Rochau (Mitschullen)


Sommer in Rochau mit Gehöften Abramowski und Liedtke

Aus der Geschichte des Ortes

   Rochau mit seinen Ortsteilen Groß- und Kleinsackau sowie Storchenberg, an den südlichen Ausläufern der Heydtwalder Forst gelegen, hatte 1939 eine Fläche von zusammen 1042 ha, auf der 299 Einwohner gezählt wurden. Letzter Bürgermeister von Rochau war der Landwirt Johann Meinicke. Die Gemeinde gehörte zum Kirchspiel und zum Amtsbezirk Benkheim, in dem Otto Naujoks letzter Amtsvorsteher war.

     Die Umbennung Mitschullens in Rochau und Groß- und Klein- Sakautschens in Groß- und Kleinsackau erfolgten im Jahre 1938.

    Mitschullen hatte ursprünglich typische Züge eines Reihendorfes. Die direkte Nähe zur Goldap wurde wegen der bestehenden Überschwemmungsgefahr gemieden.
    Nördlich von Mitschullen war bereits im 18.Jahrhundert ein Verbindungskanal zur Angerapp geschaffen worden, der diesen Fluss bei Broseitschen erreichte und später erweitert wurde. Dieses Kanalsystem sollte die Überschwemmungen im Goldaptal vor allem zwischen Mitschullen und Broseitschen reduzieren, erfüllte aber nicht die Erwartungen. Auch die Aktivitäten des 1897 gegründeten Wasser- und Bodenverbandes „Popiollen-Mitschullen“ führten zu keinem voll befriedigenden Ergebnis. Besonders in den Jahren 1919 und 1923 gab es starke Überflutungen, die große Schäden verursachten, vor allem auf den Betriebsflächen des Gutes Popiollen.

  Im Dorfkern von Rochau standen vor 1945 sieben Gehöfte, die anderen waren Abbauten. In Dorfnähe lag ein großes Wiesengelände, die Bodschan (=Storchenwiese). Sie wurde von Dorfbewohnern, aber auch von Bauern umliegender Ortschaften genutzt, die hier ihren Heubedarf deckten.

  Groß- und Kleinsackau sowie Storchenberg haben ihren Charakter als mittlere Gutsbezirke bis zum Schluss behalten.

  Die Anfänge Mitschullens reichen bis 1558 zurück. In diesem Jahr wird in historischen Quellen ein Hochzinser Nikolay (Nickel) Mischulto erwähnt, der Namensgeber für die Dorfgründung gewesen ist. Ihm wird 1566 das Schulzenamt mit 4 Hufen Zubehör übertragen.
  Die Bauern des landesherrlichen Dorfes leisteten ihre Scharwerksdienste zunächst auf dem Vorwerk Sperling, später auch auf dem Vorwerk Popiollen ab, das 1566 angelegt worden war.

  Während des Tatareneinfalls in Preußen (1656/57) und während der Pestjahre (1709-11), die das Hauptamt Angerburg besonders schwer trafen, dürften auch Mitschullen und seine späteren Ortsteile stark in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Es gibt darüber keine näheren Nachrichten, wohl aber Opferzahlen aus umliegenden Ortschaften. So wurden nach den Aufzeichnungen des Benkheimer Pfarrers Johann Drigalski allein im Jahre 1711 in seinem Kirchspiel 2114 Menschen durch die Pest hingerafft.

    1847 gab es im Dorf Mitschullen (Fläche: 20 Hufen) 14 Wohngebäude, in denen 160 Menschen lebten. Auf dem adligen Gut Mitschullen (Fläche: 7 Hufen) lebten 1847 insg.55 Menschen in 3 Häusern, 1874 noch 44 Bewohner in 4 Häusern. 

    Die Ursprünge des Gutes Mitschullen sind bis 1633 zurück zu verfolgen. In diesem Jahr wurden dem Landrichter Georg Gabriel Marquart 7 Hufen in der Gemarkung des Dorfes Mitschullen, 2 Hufen an der Dorfgrenze diesseits der Goldap, 1 Hufe in Duneyken (späterer Kr.Goldap) sowie der Groß- Pillacker (Steinwalder) See verliehen. Dafür musste Marquart auf die ihm gehörende hohe Jagd auf Auerhirsche, Elche, Bären und Wildschweine in Blandau und Kosaken (Kirchspiele Grabowen und Gurnen) zugunsten der Landesherrschaft verzichten, die ihm in früheren Zeiten zu magdeburgischen beider Kinder Rechten verliehen worden waren.

    Diese Verschreibung ist insofern besonders bemerkenswert, als sie zeigt, wie stark der Landesherr (damals Kurfürst Georg Wilhelm v. Brandenburg) daran interessiert war, die Jagd auf Hochwild in seiner Hand zu behalten. Und war das Jagdrecht früher anderen zugestanden worden, so tauschte es der Landesherr jetzt gegen Bodenbesitz und Fischereirechte wieder ein. Auch ist der Verschreibung zu entnehmen, welche Wildtiere damals noch in den Waldgebieten des Goldaper Reviers lebten, nämlich sogar noch Auerhirsche und Bären.

    Das Mitschuller Gut hat in späterer Zeit besitzmäßige Beziehungen zum Gutskomplex Sakautschen gehabt.

    Nach 1870 ist es aufgeteilt worden. Der Mitschuller Landwirt August Hermann Meinicke erwarb von der Gutsfläche ca. 20 ha; andere ortsansässige Landwirte wohl die restlichen Flächen zur Vergrößerung ihrer Höfe. August Joscheck kaufte 1883 das Verwalterhaus dieses ehem. Gutes. Das Dorf Mitschullen war der Polizeiverwaltung in Ziemianen unterstellt. Am Ende des Jahrhunderts (1898) hatte sich die zum Dorf gehörende Fläche, vermutlich durch Kultivierungsarbeiten, auf 583 ha vergrößert, die Einwohnerzahl etwas verringert (169). Es gab jetzt in Mitschullen 21 Wohngebäude. Die Hofgrößen bewegten sich zwischen 0,5 und 112 ha. Auf den größeren Höfen (Nieswandt, 112 ha; Peckholz, 94 ha; Glaubitt, 72 ha; Schulz, 60 ha) wurde vorrangig Rindvieh- und Pferdezucht betrieben. Einzelne Besitzer, wie z.B. Fritz Nieswandt, arbeiteten in landwirtschaftlichen Verbänden mit und engagierten sich beim Ausbau des Genossenschaftswesens im Kreis Angerburg.

 Nahe dem Gutsgehöft Peckholz an der damaligen Reichsstraße 136 (Angerburg - Goldap) erinnerte ein Friedhofsplatz an 19 russische Soldaten, die hier während des 1. Weltkrieges gefallen waren.

   In Großsackau (Groß-Sakautschen) sollen angeblich schon 1540 6 Zinser und 7 Bender gesessen haben. Später soll die Zahl der Zinser sogar auf 15 angestiegen sein, um dann auf 3 zu fallen. Offensichtlich sei hier das gegenüberliegende Mitschullen in die Rechnung einbezogen gewesen, so wird in der einschlägigen Literatur spekuliert. Hierbei bleibt aber unklar, ob das Ersterwähnungsjahr von Sakautschen (nach einem litauischen Personennamen Sakautis benannt) tatsächlich belegbar ist. Falls ja, wäre Sakautschen neben Sperling und Surminnen eine der ersten Siedlungsgründungen im Kirchspiel Benkheim überhaupt. Als wahrscheinlicher dürfte 1613 als Gründungsjahr anzunehmen sein. In diesem Jahr wurden dem Hofapotheker des Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg 10 Hufen zu Sakautschen und 6 Hufen von Sunkeln verschrieben.

 Einzelne Hinweise zur Besitzgeschichte von Sakautschen hat Jenny Koop (Beiträge zur Chronik des ostpr. Grundbesitzes, T.1, Kgb.1913) gegeben. Nach ihr gehörte Sakautschen im Jahre 1732 einem Angehörigen der reichbegüterten Adelsfamilie v. Pröck, die in Koppershagen, Kr. Wehlau ihren Stammsitz hatte. Bald nach 1732 ging Sakautschen in den Besitz der Familie v. Buddenbrock über (Hauptsitz in diesen Jahren: Rehsau), von der es 1741 der Leutnant Georg Christoph v. Manstein erwarb. Als v. Manstein nach kurzer Zeit außer Landes ging, erwarb Oberstleutnant Graf v. Lastange Sakautschen. Seine Witwe hat es noch 1753 besessen. Es hatte in diesem Jahr (lt. Vasallentabelle) einen Wert von 5000 Talern. 1777 war das Rittergut im Besitz von Peter v. Königsfels, der am Warschauer Hof lebte. Es repräsentierte jetzt einen Wert von 12.350 Talern. 1784 hatte das Hauptgut (Groß- Sakautschen) 3 Feuerstellen, also etwa 18 Bewohner, das Vorwerk (Klein- Sakautschen) 1 Feuerstelle (etwa 6 Bewohner). Der Gutskomplex war in diesem Jahr in bürgerlichen Besitz übergegangen, was in der Spätphase Friedrichs des Grossen nicht mehr ganz ungewöhnlich war. In der Zeit davor hatte der König noch streng darauf geachtet, dass Rittergüter dem Adel vorbehalten blieben, um dessen wirtschaftliche Existenz zu sichern, denn adlige Offiziere brauchte der König für die Führungspositionen der preußischen Armee. Der wohl erste bürgerliche Besitzer von Sakautschen war Amtsrat Ludwig Bruno, dem zu dieser Zeit auch Klein - Guja gehörte. Bruno beabsichtigte, sich mit mit Fredericia v. Tyska, der Erbin des Schlieben - Gutes Adamsheide (Kr.Darkehmen), zu verheiraten. Die Familie v. Tyska war offenbar aus standespolitischen Erwägungen gegen diese Heirat, lud Ludwig Bruno nach Adamsheide ein, sperrte ihn in einen Keller und hoffte, dass er in diesem verhungere. Seiner Braut soll es aber gelungen sein, ihn zu befreien, und die Hochzeit konnte erfolgen. Das Ehepaar zog nach Klein - Guja, aber Ludwig Bruno selbst ist wohl wegen der in Adamsheide erlittenen Torturen bald danach verstorben.

 Bald nach 1785 hat in Sakautschen wiederum ein Besitzwechsel stattgefunden, aber über einzelne Besitzer im 19. Jahrhundert sind wir nicht unterrichtet. Seit der Mitte des Jahrhunderts liegen uns folgende Angaben über das Rittergut vor:
   1847 leben in Groß - Sakautschen 90 Menschen in 5 Häusern, in Klein - Sakautschen (auch als Neusaß bezeichnet) 15 Menschen in 1 Haus.
   1860 hat Groß - Sakautschen eine Gemarkung von 10 Hufen mit 97 Einwohnern. Zu Klein - Sakautschen gehören 6 Hufen, und es leben hier 14 Menschen.
   1903 gehörten Groß- und Klein - Sakautschen (Fläche: 327 ha) Hermann Steiner. Das kleine Mausoleum dieser Familie ist bis heute erhalten geblieben.
   1917 kaufte der in Rothof bei Angerburg geborene Bruno Bark (1880-1951) den Gutskomplex mit einer jetzigen Gesamtfläche von 356 ha. Der große Wiesen- und Weidenanteil begünstigte die Viehzucht und Milchwirtschaft. Daneben gehörten der Kartoffelanbau sowie die Schweinezucht zu den Schwerpunkten der Gutswirtschaft, die durch eine Kartoffelbrennerei abgerundet wurde. Diese wurde neben nur noch drei anderen im Angerburger Kreisgebiet (Kleinkutten, Großgarten, Gansenstein) bis 1944 betrieben.
   1932: wurden gehalten: 46 Pferde, 130 Rinder, 32 Schafe und 130 Schweine.

 Bruno Bark zeigte sein soziales Engagement u.a. durch den Bau von 2 neuen Insthäusern und 1 Gemeinschaftshaus für die Gutsarbeiter. In berufsständischen Organisationen, z.B. der Molkereigenossenschaft, nahm er führende Funktionen wahr. Viele Jahre hindurch gehörte er auch dem Kreisausschuss Angerburg an.

 Das kölmische Gut Storchenberg ist 1616 angelegt worden. 1746 kaufte es der aus dem Salzburgischen eingewanderte Martin Schweiger für 300 Reichstaler. Das Gut blieb über mehrere Generationen im Besitz der Familie Schweiger. 1847 lebten hier 30 Menschen in 2 Häusern. 1898 hatte Storchenberg eine Fläche von 122 ha. 34 Menschen lebten hier in 5 Haushalten. 1903 wird Berta Liehr als Besitzerin genannt. Letzter Besitzer war Wilhelm Hoffmeier. Die Gutsfläche betrug zu diesem Zeitpunkt 160 ha. Der Schwerpunkt der landwirtschaftlichen Produktion lag auch hier bei der Viehzucht und dem Kartoffelanbau.

 Die Zuordnung der Gutsbezirke Sakautschen und Storchenberg zur Landgemeinde Mitschullen erfolgte 1928, nachdem in einem kurz zuvor erlassenen Gesetz die Auflösung von Gutsbezirken als selbständigen Verwaltungseinheiten vorgeschrieben worden war.

 Eine Schule ist in Mitschullen im Jahre 1741 eingerichtet worden. Zu ihr gehörten rd. 9 Morgen Schulland (1929). Die Schülerzahl hatte sich zwischen 1899 und 1935 von 30 auf 70 erhöht. Als erster Schulmeister wird 1782 Paul Cymek genannt. Von 1892-1921 war Adolf Neumann hier als Lehrer tätig, von 1922-1929 Ernst Brasse. Letzter Stelleninhaber war ab 1936 Gert Freudenberg.
   Die regelmäßigen Goldap- Überschwemmungen erschwerten vor allem für die Kinder aus den zum Schulverband gehörenden Gütern Sackau und Storchenberg sowie für die aus einzelnen Abbauhöfen den Schulbesuch. Teilweise musste ein Drittel der Schüler in dieser Zeit dem Unterricht fernbleiben.

 Der masurische Schriftsteller Prof. Dr. Karl Eduard Schmidt (1850-1927), viele Jahre hindurch am Gymnasium Lötzen tätig, ist in Mitschullen geboren worden. Schmidt wurde durch die Beschreibung seiner Verschleppung nach Sibirien während des 1. Weltkrieges bekannt. Er hat außerdem mehrere heimatkundliche Schriften über Masuren verfasst (z.B. „Von Masurens Seen“; „Die Rominter Heide“) und gründete 1896 die „Literarische Gesellschaft Masovia“, deren Herausgeber er bis zu seinem Tode war. Zu seinen größten wissenschaftlichen Leistungen zählt die Herausgabe der Tagebücher des Reichsgrafen Ernst Ahasverus Heinrich v. Lehndorff (1727-1811), Landhofmeister des Königreichs Preußen und Kammerherr am Hofe Friedrichs des Grossen, wo er über drei Jahrzehnte zum Hofstaat von Friedrichs Gemahlin, der Königin Elisabeth Christine, gehörte.

Quellen: AHB, Schmidt, Pfeiffer, Rech.Vf.
Zusammenstellung: Georg Malz

 

 

Dorfskizze und

 Familienliste von Rochau (vor 1945)
aus AHB 120 von Walter Meinicke 
Ergänzungen und Richtigstellungen von Namen, Berufsbezeichnungen und Gebäudezuordnungen
bitte an webmaster@angerburg.de schreiben. Ihre Angaben werden kurzfristig in die Liste übertragen.

Namen in Rochau vor 1945:

Balzer, Peckholz, Glaubitt, Meinicke, Ginsko, Langenegger, Nieswandt, Schulz, Schneider, Margis, Dunkel, Sulz, Liedtke, Eggert, Ihrke