänsemagd nahm er ins Pfarrhaus mit, wo ihm ihre Hilfe bei weiblichen Arbeiten sehr erwünscht war.

 

[5] Folgende Erzählung verdanke ich der Mittheilung des Präzentor E. Anderson in Popellen, welcher ein Nachkomme des Pfarrers Drigalski ist.

 

   Das Kirchspiel Kutten hat vor der Pest ungefähr 1600 Seelen gehabt, wie man aus der Durchschnittszahl der Geburten in den Jahren 1702 – 1709, welche 67 betrug, schließen kann. Davon starben in der Pest 1372; es blieben also nur noch ca. 200 Personen im ganzen Kirchspiel am Leben. Es starben nämlich aus: Jakunowkwn 269, Lenkuk 81, Przytullen 97, Zabuinken 85, kl. Strengeln 136, Przerwanken 132, Kutten 215, Grodzisko 124, Gembalken 60, Gassöwen 54. Von den 200 überlebenden Personen waren die meisten durch die Pest ihres Gatten beraubt. Die Hälfte dieser Personen hielt nach dem Schreckensjahr Hochzeit, so daß 48 Paare getraut wurden und heiratsfähige Personen kaum mehr vorhanden waren; denn a. 1712 sind nur 6 Trauungen, 1720 ist garkeine Hochzeit vorgekommen.

   Über die fernere Geschichte Kuttens seit der Pestzeit läßt sich nicht Besonderes berichten. So viel ist gewiß, daß auch bis in diesen stillen Winkel Masurens die Weltgeschichte ihre Wogen geschlagen hat und auch hier des Vaterlandes Leiden und Freuden, seine tiefste Schmach und höchste Erhebung mit erlebet und mit empfunden sind. …

 

   Unter den in weiteren Kreisen bekannten und ausgezeichneten Männern aus dem Kirchspiel Kutten ist besonders Matthäus Mislenta zu nennen. Er stammte aus derselben polnischen Adelsfamilie, welcher der Bischof Vincentius Mislenta von Krakau (a 1207) angehört hatte. Schon in seiner Jugend verriet er nicht unbedeutende geistige Fähigkeiten und war den Wissenschaften mit großem Eifer ergeben. Da er sehr arm und vollständig mittellos war, gewährte ihm der Herzog zu seiner Unterhaltung bedeutende Stipendien. Nachdem er ausstudiert hatte, schickte ihn der Heruog Albrecht Friedrich zum Fürsten Radziwill von Staßko als Hofmeister seiner Kinder, ließ sich aber von Mislenta schwören, daß er nach 3 Jahren wieder nach Preußen zurückkehren werde. Als fürstlicher Hofmeister begleitete er seine Zöglinge auf sehr weite Reisen bis nach Italien. Nachdem er ähnliche Stellen auch in andern polnischen Fürstenhäusern bekleidet hatte, wurde er im Jahre 1576 Kammerjunker beim Polenkönige Stephan Batholdi. Die Gunst und das Vertrauen seines Königs wußte er sich so schnell zu erwerben, daß dieser ihn als Gesandten nach Podolien mit wichtigen Geschäften und Aufträgrn schickte, die er mit großer Gefahr zu vollen Zufriedenheit des Königs ausführte. Hierauf gedachte er seines dem Preußenherzog geleisteten Eides und bat um seine Entlassung, die ihm auch mit ehrenvoller Empfehlung an den Markgrafen Georg Friedrich erteilt wurde. Dem totkranken Mann wurde gedroht, daß, wenn er in der verfluchten lutherischen Kätzerei dahin sterben solle, er wie ein Hund und Vieh weggetragen würde. Doch an ihm ging das Wort aus Luthers Lieblingspsalm (Psl. 118, V 17) in Erfüllung: „ Ich werde nicht sterben, sondern leben, und des Herrn Werk verkündigen.“ Alle schweren Anfechtungen überwand er und genas. Auf seinem Krankenbette hatte er Gott gelobt, daß, wenn Er ihn aus so schwerer Krankheit und Verfolgung erretten würde, er Ihm im geistlichen Stande sein Leben lang dienen wolle. Als er daher in Königsberg dem Markgrafen Georg Friedrich seinen königlichen Empfehlungsbrief übergab, bat er nicht um ein weltliches, sondern um ein geistliches Amt. Nach wohlbestandenem Examen wurde er vom Bischof Wigand für die kurz vorher neu eingerichtete Pfarrstelle in Kutten 1578 ordiniert. Der Markgraf erwies ihm auch später zu wiederholtem Malen seine Gunst. Da Mislenta mehrere Söhne studieren ließ, seine Mittel dazu aber nicht ausreichten, wurden ihm mittels Verschreibung vom 3. September 1597 zwölf Hufen Wald-Übermaß von Grodzisko, zu kölmischen Rechten verliehen und mittels der nachfolgenden Verschreibung vom Jahre 1599 ward ihm noch die Vergünstigung zu teil, daß er das überflüßige Bauholz wegflößen [6] und verkaufen durfte, um von dem Erlös seine Söhne auf der Universität unterhalten zu können.

 

[6] Es scheint damals eine Flößerei von Gassöwen nach dem Mauersee gegeben zu haben.

 

   Einer dieser Söhne war der berühmte Dr. Cölestin Mislenta, der am 27. März 1588 zu Kutten geboren, Doktor der Theologie, Professor der hebräischen Sprache, Pfarrer van der Domkirche zu Königsberg und Mitglied des Samländischen Konsistoriums wurde und den 20. April 1653 starb. Cölestin Mislenta war ein seltenes Sprachgenie. Er übertraf in der Fertigkeit, fremde, besonders alte Sprachen zu sprechen, alle seine Zeitgenossen. Griechisch sprach er so geläufig, daß viele Gelehrte nach Königsberg kamen, um sich mit ihm griechisch zu unterhalten. Noch bewundernswerter waren seine hebräischen Kenntnisse. In Gießen verteidigte er eine hebräisch geschriebene Disputation öffentlich in hebräischer Sprache und die gelehrten Rabbiner aus Frankfurt am Main waren dorthin gekommen und opponierten ihn hebräisch. Dieses war das erste Beispiel seiner Art, denn vor ihm hatte niemand auf irgendeiner Universität gewagt, ein gleiches zu thun. Ebenso soll er sich durch seine genaue Kenntnis des Chaldäischen, Syrischen und Arabischen vor allen Zeitgenossen ausgezeichnet haben [7].

 

[7] H. Schmidt. Der Kreis Angerburg S.66 u. f.

 

   Ein viel gekannter Name ist ferner der des Pfarrers Paul Bernhard Drigalski am 17. Mai 1676 geboren, besuchte die Löbenichtsche Schule in Königsberg und wurde 1697 zur Universität entlassen; 1706 finden wir ihn als Diakonus in Kruglanken, 1708 als Pfarrer zu Kutten. Seine erste Frau und alle Kinder bis auf eins starben an der Pest. Von der zweiten Frau hatte Drigalski einige Töchter und einen Sohn Paul Christian, der 1714 geboren war, 1737 als Adjunkt seines Vaters und zugleich Rektor nach Kutten kam, 1742 nach Stradaunen ging und 1768 den 16. Februar bei einer Fahrt zu einem Kranken im See ertrank. Die dritte Frau Drigalskis war die Schwester des Kriegsrats Grunau aus Gumbinnen und mit ihr hatte er eine Tochter, die den Erzpriester Fiedler in Ragnit heiratete. Er starb zuletzt einsam und hochbetagt 77 Jahre alt am 25sten März 1752.

   Er war ein ausgezeichneter Prediger und Seelsorger seiner Gemeinde. Zu seiner Zeit wurde auch die Kirche mit jenen, schon erwähnten, die Pest betreffenden Bildern geschmückt. Drigalskis Bild sowie die Tafel, die er seinen drei verstorbenen Frauen verehrt hat, werden hoffentlich auch in der neu umgebauten Kirche [8] eine bleibende Stätte behalten. Ebenso wie der gleichzeitig berühmte Probst Helwing in Angerburg, lag er historischen und naturwissenschaftlichen Studien ob. In der historischen Zeitschift „Erleutertes Preußen“ findet sich von seiner Feder ein Artikel über die Merkwürdigkeiten im Kirchspiel Kutten. Auch der Danziger Naturforscher-Gesellschaft schickte er Beiträge ein. In Abhandlungen dieser Gesellschaft (I. 1747) findet sich von Drigalski eine Mitteilung über ein beim Fischzuge mit einem Wintergarn im Mauersee aufgefischtes totes Schwalbenpaar, das im warmen Zimmer nach einer halben Stunde wieder auflebte. Ins alte Kirchenbuch hat er eine Beschreibung des Nordlichts vom 17. März 1716 verzeichnet. Er erzählt, daß gegen Nordost der ganze Himmel hell geworden, bald weiß wie ein Tuch, bald dunkelrote Strahlen schießend. Da habe man mit großer Furcht und Erstaunen allgemein erwartet, daß der große Gott mit seinem letzten Jahr erscheinen werde. Das Brennen des Himmels habe Mond und Sterne überstrahlt. Er schließt seine Betrachtung  mit dem Gebetsseufzer: „Gott regiere die Menschen, damit sie sich von ihren blutroten Sünden wenden und das Feuer des Zornes Gottes von diesem Lande möchte abgewendet werden. Amen“. Nachträglich bemerkt er: „Auf diese Zeichen ist der schwedische Krieg, ein kalter nasser Sommer, daß das Getreide mehrenteils im Felde verstaubet, erfolgt“.

 

[8] Gemeint ist hier der Kirchenumbau von 1887. Das Kirchengebäude, das im 2. Weltkrieg als Feldlazarett diente, wurde zu dieser Zeit zerstört. Die hier genannten Denkmäler wurden hierbei vermutlich ebenfalls vernichtet. Nach dem Krieg ist die Kirche von den Polen, nach Vorbild der alten Kirche, wieder aufgebaut worden.     

 

Noch möge schließlich als eine hervorragende Persönlichkeit des Kutter Kirchspiels im vorigen Jahrhundert ein Besitzer von Lenkuk, Herr Johann Christoph von Grabowski Erwähnung findet. Er stammte aus einer alten adligen polnischen Familie und war vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. wegen seiner Verdienste aufs neue geadelt worden. Sein Vater war der Pfarrer Christoph Grabovius, welcher 1699 aus Wengrowin in Podlochien als Pfarrer Pfarrer nach Eichmedien kam und als Pfarrer in Rhein starb. Er diente lange Zeit als Offizier und wurde dann Tribunals- und Hofgerichtsrtat, 10 Jahre lang Amtsverweser in Angerburg, zuletzt Vicepräsident bei dem Landtage. Lenkuk kaufte er 1732 für 500 Thaler vom Studiosus Lazarovius und nach 3 Jahren auch Frankenort für 200 Gulden. Diese Güter übernahm seine Tochter Juliane Dorothea, die sich mit einem Herrn Friedrich August de Carbon vermählte, aber schon1764 mußte die diese Güter wegen Schulden wieder veräußern.

  

 

Vorlage: Kopien aus den Akten des ehem. Königsberger Staatsarchivs (Ost. Fol. 1284) im Angerburger Archiv in Rotenburg/Wümme, Fach 767. Visitation der Kirchspiele in den Ämtern Lötzen (17.11.-20.11.1579), Rastenburg (6.4.-17.4.1581), Sehesten (18.4.-25.4.1581), Rhein (28.4.-5.5.1581), Oletzko (7.5.-17.5.1581) und Angerburg (19.5.-27.5.1581) mit den damals bereits vorhandenen Kirchspielen Angerburg, Schön Jaricken (Gurnen), Sperling/Benicken (Benkheim), Groß Kotten (Kutten), Kraucklanicken (Kruglanken), Engelstein und Rosengarten, durch den Bischof von Pomesanien, Johannes Wigand (1523-1587).

Visitationsbericht von Bischof Johannes Wigand, 22.5.1581 im Amt Angerburg, Kirchspiel Kutten (gegr. um 1576)


Kirchspiell Zue Großs Kotten
Den 22 May anno 1581 visitiret
1

Rechnunge der Kirchenveter2 Zu Großs Kotten, den 22 May anno 1581
Nach abgehorter Rechnunge Ist im
Rest verbliebenn
160 mk 18 ß
3
Hierauff seind schulden, wie die
Kirchvetter verzeichnet,
43 mk 19 ß
Noch haben sie ausgebenn,
auffs
Neue Martini 81 Zum vorhanden
36 mk 81 ß 3 gl
Restat
81 mk 10 ß
Da aber das geld gezehlet ist worden
Ist befunden
89 mk 15 ß

Inuentarium bey dieser Kirchen Zu Großs Kottenn
2 Kaselnn4
1 Zinnen Kelch mit Pathen
5
1 Chorrocke
1 polnische Biblia
6
1 Lacken Aufm Altahr
7
2 holizene Leuchter
1 Handtuch
1 Klein leinentuch Aufm Predigstuehl
8


Abschied
So der Her Pomezanische Bischoff9 Johannes Wigandus,10 dieser Kirchen zu Großs Kotten, nach geenter Visitation, den 22 May, anno 1581 gegeben, unnd Verlassen11 In dieser kirchen, Ißt in Vorsthehender Visitation Pfarher befunden, Michael Danowsky12, Ißt ein im nahmen F.D.13 zu Preußßen anhero14 beruffen, weil aber der Liebe got denselben mit leibesschwachheit anheim gesucht, also das er der kirchen zu dieser Zeit nicht nutzlichen dienen kan, sol das Kirchspiel mit ihme bis auf kunfftigen Michaelis15 gedult tragen, Er sol aber gleichwol, auff seine Unkosten, einen Andern der fur in umb den andern Sontagk, das Predigampt mit Vorreichunge der Sacramenten versorge, vermögendt, darnach do keine Besserunge das er der kirchen dienen möge erfolget, so sol sich das kirchspiel als den mit Rath des hern heuptmans16 umb einen andern umbthun denselben dem hern Bischoffe zu Examiniren und ferner zu Ordinieren17 zuschicken, Nichts minder aber so ferne dieser Krancker als den noch beim leben sein würde, sollen die Kirchenvetter mit Rath des hern heuptmans, Jerlichen zu seinem Unterhalt, ihm aus der kirchen lade18 etwas gebenn, Es sol aber dem Pfarher aufferleget sein, den heiligen Catechismus, In der kirche fleißßig zu treiben, die Sontage fur19 der Predigt20 die fünff heuptstücke21 des Catechismi von Wort zu Wort fein deutlich fur zu lesen, und alle Sontage auf Vesper22 zu halten, darin wiederumb die stücke des Catechismi23 nach dem Text fur sagen, Und ein stück nach dem andern erkleren, Und also alle Sontage ferfahren, damit die leute nicht alleine die fünff stücke lernen, sondern auch verstehen mögen. So sol sich sonsten der Pfarher in allen Punkten, die vorigen abschiedt, in nechst gehaltener Visitation gemeßs verhalten, Und demselben nach leben. In Cermonien24 sol er nichts Neues25 anfangen, und allezeit, wen Communicanten Vorhanden das mesgewand, gebrauchen, die lichte aufm Altahr lassen andzünden, Und da keine Communicanten vorhanden, den Chorrock allezeit auff die Sontage gebrauchenn.

Besoldunge des Pfarherren:

Es ist im seine Besoldung fur dismahl mit 20 mk verbessert, Und sol hinfurder 70 mk zu Jerlichen Besoldunge von Quartal zu Quartal haben.

Schulmeister:
Bleibet bey seiner Besoldunge Es ist Im aufferleget, das er fleis habe auff das er mit knaben ein Schule26 anrichte, dazu der Pfarher die leute mit fleißße ermahnen sol, Und sol sich sonsten In allen Punkten, wie im nechstgehaltener Visitation deutlichen genug vorgeschrieben verhalten, Er sol auch keine neue lieder27 in die kirche einführen, Und furnemlich der lieder D Luthers sich fleißßigen, Und alle Tage des morgens und abendes leuten, Und zu mittage die Betglock ahnschlagen, Dem Pfarhern sol er In kirchsachen, gebuhrenden gehorsam leisten, auch auff sein erfordern mit ihme zu den Krancken gehen.

Wiedem Bau:

Die Wiedem ist zimlich erbauet, sol also Im wesentlichen Baue erhalten werdenn.

Kirchen Bau:

Die Kirche ist Neu erbauet, sol also durch die Kirchenvetter fleis furgewendet werden, damit dieselbe mit zu thun des ganzes Kirchspiels mit Dielen beleget, Und vollendes zu gerichtet werde. Auff den altar sollen sie 2 Messingsleuchter erzeugen und keuffen, Und fur das abgottisch Mariebilde28 ein schones Cruzifix In die Taffel machen lassenn.

Kirchenveter und Ihre Bestallunge:

Christianus von Klein Strengell, Andreßs Kruger von Großs Kotten, Schultz von Kotten

Diese seindt beeidiget, darauff ihnen auferleget das sie zu ihrem Ampte sollen Treue und fleißßig sein, auff die gebeudt der Kirchen, Wiedem29 und Schulen, damit dieselben nicht Untergehen gut acht zu geben, auch fleißßig mit der Tafel30 alle Sontage umbgehen, wo das von ihnen nach gelassen wurde, solle ein ieder der ein Tag verseumet, und nicht seinen Compan bestellet, der Kirchen fur den selben ieden Tag 30 ß erlegen, darüber der her heuptman zu halten, und sollen sich sonsten in aller massen, nach der vorigen vorgeschriebenen Ordnung so in nechst gehaltener Visitation von den hern Visitatoribus wohl und gut gemacht, verfahren. Alle Im Kirchspiel mit nahmen zu Register bringen, Und alles in Specie verzeichnen, Und allerzeit ehe den der Decem31 eingenohmen, ein sollich Register machen lassen, Und der da gibet mit dedit32 verzeichnen, und den alle Jahr dem hern heuptman gutte Rechnunge thun. Es sollen durch die Kirchenvetter zu sehen, damit hinfurder der Decem neben dem Rochgeld volkomlichen eingemahnet, Und zu Register gebracht werden. Weil auch der Pfarher 15 mk in die Kirche schuldig, Ißt ihme in ansehung ihrer in der Armuth solliche schuld erlassen. In allen andern Punkten, welche alhier nicht wiederholet, sollen Pfarher, Schulmeister und Kirchenvetter, der vorigen Ordnung sich bequemen, Und so wohl den Vorigen33 als diesen abschiedt, Polnisch34 machen, sich fur lesen lassen, Und ferner sich darnach richten.

1 Kirchenvisitationen, auch schon in katholischer Zeit üblich, wurden nach kursächsischem Vorbild bald nach der Einführung der Reformation im Herzogtum Preußen durchgeführt. Sie dienten dem Zweck, die Einhaltung der in Landesordnungen und in Kirchenordnungen enthaltenen Vorschriften sicherzustellen. Die erste evangelische Kirchenordnung wurde im Dezember 1525 vom Landtag in Königsberg angenommen und von den Bischöfen von Samland und von Pomesanien erlassen. Sie enthielt detaillierte Vorgaben für die evangelische Lehre, die liturgischen Handlungen sowie die kirchliche und schulische Verwaltung. Die Kirchenordnung von 1525 wurde in der Folgezeit neuen Entwicklungen im kirchlichen Bereich angepasst. Neue Druckausgaben erschienen z. B. in den Jahren 1544 und 1558. Erste Visitationen erfolgten in den masurischen Ämtern 1529ff. durch den Erzpriester zu Rastenburg, Michael Meurer. Sie wurden durch den pomesanischen Bischof Paul Speratus 1533/34 und seinen Nachfolgern Georg vonVenediger (Visitation von 1574) und Johannes Wigand fortgeführt. Letztere hat auf seinen zahlreichen Visitationsreisen zwischen 1576-1581 zuverlässige Einblicke in die geistliche Verfassung seiner Diözese und deren Verwaltungsstruktur gewonnen und uns diese in seinen Visitationsabschieden überliefert.

2 Kirchenväter, Kirchenälteste unterstützten den Pfarrer vornehmlich bei wirtschaftlichen und behördlichen sowie organisatorischen Angelegenheiten der Kirchengemeinde, wie etwa die Einnahme des Kirchenzehntes (einschl. Rauchgeld) oder die Einsammlung der Kollekten und die entspr. Rechnungslegung etc.

3 Gebräuchlichste Rechnungseinheit war im 16. u. 17 Jhdt. in Ostpreußen die Mark. Sie teilte sich in Schillinge , Groschen und Pfennige auf. ( 1 Mark=60 Schilling, 1 Schilling=6 Pfennig, 1 Groschen=3 Schilling.)

4 Es handelt sich hier um ein liturgisches Obergewand, häufig aus wertvollem Stoff (Damast, Samt, Seide). Die in katholischer Zeit übliche Bekleidung der geistlichen Amtsträger wurde auch seit der Reformation (1525) in Preußen meist noch lange Zeit weitgehend beibehalten, zumindest bei den lutherischen Kirchen. Erst 1811 wurde der schwarze Talar für evangelische Geistliche in Preußen zur üblichen Amtstracht erklärt. (Kabinettsorder Kg. Friedrich Wilhelm III.)

5Oblatenteller, der auch zur Abdeckung des Kelchs diente.

6Die Übersetzung der Lutherbibel in die litauische und polnische Sprache wurde schon in Zeiten des Herzogs Albrecht (1511-1568) betrieben. Hinzu kamen andere evangelische Bekenntnisschriften.Den Kleinen Katechismus Luthers hatte Johannes Seclucianus, 1544 zum ersten Prediger einer polnischen Gemeinde in Königsberg berufen, ins Polnische übersetzt. Druckausgaben davon erschienen erstmals 1544/45 sowie 1549. Auffällig ist, dass in Kutten die Polnische Bibel als einziges Buch erwähnt wird. Vielleicht befanden sich weitere theologische Werke im Privatbesitz des Pfarrers.

7 Gemeint ist hier ein Altartuch.

8 Gemeint ist hier die Kanzel.

9Die Bischofsverfassung blieb auch nach der Reformation im Herzogtum Preußen 1525 zunächst erhalten. Die weltlichen Rechte des Bischofs gingen aber an den Landesherrn über. Nach dem Zweiten Thorner Frieden (1466) lagen auf herzoglichem Gebiet noch die Bistümer Samland (Sitz Königsberg) und der südliche Teil des katholischen Bistums Pomesanien (Sitz Marienwerder). Kleinere Teile des Bistums Ermland, zu dem vor der Reformation auch Angerburg gehört hatte, wurden dem evangelischen Bistum Pomesanien zugeschlagen. Evangelischer Bischof von Pomesanien war von 1575-1587 Johannes Wigand. Sein Vorgänger Georg von Venediger. Er amtierte von 1567-1574. Nach Wigands Tod wurde das Bistum durch Markgraf Georg Friedrich I. (Administrator im Herzogtum Preußen) gegen den Protest der Landstände eingezogen und durch zwei Konsistorialbezirke mit dem Sitz in Königsberg (Samland) und Saalfeld (Pomesanien) ersetzt. (1751 wurden diese zusammengelegt und dem 1750 gegründeten Oberkonsistorium in Berlin unterstellt.)

10 Er lebte von 1523-1587. Eine recht ausführliche Biographie von ihm befindet sich u.a. in der „Deutschen Biographie“ und der „Altpreußischen Biographie

11 Das Verb wird in früherer Zeit noch in Wortzusammenhängen verwendet, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Hier trifft wohl am ehesten zu „zurücklassen“; „überlassen“; „gegeben und befohlen“. (Vgl.: Grimm, Wörterbuch, Stichwort „verlassen“.)

12 Er war lt. Pfeiffer, S. 329, Pfarrer in Kutten von 1576-78 und wurde von Matthäus Mislenta, seit 1581 hier Pfarrer, abgelöst. Wie aus dem Visitationsprotokoll zu entnehmen. hat er aber 1581 noch gelebt.

13 Abkürzung für „Fürstliche Durchlaucht“. Landesherr war zu der fraglichen Zeit Herzog Friedrich Albrecht von Preußen (geb.1553, gest. 1618). Weil er als geisteskrank galt, führte die Vormundschaft für ihn bis 1603 der Markgraf von Brandenburg-Ansbach-Bayreuth (1539-1603).

14 = hierher

15 Michaelis= 29. September

16Das Ksp. steht unter landesherrlichem Patronat. Deshalb wirken bei der Besetzung der Pfarrstelle die staatliche (Amtshauptmann) und die kirchliche Seite zusammen.

17 Kirchliche Weihe mit Handauflegung und Segen.

18 Kirchenkasse

19 Zu übertragen mit „vor“.

20 Die Predigt bildete das Zentrum des evangelischen Gottesdienstes

21 Gemeint sind hier die fünf Hauptstücke des Katechismus von Martin Luther:
1. Hauptstück = Die zehn Gebote.
2. Hauptstück = Der christliche Glaube (Glaubensbekentnis)
3. Hauptstück = Das Vaterunser.
4. Hauptstück = Das Sakrament der Heiligen Taufe.
5. Hauptstück = Das Sakrament des Altars (Abendmahl).

22´ Vesper (lat. vespera = der Abend). Abendgebet in der Kirche, das in evangelischer Zeit beibehalten wurde und unterschiedliche Ausprägungen erhalten hat. Im vorliegenden Fall spielt auch hier der Katechismusunterrichteine bedeutende Rolle.

23  Hauptzweck für die Zusammenstellung von Katechismen war es in protestantischer Zeit, die biblische Überlieferung und ihre Auslegung durch die Reformatoren weiterzugeben. Luther hat seinen „Kleinen Katechismus“ 1529 verfasst. Etwa zeitgleich legte er den „Großen Katechismus“ vor. Beide Werke wurden in das 1580 erschiene „Konkordienbuch“ übernommen, eine Sammlung der evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften. Luthers Katechismen wurden in viele Sprachen übersetzt und gehören noch heute zur Grundausstattung im evangelischen Konfirmandenunterricht. In früherer Zeit dienten sie auch neben den Bibeltexten im Schulunterricht zur Aneignung des Alphabets und bei Leseübungen.

24  Der äußere Ablauf der katholischen Messfeier wurde von Luther weitgehend beibehalten. Die lateinische Sprache sollte allerdings durch die Muttersprache ersetzt werden, im Vordergrund die Wortverkündigung und die Katechismuslehrestehen. Die Gemeinde wurde in stärkerem Maße durch den Gesang einbezogen.

25  Das heißt: Im Streit der Lehrmeinungen, die im Herzogtum Preußen ausgebrochen war, soll er die des Bischofs vertreten und auch keine Änderungen im äußeren Ablauf des Gottesdienstes vornehmen.

26  Der Schulmeister fungierte zu dieser Zeit noch als Gehilfe des Pfarrers und wurde von diesem beaufsichtigt. Er unterstützte ihn auch bei kirchlichen Verrichtungen, z.B. beim Läuten der Glocken und bei Krankenbesuchen. Der Schulunterricht der Knaben orientierte sich vornehmlich am Katechismus und biblischen Texten. Da die Eltern auf dem Lande ihre Kinder für landwirtschaftliche Arbeiten brauchten und deshalb ungerne in die Schule schickten, waren Ermahnungen des Pfarrers notwendig und hilfreich.

27  Diese Vorgabe sollte verhindern, dass weltliche Lieder oder solche aus katholischer Zeit während des Gottesdienstes gesungen worden. Lieder von Martin Luther wurden zunächst als Einblattdrucke verbreitet und fanden dann Eingang in kirchliche Liedersammlungen. Als früheste evangelische Liedersammlung gilt das 1524 in Nürnberg gedruckte „Achtliederbuch“. Es enthält vier Lutherlieder und drei von Paul Speratus, 1530-1551 Bischof von Pomesanien. Das sog. „Erfurter Enchiridion“, ebenfalls 1524 erschienen, enthält fünfundzwanzig Lieder, davon alleine achtzehn von Martin Luther. Damit war eine Art Kanon festgelegt, der auch in die Kirchenordnungen Eingang fand und in die Evangelischen Gesangbücher der Folgezeit aufgenommen und fortgeschrieben wurde.

28 Die lutherische Kirche akzeptiert in der „Augsburgischen Konfession“ zwar ein Gedenken an die Heiligen, schließt aber ihre Anbetung aus. Als alleiniger Mittler zwischen Gott und den Menschen hat Jesus Christus zu gelten. Es ist sicher auf die lange Tradition der Marienverehrung in der Ordenszeit Preußens zurückzuführen, dass ein Marienbild im Altar noch nach über einem halben Jahrhundert seit Einführung der Reformation vorhanden war.

29 Gemeint ist „Widdem“. Das Wort bezeichnet im weiteren Sinn die einer Kirche gewidmeten Liegenschaften; im engeren Wortsinn werden darunter das Pfarrgrundstück (Pfarrhof mit Pfarrhaus) und die darauf errichten Nebengebäude verstanden.

30 Gemeint ist hier wohl ein Teller oder Kästchen für das Einsammeln der Kollekte.

31 Decem = Zehnt: Hufenbezogene Abgabe an die Kirche; Rauchgeld = personenbezogene Abgabe.

32 Konjugierte Form von lat.: „dare“ = geben, zahlen.

33 Den des Bischofs Georg von Venediger von 1574.

34 In dem von einer Bevölkerung mit unterschiedlichen Sprachen (Preußisch, Deutsch, Polnisch und Litauisch) besiedelten Ostpreußen musste die Landesherrschaft darauf achten, dass den einzelnen Menschen das Evangelium in ihrer Muttersprache verkündigt wurde. Galt in katholischer Zeit noch das Latein als verbindliche Kirchensprache, so veränderte sich das mit der Reformation. Es musste sichergestellt werden, dass die biblischen Texte und die evangelischen Bekenntnisschriften in die einzelnen im Lande gesprochenen Sprachen übersetzt wurden und sich auch die Pfarrer die jeweiligen Sprachen aneigneten. Dafür hatte bereits Herzog Albrecht I. mit der Gründung der Universität Königsberg (1544) durch die Einrichtung entspr. Sprachenseminareeine wichtige Voraussetzung geschaffen. Bis aber genügend Nachwuchskräfte vorhanden war, versuchte man sich mit Übersetzern -auch als „Tolken“ bezeichnet- zu behelfen.


Vorwort zur Kirchenchronik 1916 - 1942

 

      Eine wertvolle Quelle, die „Chronik der Kirche Kutten“ wurde im Kriegsjahr 1916 durch den damaligen Pfarrer Ernst Hecht neu angelegt und von seinen Amtsnachfolgern bis im Jahre 1942 fortgeführt. Sie spiegelt vor allem das bewegende Schicksal der Kirchengemeinde (vor, während und nach dem 1. Weltkrieg) wieder. Diese Chronik liegt als Kopie unter der Signatur L42 im Archiv der Kreisgemeinschaft Angerburg in Rotenburg/Wümme vor. Das Original stammt ursprünglich aus dem Kuttener Pfarrarchiv und wird heute in dem Evangelischen Zentralarchiv Berlin unter der Signatur 507/4361 archiviert. Der EZA-Leiterin Frau Dr. Stache sei hiermit für ihre freundliche Genehmigung des Abdruckes der Transkription gedankt.

Die Handschriften der Chronik sind an einigen Stellen nur schwer lesbar. Eindeutige Schreibfehler des Verfassers wurden korrigiert, die Satzstellungen und Ausdrucksweisen jedoch aufgrund der Originalität beibehalten. Der im Folgenden abgedruckte Einleitungsteil ist ein Rückblick von Pfarrer Hecht auf die Geschichte der Kirche Kutten, sowie eine Erläuterung der Geschehnisse in der Gemeinde vor dem 1. Weltkrieg und während des Krieges bis zu seinem Amtsantritt 1916.

 

 

 

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Die nach dem 2. Weltkrieg wiedererrichtete Kirche

in Kutten (Aufn. 2004)

 

Die Kirchenchronik, angelegt 1916 von Pfarrer Hecht,

fortgesetzt bis 1942 von seinen Amtsnachfolgern

 

   Nach Bötticher, Bau- und Kunstdenkmäler erhielt das Dorf Kutten seine Handfeste am 10. Juli 1553 und gehörte zunächst in kirchlicher Hinsicht zu Angerburg, von welchem es in Luftlinie 13 km entfernt ist. Im J. 1576 wurde die jetzige Kirche erbaut. Königlichen Patronats. Im J. 1886/87 wurde sie durchgreifend erneuert. Dabei wurde besonders die Decke verändert, die bis dahin flach und von großen, grellfarbigen, rohen Bildern bedeckt war. Die Kirche wurde 1887 von einem freitragenden Hängewerk überbaut. (Denkschrift zur Einweihung der neuen Kirche in Kutten im Jahre 1887 von Braun, Superintendent, Angerburg; die genannte Denkschrift enthält geschichtliche und sagenhafte Nachrichten über das Kirchspiel Kutten). Der Turm hatte ein spitzes Hallendach, das im unteren Teil mit Biberschwänzen[1], im oberen Teil mit Zink gedeckt war. Im J. 1910 wurde das Turmdach neu gedeckt in Tonziegeln nach böhmischer Art, von einer Graudenzer Firma ausgeführt. Dabei stellte sich auch der Dachstuhl als morsch heraus und wurde durch Steinbrück – Angerburg erneuert. Für Eindeckung und Dachstuhl wurde 7000 Mk bezahlt. Außerdem wurde auch der Glockenstuhl ausgebessert, Kosten dafür 1000 Mk. Bei diesem Umbau 1910 wurde das Turmdach um 3m verkürzt. Die Turmspitze wurde mit Kupferblech bezogen.

   Am Ostgiebel der Kirche (Altargiebel) befindet sich ein großes, für mehrere Leiber bestehendes, mit Zementrahmen eingefasstes Grab mit einem Kreuze, welches besagt: „Hier ruhet Pfarrer Andreas Gottlieb Paulini“. Etwas entfernt davon befindet sich laut Grabkreuz das Grab von der Frau Pfarrer Amalie Paulini geb. von Dzingal. Außerdem sind dort noch unsere älteren Gräber der Familien Casper (Rektor z. Zt. des Pfr. Paulini) und Paulini. Paulini hat 44 Jahre lang von 1825-1869, das Pfarramt Kutten verwaltet. Er starb am 2.12.1869, im 53. Amts- und 80. Lebensjahr. Er muss ein Naturfreund, besonders Gartenfreund gewesen sein. Den schönen Park (sog. Kirchenpark) südlich des Kirchplatzes hat er ca. 1832 angelegt, lt. Lagerbuch Abt. I auf einem wüsten Teil Land, dessen Nutznießung dem Pfarrer zustand. Auch die außerordentlich geschmackvolle Anlage des Pfarrgartens stammt von ihm her. So hat er sich hierin ein bleibendes und schönes Denkmal gesetzt.

   Ebenfalls auf dem Kirchenplatz zur rechten Seite des Nordeingangs befindet sich die von der Liebe der Amtsbrüder und Lehrer schön geschmückte Grabstätte des Pfarrers Anton Emil Willamowski, der von 1870-1899 hierselbst Seelsorger der Gemeinde Kutten gewesen ist. Unter ihm fand der oben erwähnte Umbau der Kirche statt (1886/1887). Er hat während seiner ganzen Amtszeit viel zu kämpfen gehabt gegen die bereits unter seinem Vorgänger Paulini in das Kirchspiel eingedrungene Sektiranei, die baptistische Propaganda, die deren Hauptherd in Grodzisko hat. In Grodzisko wurde (siehe die dortige Schulchronik, die glücklicherweise erhalten ist), nachdem bereits seit dem J. 1860 dort und in der Umgegend Baptisten sich eingefunden und Predigten gemacht hatten, im J. 1864 von den Baptisten mit vielen Zeremonien der Grundstein zu einer Kapelle gelegt.

1883 (nach derselben Quelle) vermehrte sich die dortige Baptistensekte infolge der Predigten einiger amerikanischer Missionare. Am Pfingstfeste 1883 wurde in Grodzisko im Dorfe 60 Erwachsene und Kinder durch den Baptistenprediger Grimm getauft. Pfr. Willamowski hielt sehr oft in Grodzisko Außengottesdienste, um die Leute von der Kapelle abzuziehen. Im Jahre 1887 wird von Wehlau an die sektirarische Bewegung festgestellt. Im Jahr 1886 beginnen auch in Gembalken (laut dortiger Schulchronik) beim Riemermeister und Kätner Johann Wandtkowski religiöse Versammlungen, von auswärtigen „Brüdern“ geleitet. Solch Leiter waren Radoch – Gahrewen [?], Kukat – Lasdehnen, Szillat u.a. Sie nannten sich „Kirchengläubige“, also nicht Baptisten. In dieser Zeit sind auch einige baptistische Familien in Kl. Strengeln, dazu noch die in Kutten entstandenen sog. Neuapostolisten, deren Hauptführer die Gebr. Columbus sind.

Doch scheinen die Bewegungen ihren Höhepunkt überschritten zu haben, neue Anhänger finden sich nicht mehr und mit der Zeit wird hoffentlich die Zahl der Eigensinnigen immer kleiner werden. Pfr. Willamowski hat sich durch reichliche Abhaltung von Außengottesdiensten und in treuer Seelsorge der Gemeinde angenommen. Die Gemeinde kann ihn nicht vergessen, er hat viel Liebe gesät und Liebe geerntet.

   Von 1899 bis 1907 war Pfarrer Johannes Wolter, jetzt II. Pfarrer in Angerburg, hier Pfarrer. Unter ihm wurde der Neubau des linken Stalles auf dem Pfarrhofe geplant, doch kam er nicht zur Ausführung. Er hat noch Vieh und Pferde gehalten, sowie eine kleine Landwirtschaft betrieben. Außengottesdienste hat er ebenfalls reichlich gehalten.

   Sein Nachfolger wurde Pfr. Wangnick, der von 1907-1914 hier Pfarrer war. Er trieb keine Landwirtschaft mehr, sondern hielt nur 1 einspänniges Fuhrwerk, schaffte sich außerdem ein kleines Auto an, um besser zum Bahnhof und zur Stadt fahren zu können. Unter ihm geschah der Umbau des Kirchturmdaches, ferner der Neubau des Pfarrinstgehöftes. Das alte Pfarrinsthaus, ein Steingebäude, war schon sehr baufällig, so wurde im J. 1911 ein neues Pfarrinsthaus nebst Stall für 4 Familien erbaut. Den Anschlag machte das Kgl. Hochbauamt Angerburg, die Ausführung geschah durch Herrn Otto Columbus hier. Das Haus sieht recht hübsch aus. Das alte Pfarrinstgehöft wurde nebst dem Grund und Boden (ca. 1/3 Morgen) an den Kaufmann Kalies hierselbst für 1300 Mk verkauft. Herr Kalies hat es abgebrochen und ein neues Wohnhaus errichtet. Die Summe von 1300 Mk floß zur Hälfte in die Kirchenkasse, zur Hälfte in die Pfarrkasse. Die Königl. Regierung zog den Wert der Altmaterialien des alten Insthauses in Höhe von 479,11 Mk von dem von ihr zu leistenden Patronatsbeitrags ab. Die Kirchengemeinde protestierte dagegen, strengte glücklich einen Prozeß an, und gewann denselben in beiden Instanzen, worauf die Regierungshauptkasse die 479,11 Mk an die Kirchenkasse nachzahlte. Womit erwiesen ist, dass die Altmaterialien vom alten Gebäude bei kirchl. Neubauten nicht dem Patron, sondern der Gemeinde gehören. Am 1. Mai 1914 zog Pfr. Wangnick nach Benkheim, wohin er als Pfarrer von der dortigen Gemeinde gewählt war.

   Die Neubesetzung der Pfarrstelle Kutten gelang zunächst nicht, da Kutten sehr ungünstige Verkehrsverhältnisse hat. Es ist nebst Engelstein der einzige Pfarrort im Kreis Angerburg, welcher noch keinen Bahnhof besitzt, 6,5 km von Possessern entfernt. Zudem war das Haus recht schlecht. Die Gemeinde entschloss sich zunächst zu einem gründlichen Umbau und zu einer Wiederherstellung des Pfarrhauses, und schrieb die Stelle wiederholt aus.

 Inzwischen brach der große Krieg aus.

 

Kirchengemeinde Kutten im Kriege

Zustand des Kirchspiels vor dem Kriege[2]:

   Das Kirchspiel Kutten hat 3500 Seelen laut Akten, der Bezirk umfasst 10 Gemeinden, 3 Gutsbezirke, sowie einen Teil des Forstgutbezirks Heydtwalde, von welchem die Förstereien Hegewald, Lindenberg und Teufelsberg zum hiesigen Kirchspiel gehören. Herkömmlich wird der Flächeninhalt des Kirchspiels auf 390 Hufen angegeben. Im Kirchspiel liegen folgende Seen: 1. Schwarze Kutte, 2. Tiefe Kutte, 3. Krumme Kutte, 4. Weiße Kutte, 5. Wilkus-See, 6. Brzonoz- (Braunisch-) See, 7. Goldapgarten an der Kirchspielgrenze, 8. Spitzing-See.

   Sehr rückständig sind im Kirchspiel die Wegverhältnisse. Es sind in den Kirchspielgrenzen nur ca. 5 km Chaussee und 6 km Kiesstraßen vorhanden, im übrigen Landwege, teils durch malenden Sand, teils durch Lehm. Die Sandwege sind teilweise ungeheuerlich breit, Wagenspur neben Wagenspur (z.B. Landstraße nach Grodzisko), und machen dadurch einen unrichtigen Eindruck. Unter diesen schlechten Wegeverhältnissen leidet nicht nur der kulturelle Zustand, sondern auch das kirchliche Leben und alle Vereinspflege. Immerhin sind die Leute an diese Verhältnisse gewöhnt und finden sie weniger schlimm als die aus andrer Gegend Kommenden. Für den Naturfreund jedenfalls leisten die vielen stillen Landwege durch Wald, an Seen, über Berge, eine Quelle vieler Freuden, und von seinem Standpunkte ist das Fehlen langweiliger Chausseen nicht zu bedauern.

   Die Bewohner des Kirchspiels sind meist Landwirte, hauptsächlich mittleren und kleinen Besitzes. Selbstständige Gutsbezirke sind 1) Rittergut Przytullen, 2) Gr. Lenkuk, 3) Frankenort. Sonstige größere Güter sind Kutten (Sauvant), Carlsberg (Grohnert), Wiesental (Seybicke), Grodzisko (Maeckelburg), Gembalken (Czygan). Dazu überall auch die üblichen Handwerker.

   Ländliche Industrien sind vertreten durch die Spiritusbrennereien in Przytullen und von Sauvant – Kutten, durch die größere Wilkusmühle bei Wiesental, durch die Ziegelei in Kutten (Feldofen, kleiner Betrieb), durch Windmühlen in Gembalken, Gr. Pillacken, Grodzicko. All diese Einrichtungen, ausgenommen die Wilkusmühle, sind bei den Russeneinfällen zerstört worden und teils jetzt (April 1916) noch nicht  wieder in Betrieb gesetzt. Eine Meierei war nicht vorhanden.

   Schulen: 9 Schulen mit 12 Lehrern (3 zweiklassige Schulen), Fortbildungs-Schulen bestanden in Grodzisko und Jakunowken, Jugendpfleger ebenda.

   An Vereinen sind im Kirchspiel nur der Landwirtschaftliche Verein, der Bund der Landwirte, der Kriegerverein, der Lehrerverein Kutten, umfassend die Kirchspiele Kutten, Possessern, Kruglanken.

   In Wiesental gab es vor dem Kriege einen Kgl. Fischmeister, auch ein Fischereigrundstück ist daselbst, gehörig dem Fischpächter unserer Seen, der in Frankfurt a. Oder wohnt. Da alle gefangenen Fische sofort nach den Großstädten ausgeführt werden und kein Kleinverkauf betrieben wird, so erhalten wir hier kaum jemals  Fische zu kaufen.

   Angebaut wurden hauptsächlich Roggen, Kartoffeln auf leichteren Böden, sonst auf besseren Böden die anderen Getreidearten, nur Weizen sehr selten, Klee auf besseren Böden, auf Sand Seradella. Ferner auf Sand Lupinen, sowohl zur Samengewinnung als auch hauptsächlich zu Gründüngung. Vor dem Kriege machte sich der überall stattfindende wirtschaftliche Aufschwung auch hier in Meliorationen[3] der Wiesen geltend. Der Flachsbau hat aufgehört, das Spinnen und Weben war den Mädchen zu langweilig und mühsam. Man kauft billige Wolle im Laden. Ölfrüchte wurden nicht angebaut, Schafzucht hat aufgehört, Bienenzucht hat häufig, z.T. großartige Stände (Czygan – Gembalken). Obstbauanzucht soll früher besser gewesen sein, in der Zeit vor dem Kriege gab es z.B. in Kutten kaum einen guten Obstgarten, jetzt aber noch während des Krieges, wird manches dafür getan, da man in dieser teuren Zeit alles, auch die Anbaubetriebe schätzen lernt. Die Wälder sind hauptsächlich Kiefernwälder, der Belaub Hegewald hat auch Tannen. Die sogen. Bauernwälder sind wenig gepflegt und übermäßig genutzt. Der Forstfiskus hat seit ca. 10 Jahren sein Gebiet erweitert durch Hinzukauf von Bauernland aus Kutten, Gr. Pillacken, Jakunowken, Przytullen (Waldpläne und Äcker), teils die ganzen Gehöfte, sodass die Besitzer fortgingen und die Häuser den Waldarbeitern zur Wohnung gegeben wurden, teils nur einzelne größere Parzellen, die wegen ihres sehr leichten Sandes sich zum Ackerbau nicht eigneten.

   Auch hier machte sich ein großer Besitzwechsel geltend. So haben seit 8 Jahren die Besitzer gewechselt: Karlsberg 3x, Wiesental, Kutten, Strengeln, Frankenort 2x. Auch einige kleinere Besitzungen wurden öfters gehandelt.

 

Der Weltkrieg

   Am Sonnabend den 1. August ca. 6 Uhr abends wurde die Mobilmachung in Kutten bekannt. Rektor Obrikat ließ die Kirchenglocken läuten. Das Geläute ging allen Hörern mächtig zu Herzen, die Empfindung, dass eine Schicksalsstunde für Deutschland geschlagen habe und wir blutigen Zeiten entgegengehen, bewegte viele Herzen. Am 1. Mobilmachungstag, Sonntag den 2. August fand Verlautgottesdienst durch Pfarrer Lic. Braun aus Angerburg statt. Beim Gesang der Lieder „Oh Gott verlass mich nicht“ hörte man Weinen, beim Gebet ging ein Schluchzen durch die Kirche. Viele empfingen das hl. Abendmahl.

   Für Mittwoch den 5. August war durch den Evangelischen Oberkirchenrat ein Buß- und Bettag angesetzt. Der Rektor getraute sich nicht, den Gottesdienst fest anzusetzen, da er nicht wusste, ob ein Geistlicher dazu herkommen wird. Aber Mittwoch ½ 10 Uhr war die Kirche von Schülern vollständig gefüllt, da ein auswärtiger Geistlicher nicht eintraf, hielt Rektor Obrikat den Lesegottesdienst ab.

   In folgenden Tagen wurde die Stimmung mehr und mehr erregt. Alarmierende Gerüchte verbreiteten sich; z.B. die Unserigen könnten nicht über die Grenze, da dort alles mit Mienen gespickt sei. Goldautos aus Frankreich nach Russland sollten unterwegs sein, die Wege wurden durch Arbeitswagen versperrt, es kamen aber keine Autos durch. Rektor Obrikat hatte die Leute oft zu beruhigen und zur Arbeit angehalten, da sie unlustig und träge waren. In der Skallischer Forst sollten Kosaken sein. Von Tag zu Tag stieg die Aufregung: Der Feind hatte die Grenze überschritten.

   Am 9. August hält Superintendent Braun Gottesdienst, und beruhigt die Gemeinde, ein Vordringen der Russen sei ausgeschlossen. Aber einige Tage darauf fangen einzelne Leute in Jakunowken doch an zu vergraben. Die Unsicherheit wird immer größer. Mehr Ruhe tritt ein, als Einquartierung einrückt. Aber bald zieht diese ab, und von Grodzisko her ziehen unsere Truppen (Artillerie Lötzen) nach Westen durch den Ort. Es wird allmählich immer mehr zur Gewissheit, dass Ostpreußen preisgegeben und geräumt werden soll. Donnerstag und Freitag den 20. u. 21. August flüchteten die Ortschaften Jakunowken und z.T. Kutten. Patrouillen waren schon bei den Abgebauten eingekehrt, ohne ihnen etwas zu leide zu tun.

   Hier blieben während der ersten Russenzeit das alte Ehepaar Sauvant – Kutten, und ihr jüngster Sohn, sowie Kaufmann Thieß, die Schwestern des Rektors Obrikat, die Gutsleute von Sauvant und eine Anzahl anderer, besonders alter Leute. Der pensionierte Rektor Obytz begab sich nach Thiergarten, dort blieb er, die Russen kamen nach Thiergarten, da ließ er sich vom russischen Gouverneur in Angerburg einen Passierschein geben und kehrte wieder in sein Heim zurück. In Kutten hatte er von den Russen viele Misshandlungen zu erleiden, die wohl auch zu seinem frühen Tode mit beigetragen haben. Thieß sollte erschossen werden, er ist verhauen worden, hat aber doch die Russenzeit gesund überstanden und scheint ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Die alten Sauvant hatten über Gewalttaten der Russen nicht zu klagen, nur dass dieselben mit den herrlichen Futter- und Getreidevorräten so unsinnig umgingen; ungedroschenes Getreide, wertvolles Kleeheu wurden allgemein den russischen Pferden untergestreut, die russischen Offiziere sagten: „Ja, das ist der Krieg“. Das Kleeheu bei Frau Sauvant bezahlten sie „wir Russen bezahlen alles!“ „ Ja, das Kleeheu bezahlten sie“, sagte Frau Sauvant und dachte an die Räuberei in Scheune und Schuppen. Der alte, stark schwerhörige Herr Sauvant versuchte die Russen zurückzuweisen aber sie legten auf ihn das Gewehr an, sodass er klein beigab und sich nicht mehr vor ihnen zeigte. Erst am 26. August wurde nach verschiedenen Durchzügen Kutten von den Russen besetzt. Im allgemeinen haben sich die Russen während des ersten Einfalls anständig betragen, es wurde keine Zivilperson getötet, nur der militärpflichtige Sohn von Bäcker Arndt wurde fortgeschleppt in die Gefangenschaft, da er nun schon seit 2 Jahren keine Nachricht gegeben hat (Nachtrag: Zurückgekehrt erst 1921, im Frühjahr, aus dem bolschewistischen Russland).

   Über die 1. Russenzeit geben die betr. Schulchroniken eingehende Nachrichten. In Wiesental wurde eine Anzahl junger Leute, die wehrpflichtig und auf dem Wege zur Musterung waren, erschossen. Verschiedene sind verschleppt und nach Sibirien gebracht worden. Brandlegungen kamen in Kutten selbst nicht vor.

   Am 10. September 1914 wurden durch Hindenburgs Sieg die Russen auch aus dieser Gegend vertrieben und zogen z.T. in eiligster Flucht, Waffen, Stiefel, sogar die Jacken fortwerfend, davon. Das ist besonders in Gr. Pillacken beobachtet worden. Bald kehrten die geflüchteten Einwohner zurück. Aber die Ruhe sollte nur von kurzer Dauer sein. Denn seit Anfang Oktober hörte man immer lauter von der Grenze her den Kanonendonner, man sagte sich bald: „Die Russen kommen wieder“. So verging in Unruhe und Sorge der Oktober. „Werden wir die Kartoffeln essen, die wir jetzt ausgraben?“ fragten die Leute. Am Anfang November erfolgte die Flucht der Grenzbewacher, am 8. November wird die Nachricht verbreitet, dass die Russen in der Annäherung sind.

   Am 31. Oktober war Rektor Obytz gestorben.

   Vom 1.-9. November amtierte in Kutten Pfarrer Bierfreund – Mark. Thierau Kr. Heiligenbeil, der vom Kgl. Konsistorium mit Verwaltung der hiesigen Pfarrstelle betraut war.

   Am 9. November begann die zweite Flucht, die weit allgemeiner war als die erste. Es flohen zuerst diejenigen, welche das erste Mal geblieben waren und denen erst hinterher  die Gefahr, in der ihre Freiheit und ihr Leben gestanden hatte, klar geworden war. Die ganze Gemeinde floh, das Vieh und die Pferde wurden meist von der Landwirtschaftskammer in Angerburg abgenommen, einige nehmen ihre Tiere auf die weite Flucht mit. Es blieben diesmal nur wenige alte Leute zurück, so in Kutten der alte Instmann Nagelski und Frau, der alte Glöckner Katschun und Frau, der alte Sprang u.a., in Jakunowken der über 90 Jahre alte Volkmann, in Gr. Pillacken der über 80 Jahre alte Scheffer u.a. Als die Russen in Kutten einzogen, sagte ein Unteroffizier zu dem alten Nagelski: „Ihr Leutchen, ihr seid zu bedauern. Diesmal kamen sie, um zu bleiben, warum seid ihr nicht auch geflohen?“. Die alten Leutchen wurden fast überall mitleidig von den Russen behandelt, doch waren sie denselben überall im Wege.

Im Dezember und Januar wurden sie deshalb von hier, auch von Przytullen, Pillacken, noch abtransportiert und zwar nach Czuckten und anderen Orten des Kreises Oletzko, wo sie in Privathäuser und Schulen untergebracht wurden. Sie nährten sich von Getreidevorräten, die sie selbst ausdroschen, zerquirlten und zu Brot verbackten, sowie von Fleischabfällen, die ihnen die Russen zuwarfen. Einige sind während dieser Zeit verstorben und dort begraben worden. Die Russen besetzten bei dem zweiten Einfall, der an der Linie Angerapp – Mauersee aufgehalten wurde, das ganze Kirchenspiel Kutten.

   Die Flüchtlinge wählten teils daselbst irgendwo ihren Aufenthaltsort, teils wurden sie durch die Staatsbehörden untergebracht, besonders in den Provinzen Westpreußen (Sauvant), Pommern, Sachsen (Kr. Salzwedel), Hannover (Lüneburger Heide) und Schleswig – Holstein. Sie wurden alle auf dem Lande bei Besitzern, Lehrern etc. also bei ihresgleichen untergebracht und ein Kostgeld für sie gezahlt. Sie haben es dort meist gut gehabt, oft sehr gut, wurden später bei ihrer Heimkehr mit Lebensmitteln beschenkt. Sie haben ihren Gesichtskreis erweitert und kirchliches sowie landwirtschaftliches Leben anderer Gegenden kennen gelernt. Das kirchl. Leben dort erschien den ernster gerichteten meist dürftig und unbefriedigend. Obwohl sie z.T. in sehr fruchtbaren Gegenden waren, so äußerte doch merkwürdigerweise keiner den Gedanken, es wäre dort besser. Alle wollten wieder zurück und sind ohne Ausnahme später zurückgekehrt. Rektor Obrikat war nach Berlin, später Zehlendorf geflüchtet und erhielt dann durch die Regierung in Potsdam die Lehrerstelle im Kirchdorf Alttrebbin im Oderbruch zur Verwaltung. Auch er würde nach seinen Erfahrungen nie das fruchtbare Oderbruch gegen das Kutterland eintauschen wollen. Auch die Schulverhältnisse erschienen ihm dort keineswegs fortgeschrittener als in Ostpreußen.

   Inzwischen hausten November, Dezember 1914 und Januar 1915 die Russen in der lieben Heimat. Im Przytuller Walde hatten sie umfangreiche Unterstände für Mannschaften und Pferde eingerichtet. Überall zeugen noch jetzt Schützengräben, Kochlöcher, Unterstände von dieser Zeit, vor allem aber kamen nun viele Ruinen dazu, die durch Beschießen, Verbrennen, Abbrüchen der Gebäude entstanden. Anfang Februar erfolgte die große Winterschlacht , durch welche die Russen zum zweiten Male, nun hoffentlich endgültig aus Ostpreußen hinausgetrieben wurden. Die Flüchtlinge stellten sich bald ein, um Ausschau wegen der Möglichkeit der Rückkehr zu halten. Aber noch durfte keiner zurückkehren. Zuerst mussten durch Pioniere die zahlreichen Flatterminen entfernt und durch Desinfektion musste der Verbreitung entstehender Krankheiten vorgebeugt werden. Auch fehlten in dem soeben durch den Feind geräumten Lande noch alle Lebensmöglichkeiten, besonders Nahrungsmittel. Ende März, Anfang April erfolgte die allgemeine Rückkehr. Am 1. April 1915 wurde der Kreis Angerburg östlich der Angerapp und des Mauersees allgemein zur Rückkehr offiziell freigegeben, nur einige ganz zerstörte Orte (Gr. Strengeln) ausgenommen.

Es war eine schwere, herzbeklommene Rückkehr. Die Flüchtlinge standen zunächst dem Nichts gegenüber. Es fehlte an allem. Kein Mensch, kein Tier, nur einige Katzen waren in den Dörfern und Höfen zu finden, als die ersten heimkehrten, überall Totenstille. Die Häuser teils zerstört, teils beschädigt, alle Zäune, z.T. alle Holzteile beraubt. Einige Scheunen infolge der Entnahme der Holzteile zusammengestürzt. Immerhin hinsichtlich der zerstörten Häuser war das hiesige Kirchspiel noch glimpflich davongekommen, keine Ortschaft war ganz zerstört. Aber die Wohnungen waren alle ihres Inhalts beraubt, dafür mit Stroh, mit Pritschen und unendlichem Schmutz erfüllt, Scheunen und Ställe gänzlich leer. Die Lebensmittel mussten zu Fuß aus der Stadt besorgt werden. Allmählich sorgten die Behörden für Pferde, Kühe, Heu, Dielen, Pflugachsen, Ackergeräte, Saatgut. Kriegsgefangene wurden zur Verfügung gestellt. So gingen die Flüchtlinge zwar verspätet aber doch eifrig und voll Gottvertrauen an die Bestellung der Felder.

   Der 1. Gottesdienst nach der Rückkehr hielt, da die Pfarrstelle nach wie vor unbesetzt war, am Sonntag Miser. Domini den 18. April Rektor Obrikat. Das kirchl. Leben war nun zu ordnen, da zunächst viele Leichen ohne kirchl. Anmeldung begraben wurden. Die ganze Kirchenregistratur war vernichtet, die Kirchenbücher sowie das Lagerbuch aber glücklicherweise gerettet. Pfr. Bierfreund kehrte nicht nach Kutten zurück, er wurde in Böttchersdorf Kr. Friedland, wo er die erledigte Stelle verwaltet hatte gewählt. Sobald man daran denken konnte, richtete daher die Gemeinde wieder ihr Augenmerk auf den Schreiber dieser Chronik, Pfr. Hecht[4] – Rosengarten den man schon vor dem Kriege zum Seelsorger hatte wählen wollen, der aber noch nicht das volle, für die hiesige Stelle erforderliche Dienstalter hatte. Sehr beunruhigt, ja geängstigt wurden die Zurückgekehrten aber noch dadurch, dass noch Befestigungen (Stützpunkte) bei Carlsberg, Wiesental und Kl. Strengeln angelegt wurden. Es hatte den Anschein, als ob die Generalleitung doch noch mit der Rückkehr der Russen rechnete. Diese Bedenken schwanden erst, als Kowno, Warschau, Brest-Litowsk erobert wurden und Hindenburg immer weiter nach Russland hineinzog.

Nun wagte man auch, größere Bauten vorzusehen, doch ist 1915 noch recht wenig gebaut worden, es war dazu zu spät geworden. Eine große Hilfe waren die Kriegsgefangenen, für welche auf Sauvant’schem Lande am Wege nach Gembalken eine Baracke erbaut wurde. Besonders eifrig in der Ausnutzung der Gefangenenarbeit zeigte sich Rittergutsbesitzer Fessel – Przytullen, der im Winter 1915/16 bis 150 Russen mit Aufräumen, Bauen, Meliorieren usw. beschäftigte. Auf seinem Hofe ist stets ein wimmelndes Leben wie auf einem großen Industrieplatze. Im Pfarrhause war während der Vakanz schon vor Kriegsbeginn ein größerer Durchbau erfolgt. Türen waren neu angelegt, das Esszimmer vergrößert, dergleichen der Anbau vergrößert, und dabei eine Schreibkammer, Mädchenstube und Badestube geschaffen. Die Badeinrichtung war durch die Russen verdorben, und wurde jetzt (Sommer 1915) wider neu eingerichtet. Desgleichen durch Otto Columbus die Pumpe gebaut, da der Lochbrunnen verdorben war. Der Kirchbau, soweit unfertig, wurde beendet.

   Im Sommer 1915 wählte die Gemeinde Pfr. Hecht – Rosengarten zu ihrem Geistlichen. Nachdem der Ev. Oberkirchenrat den Gewählten von der Erfordernis des 9 jährigen Dienstes etwas befreit hatte, wurde er bestätigt und Anfang Oktober eingeführt. Vorher waren die Malerarbeiten im Pfarrhause durch Scheiba – Angerburg, soweit z.Zt. möglich ausgeführt worden. Die Ernte 1915 war sehr schlecht wegen der späten und mangelhaften Bestellung. Die Freude der Gemeinde war groß, wieder einen Hirten und Seelsorger zu haben. Im Winter 1915/16 herrschte ziemlicher Mangel an Petroleum und Spiritus, auch Lebensmittel waren hier noch knapper als in anderen Gegenden, wegen des geringen Viehstandes und fast gänzlich fehlenden Geflügels.

    1916  Am 1. Februar wurde dem Ortspfarrer unbeamtlich die Verwaltung der Kreisschulinspektion Angerburg II übertragen. Man hat den 2. Kriegswinter überstanden und hofft doch wenigstens auf Beendigung des Krieges 1916. Der Frühling 1916 war sehr warm, sodass die Witterung sich frühzeitig entwickelte. Dann aber blieb es dürr, sodass die Sommerung nicht gut aufging. Zum späteren Verlaufe brachte das Jahr böse Kälterückschläge (im Mai und Juni), sodass die Baumblüte z.T. vernichtet wurde. Der Sommer gestaltete sich dann sehr regnerisch, Sturm und kalte Regenschauer sind beinah jeden Tag. Gemüse und Futter wächst gut, doch war die Heuernte bei dem nassen Wetter sehr schwierig. Das Getreide brachte gegen das traurige Jahr 1915 einen erheblichen Fortschritt. 1916 wurde in der Gemeinde viel gebaut, zuerst Scheunen sodann auch Ställe, und Reparaturen an den kriegsbeschädigten Gebäuden ausgeführt. Bedauerlicherweise blieben kirchliche und Schulgebäude im Rückstande, da die Privatunternehmer sich die Bauunternehmen gesichert hatten, und naturgemäß die Besitzer für sich selber sorgten.

    Ab 1.10.1916 schied der Glöckner Katschun aus seinem Amte aus, nach 26 jährigem Dienste als Glöckner in Kutten. Der Gemeindekirchenrat wählte seinen Sohn August Katschun zum Glöckner. Er wurde mit Erfolg für längere Zeit proklamiert.

     Am 2. Juli fand die Visitation statt. – Kirchenbesuch und Kollekten blieben gut. Die inbrünstigen Wünsche und Hoffnungen auf baldigen Frieden blieben unerfüllt, sodass häufiger die Befürchtung eines neuen 7- oder gar 30- jährigen Krieges laut wird. Zur 4. Kriegsanleihe haben die Schulen Zeichnungen eingesammelt auch kleine Beträge bis zu 1 M, ja 50 Pf herab wurden durch zahlreiche Schulkinder gezeichnet. So kamen z.T. stattliche Summen zustande. Eigentliche Not tritt nicht ein, die Geschädigten erhalten Vorentschädigungen, die Familienunterstützung, die Kriegsgeschädigtenrente, die Landwirte und Geschäftsleute haben guten Lohn - Preis, russische Kriegsgefangene tun die Arbeit der Eingezogenen. Aber die vielen Gefallenen! Und der traurige Anblick auf die Schulden des Reiches, wobei man sich damit tröstet, dass es den Feinden womöglich noch schlechter geht. Im Spätsommer kommen wolhynische[5] Flüchtlinge in die Ortschaften, Deutsche aus Russland, die hier als Arbeiter bei den Besitzern Aufnahme finden. Auch im Herbste gab es viel Regen, doch konnte am Erntedankfeste es dankend bezeugt werden: Unter aller Kriegsnot hat doch Gott noch immer geholfen.

    Das Wirtschaftsleben in der, durch die Russeneinfälle verwüsteten Gemeinde ist wieder entwickelt, es geht schwer, aber es geht doch vorwärts. Die Kraft unseres Vaterlandes ist hart geprüft, doch ungebrochen. Im November wurde der Insthausstall durch Otto Columbus – Kutten wieder aufgebaut. Am 1. Advent wurde dem, aus dem Kirchendienste ausgeschiedenen Glöckner Katschun das ihm verliehene „Allgemeine Ehrenabzeichen“ überreicht. Am 1. Dezember wurde der neue Glöckner Katschun eingezogen. Nachdem am 4.1.1917 auch der Sohn des jetzigen Glöckners eingezogen ist, ist in der Glöcknerfamilie keine männliche Arbeitskraft mehr zu Hause und die Frau muss den Glöcknerdienst versehen. Der Winter 1916/17 war bis Weihnachten verhältnismäßig mild, dann aber Januar und Februar überaus kalt und sehr schneereich. Im Vordergrunde standen überall die Ernährungsfragen, auf dem Lande steht es mit der Ernährung befriedigend, da die meisten als Selbstversorger wenigstens ihre Rationen sicher erhalten, auch durch die Hausschlachtungen genügend sich versorgen können. Fortgesetzt aber ist auf die Landbevölkerung einzuwirken, dass sie alles irgend entbehrliche abliefern und sich freiwillig beschränken möge.

    1917: Im Januar 1917 wurde der Ortsgeistliche als Führer einer kleinen Deputation nach Düsseldorf und Umgegend geschickt, um persönlich Kenntnis zu nehmen von der gewaltigen Bedeutung der Heeresindustrie und den Ernährungsschwierigkeiten der Großstadt, insbes. der Munitionsarbeiter. Der Auftrag ging vom Kreisausschuss des Kreises Angerburg aus. Es wurden durch die Abgesandten in den Kirchorten des Kreises aufklärende Vorträge gehalten. Für die sog. „Hindenburgspende“ an Speck, Schmalz und Eiern wurde reichlich von den Leuten gegeben, obgleich der Kreis bereits von jeder Hausschlachtung eine Abgabe von 5-8 pd. Speck, 1-2 pd. Schmalz verlangt. Die Leute begreifen die Not in den Städten und geben gerne, was sie können. Sie hätten auch noch Kartoffeln geliefert, doch war die Kartoffelernte auch hier sehr dürftig ausgefallen, hatte auf dem schweren Boden ganz versagt, sodass die Leute für kaum die Aussaat ernteten, und war auch auf leichten Böden infolge des nassen Sommers sehr schlecht.

   Zum Teil hat es auch an liederliche Bearbeitung durch die Russen gelegen. Wegen Scheunenmangel endlich und wegen früh einsetzenden Frostes gelang es nicht, im Herbst genügend Kartoffeln aus dem Hause nach den Bedarfsgebieten zu versenden. Eine böswillige Zurückhaltung liegt nicht vor. Unter den Pferden herrschte in großem Umfange die Räude, eine im Frieden unbekannte Krankheit. Die diesjährigen Konfirmanden zeigen recht deutlich die Folgen der vielen Schulversäumnisse, der Wissensstand ist gering, die Kinder wurden fortgesetzt zur Arbeit gebraucht und mussten dazu beurlaubt werden. Im Mai 1917 trafen aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf 175 Kinder zur Unterbringung für 4 Monate in unserem Kirchspiel ein. 1 Kind musste wegen Krankheit zurückgeschickt werden. Die Kinder stammten aus: a) Sterkrade 54 Kinder, b) … 7 Kinder, c) Neuss 19 Kinder, d) Viersen 25 Kinder, e) Kupferdreh 69 Kinder, im Ganzen 89 Knaben, 85 Mädchen. Die Bereitwilligkeit zur Aufnahme der Kinder war erfreulich groß, und nachdem die schwierigen Vorarbeiten erledigt waren, lebten sich die Kinder gut ein und fühlten sich hier sehr wohl. Zur Beaufsichtigung der Kinder kamen Rektor Eichner – Sterkrade und Lehrerin Häberlein – Sterkrade mit, und diese Lehrkräfte halfen auch mit beim Schulunterricht der Großstadtkinder.

    Die Aufnahme der Kinder geschah unentgeltlich. Am 3. Mai starb nach 9jähriger Amtstätigkeit in Kutten der Rektor August Obrikat und wurde durch den Ortsgeistlichen Pfarrer Hecht, in Gumbinnen beerdigt. Am 6. Juli fand durch Herrn Superintendent Braun die diesjährige Visitation statt, wegen des Krieges in merkwürdiger Form, bestehend in Liturgie und Unterredung mit den Konfirmanden. Am 30. Juli 1917 wurden eine Anzahl Orgelpfeifen und zwar die meisten Prospektpfeifen wegen ihres Zinngehaltes beschlagnahmt und abgeliefert. Die Kirchengemeine empfing für das Material eine Entschädigung von 646,10 Mark (97kg). Da die Beschaffung von Zinkblechpfeifen für die gesamte Entschädigung kaum möglich ist, so wurde von einer Ersatzbeschaffung abgesehen. Die Orgel ist auch in dem beraubten Zustande brauchbar. Am 5. August 1917 fand in der Kirche ein Kirchenkonzert statt, ausgeführt von einheimischen und auswärtigen hier selbst auf Sommerfrische weilenden Kräften. Der Besuch war sehr gut. Der Kernertrag für wohltätige Zwecke betrug 310 Mark. Rektor Riels aus Wenzken wird angestellt.

    1918: Im März 1918 wurden von Kriegsgefangenen unter Leitung eines sog. Gräberoffiziers die Kriegsgräber, ebenfalls die mit zahlreichen Russengräbern geöffnet, die Leichen in primitive Särge geborgen und auf besonderen Kirchhöfen vereinigt. Auch die 16 Russengräber auf dem Kirchenplatz wurden exhumiert. Die Zahl der diesjährigen Ferienkinder beträgt 79. Größer aber ist die Zahl der außerdem auf eigene Verantwortung eingetroffenen Großstadtkinder, ferner die verwandten Kinder, so dass man viele fremde Gesichter sieht. Vielfach sind aber auch dieselben Kinder, die 1917 amtlich hergeschickt waren, jetzt unter Ausnutzung der gewonnenen Beziehung selbstständig eingetroffen. In diesem Sommer erfolgte die Rückkehr der aus dem Kirchspiel von den Russen verschleppten Zivilisten, die meistens in der Wolgagegend gewesen sind. Sie wurden vom Landratsamt mit Geld unterstützt, Kleidung wird ihnen gegen mäßige Entschädigung durch den Frauenverein zugewendet, sie erhalten für ihren Kriegsschaden, entsprechend der eingetretenen Teuerung, besonders Lohn -Teuerungszuschläge. Zufrieden aber sind sie natürlich doch nicht. Denn Bescheidenheit und Zufriedenheit sind immer seltener, Habgier und Neid gegen jeden Bessergestellten fressen sich immer tiefer in die Volksseele ein. Diese sog. Verschleppten sind 15 Personen.
    Am 20. August wurde eine unserer altehrwürdigen Kirchenglocken, und zwar die jüngere zum Kriegsdienste eingezogen und vom Kommunalverband beschlagnahmt. (Durchmesser 68 cm, Jahr 1699, G. Dornmann, 188 kg, schwer a kg 4,50 M). Die gezahlte Entschädigung beträgt 846, die Kosten des Ausbaus 150 M. Der Reinerlös wird in Kriegsanleihe angelegt.

    Das Desaster des Umsturzes in Berlin und im Reiche, der Kaiser zu Abdankung gedrängt, nach Holland geflüchtet, das Heer zurückflutend, die Sozialdemokratie endlich an der Macht, am Ziel ihrer Wünsche.

    Die Krieger kehren zurück und finden hier in der Landgemeinde verhältnismäßig leicht wieder Arbeit und Brot. Die alten Besitzer sind froh, wieder ihre Söhne bei sich zu haben, Frauen und Altsitzer geben mit Freuden das Regiment wieder dem Sohn, dem Manne.

    Die Kirchengemeinde wird erregt durch die bevorstehende Trennung von Kirche und Staat. Zur Abwehr einer kirchenfeindlichen Politik wird der „Evangel. Volksfreund für Ostpreußen“ gegründet, dem auch aus Kirchsp. Kutten fast 700 Mitglieder beitreten. Sie erklären sich damit für Beibehaltung des Religionsunterrichts in der Schule.

    1919: Die Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung. Vorher Wahlversammlungen aller Parteien im Saale bei Thies unter großer Beteiligung. Die Arbeiter sind entschieden für „Richtung Ebert - Scheidemann“ darauf sie immer wieder „Hochs“ ausbringen. Dementsprechend ist auch der Wahlausfall, die Mehrheitssozialisten bekommen die meisten Stimmen.

    Die Wahlen zu Gemeindeversammlungen dagegen ergaben eine bürgerliche Mehrheit. In Zusammenhang mit den innerpolitischen Ereignissen steht die Gefährdung durch Polen und Bolschewiken. Besonders letztere bedrohen zeitweilig die Provinz sehr stark. Sie würden bei einem etwaigen Eindringen über die Grenze von plünderungslustigen Elementen der einheimischen Bevölkerung sicherlich freudig begrüßt werden. Gegen die polnische und bolschewikische Gefahr wird eifrig zum Eintritt in die Freiwilligen–Formationen geworben. Auch der Geistliche, Pfarrer Hecht, tritt ein, um ein gutes Beispiel zu geben, und dient vom 5. März bis Ende Juni 1919 bei der 1. Freiw. Abt. Feldart. 37 zuerst im Kreise Insterburg, sodann an der Grenze in Westpreußen. Er hat auf Wunsch des Majors aufklärende Vorträge über die politischen Zeitereignisse vor der Formation zu halten. Die Vertretung im Pfarramt geschieht durch Pfarrer Haugwitz – Possessern und dem Rektor Riel.

    Heimgekehrt findet der Geistliche eine große Aufgabe vor, er ist von der Notwendigkeit einer Neuverpachtung des Pfarrlandes gestellt, da der bisherige Pächter, Gutsbesitzer Karl Sauvant sein unwirtschaftlich gelegenes Gut parzelliert. Zuerst verkauft er einzelne Stücke an die benachbarten Besitzer, endlich teilt er auch das Restgrundstück mit Hofstelle auf. Der Vermittler der ganzen Gutteilung ist Güterhändler Berner aus Rastenburg. Den Hof erwirken je zur Hälfte der hiesige Bäcker Arndt und der wolhynische Rückwanderer Schrammer. Herr Sauvant behält noch einen Rest von Land und Gebäuden. Das Pfarrland wird parzellenweise verpachtet und zwar gegen Lieferung von Naturalien – Kartoffeln, Getreide, Heu.

    1920: Im Winter bis zum Frühjahr 1920 ist hier eine Schwadron Dragoner einquartiert, die wegen der bevorstehenden Volksabstimmung in Masuren ihren Standort Lyck haben räumen müssen. Zu gleicher Zeit lässt der G. K. R[6]. eine Menge Holz aus dem zu dicht gewordenen Kirchenforst einschlagen. Das Holz wird teils verkauft, teils zu Bauten der Kirchengemeinde verwertet.
    Im August naht der Krieg zwischen Polen und Sowjetrussland unseren Grenzen, große Mengen bolschewistischer Soldaten treten über und werden in Arys interniert. Da bei dem ersten Ansturm die deutsche Bewachung versagt, so verlassen viele Boleschwisten Arys und wandern durchs Land, bettelnd, Handel treibend. Auch hier sieht man einige, sie sehen müde und heruntergekommen aus infolge der Niederlage, aber sonst ähnliche Erscheinungen wie im Jahre 1914/15. Bei unsern Besitzern beginnt ein Wettrennen nach den mitgebrachten zur Verteilung kommenden Pferden, den sogen. Bolschewistenpferden Angale. Anfang gab es wilden Handel mit solchen Pferden, dann aber setzt geregelte Verteilung durch das Landratsamt ein. Der von den Besitzern zu zahlende Preis soll später festgesetzt werden. Die Preisentwicklung für alle Waren erreicht allmählich eine Höhe, die man früher nie für möglich gehalten hätte, und die nur dadurch einigermaßen erträglich wird, dass auch die Beamten (-gehälter) aufgebessert werden.

    Doch sind nur sie die eigentlichen Leidtragenden, denn die Waren und Lebensmittel kosten heute das 15-30fache des Friedenspreises, während die Gehälter bei höheren Beamten das 4-5fache betragen, bei mittleren und unteren Beamten ist die Aufbesserung erheblicher. Im Winter 1920/21 kostet eine gute Kuh 7000 Mark (Friedenspreis 300 Mk), Roggenhöchstpreis 70 Mk, Hafer im freien Handel 150 Mk. Für den Zentner (Vorkriegspreis 4-5 Mk). Die Grundstückspreise sind entsprechend hoch, so dass nur sehr vermögende Leute Güter kaufen können. Die vielen jungen Leute, die auf den Gütern mangels anderer Laufbahnen als Landwirtschaftliche Lehrlinge, die Landwirtschaft sich zum Lebenslauf erwählt haben, sehen einer dunklen Zukunft entgegen, soweit sie nicht so glücklich sind, reiche Eltern zu besitzen. Auch der Arbeiter, der 4-5 Mk Stundenlohn bezieht, kommt damit nur gerade aus. Hier herrscht glücklicherweise wenig Arbeitslosigkeit, da es nur wenig Industrie gibt.

    1921: Am Sonntag, den 23. Januar 1921 fanden die Kirchenwahlen nach dem neuen Gemeindewahlgesetz statt. Es kam zu einem Wahlkampf zwischen dem Wahlvorschlag des G.K.R. und einem andern von den vereinigten Gemeinschaftsleuten aufgestellten Wahlvorschlag. Für ersteren stimmten 100, für den zweiten 72 Personen. Im Monat März desselben Jahres verließ Pfarrer Hecht Kutten, um als 4. Geistlicher an die Lutherische Kirche nach Insterburg zu gehen. An seiner Stelle wurde durch das Konsistorium Pfarrer Karl Venske aus Angerburg berufen, der am 16. Mai 1921 endgültig nach Kutten übersiedelte, nachdem er von März an fast regelmäßig hier gepredigt hatte. – Pfarrer Venske (geb. 29.4.1892 zu Düsseldorf), kam im Herbste 1917 in das Vikariat zu Herrn Superintendent Braun in Angerburg, wurde im Frühjahr 1918 mit der Verwaltung der 2. Pfarrstelle betraut und im Januar 1919 daselbst zum 2. Geistlichen gewählt. – Seiner Antrittspredigt am 25. Mai 1921 lag das Schriftwort 1. Kor. 13,13, zu Grunde. Da der Geldverfall, der Ende 1922 unaufhaltsam werden sollte, sich mehr und mehr spürbar machte, ging Pfr. Venske sofort daran, hier für die fehlende Glocke, die im Kriege eingeliefert war und zersprungen wieder heimkam, Ersatz zu schaffen. Der Not der Zeit gehorchend, wurde als Glockenmaterial Stahl gewählt, und am 5. März 1922 wurde diese, von Ulrich Weuld (?) u. Beckmann a. H. gelieferte Glocke eingeweiht und am Palmsonntag bei der Einsegnung zum ersten Male geläutet. Das Schriftwerk zur Weihe war Jes. 40,9. Die Glocke trägt als Aufschrift die Worte der alten „Alles was Odem hat, lobe den Herrn!“ Dann der Name des Geistlichen, der auf der 1. Glocke gezeichnet war und den Namen des gegenwärtigen Geistlichen mit den Jahreszahlen: Cybulcovius P. 1699 - K. Venske P. 1921: Bisher hat die Glocke sich nicht bewährt. Nach Jahresfrist zersprang sie und nach langwierigen Verhandlungen mit der Glockengießerei erreichten wir die kostenlose Neulieferung einer gleichen Glocke, die gegenwärtig (1926) auf dem Turme hängt. Im Herbst 1921 ist auf dem Pfarrhofe der neue Stall fertiggestellt worden.

    1922: Zur Ehrung der gefallenen Helden schritt man dann zur Schaffung einer würdigen Heldengedenktafel. Otto Stenzel aus Jakunowken führte sie in rastloser Arbeit zur vollsten Zufriedenheit der Gemeinde aus, 121 Helden sind auf der Tafel verzeichnet. Die Umrahmung ist mit schwerer Eicheneinrahmung ausgeführt. Der Kopf trägt im vergoldetem Lorbeerkranz, das Eiserne Kreuz und die Aufschrift „Es starben den Heldentod für Heimat und Vaterland“, am unteren Rahmen ist das goldene Verwundetenabzeichen als Medaillon angebracht und die Inschrift Joh. 15,13: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässet, für seine Freunde“. Die Namen der Gefallenen so wie Todestag und Todesart in Sperrholzplatten, die glanzschwarz poliert sind, eingeschnitzt. Unter einer umfangreichen Beteiligung wurde die mächtige Tafel, am Totenfest (26. Mai) 1922 eingeweiht. Pfarrer Venske sprach über das Schriftwort Joh. 15,13 und die Enthüllung und Weihe der Tafel vollzog Herr Superintendent D. Braun aus Angerburg. Auf Anregung der Geistlichen besteht seitdem die schöne Sitte, dass Angehörige am Totenfeste oder am Nationaltrauertag für ihre Gefallenen Kränze niederlegen, die seitlich von der Heldengedenktafel aufgehängt wurden. Die Gedenktafel ist restlos aus Stiftungen seitens der Gemeinde aufgebracht worden.

    1923: Das folgende Jahr 1923 war ein Notjahr, wie es das deutsche Volk niemals bisher hatte und, wie wir zu Gott hoffen wollen, auch niemals mehr erleben werden. Mit der Besetzung des Ruhrgebiets durch die Feindbundtruppen fing es an. In der drückenden Schmach an Rhein und Ruhr gegen die das Volk im stummen Widerstand geschlossen ankämpfte, gesellte sich der rapide Währungsverfall, der das Schreckgespenst des Hungers und der inneren Unruhen heraufbeschwor. Das Geld des Auslands stieg gegenüber unserer Mark schwindelnd in die Höhe. Ein Dollar, im Frieden 4,20 Mark stieg im Januar 1923 auf 20 000 Mark, dann ging es in die Millionen, Milliarden und schließlich, Ende November 1923, entsprachen einer Goldmark 1 000 000 000 000 Papiermark, der Dollar stand auf 4,2 Billionen Mark. Der Rentner hatte damit sein Letztes verloren und war nach dem arbeitsreichen Leben, nachdem der letzte Spargroschen genommen war, auf die Mildtätigkeit seiner Mitmenschen angewiesen. Die Geldnotenpresse konnte kaum die Kopiermassen herstellen, die für den Geldumlauf erforderlich waren, die Kollekten wurden in unserer Kirche mit zwei Spankörben eingesammelt. Der Arbeiter konnte mit seinem Wochenverdienst nichts anfangen, weil das Geld, das er am Sonnabend empfangen hatte, am Montag bereits entwertet war. Recht schlimm erging es den Pfarrern, die im Sommer und Herbst die Gehaltsbeihilfen immer erst vier bis sechs Wochen später als die, anderer Beamten erhielten. Hier war das Elend groß. Wer nicht seinen Ertrag aus der Wirtschaft hatte, ergriff einen Nebenberuf. Pfarrer aus Sachsen und Schlesien gingen in die Bergwerke, von Pfarrern aus Ostpreussen weiß der Chronist, dass er im Sägewerk seinen Tagelohn verdiente, um Frau und Kind vor dem Hunger zu schützen. Als es unserer Regierung gelang, am 1. Dezember 1923 die Inflation zum Stillstand zu bringen und die feste Währung der Rentenmark einzuführen, war es die höchste Zeit. Unserem Gott haben wir es zu danken, wenn wir damals nicht innerlich zusammengebrochen und von den in jener Zeit gewaltig anschwellenden Wolken des blutroten Kommunismus überflutet worden sind.

    1924-26: Wenn sich auch seit 1924-1926 die finanziellen Verhältnisse bedeutend gebessert haben, so hat die Landwirtschaft je länger je mehr mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Kam ihr die Inflation in gewisser Hinsicht zugute, so hat sich seitdem der Steuerdruck derartig ausgewirkt, dass der Landwirt vielfach vor dem Zusammenbruch steht. Das Geld ist knapp, der Prozentsatz zu hoch (18 Prozent), und Wechsel laufen nur kurzfristig. Stand noch 1927 der Morgen auf 300 M, so werden jetzt für die Güter 100-200-150-Mark für den Morgen verlangt. Dieselben Erscheinungen treten in Industrie und Handel zutage. Folgende Ortsnamen sind geändert worden, seit 1924 heißt Gr. Pillacken Steinwalde. Seit 1925 Grodzisko Schlossberg. Seit 1924 ist der Bau der Kirchstraße Kutten-Jakunowken-Lindenberg im Gange. Der Weg am Pfarrhause und zwischen Kirche und Pfarrgarten musste teilweise bis auf 1,20 m tiefer gelegt werden. Bei dieser Gelegenheit erhielt der Vorgarten eine Umfassungsmauer mit Zementtreppe zum Pfarrhause. Die alte Kirchenmauer wurde abgebrochen und durch eine höhere Zyklopenmauer[7] ersetzt. Die Arbeiten sind auf Antrag der Kirchengemeinde vom Kreise kostenlos ausgeführt. Seit Frühjahr 1923 besteht hier eine Evangelische Frauenhilfe, die sich die Fürsorge an den Kranken und Armen angelegen sein lässt, seit Sommer 1923 ein bleibender Jungmädchenverein, der zur Winterzeit im Pfarrhause zusammen kommt und im Sommer Spiele und Wanderungen unter freier Gottesnatur unternimmt. Die Stiftungsfeste beider Vereine wurden im Monat Juni und Juli als Sommerfest im Hegewald gefeiert. Im Jahre 1925 machte der Jungmädchenverein unter Leitung von Pfarrer Venske und seiner Frau einen viertägigen Wanderausflug. Im Besitze des Vereins befindet sich ein Film - Lichtbildapparat, der durch die Vorführung erbaulicher Lichtbildserien im Verein und in der Gemeinde wertvolle Dienste leistete. Im Frühjahr 1926 ist der Geistliche, Pfarrer Venske, vom Evangelischen Oberkirchenrat als Seelsorger an die deutsch-evangelische Gemeinde der Hauptstadt [???][8] berufen worden. Am 1. März verabschiedet er sich von seiner Gemeinde, in der er durch Gottes Gnade fünf Jahre wirken durfte. Er scheidet von Kutten mit dem Wunsch, dass Gott diese Gemeinde auch weiterhin gnädig schützen und behüten möge! Q. D. V.! Venske, Pfarr.

    Es begann nun eine längere Zeit der Vakanz der Pfarrstelle[9]. Wohl wurde den 30. Mai Pfr. Walter Obgartel[10] aus Kraupischken, Kr. Tilsit/Ragnit, gewählt, doch konnte seine Einführung erst am 15. August erfolgen. Pfr. Obgartel (geb. 4.7.1891) zu Insterburg hat am Weltkriege von Anbeginn als Kriegsfreiwilliger teilgenommen. Als Ltn. d. Res. wurde er im Februar 1919 aus dem Heeresdienst entlassen, nachdem er im Osten und Westen lange Zeit an der Front gestanden hatte. Als denn legte er Herbst 1919 und Ostern 1921 die beiden theologischen Prüfungen ab und war bis Oktober 1923 als Hilfsprediger in der Gemeinde Rudczanny tätig. Darauf verwaltete er die 2. Pfarrstelle in Kraupischken. Die Einführung in das Pfarramt erfolgte am 15. August 1926 durch Superintendent Gabler-Angerburg. Der Antrittspredigt lag das Schriftwort 2. Kor. 4,5 zu Grunde. An äußeren für die Gemeinde wichtigen Ereignissen des Jahres 1926 wäre noch zu erwähnen, dass im Herbst die erbaute Chaussee Kutten-Jakunowken dem öffentlichen Verkehr übergeben wird.

Mit dem 1. Oktober tritt auch ein Wechsel im Organistenamte ein. Rektor Riel, der 9 Jahre der Gemeinde in Treue und Hingabe in seinem Amt gedient hat, zieht nach Benkheim. Als Nachfolger tritt Lehrer Karl Weitschell aus Unter-Eisseln, Kr. Tilsit/Ragnit, Anfang Dezember sein Amt an.

    1927: Schon gleich zu Beginn des Jahres, d. h. vom 10.-16. Januar, fand wie fast in allen Kirchspielen des Kreises auch bei uns eine Evangelisation statt. Als Redner für diese bedeutsame Veranstaltung war Pfr. Sattler aus Schaaken, Kr. Königsberg, genommen worden. Die Hauptversammlungen fanden 5 Uhr Nchm. in der Kirche statt. Daran schlossen sich entweder noch Bibelstunden oder Sonderversammlungen für die männliche und weibliche Jugend, in denen ernste und wichtige Lebensfragen besprochen wurden. An jedem Tage wurden die Evangelisationsvorträge von musikalischen Darbietungen umrahmt. Neben Gesängen des Jungmädchenvereins und der Schulkinder waren es Orgel- und Cellovorträge, die geboten wurden. Dank des guten Wetters war der Besuch der Veranstaltungen immer ein sehr reicher. Das lässt hoffen, dass diese Evangelisation auch inneren Segen für das Gemeindeleben gebracht hat. Da die Einsegnungen nach einer Verfügung des Konsistoriums fortab nur zu Ostern stattfinden sollen, wird für die Übergangszeit angeordnet, dass 2 Jahrgänge nur ein ¾ Jahr Unterricht haben sollen. So findet die Einsegnung bereits am 26. Juni statt, damit die darauf folgende bereits zum Ostertermin vorgenommen werden kann.

    Im Laufe des Sommers wurde das alte, sehr baufällige Stallgebäude auf dem Pfarrhofe zum größten Teil abgebrochen. Der stehen bleibende Teil wurde instand gesetzt. Neben der bereits erwähnten Evangelisation brachte das Jahr 1927 für die Gemeinde noch eine andere größere Veranstaltung. Das war das Missionsfest am 28. August. Als Festredner wirkte Missionar Brückner von der Rheinischen Missionsgesellschaft mit. Nach dem Festgottesdienst am Vormittag in der Kirche versammelte sich auch am Nachmittag eine große Schar von Teilnehmern im Kirchenpark zu einer Familienfeier. Beide Feiern wurden verschönt durch musikalische Darbietungen des Posaunenchors der Gemeinde Rudszanny, der auch die gemeinsam gesungenen Lieder  begleitete, und durch Chorgesänge und Deklamationen[11] des Jungmädchenvereins. Letzterer veranstaltete am 27. November einen Wohltätigkeitsabend wo Aufführungen, Deklamationen und Gesänge die Zuhörer erfreuten, um so in Verbindung mit einer Haussammlung die Mittel zur Weihnachtsbescherung der „armen Alten“ aufzubringen.

    1928: Schon gleich der erste Tag des neuen Jahres war für die Gemeinde ein Festtag. An ihm wurde der neue Taufstein in unserer Kirche eingeweiht. Durch freiwillige Gaben hat die Gemeinde ihn sich selbst geschaffen und sie kann stolz darauf sein, dass ihn auch ein Gemeindeglied selbst geschnitzt hat. Herr Stenzel aus Jakunowken, der schon vor 3 Jahren die Heldengedenktafel für unsere Kirche angefertigt hat, schaffte sich auch durch diese zweite Arbeit ein bleibendes Andenken. Mögen diese beiden Kunstwerke nicht nur äußerlich zum Schmuck unserer Kirche dienen, sondern auch für das innere Leben der Gemeinde zum Segen werden, damit die späteren Generationen Deutscher darauf zurückblicken können. Mit dem 1. April tritt eine wichtige Änderung bezüglich der Zeitdauer des Konfirmandenunterrichts ein, dieselbe beträgt fortab 2 Jahre. Da für das erste Jahr kein schulfreier Tag gegeben wird, so muss der Unterricht für die Landgemeinden am Nachmittag stattfinden. In unserer Gemeinde mit den meisten Entfernungen und schlechten Wegen kann dieses natürlich nur in den 8 günstigen Monaten gut gehen. Am 18. Januar verstarb ein langjähriges Mitglied des Gemeindekirchenrats, Gutsbesitzer Franz Hauer aus Kl. Strengeln, der auch viele Jahre stellvertretender Vorsitzender des G.d.R.’s gewesen ist. Am Erntedankfest, den 30. September, konnte der ehemalige Küster Wilhlem Katschun und Charlotte geb. Nadzeyka, die Eltern des jetzigen Küsters August Katschun, das seltene Fest der diamantenen Hochzeit begehen. Bei der kirchlichen Feier konnte durch den Geistlichen das Ehrengeschenk der preußischen Regierung im Betrage von 50,- RM überreicht werden, während bei der kirchlichen Feier das Geschenk der Kirchengemeinde (20,00 RM und 2 Flaschen Wein) ausgehändigt wurde.

    Am 1. Adventssonntage veranstaltete der Jungmädchenverein zu Gunsten der Kinderbesserung im Kindergottesdienst ein Wohltätigkeitsfest mit Aufführungen, Gesängen und Deklamationen, das recht gut besucht war. Vom 3. Adventsonntage ab wurde für die Berliner Wissensgesellschaft die Wissensversammlung veranstaltet, zu der Missionar Kibelka-Kimplerg hierher gekommen war. Neben dem Wissensgottesdienst und Wissens-Kindergottesdienst in der Kirche und neben eines Wissenstandes in der Schule Kutten wurden noch Wissensversammlungen in Schlossberg, Steinwalde und Kl. Strengeln abgehalten.

    1929: Das neue Jahr hatte einen ganz besonders strengen Winter. Anhaltender Frost und große Schneemassen lassen oft sogar die Eisenbahnverbindungen ins Stocken geraten. Besonders der Monat Februar zeichnete sich durch große Kälte aus. Das Thermometer sinkt bis zu 40 Grad Celsius unter Null. Natürlich litt das örtliche Leben unter diesen Unbilden[12] der Witterung sehr. Zweimal musste der Gottesdienst ganz aussetzen, da niemand zur Kirche gekommen war. Besonders litten die Tiere des Waldes, welchen Hufen und Zehe erfroren oder verhungerten. Trotzdem die Kälte noch lange bis in den Frühling hinein dauerte und damit die Bestellungsarbeiten sehr spät ausgeführt wurden, war die Ernte dank des schönen Sommers und Herbstes eine recht befriedigende.

     Vom 11.-14. Juni unternahm der Jungmädchenverein einen Ausflug nach Rudzanny unter Leitung von Pfr. Obgartel und seiner Frau. Von Lötzen bis Rudzanny und zurück wurde der Dampfer benutzt. Das schöne Kruttinnen wurde auch besucht. Die Restkosten hatte der Verein durch ein Sommerfest im Hegewald erbracht.

    Ende September wurde durch Maler Schlicks - Lötzen die Kirche neu ausgemalt, zugleich auch die Türen und Fenster gestrichen. Am Erntedankfeste (6. Oktober) konnte die Gemeinde ihr neu hergerichtetes Gotteshaus in Anspruch nehmen. Die Kosten (einschl. Maurer- und Tischlerarbeiten) im Betrage von ca. 700,00 RM sind durch freiwillige Gaben (Sammlungen in den Gottesdiensten und Erntedankspende), die einem Beschluss des Gem. Kirchrats in diesem Jahr für diesen Zweck verwandt wurde. Zum 16. November wurde der Geistliche, Pr. Obgartel zum Seelsorger der Gemeinde Bartin, Provinz Pommern, berufen.

    1930-1933: Pfarrer Varray[13]

Seitdem in der Vakanzzeit besonders Diakon Dörne die Gemeinde versorgt hatte, wurde am 15. September 1930 die Pfarrstelle wieder besetzt mit dem Pfarrer Varray aus Starkenberg, Kirchenkreis Wehlau. Er hatte seine frühere Gemeinde verlassen müssen, da das Konsistorium ihn vor die Wahl stellte, sich emeritieren[14] zu lassen oder einen neuen Anfang in einer anderen Gemeinde zu wagen. Der Grund hierzu waren alkoholische Ausschreitungen. Da er sich von ihnen auch in Kutten nicht freimachen konnte, musste er zum 1. Dezember  1933 in den Ruhestand treten. Die Gemeinde hatte durch solche Vorgänge schwer gelitten. In seine Amtstätigkeit fällt die berüchtigte Kirchenwahl von 1933. So kamen in den Kirchenrat und in die Gemeindevertretung erste Mitglieder, die zwar politisch einwandfrei aber für ein kirchliches Amt nicht geeignet waren. Zu seiner Zeit wurde das Pfarrhaus mit elektrischem Licht versehen, beschlossen vom Gemeindekirchenrat im September 1930, während die Kirche noch auf Kerzenbeleuchtung angewiesen bleibt. Da die Kirchensteuern in diesen Jahren, schlecht eingingen, wurden Teile des Vermögens für anstehende Ausgaben verwandt, wodurch eine innere Anleihe von ca. 5000 RM entstand, die erst auf Drängen des Konsistorialrats den Gemeindeorganen zur Kenntnis gebracht, wurde und erst Mitte 1937 verzinst und amortisiert.

    Pfr. Varray, ein Förstersohn, war nicht aus innerer Neigung sondern auf Zuraten der Mutter Pfarrer geworden. Seine Neigungen richteten sich meist auf die Jagd. Er ist ein gutmütiger oder leichtsinniger Mensch, der vor allem dem Alkohol sehr leicht erliegt. Dadurch hatte er nicht nur seine Vermögensverhältnisse ruiniert, sondern sich auch in seiner früheren Gemeinde Starkenberg, Kr. Wehlau unmöglich gemacht, so dass das Konsistorium ihm zur Wahl stellte aus dem Amt zu scheiden oder sich einer neuen Gemeinde zu fügen. In Kutten sollte er drum einen neuen Anfang wagen, geriet aber bald in alte Gewohnheit und musste zum 1. Dezember 1933 in den Ruhestand treten. Die Anzeigen über seinen Lebenswandel hatten große Unruhe in die Gemeinde gebracht….

    1933-1936: Vakanz

2 ½ Jahre blieb die Pfarrstelle unbesetzt, da sie ziemlich abgelegen ist, das Schlimmste, was der Gemeinde nach dem Krieg um Pfr. Varray treffen konnte. In dieser Zeit ist das kirchliche Leben der Gemeinde zusammengebrochen.

Zwar hatte sich 1934 Pfr. Bruno Altenburg aus Groß Simnau (Kr. Mohrungen) beworben, wurde aber nicht gewählt und ist jetzt Pfarrer im Kirchenort Possessern. Von etwa Mitte 1934 bis 1. März 1935 verwaltete Dr. Mertens[15] die Pfarrstelle. Er war Numismatiker[16] und ordnete die Münzsammlung der Grafen in Steinort, beschloss dann aber, doch das zweite kirchliche Examen zu wagen und ins Pfarramt zu gehen. Seine Frau blieb in Steinort wohnen. Seine Tätigkeit in Kutten hat er wohl überhaupt als Nebenbeschäftigung angesehen. Heute ist er Pfarrer in Döhlau, Bezirk Gera. Auf ihn folgte als Verwalter der Pfarrstelle Hilfsprediger Grosskreutz[17] vom 1.3.19351.10.1935, der mit seiner Mutter zusammenwohnte. Er bewarb sich um die Pfarrstelle, wurde aber nicht gewählt, da er zur bekennenden Gemeinde gehörte. Zu seiner Zeit war der Kirchenstreit in der Gemeinde sehr stark, auf der einen Seite der Gemeindekirchenrat auf der anderen der Brüderrat, der von mehr als 1200 Mitgliedern der Bekenntnisgemeinde Kutten (rote Kirche) gewählt worden ist. Vorsitzender des Brüderrats ist Fischereizüchter Pofalla in Jakunowken.

    Der nächste Pfarrverwalter wurde Hilfsprediger Ehrhardt[18], der Sohn des Königsberger Professors der Medizin. Er verwaltete die Stelle vom 16.11.1935 bis 1.5.1936  und ging als Pfarrer nach Lindenort, Kreis Ortelsburg. Durch diesen raschen Wechsel der Geistlichen verfiel das Gemeindeleben immer mehr. Im Sommer 1936 waren im gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst nur noch 30 Personen.

    1936: Jetzt wurde die Pfarrstelle endlich wieder besetzt mit dem Pfarrer Werner Lekies[19], gebürtig aus Skaisgirren, Kreis Niederung, Ostpr. Pfarrer. Lekies war bis dahin Pfarrer in Rucken Kreis Pogegen, im Memelgebiet und war am 12. Juni 1936 von den litauischen Brüdern aus dem Memelgebiet ausgewiesen worden, weil er Reichsdeutscher ist. Er wurde vom Königsberger Konsistorium ab 15. Juni 1936 mit der Verwaltung der Pfarrstelle Kutten beauftragt. Am 3. September 1936 wurde er vom Gemeindekirchenrat einstimmig gewählt und am 8. November von Superintendent Gabler in sein Amt eingeführt. Im Sommer wurden im Pfarrhaus und Pfarrgarten unter Leitung der Angerburger Gemeindehelferin Frl. Trute zwei Jugendfreizeiten durchgeführt, vom 6.-13. Juni mit 30 jungen Mädchen und vom 15.-20. Juni mit 40 Konfirmanden. Beide Freizeiten waren gut gelungen. Am 18. Oktober wurden mit Unterstützung von Frl. Trute zum ersten Mal nach langer Zeit die jungen Mädchen der Gemeinde wieder zu einer Jugendgruppe zusammengerufen und seitdem vom Pfarrer jeden 2. Sonntagnachmittag in einer Jungmädchenstunde vereinigt. Zum 9.8. waren die Landhalter der Umgegend in den Pfarrgarten geladen worden. 35 Landhalter und 2 Landhalterinnen waren der Einladung gefolgt und wurden von der Frauenhilfe mit Kaffee und Kuchen bewirtet.                   

  Der Pfarrer erzählte ihnen, die zum großen Teil aus dem Rheinland und Schlesien stammten, von dem Verlust des Memelgebiets. Mit einem Lied schloss die gelungene Veranstaltung.

   Da die Frauen der weiter entfernten Außendörfer nicht die Frauenhilfsstunden besuchten, wurde am 13.09. eine gesonderte Frauenhilfsgruppe in Schlossberg gegründet, deren Leitung Frau Kutz aus Gassöwen übernahm, und die sich zunächst recht gut entwickelte.

   Am 7. September erhielt Pfarrer Lekies vom Landrad Kenntnis über ein Schreiben des auswärtigen Amtes in Berlin. Anlässlich des deutsch-litauischen Abkommens über den kleinen Grenzverkehr, das den Zollkrieg zwischen den beiden Ländern beendete, hätte die litauische Regierung die Rückkehr der ausgewiesenen Reichsdeutschen zugestanden. Da Lekies aber nie die Absicht hatte sein Leben lang im Memelgebiet zu bleiben, sondern nur so lange bis der memelländische Nachwuchs die Pfarrstelle übernehmen konnte, und auch der Dauer des friedlichen Zustandes zwischen Deutschland und Litauen misstraute, lehnte er die Rückkehr ab. Er hätte doch mit erneuter  Ausweisung rechnen müssen, sobald sich das Verhältnis der beiden Länder wieder trüben würde. Die Ereignisse des Jahres 1938, die den Litauern die Härte Deutschlands, und im Wilna-Konflikt mit Polen die eigenen Schwächen und Isoliertheit zeigten, waren damals noch nicht abzusehen.

   Im Herbst bildete sich im Anschluss an einen Vortrag des Reichsuntersekretärs des Reichverbandes der ev. Schulgemeinden (Sitz im Rheinland) im Kutter Kirchspiel eine evangelische Schulgemeinde mit 50 Mitgliedern, die für die Erhaltung der evangelischen Volksschulen eintrat und bis zur Auflösung des Reichsverbundes durch staatliche Stellen bestand. Das solch ein Eintreten notwendig war, zeigte besonders deutlich der Lehrer in Przytullen, der den Religionsunterricht ganz eingestellt hatte und erst nach Beschwerden der Eltern beim Schulrat der Forderung nachkam. Er nutzte dann aber den Unterricht dazu, den Glauben der Eltern, ihr Gebet und das Gesangsbuch vor den Kindern lächerlich zu machen. Als darauf einige Eltern an den Regierungspräsidenten schrieben und bei ihm vorstellig wurden, wurde dieser Lehrer an eine andere Schule versetzt. Sonst geschah ihm für sein unglaubliches Verhalten nichts.

   1937-38: Vom 22. Februar bis 6. März war Pfarrer Lekies zu einer Grenzschutzübung in Lötzen und vom 21. Mai bis 17. Juli zu einer Übung vom Ergänzungsbattaponl des Infantrie Regiments 23 in Lyck eingezogen. Während der zweiten Übung wurde er von dem Vikar des Angerburger Superintendenten Wisniewski vertreten. Die lange Abwesenheit des Pfarrers machte sich aber doch störend in der Gemeindearbeit bemerkbar.

   Nach der Einsegnung wurde vom Pfarrer der Versuch gemacht, die jungen Männer in besonderen Jugendstunden zu versammeln. Das erste Mal waren 3 der gerade eingesegneten Jungen gekommen, das zweite Mal niemand mehr. Ein zweiter Versuch, nach der Einsegnung im Jahre 1938, verlief genau so erfolglos. Auch aus der Schar der eingesegneten Mädchen kam 1937 nur ein einziges in die Jungmädchenstunde.

   Am Himmelfahrtstage fand mit einer Beteiligung von mindestens 300 Jugendlichen in Kutten ein Kirchjugendfest statt, das doch zeigte, dass die Arbeit unter der Jugend nicht hoffnungslos war. Mittag erhielten die Jugendlichen aus der Gulaschkanone, die vom Angerburger Reiterregiment unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden war. Gegessen wurde auf den beiden Dielen des Pfarrgartens und mittags im Walde. Nachmittags fand unter zahlreicher Beteiligung der Gemeinde im Kirchenhof eine Nachfeier statt, bei der Superintendent Gabler und Pfarrer Teschner Ansprachen hielten und die Angerburger Jungmädchen ein Laienspiel vorführten.

   Am 5. September machte die Jungmädchenschar auf Rädern der Jugend in Buddern einen Besuch. Beide Jugendgruppen waren harmonisch beieinander.

   Als im Frühjahr 1938 der Reichskirchenauschuss mit Generalsuperintendent Zöllner an der Spitze zurücktrat, und der Reichskirchenminister die Ordnung der Kirche auf einer Grundlage der Bibel und des Bekenntnisses unmöglich machten, schloss Pfarrer Lekies sich der Bekennenden Kirche an und unterstellte sich dem Brüderrat der Ostprovinz-Synode, als der einzigen kirchlich autorisierten Kirchenleitung, da der Evangelische Kirchenrat und die Konsistorien dem Reichskirchenmeristeriums unterstellt worden und nur noch als staatliche, nicht mehr aber als kirchliche Stellen anzusehen waren.

   Am 29. März hielt Pfarrer Goronzy aus Goldap und am 9. Mai Superintendent Gemmel aus Darkehmen einen Bekenntnisgottesdienst und sprachen in der Kirche über die kirchliche Lage. Dagegen lehnte der Gemeindekirchenrat am 16. Mai den Anschluss an die bekennende Kirche ab. Vielmehr nahm er ihn mit 4 gegen 3 Stimmen bei einer Stimmenthaltung an: Wegen der Lage war ein Ältester der Sitzung ferngeblieben. Es wurde daraufhin beschlossen von dieser Abstimmung keinen Gebrauch zu machen.

   Für die Einstellung mehrerer Kirchenältester war bezeichnend, was einer von ihnen im Anschluss an die erste Sitzung nach der Reichstagswahl und Volksabstimmung im Jahre 1938 dem Pfarrer sagte: Da die Wahl durch den Anschluss Österreichs veranlasst worden sei, wäre es selbstverständlich, am Wahlsonntag im Gottesdienst Österreichs zu gedenken. Der Pfarrer hatte auch die Ältesten aufgefordert, bekannt zu geben, dass an diesem Sonntag zur gewöhnlichen Stunde ein Bittgottesdienst für das neue Großdeutschland abgehalten werden würde, und dass alle, die an diesem Tage nicht aus Anlass der Wahl zum Dienst in der Partei oder ihren Gliederungen eingeteilt wären, dazu eingeladen seien. Der oben erwähnte Älteste verschloss diese Aufforderung im Schreibtisch, da sie als Wahlsabotage angesehen werden könnte. Alle Gedanken an diesem Tage sollten eben nur auf die Wahl gerichtet sein. Dabei hatte natürlich keine Stelle daran gedacht, am Wahlsonntag den Gottesdienst zu verbieten. Aber solche Leute machten nur Schwierigkeiten, weil sie in den unmöglichsten Dingen politische Handlungen sahen.

   Am 12. September wurde Superintendant Gabler in Angerburg verhaftet, weil er Schreiben der Bekennenden Kirche an die Pfarrer des Kreises weitergegeben hatte. Er wurde für ein Vierteljahr in Lötzen im Gefängnis gehalten. Eine Gerichtsverhandlung ist nicht erfolgt.  Zur selben Zeit wurden in Ostpreußen über 150 Pfarrer verhaftet, weil sie die Kollekten ankündeten, die vom ostpreußischen Brüderrat angehalten wurden. Die geheime Staatspolizei sah darin ein Vergehen gegen das Sammlungsgesetz, die betroffenen Pfarrer sahen aber in ihrer Verhaftung einen Angriff des Staates auf die Kirche.

   Am Anfang des Jahres war in Klein Strengeln, neben denen in Kutten und Schlossberg, eine dritte Abteilung der Frauenhilfe entstanden. Nachdem der Pfarrer einige Frauenstunden (in Riechert) gehalten hatte, wurde er gebeten, die Versammlung in die Schulen zu legen und auch die Männer zuzulassen. Daraufhin wurden die Stunden alle vierzehn Tage als Bibelstunden unter reger Beteiligung in der Schule abgehalten. Sie fanden während des Winters statt.

   Der wunderbare Kirchenpark war stark verwildert. Früher war er stets von den Kutter Schulkindern gesäubert worden. Da das nun nicht mehr geschah, forderte der Pfarrer im Frühjahr die Dorfbewohner zu einem freiwilligen Arbeitsdienst auf. Einige Frauen und ein duzend Kinder waren dem Ruf gefolgt und schrubbten fröhlich die Gänge, während der Pfarrer zu Erhöhung der Willigkeit an die Kinder Bonbons spendierte.

   Im Winter 1937/38 begann der Pfarrer in seinem Hause die Männer einmal im Monat nach dem Gottesdienst zu besonderen Stunden zu versammeln, in denen aktuelle Fragen zur Gemeinde besprochen wurden. Gegen Frühjahr ließ der Besuch aber stark nach.

   Nachdem bereits in der Ackerungszeit an der Straßenseite des Pfarrgartens ein Eisenzaun gesetzt worden war, wurde 1937 auch an der Rückseite des Gartens neu eingezäunt, aus Sparsamkeit aber mit Holzpfählen.

   Im selben Jahr 1937 wurde die Zwischendecke der Kirche durch übernageln von Dachpappe winddicht abgeschlossen. Seitdem wirkt erst die Kirchenheizung, während vorher die Wärme durch die Fugen der Bretter in den Dachraum stieg und vom Wind durch die Dachpfannen hinausgetragen wurde. Der Preis betrug 600 Mark.

   Im Jahre 1938 wurden aus freiwilligen Gaben endlich die Orgelpfeifen bestritten, die in der Kriegszeit abgeliefert worden waren, und nun durch Orgelbauer Wittek in Elbing ersetzt wurden. Bis dahin hatten hölzerne Nachahmungen die Stellen verdeckt. Da die Balgentreterin, die Glöcknersfrau Katschun, altershalber kündigte und ein Nachfolger nicht zu finden war, wurde der Balg durch Elektromeister Gardein elektrisch betrieben. Das gab den Organisten Gelegenheit jederzeit auf der Orgel üben zu können. Gesamtpreis beider Projekte betrug 965 Reichsmark, wovon 300 Reichsmark aus Gaben stammten.

   Im Rahmen der Dorfverschönerungsaktion wurden Veranden und Fenster der Vorderfront gestrichen, die Giebel und die Vorderfront geweißt. Durch das Anstreichen der Häuser in freundlichen Farben, Instandsetzung verfallener Gebäude und Zäune, und Beseitigung der Tiedtkeschen Mühle an der Kreuzung Dorfstrasse – Gembalker Chaussee, hat das Dorf sehr an Schönheit gewonnen. Als schönstes Dorf des Kreises sollte Kutten eine Pferdezugkutsche mit Postillion erhalten, doch scheint man davon wieder abgekommen zu sein. Leider wurde der Stein des Anstoßes, das holprige Dorfpflaster, nicht erneuert, obwohl bei der Dorfverschönerungsaktion sogar von Asphalt die Rede war.

   Da der Pfarrwald nur einen sehr dünnen Bestand hatte (da das Holz schon im vorigen Jahrhundert gestohlen zu werden pflegte), und angrenzende Parzellen mit Sandböden wegen Ertragslosigkeit nicht mehr verpachtbar waren, dagegen staatlicherseits unendgeldlich Forstpflanzen verteilt wurden, wurde der Pfarrwald seit 1937 neu aufgeforstet bzw. durch Zwischenpflanzungen der Bestand verstärkt. 1937 wurden 3500 Kiefern und Fichten und ein Korb voll schwacher Kiefern gepflanzt (die das Forstamt Kutten zur Verfügung gestellt hatte), die jedoch wegen der anhaltenden Dürre zum größten Teil wieder eingingen. 1938 wurden 12000 Kiefern und 3000 Fichten gepflanzt, die gut anwuchsen, und 1939 nochmals 12000 Kiefern. Damit sind die freien Flächen bepflanzt worden. Es fehlen noch Fichten um die Lücken des alten Bestandes aufzufüllen. Das Holz des Pfarrwaldes wird von der Sägemühle nur angenommen, wenn man selber für die Beschädigungen der Säge aufkommt, da in das Holz Granatsplitter deutscher Granaten aus dem Jahr 1914 eingewachsen sind. Diese waren den Russen zugedacht, die sich auf dem Berge des Pfarrwaldes (Offalono genannt), verschanzt hatten. Die russischen Schützengräben sind noch sehr gut erkennbar.

   Im Januar fand nach langer Zeit eine viertägige Evangelisation in der Kirche Kutten statt, gehalten von Pfarrer Lassek aus Neukrug an der Nehrung. An jedem Nachmittag sprach er in einem Außengottesdienst, jedes Mal in einem anderen Dorf, abends in der Kirche. Bei den Außengottesdiensten waren je 40, in Schlossberg 80 Personen anwesend. Der Besuch der Kirche wuchs von 60 am ersten, auf 200 – 250 Personen am letzten Abend.

   Anstelle des langjährigen Mitgliedes und stellvertretenden Vorsitzenden des Gemeindekirchenrats und Pastoratsältesten, des verstorbenen Gutsbesitzers Sperber in Frankenort, wurde der Bauer Meckelburg in Schlossberg vom Kirchenrat hinzugewählt. Gegen seine Wahl wurden zwei Einsprüche eingelegt, da Herr Merkelburg seit Jahren nicht in der Kirche gesehen worden sei. Auf die Aussage des Ältesten Adumeit, dass G. Meckelburg den Gottesdienst der näherliegenden Kirche in Benkheim besucht habe, wurde der Einspruch vom Gemeindekirchenrat zurückgewiesen. Zum stellvertretenden Vorsitzenden und Pastoratsältesten wurde der älteste Herr Lehrer i. R. Schikorra aus Klein Strengeln gewählt und auch bestätigt.

   Im Sommer 1938 wurden alle litauischen und polnischen Ortsnamen in Ostpreußen durch deutsche Namen ersetzt. Auch einige Dörfer im Kirchspiel wurden davon betroffen. Schlossberg musste nochmals seinen Namen ändern, da Nurt im Kreis Pillkallen diesen Namen erhielt. Das Dorf soll ursprünglich den Namen Heidenberg getragen haben, nach dem gekrönten Berg am Dorfeingang, hieß dann Grodzisko, welcher Namen nach dem Krieg wörtlich in Schlossberg übersetzt wurde. Hoffentlich behält es jetzt seinen Namen Heidenberg. Das unaussprechliche Przytullen erhielt den Namen Kleinkutten, auch das soll der ursprüngliche Name gewesen sein. Jakunowken wurde in Jakunen geändert. Zabinken wurde zu Hochsee. Wenige Monate nach dieser großen Namensgebung hatte das kleine Dorf Gassöwen aufgehört zu bestehen. Es wurde in Heidenberg eingemeindet, zu dessen Schulverband es schon immer gehört hatte. Nach dem Krieg hatte bereits das Dorf Przerwanken den Namen Wiesental, Groß Pillacken den Namen Steinwalde erhalten.

   Im Herbst begann der Pfarrer mit der Verkartung derjenigen Kirchenbücher, die kein alphabetisches Register haben. Benutzt wurden Karteikarten, die den Bestimmungen der Reichsstelle für Sippenforschung entsprachen. Nach der Arbeit dreier Winter sind bis jetzt verkartet: Trauungen 1805-1874. Taufen 1805-1826, Beerdigungen 1772-1787 und 1831-1853. Alle Karten sind in einer gemeinsamen Kartei zusammengefasst. Noch zu verkarten sind die Taufen, Trauungen und Beerdigungen des Sammelbandes für das 18. Jahrhundert, der 1938 in drei Bände neu gebunden wurde, wobei die einzelnen Blätter in Pergamin gebettet wurden. Zu den Buchbinderkosten von 121 Reichsmark gab die Reichsstelle für Sipppenforschung einen Zuschuss von 41 Reichsmark. In einer zweiten Kartei sind die erhalten gebliebenen Konfirmationen und die Taufen, Trauungen und Beerdigungen seit 1936 zusammengefasst. Im Jahre 1938 wurden alle kirchlichen Register vor 1874 von einem Beauftragten der Reichsstelle für Sippenforschung auf  Filmstreifen aufgenommen.

   Am 23. Januar beschloss eine Mitgliederversammlung der bekennenden Gemeinde für Pfarrhäuser, von den Mitgliedern einen Beitrag zu erheben. Als Frau Brozio in Kutten angefangen hatte diese Gelder einzuziehen, wurden diese vom Gend. Wachtmeister beschlagnahmt und der Pfarrer darüber wegen angeblichen Vergehens gegen das Sammelverbot am 29. Januar vernommen. Infolge einer Amnestie wurde die Sache vom Staatsanwalt in Lyck ohne weitere Untersuchungen niedergeschlagen.

   Aus Anlass des Geburtstages des Führers wurde vom Leiter der Reichskirchenkanzlei von allen Pfarrern ein Treueid verlangt. Da dieser Diensteid nicht nur die selbstverständliche politische Treue forderte, sondern auch die kirchlichen Amtobrigkeiten (ohne dass das von allen bereits geleistete Ordinationsgelübde berücksichtigt wurde) unter diesen Eid gestellt werden sollten, verweigerte die Mehrzahl der Pfarrer in Ostpreußen diesen Eid bzw. leisteten ihn nur nach Abgabe einer Erklärung, in der sie darauf hinwiesen, dass sie durch ihr Ordinationsgelübde gebunden seien und durch diesen Eid sich niemand anderem als dem Führer verpflichtete (sie hegten den Verdacht, dass der Leiter der Reichskanzlei durch diesen Eid die interne Autoritätsstruktur der Kirche untergraben wollte). Nach Abgabe einer solchen Erklärung hat der Ortspfarrer am 2. Juni 1938 in Lötzen nur dem Konsistorialpräsidenten Dr. Tröger den Eid auf den Führer geleistet.

   Im Dezember legten auf Aufforderung des N.S. Lehrerbundes sämtliche Lehrer in den Kirchspielen der Provinz, plötzlich und ohne Vorankündigung, den Religionsunterricht nieder, da sie es nicht mehr länger verantworten könnten, Glieder des jüdischen Volkes zu verherrlichen. Während jeder Kutscher es als unanständig empfinden würde seine Arbeit plötzlich hinzuwerfen, da er sich an eine Kündigungsfrist halten muss, hielten dies nicht etwa nur einzelne Lehrer sondern die Führung des Lehrerverbandes für standesgemäss. Nach Empörung der Eltern, und der Erklärung der Regierung in Gumbinnen, dass keinem Lehrer aus dem Erteilen oder Nichterteilen des Religionsunterrichts ein Nachteil erwachsen dürfe, haben die Lehrer denn diesen wieder aufgenommen. Als einzige hatte die zweite Lehrerin in Kutten, Fräulein Liekmann, die ursprüngliche Niederlegung des Religionsunterrichtes verweigert. Die Propaganda zum Kirchenaustritt hat am Ende des Jahres auch in unserem Kirchspiel die ersten Früchte getragen. …

   Das Jahr 1938 ist in die Geschichte eingegangen als das Jahr, das durch die Angliederung Deutsch-Österreichs als deutsche Ostmark uns die Entstehung Großdeutschlands brachte. Am 12. März marschierten auf  Ersuchen der österreichischen Regierung unter Seiß-Inquart deutsche Truppen ein, ohne dass das Ausland es wagte, sich dem zu widersetzen. Dieses Ereignis kam für die Bevölkerung völlig überraschend. Da ich kein Radio besaß, merkte ich es daran, dass die Angerburger Straßen mit Fahnen geschmückt waren und erhielt auf Befragen die frohe Nachricht. Die Wahl und Volksabstimmung am Palmsonntag, dem 10. April, brachte ein einstimmiges „ja“ des Volkes zu dieser Wahl. Wegen der Wahl musste die Einsegnung plötzlich verschoben werden und fand am zweiten Ostertage statt.

   Gefährlicher sahen die Septembertage vor der Besetzung Sudetendeutschlands in der Zeit zwischen dem 1. und 10. Oktober 1938 aus. Die Nähe Polens und das dahinter drohende Russland ließen in allen Kreisen die Kirchspielbewohner an die Russennot von 1914 denken. Groß waren der Jubel und die Erleichterung als zum 1. mal, seit Bismarcks Tagen, sich die Staatsmänner Europas auf deutschem Boden in München mit dem Führer zusammensetzten und seinen Willen respektieren mussten. Zehn Millionen Menschen wurden frei. Wann würde der polnische Korridor folgen?

   1939-42: Das Jahr 1939 brachte den Beginn des zweiten Weltkrieges. Pfarrer Lekies wurde Mitte August ebenfalls eingezogen. Die Gemeinde hat ihn dann nur noch einige Male während seiner Urlaubstage gesehen, am 11.09.1941 ist er in Russland ostwärts von Petersburg gefallen. Die Briefe die seiner Schwester seinen Heldentod anzeigten, sind hier wiedergegeben:

 

Russland, den 12.9.41

Sehr verehrtes gnädiges Fräulein!

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Bruder Werner am 11.09.1941 bei Kämpfen ostwärts von Petersburg gefallen ist. Ich spreche Ihnen, zugleich im Namen seiner Kameraden, meine wärmste Anteilnahme aus. Wir waren mitten im Angriff. Ihr Bruder lag mit dem Gewehr im Anschlag und schoss auf den Feind. Dabei traf ihn ein Geschoss, das durch das Kinn in den Körper drang. Im Anschlag, wie ich schilderte, wurde er gefunden. Er musste also sofort tot gewesen sein. Er hat einen schönen Soldatentod gehabt.

Über den Ort der Beisetzung erhalten sie noch Mitteilung. Ich grüße Sie in aufrichtigem Mitgefühl.                

   gez. Sürenhagen (Oberleutnant= Kom. Führer)

 

Russland 16.9.41

   Liebes Fräulein Lekies!

Durch die Kompanie haben sie die Mitteilung erhalten, das Ihr Bruder, unser lieber Kamerad Lekies, beim Angriff auf ein Waldstück hinter Kurbusseg sein Leben für Führer und Vaterland geopfert hat. Als Führer des 2. Zuges, dem unser unvergessener Kamerad als mein Stellvertreter angehörte, drang es mich, Sie meiner innigsten und herzlichsten Anteilnahme an den schweren Verlust, der mit Ihnen auch uns alle betroffen hat, zu versichern. Feldwebel Lekies, mit dem ich in guter Freundschaft verbunden war, war bei uns als aufrichtiger, treuer und stets einsatzbereiter Kamerad außerordentlich beliebt. Ihren Schmerz und Ihre Trauer teilen daher alle Angehörigen der Kompanie und besonders des 2. Zuges. Unser toter Kamerad hat in Kurbusseg – Seite an Seite mit anderen Kameraden – eine würdige letzte Ruhestätte gefunden. Liebes Fräulein Lekies! Ich weiß, wie sehr der Verlust Ihres lieben guten Bruders schmerzt. Möge Ihnen es bewusst sein, dass mit Ihnen alle Kameraden um den Heldentod des tapferen Entschlafenen trauern, Ihr großes Leid lindern helfen.

   In herzlichster Teilnahme!

   Ihr gez. Dr. Heitmann, Lt.

 

   Die Gemeinde sammelte sich zu einem Gedenkgottesdienst für ihren gefallenen Seelsorger am 12. Oktober. Die Kirche war voll besetzt. Der Chor sang zwei Lieder. Die Eingangsliturgie hielt Pfarrer Altenburg (Großgarten), die Predigt Sup. Gabler (Angerburg). Pfarrer Lange (Kruglanken) sprach sehr ernst zur Gemeinde als persönlicher Freund des Toten von dessen stiller, treuer Arbeit in Kutten und konnte erzählen, wie Pfarrer Lekies sich verpflichtet fühlte in Kutten zu bleiben, obwohl die Arbeit manchmal sehr undankbar war.

   Die Vertretung seit Kriegsbeginn hatte zunächst Pfarrer Lange (Kruglanken), der im strengen und schneereichen Winter 1939/1940 die Gemeinden Kruglanken, Großgarten, Kutten und Benkheim zu versorgen hatte. Er war unermüdlich auf dem Motorrad und auf Schneeschuhen unterwegs. Seit Mitte Februar 1940  übernahm dann Pfarrer Altenburg (Großgarten), der bis dahin auch Soldat gewesen war, die Vertretung.

   Solange Pfarrer Lekies lebte, ließ er auch (bewusst im Interesse der Gemeinde) in seinem Haus von Frau Scholz den Haushalt aufrechterhalten. Für die Gemeinde und auch für die Pfarrer war das ein Gewinn, da ihnen auf diese Weise ein offenes, bewohntes Pfarrhaus erhalten blieb, zumal Frau Scholz sich der pfarramtlichen Geschäfte, der Frauenhilfe und der Kindergottesdienste annahm. Nach dem Heldentode des Stelleninhabers ließ sich dann dieser günstige Zustand leider nicht mehr aufrechterhalten. Der Krieg brachte der Gemeinde und auch dem Pfarrhaus mit Beginn des Aufmarsches gegen Russland, viel Einquartierung, zunächst Reichswehr und später Ostern 1941 fand ein Wehrmachtsgottesdienst in der Kirche statt…

   Am 22. Juni 1941 klang morgens Geschützdonner, die beginnende Offensive gegen Russland. Die Erinnerung an 1914 ließ wohl manchen besorgt aufhorchen. Der Gottesdienst war schlecht besucht. Ein Vergleich mit dem Bericht in dieser Chronik vom 5. August 1914, drängt sich stark auf.

   Besondere Vorfälle mit Blick auf das kirchliche Leben seit der Sperrung der Schulen für kirchliche Zwecke: Der Konfirmandenunterricht konnte in der Kirchschule nun nicht mehr gehalten werden und es musste dafür, wie auch die Gottesdienste im Winter 1940/41 und 1941/42, das Pfarrhaus in Anspruch genommen werden.

   1943: Anfang 1943 wurde die Pfarrstelle Kutten durch das Konsistorium rückwirkend vom 1. August 1942 neu besetzt und zwar mit dem Hilfsprediger Viltmann. Es änderte sich praktisch für die Gemeinde durch diese Neubesetzung zunächst nichts.

 

Ende

 

Hier enden die Aufzeichnungen der Pfarrer von Kutten. Diese Chronik bleibt uns als bleibendes Zeugnis zu den damaligen Verhältnissen in der Gemeinde Kutten und darüber hinaus.  

 



[1] Beim einfachen Decken mit Biberschwänzen wurden gespaltene Holzbrettchen (Spieße, Späne), Stroh- oder Dachpappenstreifen unter die Ziegelstoßfugen gelegt, um ein Eindringen des Regenwassers zu verhindern.

[2] Gemeint ist hier der erste Weltkrieg (1914-1918)

[3] leitet sich vom lateinischen meliorare (verbessern) ab, daher ist der umgangssprachliche Begriff Bodenverbesserung großteils gleichbedeutend

[4] Pfarrer Ernst Hecht, * 16.01. 1883, ordiniert 01.12. 1907 war 1907- 1909 Hilfsprediger an der Lutherkirche (Stadtkirche) in Insterburg, 1909 – 1911 2. Pfarrer beim Provinzial-verein f. d. Innere Mission in Königsberg, 1911 – 1915 Pfarrer in Rosengarten und Doben, 1915 – 1921 Pfarrer in Kutten, 1921 – 1931 4. Pfarrer an der Lutherkirche (Stadtkirche) in Insterburg , 1931 – 1945 Pfarrer an der Christuskirche in Danzig – Langfuhr. Nach dem 2. Weltkrieg lebte er als Pfarrer in Heidelberg. Er starb 1965.

 

Diese Angaben, wie auch die zu den folgenden Pfarrern von Kutten, hat Herr H.- Ch. Surkau freundlicherweise mitgeteilt. Er bezieht sich dabei auf folgende Quellen:
- „Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung 1945“ von Friedwald Moeller (1968)

-  „Deutsches Kirchliches Adressbuch“ 1927, 1929, 1937; „Pfarr- Almanach für die Evangelische Kirchenprovinz Ostpreußen“ 1926; „Nachweisung aller evangelischer Kirchen und Geistlichen in der Kirchenprovinz Ostpreußen“ 1916, 1941, 1945 sowie „Verzeichnis der evangelischen Kirchengemeinden im Reichsgau Danzig-Westpreußen„ 1941.

- Auszüge aus dem „Amtsblatt des Konsistoriums für Ostpreussen (Königsberg)“ 1920 – 1944 und dem „Amtsblatt des Konsistoriums für Danzig-Westpreußen (Danzig)“ 1920 – 1944.

- „Taschenbuch der evangelischen Kirche in Deutschland“ 1956 sowie Verzeichnisse der  „Anschriften der ehemals ostpreußischen Pfarrer und Pfarrfrauen“ 1947, 1948, 1952, 1956.

 

[5] Die Oblast Wolhynien ist eine Verwaltungseinheit in der Ukraine, im Nord-Westen des Landes gelegen. In österreich-ungarischer Zeit wurde die Stadt Wolodymyr zu Lodomerien „eingedeutscht“.

[6] Gemeindekirchenrat

[7] Eine Zyklopenmauer ist eine Natursteinmauer aus Gesteinsblöcken. Die Steine sind meist unbehauen und ohne Mörtel verbaut. Das Fugenbild ist unregelmäßig und ohne waagerechte Lagerfugen.

[8] Der Stadtname konnte leider nicht identifiziert werden.  Pfarrer Karl Venske war 1917 – 1921 Pfarrer in Angerburg, 1921 – 1926 Pfarrer in Kutten. 1926 wurde er Pfarrer in Rosario (Argentinien), das zur „Deutschen Evangelischen La Plata Synode“ gehörte, die Argentinien, Uruguay und Paraguay umfasste. Er starb am 18.06.1950.

[9] In dieser Zeit war noch Hilfsprediger Sallet zuständig, der in dieser Chronik nicht erwähnt wird: Der Hilfsprediger Gottfried Sallet, * Strasburg / WPr  27.04. 1898, 1. theol. Prüfung 02.10. 1924, 2. theol. Prüfung 10.03. 1926, Ordination 11.04. 1926 zum Hilfsprediger in Kutten war 1926 – 1932 Pfarrer in Adl. Kessel und 1932 -1936 3. Pfarrer in Lyck. Die Versetzung nach Adl. Kessel erfolgte bereits im September 1926. Nach dem 2. Weltkrieg war er Pfarrer in Meppen / Emsland.

[10] Pfarrer Walter Obgartel, * in Insterburg, 2. theol. Prüfung 12.03.1921, Ordination 29.05.1921 zum Hilfsprediger in Rudczanny, war 1921 Hilfsprediger, dann Pfarrer in Rudzanny, 1923 – 1926 Diakon (2. Pfarrer) in Kraupischken, 1926 – 1930 Pfarrer in Kutten. Zwischen 1930 und 1945 keine Verwendung in Ost- oder Westpreußen. Nach dem 2. Weltkrieg  Pfarrer in Michelbach (am Wald über Öhringen), Dekanat Öhringen / Württemberg

 

[11] Unter dem Begriff „Deklamation“ (lateinisch: declamatio) versteht man Übungsreden, durch die sich die angehenden Redner im Rhetorikunterricht ausbildeten sowie ein Ausdruckvolles, auf Wirkung abzielendes Vortragen, z.B. von Gedichten oder Liedern.

[12] Unbilden = Unannehmlichkeiten

[13] Pfarrer Alfred Vorrath (Name wurde in der Chronik wohl geändert), * 05.11. 1884, ordiniert 05.10. 1913, war 1913 Hilfsprediger in Agilla Juwendt (Kr. Labiau), 1913-1916 Pfarrer in Groß Schirrau (Kr. Wehlau), 1916-1930 Pfarrer in Starkenberg (Kr. Wehlau).

[14] Emeritierung ist die Enthebung (Entpflichtung) eines Professors, Hochschullehrers oder Pastors von der Pflicht der Alltagsgeschäfte aus Altersgründen

[15] Hilfsprediger Dr. Erhard (Eberhard?) Mertens wurde Pfarrer in Döhlau bei Halle a.d. Saale, wo er auch nach dem 2. Weltkrieg noch als Pfarrer tätig war.

[16] Numismatiker sind Wissenschaftler, die sich mit Münzkunde beschäftigen.

[17] Der Hilfsprediger Joachim Großkreutz, * Johannisburg 16.04. 1906, 2. theol. Prüfung 27.09. 1934,  wurde am 04.08. 1935 zum Hilfsprediger in Ballethen ordiniert, 1936 – 1945 hatte er die Pfarrstelle in Ballethen inne. Nach dem 2. Weltkrieg lebte er als Pfarrer in Neuhof a.d. Zenn (Mainfranken), dann in Königshofen, später in Würzburg.

[18] Der Pfarrer Rudolf Oskar Ehrhardt, * Königsberg / Pr., 1. theol. Prüfung 28.09. 1932, 2. theol. Prüfung 27.09. 1934, ordiniert am 04.08. 1935 zum Hilfsprediger in Postnicken war 1936 Pfarrer in Kutten und ging von dort nach Lindenort (Lipowitz, KK Ortelsburg). Dort war er bis verm. 1940 Pfarrer. 1948 lebte er in Panamaribo / Suriname / Holl. Guayana, seit 1952 war er in Frankfurt/Main bei der Inneren Mission tätig, 1956 dort als Geschäftsführer.

[19] Pfarrer Werner Lekies, * in Skaisgirren 14.08. 1904, 1. theol. Prüfung 28.02. – 04.03. 1927, 2. theol. Prüfung 07. - 09.03.1929, ordiniert 17.03. 1929 zum Hilfsprediger in Lipowitz KK Ortelsburg wurde am 01.07. 1929 Pfarrer in Rucken / Memelland.