"MÜHLENKRUG"
Der Saal und sein Orchestrion

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Des alten Sensfuß' Sohn war aber auf das "Festland" gegangen und bewirtschaftete in Angerburg, in der Nordenburger Straße, den "Mühlenkrug". Auch er betrieb, wie sein Vater, hauptberuflich Landwirtschaft, und auch er konnte den Gästen eigene Erzeugnisse preiswert anbieten. Daher war auch an Sonn- und Feiertagen der Mühlenkrug mit seinem Garten von Angerburgern überfüllt.

Der Mühlenkrug hatte seinen Namen nicht von Johannes Budnicks Dampfmühle, die dem Mühlenkrug gegenüber lag, sondern von der ehemaligen Wassermühle, die neben dem Krug an der Angerappschleuse stand, da, wo sich später die Fischbrutanstalt befand. Diese Wassermühle betrieb zuletzt ein Herr v. d. Heide. Ein paar Mühlsteine aus der Wassermühle dienten im Garten des Mühlenkruges noch als originelle Tischplatten, die - romantisch im Schatten alter Bäume - zum Verweilen einluden.

Der Mühlenkrug war ein ausgesprochenes Familienlokal, zu dem an Sonn- und Feiertagen die Familienväter mit Kind und Kegel hinausmarschierten. Während die Frauen im Garten ihre Kaffeeorgien mit Schmandkuchen feierten, die Kinder sich auf der Luftschaukel oder unter Gefährdung der "Sonntagskleidage" an der vorbeifließenden Angerapp verlustierten, ergötzten sich die Herren der Schöpfung beim Skat oder einer Partie Billard.

Im Mühlenkrug gab es auch einen Saal, in dem in vorgerückter Stunde gern ein Tänzchen riskiert wurde. Die Musik dazu lieferte ein "Orchestrion", groß und mächtig wie ein Danziger Barockschrank. Die durch Perforierung programmierten "Schallplatten" bestanden aus Zinkblech und hatten einen Durchmesser von fast einem Meter. Aber erst nach Einwurf eines Zehnpfennigstücks und nachdem zwei Mann das reichlich zentnerschwere Gewicht mittels einer Kurbel hochgewunden hatten, ging die Musik mit ohrenbetäubender Lautstärke los, - war aber straff-rhythmisch und animierte die tanzenden Männer, insbesondere beim Rheinländer und bei der Polka, im Takt so kräftig mit dem Fuß aufzustampfen, daß die Dielen sich bogen und das Geschirr auf den Tischen erzitterte.