Chronik der Kirche zu Rosengarten

 

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Bild aus dem Buch „Aus der masurischen Heimat“ von Superint. H. Braun

 

Pfarrer in Rosengarten:

1576 - 1582                Albert Jacob Dolangowius

1588 -                         George Platanus

1644 – 60                   Michael Brodonius (Diakon)

1655 – 58                   Peter Brodonius

1658 – 83                    Albert Bartholomius Cibulka (Cibulcolvius)

1682 – 1706               George Andersohn

1707 – 50                   Friedrich Cibrovius

1742 – 49                   Jacob (A) Kaminski

1749 – 71                   Johann Albrecht Prätorius

1771 – 83                   Paul Salomo Gregorowius

1784 – 99                   Christian Friedrich Ägidi

1799 – 1826               Daniel Friedrich Ägidi (Sohn)

1828 – 42                   Gotthilf Lebrecht Motullo

1842 – 56                   Christian Ludwig Bolle

1857 – 77                   Johann Carl Borkowski

1878 – 83                   Ernst Theodor Teschner

1883 – 89                   Otto Emil Richard Ziegler

1889 – 99                   Friedrich Ludwig Johannes Wolter

1899 – 1910               Otto Junkuhn

1911 – 15                   Ernst Hecht

1916 - 1945                Richard Drost

 

 


 

    Hermann Adalbert Braun: Aus der masurischen Heimat, T.1-3. Angerburg Krüppelanstalt, 1926

 

D. theol. Braun (1845-1931) war von 1881-1924 Pfarrer und Superintendent in Angerburg. Der folgende Text stammt aus Kapitel 15, S 135-137 seines o.g. Werkes.

 

    Auch hier in Rosengarten, wie in Engelstein fällt die Gründung des Kirchspiels mit der Anlage des Dorfes zusammen. Im Jahre 1437 wurde in der Verleihungsurkunde bestimmt: „Von den 58 Huben soll haben der Pfarrherr vier Huben in die Ehre Gottes des Allmächtigen und die Herrn Sankti Nicolai“. In einer im Jahre 1826 angelegten Kirchenchronik findet sich zwar die Annahme, dass „unter dem Hochmeister Hans von Tiefen (1489-1497) das erste Bethaus daselbst gegründet sei, doch lässt sich diese Annahme durch Urkunden nicht belegen, beruht vielmehr nur auf einer Mitteilung des Pfarrers Albert Cibulcovius (1658-83), der in einem Bericht behauptet, die beiden Kirchen in Rosengarten und Doben seien gleichen Alters, „alle Beyde noch im Babsthum unter dem Hochmeister Hans von Tiefen, wie auff beyden alten Altare geschrieben war, erbauet“. Wenn in der Handfeste über Rosengarten vom Jahre 1437 der heilige Nikolaus als Schutzpatron der Rosengartener Kirche angegeben ist, so lässt sich daraus schließen, dass diese Kirche, entweder schon gestanden oder im Bau begriffen gewesen ist. Auch war diese Kirche bereits 1574, als der Pomesanische Bischof George Venediger hier seine Visitation abhielt, so baufällig, dass ein Neubau beschlossen wurde. Dazu kam es aber erst 100 Jahre später, als Graf Ahasverus von Lehndorff die ganz verfallene Kirche umzubauen unternahm [1]. Da er jedoch im Sommer 1673 mit seinem in Preußen geworbenen Regiment gegen Schweden ziehen musste, konnte er den Bau nicht vollenden, legte aber denselben recht dringend seiner daheim gebliebenen Mutter ans Herz. Der Kurfürst erteilte ihm in Anerkennung seiner für die Kirche gebrachten Opfer das Patronat über Rosengarten unter demm 4. November 1683. Diese vonn Ahasverus von Lehndorff gebaute Kirche sah nun freilich etwas anders aus als die heutige. Sie war 78 Fuß lang, 43 Fuß breit, hatte einen mit Schindeln gedeckten stumpfen Turm, in welchem drei Glocken hingen. Außer der Sakristei war noch eine Chor- und Kirchenhalle angebaut, in welcher ein stark vergoldeter Engel ein silbernes Taufbecken hielt, auf dem dass Lehndorff-Wallenrodtsche Wappen zu sehen war. Eine Orgel gab es nicht, sondern nur ein Positiv mit 6 Zügen. Auf der Kanzel stand ein Stundenglas. Unter der Kirche befanden sich zwei Gewölbe, das „Lababsche“ und das „Pilwesche“. Im Jahre 1812 sollte die Kirche einen Umbau erfahren. Der Durchmarsch der französischen Truppen in diesem Jahre und die darauf folgenden Freiheitskriege verhinderten seine Ausführung. Zehn Jahre später genügte kein Umbau mehr, sondern es war bereits ein Neubau nötig geworden. Doch Misswachs und Hagelschlag hatte die Gemeinde in große Not versetzt. Da wandten sich die Kirchenvorsteher an den König Friedrich Wilhelm III., welcher aus seiner Schatulle ein Gnadengeschenk von 1000 Talern zum Neubau hergab. Der kunstsinnige Kronprinz, nachmaliger König Friedrich Wilhelm IV., verfertigte den Plan, nach welchen die Kirche die eigentliche Gestalt eines regulären Achtecks erhielt. Der Patron, Generalmajorr Reichsgraf Christian Friedrich Ludwig Lehndorff, lieferte sämtliches Material. Die Baukosten kamen beim Mindestgebot auf 1495 Taler, so dass der ganze Bau der Gemeinde selbst nur 495 Taler kostete. Bauunternehmer warr Johann Steiner, Inspektor der gräflichen Güter, nachmaliger Besitzer von Gudellen [Kreis Ebenrode]. Die Einweihung der neuen Kirche fand am 5. August 1827 durch Superintendent Neumannn aus Angerburg statt. Den Festzug eröffnete der Rektor Borkowski mit seiner Schule. Hierauf wurden die heiligen Kirchengeräte vom ältesten Mitglied der Gemeinde, dem Generalpächter der gräflichen Steinortschen Seen, dem 81- jährigen greisen Holstein getragen. Dann folgte der Patron,, Graf von Lehndorff mit seiner Frau Gemahlin, geb.. Gräfin von Schippenbach und der Feuerkassen-Rendant Werner aus Angerburg, der den Grafen in dessen Abwesenheit als Kirchenpatron vertrat. Dann folgten der Landrat von Köller und 6 Geistliche. Dieser Zug sang unterwegs das Lied: „Gott, der Du ohne“. Zwei weißgekleidete Mädchen, die Töchter der Kirchenvorsteherr Geßner und Hoyer, überreichten den Kirchenschlüssel dem Patron, der ihn an den Superintendenten weiterreichte. Diese Kirche steht noch heute. Sie ist bis zur äußersten Spitze 25 Meter hoch und enthält ca. 450 Sitzplätze..

[1] Nach der am 7. Mai 1581 durchgeführten Kirchenvisitation durch Bischoff Johannes Wigand heißt es in seinem Bericht: „Die Kirche ist neue erbauet, soll vollendts durch die Kirchenuetter mit zu thun des gantzen Kirchspiels verfertiget und fein zierlichen angerichtet werden…“
Es wurde zu dieser Zeit also eine neue Kirche fertig gestellt, die dann nach rund 100 Jahren wieder baufällig war.

 

 

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Das Epitaph von Meinhard von Lehndorff (1590-1639)
 heute im Volkskultur-Museum Wegorzewo (Angerburg)

 

 

 

      Bis unser Doktor Martin Luther den freundlichen Weihnachtsheiligen St. Niklas, dem die Rosengarter Kirche gewidmet ist, durch sein Reformationswerk in den Ruhestand versetzte, hat das edle Lehndorffsche Grafengeschlecht die Geschäfte des katholischen Heiligen mit echt evangelischer Treue wahrgenommen und ist nicht nur der Gemeinde ein Muster christlicher Tugend und Frömmigkeit gewesen, sondern hat die Kirche auch zu allen Zeiten bis heute mit zahlreichen Wohltaten und Geschenken bedacht. Die Gräfin Marie Eleonore Lehndorff geb. Dönhof legte im Jahre 1706 ein Kirchenhospital zur Verpflegung alter Leute in Rosengarten an. Dasselbe wurde 1767 neu umgebaut und 1787 zur Pfarrwiddem [2] eingerichtet, weil das alte Pfarrhaus ganz verfallen war. Ein höchst sonderbares und komisches Geschenk machte die Gräfin Marie Luise von Lehndorff der Kirche zu Rosengarten im Jahre 1738. Es hatte nämlich der König Friedrich Wilhelm I.in einem Rescript vom 23ten Dezember 1738 allen lutherischen Pfarrern das Tragen des Chorrockes oder Kasels im Gottesdienste und das Anzünden der Kirchenlichte während der Feier des heiligen Abendmahls auf strengste verboten unter Androhung sofortiger Amtsentsetzung. Es geschah dies aus Sparsamkeit, es sollte kein Licht unnötigerweise im Preußischen Staat verbrannt werden und die Geistlichen keine unnötigen Ausgaben für den Talar machen. Durch diese Verordnung war die Gräfin von Lehndorff auf’s höchste erfreut, zumal da sie für die reformierte Lehre große Vorliebe hatte. Sie schenkte in freudiger Zustimmung zu dieser Verordnung der Kirche zu Rosengarten ein Kapital von 1000 Gulden zur Ausbesserung der Gehälter der Kirchenbeamten unter der Bedingung, dass in der Kirche niemals mehr Lichte beim heiligen Abendmahl angezündet würden. Sollte die abgeschaffte Zeremonie des Lichtbrennens aber jemals in der Kirche wieder eingeführt werden, so solle die Rosengarter Kirche diese 1000 Gulden an eine andere Kirche abtreten, in welcher keine Lichter brannten. Sofort bei seiner Thronbesteigung hob König Friedrich II. (d.d. Ruppin denn 3. Juli 1740) die Verfügung seines Vaters auf und stellte es den Gemeinden frei, wieder Licht anzuzünden, und den Geistlichen wieder Chorröcke zu tragen. Lauter Jubel ging durch alle lutherischen Kirchen. Die Altarlichte wurden doppelt so lang gegossen, und wo früher nur zwei gebrannt hatten, steckte man jetzt in einzelnen Kirchen bis 12 an. Die Gräfin erschrak. Eine Zeitlang vermochte sie den Pfarrer davon abzuhalten, den Leuten die letzte königliche Verordnung bekannt zu machen. Aber der wohlunterrichtete Kapitän von Queiß auf Pilwe verlangte aufs Dringenste die Kirchenlichte und mit ihm ein großer Teil der Gemeinde. Ihrem stürmischen Drängen konnte der Pfarrer nicht mehr standhalten. Die Gräfin erblasste, als vor ihren Augen die verhassten Lichte angezündet wurden. Aber sie hatte das geschenkte Kapital noch in ihrer Verwahrung. Nun sollte es den Rosengartern verloren gehen. Doch die Kirchenväter verklagten die Gräfin beim Hofgericht. Die Gräfin weist darauf hin, dass sie die Schenkung an eine bestimmte Bedingung, die nicht erfüllt sei, geknüpft habe. Auch habe die Zahl der Kommunikanten seit der Zeit, da keine Lichte brannten, bedeutend zugenommen. Früher hätte man jährlich nur 6 bis 7 Stof Kommunionswein verbraucht, jetzt ohne Licht dagegen 18 Stof. Das Hofgericht entschied jedoch unter demm 16. August 1744 zu Gunsten der Kirchenväter und der Kirchenlichte. Die Gräfin zahlte sodann nach langer Weigerung die Schenkung im Jahree 1749 aus..

       Das Kirchdorf Rosengarten hat wechselvolle Schicksale gehabt. Dreimal wurde es von den Landesfürsten verpfändet. Markgraf Albrecht Friedrich verpfändete es für ein Darlehen von 2000 Talern im Jahre 1572 an den Grafen Casper von Lehndorff und gestattete letzterem auch die Verlegung der Rosengarter Wassermühle an eine günstigere Stelle. Alle an den Landesfürsten aus Rosengarten zu zahlenden Abgaben waren an die Lehndorffs zu zahlen. Wiederum wurde das Dorf im Jahre 1636 an Meinhardt von Lehndorff verpfändet, der dem Kurfürsten Georg Wilhelm 9000 Mk. (oder 2000 Reichstaler) besorgte und ihm dadurch aus großer Not half. Als besondere Gnade erhielt der Graf bei dieser Gelegenheit die Inspektion über die Kirche, d.h. über die Gebäude und Einkünfte derselben, dazu die Erlaubnis, die verfallene Kirche neu zu bauen. Die dritte Verpfändung fand im Jahre 1680 statt. Der große Kurfürst war dem Obrist Klingsporn 10 000 Gulden schuldig. Ahasverus von Lehndorff riss den Kurfürsten aus dringendster Verlegenheit, indem er die Klingspornsche Schuld für ihn bezahlte.

 

[2] Pfarrwiddem = Pfarrgrundstück,spez. Pfarrerwitwen-Haus

 

    Der Darstellung H.A Brauns über die Kirche Rosengarten folgt die Chronik, deren Original erhalten geblieben ist und sich heute im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin befindet.

  


 

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Die Kirche von Rosengarten im Jahre 2004

 

 

 

Die Chronik der Kirche zu Rosengarten[3]

 

 angelegt von Pfarrer Borkowski (1857 – 1877)

 

weitergeführt von:

 

Pfr. Teschner            1878 - 83

Pfr. Ziegler               1883 – 89

Pfr. Wolter               1889 – 99

Pfr. Junkuhn            1899 – 1910

Pfr. Hecht                 1911 – 15

Pfr. Drost                 1916 – 1944

 

[3] Dieses Dokument stammt aus dem Ev. Zentralarchiv in Berlin und liegt als Kopie im Angerburger Archiv – Rotenburg  (L 40 F-2) vor. Im Angerburger Heimatbrief Nr. 69 von Weihnachten 1973 Seite 15 bis 22, ist eine verkürzte Version dieses Dokuments mit einer kurzen Einführung von Gerhard Freundt abgedruckt. Dem Ev. Zentralarchiv wird für die Genehmigung zur wörtlichen Wiedergabe des o.g. Dokuments  an dieser Stelle gedankt.

 

 

Wichtige Ereignisse im Kirchspiel (chronol.)

 

Im Jahre 1742 – 49 / verwaltet Pfarrer Jacob Kaminski das Pfarramt.

 

1749 – 1771 / An Trinitatisfest 1749 wird Johann Albert Praetorius in das Pfarramt hier introduziret und stirbt im Jahre 1771.

 

1771 – 1783 / Paul Salomo Gregorovius [4]  wird Pfarrer hier und zieht 1783 von hier fort.

 

[4] ul Salomo Gregorovius, geb. 1Paul Salomo Gregorovius, geb. 11.2.1747 in Grabnick Kreis Lyck, Sohn des Pfarrers in Grabnick Paul G., verh. mit Regina Dorothea Gizycki (Tochter des Pfarrers Friedrich G.),1767 Rektor in Gurnen, 1783 Pfarrer in Grabowen, gest. 3.5.1786 in Grabowen. (Angerburg von A bis Z)1.2.1747 in Grabnick Kreis Lyck, Sohn des Pfarrers in Grabnick Paul G., verh. mit Regina Dorothea Gizycki (Tochter des Pfarrers Friedrich G.),1767 Rektor in Gurnen, 1783 Pfarrer in Grabowen, gest. 3.5.1786 in Grabowen. (Angerburg von A bis Z) 

 

22. 2. Febr. 1784 /  Christian Friedrich Aegidi  [5]  wird Pfarrer und stirbt 1799 in welchem Jahre sein Sohn Pfarrer wird.

[5] Christian Friedrich Aegidi, zu Lyck 1746 geboren, war 13 Jahre Rector in Gurnen, wurde 1784 den 28 Januar als Pfarrer ordiniert und den 22. Februar introducirt; er starb den 21. April 1799.
 
(Dr. Ludwig Rhesa: „Kurzgefasste Nachrichten von allen seit 1775 an den evangelischen Kirchen in Ostpreussen angestellten Predigern als Fortsetzung der Arnoldtschen Presbyterologie". Königsberg 1834 S.33)

1819 /  Die Kirche ist baufällig und wird abgetragen.

 

1826 /  Pfarrer Daniel Fridrich Aegidi [6] wird Krankes halber cassiert [7].

 

[6]  Daniel Friedrich Aegidi, geboren zu Gurnen den 23. Juni 1773, kam als Pfarrer in seines Vaters Stelle, ward am 1. Advent 1799 in sein Amt eingeführt und ist den 16. Januar 1826 seines Amtes entsetzt worden.(Quelle s. vorherige Fußnote)
[7]
Von dem Ital. cassare, einen Bedienten, Beamten cassieren, ihn absetzen.

 

1826 /  Die Kirche wird neu gebaut. cf. Beschreibung der Feierlichkeit bei ihrer Einweihung.

 Am 5. August 1827 /  Die neu gebaute Kirche wird eingeweiht vom Superintendenten Samuel Neumann [8] aus Angerburg, dem dieses Geschäft durch eine Verfügung des königl. Consistorium vom 27.ten Juli 1827 übertragen war.

 

[8]  Samuel Neumann geb. 1785, Pfarrer in Wittigwalde und Kerstendorf 1809-1810, Pfarrer in Locken und Langgut 1810-1820, Diakon / 2.Pfarrer für  Angerburg – Landgemeinde 1820-1825, Pfarrer und Sup.int. Angerburg 1825–1847. (Möller)
Der Titel „Superintendent“ wurde in Ostpreußen 1806 eingeführt (frühere Bezeichnung: Inspektor).

 

Den 17 Februar 1828 /  Der bisherige Rektor in Aweiden [Kreis Sensburg] Gotthelf Lebrecht Motullo [9] wird als Pfarrer der Rosengarter Gemeinde introduziert.

 

[9] Gotthelf Lebrecht Motullo, geboren zu Lötzen 1794, wurde den 7. Dezember 1827 ordiniert und den 17. Februar 1828 eingeführt. (Dr. Ludwig Rhesa: „Kurzgefasste Nachrichten von allen seit 1775 an den evangelischen Kirchen in Ostpreussen angestellten Predigern als Fortsetzung der Arnoldtschen Presbyterologie". Königsberg 1834 S.33)

 

1831 /  Die Cholera [10] zum ersten Mal in Rosengarten. 6 Leute sind gestorben.

 

[10] Eine ungeheure Panik ergriff die damalige Gesellschaft, als die Nachrichten von dem Vorschreiten der unbekannten, fürchterlichen Krankheit gegen die preußische Grenze hin sich häuften. Die Cholera hatte im Winter ihren Einzug über das europäische Russland in Preußen gehalten. „… Was aber tat die (Preußische) Regierung? Sie machte dieselben Fehler wie im großen Pestjahr des vorigen Jahrhunderts.
Strengste Absperrung, das war das Mittel, durch welches sie der Seuche Herr zu werden hoffte. Man zog Sanitäts-Kordons, welche verseuchte Gegenden absperren sollte. Aber ein rechtzeitig gespendeter Schnaps war völlig hinreichend, um jeden militärischen Kordon zu öffnen. Später stellte man Passagierscheine aus für Personen, die in eine verseuchte Stadt hinein oder aus ihr heraus wollten. … Trotz alledem blieb die in Berlin errichtete Immediat-Cholera-Kommission bei ihren strengen Absperrungsmaßnahmen. Alle erkrankten Personen wurden völlig isoliert. Sie durften nicht in ihren Wohnungen verpflegt werden, sondern mussten sofort in bereit gestellte Lazarette geschafft werden. … Es war kein Wunder, dass die Phantasie des Volkes durch diese barbarische Behandlung fieberhaft aufgeregt wurde. Die Sanitätskommission sah ein, dass das vorgeschriebene Verfahren nutzlos sei und dass sich ein unübersehbares Elend aus der Anwendung der vorgeschriebenen Maßregeln ergeben müsse. Es wurden Anordnungen getroffen, zur Förderung der Reinlichkeit, Gesundheit, Ermittlung der Kranken und Verhütung der Ansteckung. Man ließ Straßen, Plätze, Wohnhäuser gründlich und energisch reinigen. Wenn sich auch alle diese Maßnahmen besonders in den großen Städten nicht plötzlich in umfassender Weise durchführen ließen, so hörte doch die Krankheit mit Eintritt des Winters auf. … Selbst aus der Umgegend gingen Lebensmittel für die Armen ein, und es muss hier besonders der Gräfin von Lehndorff, geborenen Gräfin von Schlippenbach, auf Steinort gedacht werden, welche ebenso wie ihre Vorfahren im Pestjahr 1707 die Armen sehr reichlich bedacht hat.“
  Johannes Zachau: „Chronik der Stadt Angerburg“ 1921 S.84 - 86
 

 

1837 /  Die Cholera zum 2. Male in Rosengarten. Es sind gestorben 39 Menschen, davon 22 in Stobben und 17 in Rosengarten.

 

30 April 1842 /  Pfarrer Motullo stirbt.

 

20 October 1842 /  Der bisherige Prorector Christian Ludwig Bolle [11]  aus Angerburg wird als Pfarrer hier introduziert.

 

[11] Christian Ludwig Bolle, geb. 25.2.1814 in Angerburg, gest. 8.9.1894 in Wiesbaden, Gymn. Rastenburg, Univ. Königsberg/Pr. SS 1833 (Masovia) als Theologe, 1842 Prorektor in Angerburg, von 24.7.1856 bis 31.1.1864 Pfarrer in Ortelsburg, dann Pfarrer in Liebemühl (Kreis Osterode). 1.5.1877 in den Ruhestand versetzt.Verh. mit Louise Emilie der Tochter des langjährigen (1816-1849) Angerburger Bürgermeisters Carl Friedrich Maschke („Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945“ S.177)

 

1848 /  Die Cholera zum 3. Male. Es sind gestorben 27 Leute in Rosengarten.

 

7 Febr 1854 /  stirbt der Patron der Kirche, Carl Friedrich Ludwig Christian Graf Lehndorff [12] – Steinort, Beisetzung in Königsberg. Sein Sohn Graf Carl Meinhard v. Lehndorff [13] wird Patron.

 

[12] Carl (Karl) Friedrich Ludwig Christian Reichsgraf von Lehndorff (geb. 17.9.1770 in Königsberg), Sohn des Herrn auf Landkeim und Sreinort Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff (1727-1811) und der Amalie geb. Reichsgräfin v. Schmettau. Er trat 1783 in den Militärdienst, kämpfte in dem Krieg von 1806/07 mit und trat dann nach dem Tilsiter Frieden als Major aus dem Soldatenstand aus. Er bildete und kommandierte das National-Kavallerie-Regiment, das aus freiwilligen Reitern bestand. 1833 als General-Leutnant verabschiedet, zog er sich auf seine Güter zurück, wurde 1845 zum Landhofmeister, 1853 zum Ritter des schwarzen Adlerordens ernannt. (Braun, S.175/176) .
[13] Carl (Karl) Meinhard (I) Graf von Lehndorff, Major, Legationsrat, (geb. 20.10.1826, gest. 28.10.1883). Er besuchte das Altstädtische Gymnasium in Königsberg, Bonn und Berlin. In Flensburg lernte er als Referendar die Geschäfte der Regierungsverwaltung. Dann trat er in diplomatische Laufbahn, wurde Gesandtschaftsbeamter in Wien, nahm an den Verhandlungen des Olmützer Vertrages statt, wurde Gesandtschaftssekretär in Dresden und  bestand hier sein drittes diplomatisches Examen mit Auszeichnung. 1852 vermählte er sich mit seiner Cousine, der Gräfin Anna, einzigen Tochter des Erblandmarschalls Grafen Hahn. In den Kriegsjahren 1866 und 1870/71 kämpfte er als Dragoneroffizier. Dann wurde er zum Präfekten Amiens ernannt. (Braun , S.176/177). Er begründet das Vollblutgestüt in Steinort. 1870 stiftet er das Fideikommiß. 1877 kauft er das an den Steinorter Mauerwald angrenzende Gut Rosengarten, dieses wird 1887 von seiner Witwe dem Fideikommiß hinzugefügt.

 

1855 /  Die Cholera zum 4. Male. 11 Leute sind gestorben.

 

März 1856 / Pfarrer Bolle zieht von hier als Pfarrer nach Ortelsburg.

 

15 März 1857 /  Der bisherige Rektor aus Angerburg Johann Carl Borkowski [14] wird als Pfarrer hier durch den Superintendenten Paul Nathanael Paulini [15] introduziert.

 

[14] Laut Amtsblätter der Königl. Preußischen Regierung zu Gumbinnen vom 18.2.1857 wird Johann Karl Borkowski, der seitherige Predigtamts-Kandidat und Rektor zu Angerburg, Pfarrer der evgl. Kirchen Rosengarten und Doben. * Taberlack Krs. Angerburg 13.02. 1822 ( 1823 oder 1827?), + Rosengarten 18.07. 1877. Sohn des Lehrers in Taberlack Albrecht Borkowski und der Charlotte Müller. Gymnasium Lyck, Universität Königsberg/Pr. SS 1844 (Masovia). 1850 Rektor in Angerburg. Ordiniert 1857 als Pfarrer in Rosengarten und Doben. (Sonderschrift 11/2 des VfFOW) („Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945“ S.177)

[15]  Paul Nathanael Paulini, geb 1801,  gest. den 27. Feb 1886 zu Betin (Kirchenbuch Angerburg)
Pfarrer in Drygallen 1830-1845, Pfarrer und Sup.int. in Angerburg 1845 – 1873, (Möller), begabter und bekannter Pianist. (E.Pf.)

 

17 Septbr 1857 /  Die Gebeine des in Koenigsberg verstorbenen Grafen Carl Friedrich Ludwig Christian Lehndorff Excelenz werden in einer auf dem Steinorter Friedhofe neu erbauten schönen Grabkapelle beigesetzt. Die Kapelle wird als Grabstätte vom Pfarrer Borkowski geweiht.

 


Die Grabkapelle der Fam. von Lehndorff (Aufn. Fritz Schwarz 2006)

 

Herbst 1857 /  45 Menschen an der Cholera gestorben.

 

13 Mai 1858 /  Der obere Raum der Grabkapelle [16] wird vom Generalsuperintendenten Dr. Sartorius [17] (Königsberg) als Gotteshaus geweiht, wobei Pfarrer Borkowski die Liturgie gibt, Generalsuperintendent Sartorius die Weihrede sprach und Superintendent Paulini den Segen danach.

[16] Laut Landrat H. Schmidt („Der Angerburger Kreis“ 1860 S. 159) handelt es sich hier um die auf dem Friedhof zu Labab befindliche Kapelle und Grabstätte der Familie von Lehndorff, „in welcher nach dem Wunsche des Grafen von Lehndorff, und so weit es die sonstigen Geschäfte des Pfarrers in Rosengarten zulassen, vollständiger Gottesdienst abgehalten und andere Amtshandlungen vollzogen werden. Das Recht, eine solche Kirche in der Steinorter Begüterung zu erbauen, war bereits dem Hofmeister Caspar von Lehndorff in dem Privilegium vom 20 August 1572 mit den Worten verliehen: „wie auch zu Gottes Ehren eine Kirche, darüber Wir ihm das Kirchen-Lehn geben und verleihen, an denen Orten, da es ihm am gelegensten, gefälligsten und nützlichsten, zu erbauen und anzulegen.“
[17]  „Sartorius, Ernst Wilhelm Christian. * Darmstadt 10. V. 1797, + Königsberg (Pr.) 13. VI. 1859. S. studierte seit 1815 in Göttingen Theologie und wurde schon dort 1821 a.o. Professor. 1824 ging er nach Dorpat, wo er sich mit einer geborenen Engelhardt verheiratete. Er bekämpfte den Rationalismus in Lehre und Schriften. Dadurch wurde der preußische Kronprinz auf ihn  aufmerksam, auf dessen Veranlassung S. 1835 als Generalsuperintendent der Provinz Preußen und  „erster Hofprediger“ an der Schlosskirche nach Königsberg berufen wurde. In Königsberg, wo er bis zu seinem Tode blieb, schrieb er seine bedeutendsten Schriften: Beiträge zur Apologie der Augsburgischen Konfession, 2. Aufl. 1853; Über Notwendigkeit und Verbindlichkeit des kirchlichen Bekenntnisses, 1845; Über den alt- und neutestamentlichen Kultus, 1852; Meditationen über die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes, 1855; sein Hauptwerk, die Lehre von der heiligen Liebe – Grundzüge einer evangelisch-kirchlichen Moraltheologie, 1840/56. Seine letzte Schrift, „Soli deo gloria“, gab sein einziger Sohn, Pastor Ernst Sartorius, 1860 heraus. S. war Anhänger der hengstenbergischen Richtung und Gegner des kirchlichen Liberalismus, der Sekten und der Königsberger Freien Gemeinde. Quellen: ADB. – Evang. Kirchenztg. 1859, Nr. 73“

 

Den 20 August 1858 / Gräfin Magdalena Lehndorff wird in der Kapelle zu Steinort dem Grafen Gustav Borke aus Stargardt in Pommern durch Pf. Borkowski angetraut.

 

4 Novbr 1858 / Der einzige Sohn des Patrons, Carl Meinhard v. Lehndorff, 3 Jahre, 2 Monate alt gestorben, wird feierlich beigesetzt.

 

15 Februar 1859 / Ein Brautpaar aus Doben und der zu bestellende Vormund der Braut (Namen: Samuel Plewka, Regine Sadowski, Gottlieb Jablonski) ertranken auf ihrem Rückwege von Angerburg nach Doben, nicht fern von Faulhöden. Gottlieb Jablonski hinterlässt seine Frau u 2 unmündige Kinder.

 

19. Dzbr 1858 / Die Instfrau Wihelmine Mindt geborene Flieder wird von Drillingen entbunden.

 

9. Juli 1877 / Pfarrer Borkowski stirbt, nachdem seine Frau einige Monaten vorher ebenfalls vom Herrn abberufen war.

 

Es wird hierauf von dem Patronate der bisherigen Pfarrer aus Gehsen Kreises Johannisburg

Ernst Theodor Teschner [18] zum Pfarrer der hiesigen Gemeinde berufen und vom königlichen Konsistorium bestätigt, nachdem vorher Prediger Ruttkowski aus Ostrokollen, Pfarrer Teschner aus Gehsen, Prediger Gettkant aus Arys, Candidat Gers, Candidat Lehnhardt aus Angerburg, Prediger Rimarski aus Lötzen in hiesiger Kirche Gastpredigten gehalten hatten.

[18]  Ernst Theodor Teschner, 1874 – 1878 Pfarrer  in Gehsen, 1878 – 1883 Pfarrer  in Rosengarten und Doben, 1883 -1890 Pfarrer  in Eckersberg, 1890 - 1898 Diakon / 2. Pf.  In Lyck, 1898 -1921 Pfarrer in Marggrabowa (Möller) 

29. Januar 1878 / zieht Pfarrer Teschner nach Rosengarten.

 

3. März 1878 / Pfarrer Teschner wird durch Superintendentur Verweser Tribukait in sein Amt eingeführt.

Von anderen Geistlichen war Pfarrer Paczynski aus Buddern erschienen. Die anderen Geistlichen der Diözese waren zwar alle eingeladen, doch hielten wahrscheinlich der schlechte Weg und das Wetter sie zurück. Pfarrer Teschner hält an diesem Tage die Antrittspredigt, 1. Cor. 4,1-5. Zufällig hatte auch Tribukait bei seiner Ansprache vor der Einführung denselben Text gewählt.

 

1. März 1883 / zieht Pfarrer Teschner als Pfarrer nach Eckersberg Kr. Johannisburg.

 

4. März 1883 / hält Pfarrer Ziegler aus Schönberg, Kr. Carthaus Westpr., seine Gastpredigt.

 

11. März 1883 / hält Prediger Koschorrek aus Schippenbeil seine Gastpredigt. Diese beiden waren nur Bewerber bei der diesmaligen Vakanz.

 

12. März 1883 / wurde Pfarrer Ziegler aus Schönberg vom Patron hiesiger Kirche dem Herrn Grafen von Lehndorff - Steinort in das Pfarramt Rosengarten berufen, vom Königl. Consistoris bestätigt, zog am 17.Mai 1883 nach Rosengarten um, und wurde am 30. Mai 1883 hierselbst durch  den Superintendenturverweser [19] Braun aus Angerburg intruziert. Es assistierten hierbei: Pfarrer Paczynski aus Buddern, Pfr. Skierlo - Angerburg, Pfr. Schellong aus Engelstein, Pfr. Teschner – Eckersberg. Die Lehrer des Kirchspiels sangen während des Introductionsgottesdienstes: Der Herr ist mein Hirte, und Pfarrer Ziegler hielt seine Introductionspredigt über I. Cor 3, v 7 – 9 und von 11 ---.

 

[19]  Der Begriff Verweser kommt von althochdeutschfuerwesan“ und bedeutet jemandes Stelle vertreten

 

Im Monat August 1883 / wird eine Sakristei in der  Rosengarten Kirche eingerichtet, die bis dato gefehlt hat, indem ein kleiner Hausflur die Stelle der Sakristei vertrat.

 

Monat October 1883 / wird das Rektorat, sowie der noch mit Stroh gedeckte Teil der Schule massiv gedeckt, sowie sonstige weitgreifende Reparaturen vorgenommen.

 

Am 28 October 1883 / stirbt der Patron der Kirche Graf Lehndorff ( Carl Meinhardt ) Steinort nach dem vollendeten 57ten Lebensjahr in  bester Kraft infolge eines Halsleidens, dessen Anfang bereits circa ¾ Jahr vor seinem Tode gespürt wurden. Er verstarb zu Riola bei Bologne in Italien, wohin er mit Familie zur klimatischen Kur für den Winter gezogen war. Nicht volle 8 Tage verweilte er in Italien als ihn der Tod ereilte. Die Leiche wurde nach Steinort transportiert. Die Gutspächter empfingen die Leiche in Rastenburg, welche nun per Leichenwagen über Rosengarten am 2. November 1883 abends spät in Steinort eintraf.

In Rosengarten empfing der Ortsgeistliche mit der Schule und einer gewaltigen Menge Publikums den Zug vor dem Dorf. Unter Glockengeläut ging es ohne Aufenthalt durchs Dorf, hinter demselben wurden Fackeln angezündet, eine  Musikkapelle und der Schülerchor wechselten im Vortrag von Trauerchorälen eine geraume Strecke bis hinter dem Dorfe. Vier Wochen lang wird mittags von 11 – 12 Uhr geläutet. Am Sonntag den 4. November 1883 fand die feierliche Beisetzung der Leiche in der Steinorter Kapelle statt, unter gewaltigem Zudrang der Bewohner des Kirchspiels und darüber hinaus.

Eine große Menge Verwandter und fremder Leidtragender von Distinktion [20] waren dazu erschienen, unter anderem der Oberpräsident, Regierungspräsident u.a.m. dazu ferner Vertreter des Consistoriums der Königsberger Universität (Prof. Schack) Vertreter des Corps Masovia, dessen Ehrenmitglied Graf Lehndorff gewesen, Vertreter der Ostpreussischen Südbahn,  deren Mit-Aktionär  Graf. Lehndorff war,  der Angerburger Bürgerverein u.n.a.m. Im Schlosse hält Superintendent Braun – Angerburg die Gedächtnisrede über Jacobi 1,12; danach setzte sich der unabsehbare Leichenzug in Bewegung. In der Kapelle hält der Ortsgeistliche vom Altar aus eine Ansprache über 1. Corinther 13,13, der die Einsegnung der Leiche durch denselben Geistlichen folgte. Chorgesang vor und nach der heiligen Handlung beendigte die Trauerfeier. Vier Wochen lang läuteten die Kirchenglocken in Rosengarten und Steinort. Patron der Kirche ist nunmehr der einzige, 23 jährige Sohn des Verstorbenen, Carl Graf Lehndorff [21] Steinort z.Z. Seconde Lieutnant bei den Dragonern zu Treptow an der Rega, geworden.

 

[20]  Distinktion, die; -, -en <franz.> veraltet geh. hoher Rang: ein Gelehrter von D.; Vornehmheit: die D. seiner Erscheinung, Sprache
[21]  Karl Meinhard (II.) Graf v.Lehndorff: 1860-1936, gen.“Carol“.

 

10. u. 11.November 1883 / fand die 400 jährige Lutherfeier [22] statt, kirchlich gefeiert durch liturgischen Abendgottesdienst am 10. November und durch Hauptgottesdienst am 11.Novermber. Am 10.Nov. fand in sämtlichen  Schulen ein Lutherartur (?) [23] statt. S. Majestät der Kaiser [Wilhelm I.] hatte für sämtliche Schulen ein großes Öldruckbild „Luther und seine Zeitgenossen, die Bibel übersetzend“ geschenkt.

 

[22]   Martin Luther wurde am 10.11.1483 in Eisleben geboren.
[23]  Vermutlich eine Lehrstunde über M. Luther

 

22. November 1883 / feierte das Ernst Bartnik’sche Ehepaar  aus Kl. Steinort das Fest der goldenen Hochzeit und wurde in hiesiger Kirche eingesegnet.

 

27. November 1883 /  hielt P. Schlegel von der Berliner  Stadtmission einen diesbezgl. Vortrag im Fliesensaal zu Steinort.

 

13. März 1884 / wurde ein Kronleuchter aus Goldbronze, von Paul Mehlmann und Comp-Berlin bezogen, in hiesiger Kirche aufgehängt, und am 16.März 84 (Oculi) kirchlich eingeweiht. Der Kronleuchter nebst Zubehör und Fracht zz. kostete 167 RMk. Der Betrag wurde gesammelt durch Kirchenkollekte und Opfergaben.

 

Herbst 1884 bis Sommer 1885 / baute der Pfarrhufenpächter Carl Jährling auf Kirchengrund, der ihm gratis gegeben war, ein Wohnhaus, wozu Graf Lehndorff das Bauholz zur halben Taxe dem Pfarrhufenpächter überließ.

 

12. April 1884 / Am Oster-Heiligenabend wurde die Leiche des verstorbenen Grafen Lehndorff [24] (+ 28.October 1883), die bis dahin in dem oberen Raum der Kapelle gestanden hatte, feierlich zur Gruft getragen. Die kirchl. Feier vollzog der Kirchortsgeistliche.

[24]  Es ist die Leiche von Karl Meinhard (I) Graf v.Lehndorff (1826-1883).

 

14. Juni 1884 / mittags 12 Uhr fand in der Steinorter Kapelle die Trauung der Comtesse Anna [25] von Lehndorff mit dem Premier Lt. der Ulanen Brigade-Adjutant Freiherr Sigmar von Schrötter [26] statt, vollzogen vom Kirchenspielgeistlichen.

 

[25]  Wohl eine Schwester Carols (geb.1853, gest.1933)

[26]  Siegmar Ernst Leopold Hermann Frh.v.Schrötter (geb. 1852, gest.1923 (Majorat Wohnsdorff, Kr.Friedland).

 

Juni bis August 1884 / wurde ein neues Rektorrats- und Schulwirtschaftsgebäude zu Rosengarten gebaut. Die Baukosten trug die Kirchengemeinde mit 1/10, die Schulgemeinde mit 9/10. (cf Aktenstück)

 

August 1884 / wurde von Frau Gräfin Lehndorff-Hahn [27] Steinort ein schwarzer Altarbezug der Kirche geschenkt. (Stoff = 120,00  Arbeitslohn 20,00 Sum. 140 ,00 an Werth).

 

[27]  Es handelt sich um die Gräfin Anna v.Hahn-Basedow, verh.v.Lehndorff. (1830-1894).

 

August 1884 / wurde die Kirche, sowie sämtlichen kirchl. Gebäude einer eingehenden Reparatur unterworfen. Die beiden silbernen Altarleuchter durch den Goldarbeiter Louis Knorr – Rastenburg frisch versilbert.

 

October 84 bis October 87 / wird die Rosengartener kirchliche Volksbibliothek angelegt und bis auf 415 Bände gebracht.

 

September 1884 / schenkte Frau Anna Gräfin Lehndorff geb. Gräfin Hahn aus Steinort der Kirche eine weiße Batistdecke auf dem Altar.

 

23. October 1884 / wird der Schuhmacher Meister Zimmermann aus Rosengarten an Stelle des verstorbenen Glöckners Gottlieb Derdey [28]  zum Glöckner an hiesiger Kirche durch das Patronat berufen und am 2.November 1884 in sein Amt eingeführt.

 

[28]  Die Familie Derday seit Anfang 1700 in Rosengarten, hatte den Posten des Glöckners seit Generationen inne. Schon Martin Derday * 23.11.1750 +18.7.1808, sowie sein Sohn Johann Derday *1789 +30.11.1837, der Vater von Gottlieb Derday * 13.4.1815 + 23.9.1884 wurden als Glöckner in den Taufeintragungen der Rosengartener Kirchbücher genannt. Gottlieb Derday hatte als Glöckner und Schullehrer 11 Kinder.

 

31. October 1884 / feierte das Ernst Puschke’sche Ehepaar aus Gr. Steinort seine Goldene Hochzeit und wurde in der hiesiger Kirche eingesegnet.

 

In der Zeit von März 1885 bis September 1885 / wird zu einem neuen Altar-Cruzifix gesammelt, dasselbe sowie ein Krankencommunions - Etui mit Geräten aus Silberplattierung, vergoldet, wird von der Firma Paul Mehlmann & Comp - Berlin gekauft (cf. Die Graf. Aktenstücke)

 

September 1885 / schenkt der Tischlermeister Schmiegel – Rosengarten der Kirche einen schwarz polierten Oblatenbehälter mit schwarzen Holzkreuz.

 

 August 1886 / wird in Rosengarten ein Turnplatz mit Turngeräten eingerichtet. Die Ortschaft Rosengarten hat den Platz dazu gegeben und mit Grend [29] befahren, Langbrück lieferte das zu den Geräten nötige Holz. Die Arbeitskosten wurden aus der Ortsschulkasse bezahlt. Der Turnplatz gehört nebst den Geräten, nunmehr der Schulsozietät [30] Rosengarten. Mit Lindenbäumen bepflanzt 1887. 

[29]  Als Grend wurde früher grober Sand oder kleine Kieselsteine aus einem Gewässerlauf bezeichnet, der hier zur Entwässerung des Turnplatzes und weicheren Unterlage verwendet worden sein könnte
[30]   Als Schulsozietät  (auch Schulverband) wurde der korporative Zusammenschluß einzelner Gemeinden (Dörfer) bezeichnet, die im Einzugsbereich eines Schulortes lagen. Der Schulverband hatte die Kosten aufzubringen, die für den Unterhalt der Schule (einschl.Personal) anfielen. Das geschah in engem Zusammenwirken mit der Kirche, die damals noch die geistliche Oberaufsicht über das Schulwesen führte. Die Dorfschulen wurden deshalb regelmäßig vom Pfarrer des Kirchspiels bzw. dem Angerburger Superintendenten visitiert. Zum Schulverband Rosengarten gehörten (lt.Schmidt)Rosengarten, Langbrück und Riplauken mit 165 Kindern, 2 Klassen und 2 Lehrern.

3. September 1886 / wurde die unverehelichte Wilhelmine Pasuch aus Rosengarten von Drillingen (3 Mädchen) entbunden, welche am selben Tage die Nottaufe erhielten, jedoch schon am 7.ten, 8.ten und 9.ten September starben. Die Mutter derselben starb am 16.September ds.a.

 

8. December 1886 / wurden zwei Kugellampen für die Kanzel beschafft, aus den vom Kirchenrat zum Zweck der Verschönerung der Kirche resp. zur Anschaffung neuer nötiger Kirchengeräte bewilligten  „Opfergelder“. (gekauft von E.A. Beyer in Rastenburg für 18,00 Mk) desgl. eine Kugellampe für denselben Preis (a 9,00 Mk) für die Orgel.

 

9. December 1886 / feierte das ... Liss’sche Ehepaar in Steinort das Fest der goldenen Hochzeit; die kirchliche Einsegnung fand im Schloss zu Steinort statt, in Gegenwart der gräfl. Familie und vieler Gemeindeglieder.

 

28. Februar 1887 / wurden noch 10 Wandlampen für die Kirche und die Chöre angeschafft.

 

3. Juli 1887 / fand zu Doben die Grundsteinlegung zum Turm an der Dobener Kirche statt. Unter denselben wurde eine Blechkapsel mit einer Urkunde betr. Nachricht über das Dobener Kirchgut gelegt und vermauert. Die Feier wurde durch den Ortsgeistlichen vollzogen.

 

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   Die Kirche von Doben 2004

 

25. September 1887 / feierte das Forstarbeiter Carl Johneta ’sche Ehepaar seine goldene Hochzeit und wurde im Schloss zu Steinort von dem Ortsgeistlichen feierlich eingesegnet.

 

October 1887 / wurde der neue Kirchhof in Stobben kirchlich eingeweiht.

 

25. December 1887 / trat die Jungfrau Maria Krakau aus Masehnen ( 20 Jahre alt ) katholischer Konfession zur evangelischen Kirche freiwillig über und wurde durch den Ortsgeistlichen am Altar hiesiger Kirche feierlich eingesegnet, in Gegenwart folgender Zeugen: Graf Lehndorff - Steinort, Gutspächter  Behrendt – Stawisken ( Mitglied des Gemeindekirchenrats ) und Eigenkätner Eduard Butz – Rosengarten ( Mitglied der Gemeindevertretung ), worauf sie ihr Gelübde ablegte. – Erteilung des heil. Abendmahles fand statt.

 

8. Januar 1888 / wurde die 29 Jahre alte Caroline Sadowski aus Langbrück, die infolge einer Krankheit, in ihrem 14. Lebensjahr nicht eingesegnet worden war, und seitdem uneingesegnet geblieben war, in hiesiger Kirche durch den Ortsgeistlichen mit Consens des Superintendenten eingesegnet in Gegenwart folgender Zeugen: Rektor Matull – Rosengarten, Eigenkätner  Eduard Butz in Rosengarten ( beide Mitglieder der Gemeindevertretung ) und Glöckner Friedrich Zimmermann – Rosengarten. Nach erfolgter Konfirmation und  Beichte erhielt Caroline Sadowski zum ersten Male das heilige Abendmahl.

 

20. Januar 1888 / fand im Fliesensaale zu Schloss Steinort [31] die Trauung der Comtesse Agnes von Lehndorff mit dem Grafen Otto von Schwerin auf Wildenhof (Kreis Pr. Eylau) Majoratstsoff. Premierlieutnant der Reserve im Regiment Garde de Corps Erbkämmerer der Kurmark Brandenburg, statt. Die Trauung vollzog der Ortsgeistliche.

 

[31]  Der Fliesensaal befand sich im Erdgeschoß des Schlosses. Er war mit Delfter Fayencen (Blauweißdekor) ausstaffiert.

 

9. März 1888 / stirbt S. Majestät, Kaiser und König Wilhelm I. Es wurde 14 Tage lang von

12 – 1 Uhr mittags geläutet. Am Sonntag den 18. März und Donnerstag den 22. März fanden in der Kirche Trauergottesdienste statt. Auf  Filiale Doben am Sonntag den 25. März.

 

15. Juni 1888 / stirbt S. Majestät, Kaiser und König Friedrich III. Es wurde 14 Tage lang geläutet, mittags von 12 – 1 Uhr. Am Beisetzungstag, Montag den 18. Juni fand eine Trauerandacht statt; am  24. Juni Trauergottesdienst (nachmittags). Auf Filiale Doben wurde Trauergottesdienst am Sonntag den 24. Juni gehalten (vormittags).

 

27. Juni 1888 / fand auf Filiale Doben die Einweihung des Turmes statt; der Landestrauer wegen in aller Stille.  (des näheren vgl. Aktenpunkt K.6 btr Doben.)

 

28. October 1888 / feierten die Friedrich und Henriette geb. Schäfke – Kulschewski’ schen Eheleute aus Rosengarten das Fest der Goldenen Hochzeit.

 

Im Spätherbst 1888 / wird der kleine, niedrige Zaun vor der Front des Pfarrhauses neu gesetzt.

 

Im Herbst 1889 / wird der Zaun des Pfarrgartens vom Nordgiebel des Pfarrhauses längs der Dorfstrasse bis an Jährlings Haus und von da bis zur Pumpe neu hergestellt.

Desgleichen wird der Pfarrstall und das Glöcknerhaus neu mit Rohr gedeckt (Frühjahr 1889)  Die Pfarrscheune wurde im Frühjahr 1888 massiv gedeckt. Das Pfarr-Insthaus wurde im Frühjahr 1888 gleichfalls neu mit Rohr gedeckt.

Das Patronat lieferte bei oben erwähnten Bauten das Holz und die Dachpfannen gratis; - die Gemeinde musste das Rohr für die Dächer kaufen, sowie die Arbeitskosten bei den Bauten zahlen.

 

22. September 1889 / hält Pfarrer Ziegler seine Abschiedspredigt in Rosengarten; am 29.9.89 in Doben; derselbe verzieht nach Reddenau / Kreis Pr. Eylau.

Gastpredigten hielten: Pfarrer Ebel – Rhein am 15.Sept. 1889, Vicar, Predigtamtskandidat Gettwart – Angerburg am 29.Sept. 89.

 

17.Nov. 1889 / Hielt Prediger Wolter aus Königsberg seine Probepredigt über Matth 5,4. Nach Schluss des Gottesdienstes teilt Frau Reichsgräfin Anna von Lehndorff [32]  demselben mit, dass die Wahl des Patronates auf ihn gefallen sei.

 

[32] Anna v.Lehndorff (Hahn-Basedow) wird hier als Reichsgräfin tituliert. Der Titel war Ahasverus v.Lehndorff (1637-1688) und seiner gesamten Deszendenz im Jahre 1687 von Kaiser Leopold I verliehen worden.

 

Unter dem 20. November / erfolgt die Berufung des bisherigen Hilfspredigers für die Stadt Königsberg Friedrich Ludwig Johannes Wolter, geboren am 29.Februar 1864 zu Magdeburg, zum Pfarrer von Rosengarten und Doben, resp. die Bestätigung des Konsistorium.

 

18. Dezember 1889 / wird der neue Pfarrer durch Herrn Superintendenten Braun aus Angerburg im Beisein des früheren Ortsgeistlichen feierlich eingeführt. Der Introduktionsrede zu Grunde lagen die Worte Matth. 11,2 ff (Ev.d. III Advents)

 

11. Februar 1890 / verehelicht sich der Ortsgeistliche in Zürich mit der Schweizer Jungfrau Maria Magdalena, geb. Schoch ( 1890 ).

 

13. März 1894 / stirbt Frau Reichsgräfin Anna von Lehndorff auf Steinort, geborene Gräfin Hahn aus dem Hause Basedow, Witwe seit 28. Oktober 1883, im Alter von 63 1/3 Jahren.

Beim Frühstück hatte selbige einige Monate zuvor aus einer Tasse Bouillon einen feinen Knochensplitter in den Mund bekommen; da sie gerade in dem Augenblick etwas  sprechen wollte, geriet der Splitter in die Luftröhre und von da in die Lunge. Eine nach Wochen sich daraus ergebende Lungenentzündung verursachte den leider für viele Menschen und viele  Verhältnisse viel zu frühen Hinschied der hochedlen Frau, deren Seelenadel nicht genug zu bewundern war. In der Größe und Klarheit ihres Glaubens war sie nicht minder ein Licht auf dem Berge vormals für die ganze Kirchengemeinde wie in der Liebe, die mit dem Herrn Erlöser spricht: Mark 8, vs2.a. Mit ihrem Namen hatte sie verknüpft die Stiftung und zeitweilig aus eigenen Mitteln und Sammlungen vor sich gegangene Unterhaltung folgender Liebeswerke:

a) des Waisenhauses für Mädchen hier im Kirchorte, gegründet 1872, ein Pendant nach dem Willen der Schlossherrin zu dem Lötzener Waisenhause für Knaben. Das Rosengartener Grfl Lehndorff ’sche Waisenhaus hat sich stets in bescheidenen Grenzen gehalten; es sollte nach seiner ganzen Anlage Zöglinge erziehen, welche einmal fleißige, brauchbare Arbeitskräfte als Mägde würden. Fundiert hatte Gräfin Lehndorff diese Anstalt mit  23 000 (dreiundzwanzigtausend) Mk Capitalien, deren Verwaltung testamentarisch dem Gemeinde Kirchenrathe übertragen ist. Im Vorstande der Anstalt fungierte nach dem Tode der Stifterin testamentsgemäß, der jeweilige Ortspfarrer als lokaler Leiter, dem die Waisenmutter untersteht (zur Zeit Witwe Alex), und ein Glied der gräflichen Familie (nach dem Willen der Stifterin, die jeweilige Steinorter Hausherrin, zur Zeit der Junggeselle Carolus Graf von Lehndorff, ein Sohn der Stifterin).

 

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Reichsgräfin Anna von Lehndorff (1830-1894)

 

b) das Mädchenwaisenhaus in der Nachbarstadt Drengfurt, Kreises Rastenburg, welcher Anstalt 7000 (siebentausend) Mark Capitalien vermacht wurden und
c.) das Angerburger Siechenhaus resp. Feierabendhaus für besser Situierte, die sich daselbst einkaufen.

Die Verewigte besaß außer vielen äußerlichen Vorzügen die Gottesgabe einer wunderbar wohllautenden Stimme, die sie nach dem Wahlspruch des Hahn – Basedow ’schen Hauses: (ein krähender Hahn ihr Wappenvogel [33] ): „primus sum qui Deum laudat“ – als Priesterin ihres Hauses zu Jesu Ehre alltäglich in den Morgenandachten und sonntäglich in dem regelmäßig in dem Fliesensaal im Schlosse Steinort unter Leitung des Lehrers des Gutes, abgehaltenen Gottesdiensten erbaulich und entzückend für Ohr und Herz erschallen ließ. Ihre größeste Größe war ihre ungefälschte Demuth, ihr Lieblingswort aus der Schrift jenes herrliche „ Ja Herr – aber doch“ essen usw. im Munde  des glaubensheldenstarken kananäischen Weibes [34]. Eines ihrer letzten Worte auf dem Sterbebette, nach Empfang des heiligen Abendmahles durch den Ortspfarrer, war: „Begräbnis … keine ... Lobhudelei!“ Ihre letzten Tage und Stunden (Sie starb mit vollem Bewusstsein!) waren kein Sterben, sondern Leben in Himmelsluft und Ewigkeitslicht, im Verklärt werden sichtbarer Art zur unaussprechlichen Herrlichkeit der Kinder Gottes.

 

[33]  Die gräfl. Familie Hahn auf Basedow, Kr.Demmin gehörte mit über 25.000 ha zu den grössten Großgrundbesitzern in Mecklenburg und die Aussteuer der Töchter war entspr. hoch.

[34]  Das „kananäische Weib“ wird im Matthäus-Evangelium Kap.15, Vers 22 erwähnt. Es bittet Jesus, seine vom Teufel besessene Tochter zu heilen. Wegen ihrer Demut und Ausdauer erfüllt Jesus die Bitte dieser aus dem gelobten Land (Kanaan), d.h.dem Israel verheissenen Land, stammenden Heidin.

  

Am 17. März 1894 / wurde bei schrecklichstem grundlosen Wege das Begräbnis vollzogen, zu welchem die Spitzen der  Provinz, alle angesehenen Personen des Kreises u.s.w. erschienen waren. Im Namen Sr. Majestät des Kaisers [35] ( die Verewigte hatte in  ihrer Villa „Solitude“ in Gastein [36] oft den ihr geistig sehr nahestehenden Kaiser Wilhelm den Großen am Theetische zu Gast gehabt ) legte der Schwager der Verewigten General der Kav. Flügeladjut. Sr. Maj. Graf Lehndorff auf Preyl [37] einen Kranz am Sarge nieder, welcher in dem Fliesensaale aufgebahrt war.

Zuerst sprach der Ortspfarrer über Philip.1, 21 ( nachdem er am Abend zuvor in einer Familientrauerfeier, die Einsegnung vollzogen ), dann der Superintendent Braun – Angerburg über Ps. … In der Grabkapelle fand dann nochmals eine Feier statt, wobei dieselben Geistlichen amtierten.

Am Pfingstfeste 1894 wurde dann in einer weiteren Familienfeier, der nunmehr in einen kunstvoll geschnitzten Eichensarg gebettete Zinksarg mit der Leiche durch Pfarrer Wolter aus der Grabkapelle in die darunter befindliche Familiengruft überführt. Die Königin der Lieder, die Nachtigall, sang der Königin der Liebe, der unvergesslichen Verewigten dazu ihre süßesten  Weisen. Ave pia amando maxime amata anima!

 

[35]  Wilhelm der Große = Kaiser Wilhelm I. (seit 1871) und König v. Preußen (seit1861),gest.1888

[36]   Heute Bad Gastein in Österreich

[37]   In Preyl, Kr. Fischhausen, war das Stammgut einer Nebenlinie der Familie v. Lehndorff.

 

Am 5. März 1895 / verliert der Ortspfarrer sein erstes, ältestes Töchterlein Kätchen an der  Diphtheritis.

 

November 1892  / Aus Sammlungen in der Gemeinde wird eine Kirchenheizung in Rosengarten eingerichtet, die Königsberger Maschinenfabrik Aktien - Ges. hatte die Ausführung unternommen. Gesamtkosten ca. 600 Mk. (Pfr. Aktenstück N; 7)

 

Die Aufstellung des Kirchenofens geschah im November 1892.

 

Im Dezember 1892 / erhält der Altar der Filiale Doben einen neuen Altarbezug in blauer Farbe, der Wappenfarbe des Barons von Schenk zu Tautenburg auf Doben, welcher  die Kosten bestritt, ca. 115 Mk für das Rohmaterial, blaues Tuch, Silberfransen.

 Weihnachten 1892 zum ersten Male aufgedeckt.

 

Am 19. Juli 1893 / stirbt der unter Pfarrer Ziegler eingeführte Glöckner Friedrich Zimmermann, ein prächtiger biederer Mann und eine treue und würdige Stütze des Pfarrers.

Todesursache : Schlaganfall . Seiner Witwe wurden durch den Pfarrer aus Mitteln der Kirchenkasse anfänglich auf 108 ( einhundertacht ) Mark jährl. Unterstützung ausgewirkt. Die Witwen des Pfarrers, Rektors, Glöckners haben hier keinerlei Genussberechtigungen post mortem conjugis.

 

Am 14. Juli 1893 / fand Kirchvisitation statt; Visitator Sup. Braun.

 

 Im Dezember 1893 / werden  1 Paar bronzene Altarvasen aus Sammlungen von Seiten der Confirmanden des Jahrgangs 1893 und 1894 im Werth von 22 Mk mit Verpackung   beschafft. (Liefer. H. Plenz, Berlin cfr.  Aktenstück No. 7).

 

Am 28. Juni 1894 / fand Kirchenvisitation statt am 29. Juni eben dieselbe in Doben. Visit. Superintendent Braun.

 

2. Mai 1895 / In der Sitzung vom 2. Mai 1895 beschließt der Gemeinde Kirchenrat in Sachen der kirchlichen Aufgebote, die Bräute von nun ab allgemein noch mit „christliche Braut“ aufbieten zu  lassen. Nur in ganz klaren Fällen kann auf Wunsch der Angehörigen das alte schöne Prädikat „christliche Jungfrau“ abgekanzelt werden. Quod erat constituendum propter depravationem morum.

 

27. Mai 1895 / In der Sitzung der vereinigten  Gemeindeorgane vom 27. Mai 1895 wird der Anbau einer großen Stube am Rektorat beschlossen auf Antrag des Rektor ejus temporis, der sich dafür ebenso wenig dankbar zeigt als er schwer hielt, die Gemeinde von der Notwendigkeit einer solchen Wohnungsvergrößerung zu überzeugen. Das Material in Holz und Ziegeln bewilligt das Patronat. Die baren Baukosten beliefen sich auf circa 700 Mark, abgesehen von geleisteten Spanndiensten.

 

17. April 1896 / In der Sitzung der vereinigten Gemeindeorgane vom 17. April 1896 wird die Annahme der  neuen preußischen Agenda [38] definitiv beschlossen, nachdem sie einige Monate zuvor probeweise in den Gottesdiensten angewendet worden war. Ein Herr, ein Glaube, ein Gottesdienst, eine Form.  O, dass erst alle eins wären in der Erkenntnis, es ist in keinem anderen ein Heil, ist auch  kein andrer Name den Menschen gegeben worden!

 

[38]  Die Agenda enthielt die Vorgaben für die Ordnung und den liturgischen Ablauf des Gottesdienstes und einzelner kirchlicher Handlungen (Taufe, Konfirmation, Abendmahl, Beichte u.a.) Nach dem im Jahre 1817 (300-jähriges Reformationsjubiläum) erfolgten Aufruf König Wilhelms III. zur Vereinigung der lutherischen und reformierten Kirche hatte es besonders in Ostpreußen viele Jahre hindurch Widerstände gegen eine gemeinsame Gottesdienstordnung gegeben. Erst 1894 wurde auf der 7. Ostpreußischen Generalsynode ein neuer Agenden-Entwurf vorgelegt und angenommen. Dieser wurde 1895 als “Agende für die Evangelische Landeskirche“ in Berlin herausgegeben und blieb bis 1945 für Ostpreußen verbindlich.

 

Am 8. Juli 1896 / war wiederum Kirchenvisitation hier, am 9. Juli ejusdem anni in Doben. Visitator: Sup. Braun.

 

Am 1. Juli 1896 / wird über die Grafschaft Steinort seitens der  „Landschaft“ [39] Zwangsverwaltung infolge der kolossalen Verschuldung des derzeitigen Majoratsherrn Grafen Carolus v. Lehndorff verhängt. Der Genannte geht bald darauf nach Mexiko.

In derselben Zeit erheben die Herrn Liedtke, Thuleke und Genossen, in Summa 14, bei dem Konsistorium Beschwerde gegen den Ortspfarrer, welcher es sich auf das Herz genommen hatte, mit aller Energie für Ordnung und Instandsetzung der verschiedenen Gemeindefriedhöfe zu sorgen. Die Beschwerde und ebenso eine zweite, wird von der Behörde als unbegründet abgewiesen und dem Pfarrer die Anerkennung für sein entschiedenes, treues Wirken als Seelsorger ausgesprochen. Nunquam retractus, si Christus et conscientia numeris pastoreus vocat !  Die Sorge für die Friedhöfe scheitert leider dennoch, deficieate ultima ratione, quae fuisset manus firma magistratuum regiorum. Es muss auch immer etwas für bessere Zeiten und für den glücklicheren Amtsnachfolger übrig bleiben.

 

[39]  Ostpreußische Landschaft = landwirtschaftliches Kreditinstitut

 

Am 26. April 1897 / stirbt der frühere Rektor und Organist von Rosengarten Leopold Waschke hierorts im Alter von 85 Jahren, der im Dienste das goldene Amtsjubiläum gefeiert hatte. Er hatte bestimmt gehofft, das Alter seines großen Kaisers Wilhelms I [40] zu erleben.

 

[40]  Wilhelm I. starb 1888, kurz vor seinem 91. Geburtstag.

 

Am 23. Juni 1897 / war wiederum Kirchenvisitation in Rosengarten. Visit: Superint. Braun.

An dem Tage fand ein Heidenmissionsfest statt in der Rosengartener Kirche, wobei Pastor Kriele aus Barmen predigte.

 

Am 13.Mai 1898 / war wiederum Kirchenvisitation in Rosengarten. Visit. Superintendent Braun.

 

Vom 1. April / dieses Jahres tritt das neue Pfarreinkommensgesetz auch für die hiesige Pfarre in Kraft; danach bringt die Pfarrstelle ein Grundgehalt von 800 ( achthundert ) Thalern, für den Nachfolger des jetzigen Pfarrers in Kraft tretend.

 

Am 19. Juni 1899 / wird der Pfarrer loci Johannes Wolter von der Gemeinde in Kutten zu ihrem Seelsorger gewählt.

Es halten darauf Gastpredigten die Predigtamtskandidaten Junkuhn aus Taberwiese, Ziegler aus Königsberg und Rudloff aus Angerburg.

 

Am 27. August / wird der Erstgenannte vom Patronat berufen. Pfarrer Wolter verzieht am 13. Oktober nach Kutten.

Nach erfolgter Bestätigung durch das königl. Konsistorium den 22. September 1899, zog der neugewählte Pfarrer Otto Junkuhn, geboren den 18. Dezember 1869, am 10. November nach Rosengarten um, und wurde am 13. Nov. durch den Superintendanten Braun aus Angerburg unter Assistenz des Geistlichen Pfarrers Malletke aus Wenden, Pfarrer Schellong – Engelstein und Pfarrer Müller – Angerburg feierlich in sein Amt eingeführt. Sup. Braun hielt die Einführungsrede über 1. Thess.2, 9-13, darauf predigt der Eingeführte über 1. Cor. 4, 1 u. 2.

 

31. Dezember 1899 / Am Silvesterabend fand auf behördliche Anordnung eine besonders feierliche Andacht zur Feier der Jahrhundertswende statt.  Nachts Punkt 12 Uhr wurde zur Begrüßung des neuen Saekulum [41] ¼ Stunde lang die Glocken geläutet.

Zu Weihnachten schenkte Herr Baron von Schenk auf Doben der dortigen Kirche einen 7-armigen Kronleuchter aus Messing.

 

[41]  Säkulum [lat.] = Jahrhundert

 

16. Januar 1900 / Des einsamen Junggesellenlebens müde, vereheliche sich der Ortsgeistliche am 16. Januar 1900 mit der chrl. Jungfrau Bertha Adromeit aus Mensguth [Kreis Ortelsburg] / Ostpreußen.

 

19. Juni 1900 / In den Nachmittagsstunden des 19. Juni brach im Kirchorte eine Feuersbrunst aus, welche auf beide Seiten des Pfarretablissements wütete. 10 arme Familien wurden  durch den Brand obdachlos, eine Person,  ein schwachsinniges älteres Mädchen ( Karkutsch ) blieb leider in den Flammen, da zu spät an ihre Rettung gedacht wurde.
Tags darauf fand die erste Kirchvisitation für den Geistlichen  statt, am  20 Juni in Rosengarten, am 21. Juni in Doben. Visitator: Sup. Braun – Angerburg .

 

Am 29. September 1900 / feierten die Carl und Caroline geb. Galitzki – Scheumann ’schen Eheleute aus Kl. Steinort das Fest ihrer Goldenen Hochzeit, beide noch recht rüstig und in geistiger Frische. Die Einsegnung vollzog der Ortsgeistliche in der Kirche, wobei er dem Jubelpaar ein allerhöchstes Gnadengeschenk von 30 M überreichen konnte.

 

Im September 1900 / und der ersten Hälfte Oktober wurde am Pfarrhause eine größere Reparatur vorgenommen. Da sich das Fundament mehrfach gesenkt und dadurch das Mauerwerk zerrissen hatte, so wurde der Nordgiebel zur Hälfte von Grund aus erneuert, allerdings mit bedeutenden Kosten ( cf. Aktenstück L,3. )

 

1910 / Pfarrer Junkuhn stirbt am  16. September 1910, während einer Schulvorstandssitzung in Masehnen. Am  20. Sept. wird er beerdigt, die Leichenrede hält Sup. Braun – Angerburg. Das Grab befindet sich auf dem Kirchhof zu Steinort, die Witwe wollte ihn dort ruhen lassen, weil der Kirchhof in Rosengarten so gar nicht gepflegt ist. Pfarrer  Junkuhn hat  11 Jahre lang der Gemeinde gedient. Näheres über ihn besagt eine Würdigung in betr. Jahrgang des „Evangelischen Gemeindeblatts“  hrgeg. von Pfr. Ankermann – Königsberg.

Infolge des Gnadenfalljahrs ist die Stelle lange vacant. Frau Junkuhn, die Witwe, wohnt bis Ende April 1911 in Rosengarten.

 

1911 / Zum Nachfolger wird auf Empfehlung des Herrn Sup. Braun vom Patronate der Vereinsgeistliche des ostpreußischen Provinzialvereins für innere Mission in Königsberg Pfr. Prediger Hecht gewählt. Pfr. Hecht hatte sich gar nicht um die Stelle beworben, auch nicht an Bewerbung irgendwie gedacht, als ihn plötzlich eines Abends in Königsberg ein Telegramm erreichte, in welchem Sup. Braun, den Prediger Hecht kurz vorher gelegentlich auf  ½ Stunde in Angerburg besucht hatte, den Prediger Hecht anfragte, ob er Pfarrer in Rosengarten werden wolle. Nach kurzem Bedenken sagte Prediger Hecht zu. Er hielt Quasimodogeniti 1911 in Rosengarten seine Probepredigt, wurde gewählt, zog Ende Mai um und wurde am 5. Juni ( 2. Pfingstfeiertag ) in Rosengarten feierlich eingeführt. Das Protokoll über den Einführungsakt befindet sich bei den Akten „Anstellung und Amtseinsetzung der Geistlichen“.

 

1911 / Am 11. und 12. Juni fand in Rosengarten und Doben die Visitation durch den Superintendenten statt.

Zu derselben und überhaupt vorläufig bis zur Anschaffung eines eigenen Instrumentes, dessen die Kirche Doben noch immer entbehrt, leiht Herr Graf Lehndorff – Steinort freundlicher Weise, das dort befindliche Harmonium der Gemeinde Doben.  Es wird in der Kirche aufgestellt, zugleich wird aus dem ca. 225 M betragenden  „Orgelfonds Doben“ ein Harmonium für Doben bestellt von Hug & Co Leipzig.

 

Das Harmonium ist eingetroffen und am 27. August 1911 in Gebrauch genommen.

 

Am 1. November 1911 zieht in Rosengarten als erste Gemeindeschwester der Diakonie aus dem Königsberger Mutterhause [42] Anna Romotzki ein. Sie erhielt freie Station vom Waisenhaus, das Gehalt wird vom Vaterl. Frauenverein Rosengarten gezahlt, welcher auch die Kosten für Arznei, Instrumente und andere etwaige Kosten der Gemeindepflege bestreitet. Die Schwester hält zugleich die Kleinkinderschule.

 

[42]  Mutterhaus der „Barmherzigkeit“

 

1912 / Die Kirchenvisitation findet am 5. Juli in gewohnter Weise statt. Es wurden Verhandlungen wegen Ankaufs des Sauer’schen Grundstücks für die Kirchengemeinde geführt, die aber zu keinem Ergebnis führten. (siehe Akten).

Der Gutsbezirk Taberlack sowie das Forsthaus Mittenort wurde aus der Gem. Drengfurth aus- und in die Kirchengem. Rosengarten eingepfarrt. Der Zuwachs beträgt 168 Seelen. Als Entschädigung erhielt Drengfurth ein bares Kapital von zweitausend Mark. Der Zeitpunkt der Umpfarrung ist der 1. Oktober 1912. Siehe das Aktenstück „Umpfarrung von Taberlack“

 

1913 / Die Visitation fand am Sonntag den 29. Juni in Rosengarten u. am Montag den 30. Juni in Doben statt. In Rosengarten wurde auch im Butsch’schen Saale ein sehr gut besuchter Familienabend gehalten.

Das 25 jährige Regierungsjubiläum [43] Sr. Majestät der Kaiser und  König  wird am 16. Juni durch einen Ausflug sämtlicher Schulen des Kirchspiels nach Gr. Steinort gefeiert. Im Schlosspark hält Sofie Puschke – Steinort eine patriotische  Ansprache. Es folgen auf einer großen Wiese Spiel- und Sportübungen und Belustigungen der Jugend. Auch Erwachsene sind  zahlreich erschienen.

 

[43]  Wilhelm II.: Regierungsbeginn 1888, Abdankung 1918. 


1914

An Stelle des baufälligen Dreifamilien Insthauses für das Pfarrgrundstück ( gegenüber der Schule ) wird ein neues Vierfamilien - Insthaus zwischen Dorf und Bahnhof erbaut. Die vierte Wohnung soll später für den Glöckner bestimmt sein, da das Glöchnerhaus auch schon alt und baufällig ist.

 

Ausbruch des großen Weltkrieges:

 

1.August 6 ½ Uhr abends Verkündigung  der Mobilmachung. Die Glocken läuten 1 Stunde. 8 ½ Uhr abends findet eine Andacht statt in der Kirche, wozu durch umhergesandte Boten eingeladen wurde. Der Gottesdienst war sehr gut besucht.

2.August 1914: Erster Mobilmachungstag. Viele Männer reisen zur Fahne ab. Großer Mangel an Silbergeld. Banknoten werden nicht gewechselt.

5.August. Abends, da die Nachricht zu spät eintrifft, findet der angeordnete Gebets- und Bußgottesdienst statt.

19. August: Die ersten Flüchtlingskolonnen ziehen durch das Kirchspiel. Remontedepot [44] Sperling mit allen Leuten und Vieh. Darauf tagelang Durchzüge von Flüchtlingen aus den Kreisen  Marggrabowa, Goldap, Angerburg.

22. August : Flucht in der Gemeinde Rosengarten.

23. August : Abends Abreise auch des Geistlichen.

 

 

[44]  Im militärischen Bereich verstand man unter Remonten drei- und vierjährige Pferde. Sie wurden für die jährlich ausgemusterten Pferde benötigt. Das Militär kaufte sie vor allem im ehemaligen Ost- und Westpreußen, bis um 1945, das größte geschlossene Pferdezuchtgebiet der Welt. Die vierjährigen Pferde kamen in der Regel gleich in die Truppe. Die dreijährigen wurden ein Jahr in ein Remontedepot eingestallt. Preußen hatte über 20 Depots. Hier reiften unter straffer täglicher Bewegung in allen Gangarten Anatomie und Pferdepsyche, wobei noch nicht geritten wurde. Sie gewöhnten sich an Stallkasernen und Militärumgebung wie Schüsse, Pauken und Fahnen.

 

Schicksale der Gemeinde Rosengarten sind  in der gedruckten Anlage „Wie Rosengarten zerstört wurde“

 

Am 13 (23. ?). Sept 1914 / Rückkehr des Geistlichen und allmählich auch der Gemeindeglieder.

Sofortiger Wiederaufbau des Stallgebäudes und Aufbau zweier Stuben des neuen Insthauses, Vollendung des Baues.

 

6. Nov. 1914 / fangen wieder Flüchtlingszüge an, da die Grenzkreise zum zweiten Male dem Feind überlassen werden müssen, wieder tagelange Durchzüge, Aufregung im Dorfe, manche

fliehen.

 

16. Nov. 1914 / Busstag, sehr starker Kanonendonner, große Aufregung, Russen sind bei Strengeln durchgebrochen, viele fliehen, doch legt sich die Gefahr wieder, die Russen werden zurückgetrieben.

 

18. Nov. 1914 / Flüchtlinge aus Haarszen sind über Nacht  über den See gekommen, da die Russen plötzlich Haarszen überfallen und 150 Einwohner fortgeführt haben.

 

21. Nov. 1914 / Steinort wird militärisch stärker besetzt, und bleibt den Winter über Kampffront gegen die Russen. Die Russen sind in Hempels Ziegelei  (Haarszen), in Sdorkowen [45] und Kirsaiten gewesen. Sie schießen Witfong und  Kirsaiten, von Haarszen aus, in Brand.

 

[45]  Namensänderung 16.7.1938: Dorkau (Halbinsel bei Haarschen)

 

Winter 1914 / liegt Rosengarten in Schutt und Trümmern, ist wenig bewohnt.

 

24. Dez. 1914 / Feldgottesdienst für die Truppen durch den Geistlichen gehalten in Gr. Steinort (Weihnachtsfeier)


1915

10 .Januar 1915 / Feldgottesdienst für den Landsturm in der Scheune zu Stobben gehalten durch Pfarrer Hecht.

13. Januar 1915 Feldgottesdienst in der Schule zu Taberlack für die dortselbst liegende Schwadron  Kürassiere.

 

27. Januar 1915 / Kaisergeburtstagsfeier in Rosengarten 10 Uhr, an welchen der dort liegende Landsturm teilnimmt. 3 Uhr: Feldgottesdienst für den Landsturm im Saale auf der Insel Upalten. 5 1/2 Uhr Feldgottesdienst zu Kaisers Geburtstag für die Truppen in Gr. Steinort. (Oberst Geiger, Offiziere und ca. 700 Mann nahmen teil) Die Truppen traten dazu in Scharen (?) vor dem Schloss an.

 

8. und 9. Februar 1915 / Wird die Winterschlacht in Masuren geschlagen. Am 9. Februar besonders starker Kanonendonner in Richtung Loetzen, immer heftiger werdend, unaufhörlich zittert die Luft und rollen die Schüsse, das Wetter ist entsetzlich schlecht, Schneetreiben, Schneeschanzen in ungeheuren Höhen, eisiger Wind.

 

14. Febr. 1915 / kommt die große Siegesdepesche über die Winterschlacht in Masuren an. Ostpreussen ist vom Feind befreit, derselbst ist über die Grenzen getrieben.

 

22.2.1915 / Der hier postierte Landsturm zieht ab. Die seit November andauernde unmittelbare Nähe des Feindes, mit  all ihren Folgeerscheinungen hört auf. Der Krieg ist uns räumlich  ferner gerückt.

 

25.3.1915 / Heutige Abendzeitg. bringt die Bekanntmachung, dass Kreis Angerburg (zugleich auch Lötzen, Darkehmen, Gumbinnen) zur Rückkehr und Wiederbesiedlung freigegeben ist. Doch zerstörte Orte vorläufig noch ausgenommen, Rosengarten ausdrücklich als solcher genannt.

 

April 1915 / Allmähliche Rückkehr der hiesigen Flüchtlinge.

 

Sommer 1915 / Es werden Bauten vorgenommen, besonders Ställe und Scheunen. Es bauen Ställe fertig: Gollmer, Przyborowski, Uwis, Holz, Lauer, Drommert. Scheunen bauen Drommert, Berg, Golmer, u.a. Häuser bauen: Bischoff, Sergande (?), Butsch, als erstes Hölbüng.

 

Durch russische Kriegsgefangene wurden die Brandstätten, auch die des kirchlichen Grundstücks, aufgeräumt. Der geplante Wiederaufbau des Pfarrgehöfts verzögert sich, da die Gemeindevertretung ein neues großes Grundhaus mit 2 Ställen bauen will, der Vertreter des Hrn. Patrons, aber nur für Gebäude in den alten Abmessungen zu haben ist.

 

Juli 1915 / Pfr. Hecht wird von der Gemeinde Kutten zum Pfarrer gewählt.

 

24. October 1915 / Feier des  500 jährigen Hohenzollernjubiläums [46] – hält Prediger Drost aus Rudczanny [Kreis Sensburg] seine Gastpredigt. Er ist der einzige Bewerber. Der Herr Patron ist, infolge einer Erholungskur, zur Abstellung der im Felde sich zugezogener rheumatischen Beschwerden nicht anwesend, an seiner Stelle seine Schwester, Frau Baronin v. Schrötter. Nach persönlicher Vorstellung beim Herrn Patron, nach dessen Rückkehr in Gr. Steinort, am 10.Dezember wird Prediger Drost zum Pfarrer gewählt.

 

[46] 1415 wurde der Burggraf von Nürnberg Friedrich VI., von Hohenzollern vom deutschen Kaiser Sigismund mit der Mark Brandenburg belehnt. 1417 wurde er als Friedrich I .in Konstanz feierlich zum Kurfürsten und Erzkämmerer des Reiches sowie zum erblichen Markgrafen von Brandenburg erhoben.  

 

1916

Später wird der Herr Patron andern Sinnes und will einen vertriebenen, kurländischen Geistlichen, die Stelle reservieren, bis er auf die Anfrage des königl. Konsistoriums veranlasst durch die Anfrage des Predigers Drost, den das Ausbleiben der Bestätigung seitens der Kirchenbehörde höchst wunderte, das der Herr Patron, die Übernahme der Pfarrgeschäfte zu Anfang des neuen Jahres gewünscht  hatte, endlich am 6. April die Berufungsurkunde in Chateau Salius bei Metz unterzeichnet, vom kgl. Konsistorium am 17.April 1916 bestätigt.

 

14. Mai 1916 / Der neugewählte Pfarrer Richard Drost [47], geboren am 5. April 1883 zu Pietrellen (Kreis Angerburg), wurde am 14. Mai 1916 von Herrn Superintendent Braun aus Angerburg in dessen Hause er 2 ½ Jahre lang als Vikar und Kandidat gewesen war, unter zu gleicher Beteiligung der Gemeinde feierlich eingeführt. Von den anderen Geistlichen der Diözese war niemand erschienen, teils weil sie krank, teils weil sie amtlich verhindert waren, teils weil die Bahnverbindungen infolge des Krieges sehr schlecht waren. Der Patron war ebenfalls aus dienstlichen Gründen verhindert. …

Die Einführungsrede hielt der Herr Superintendent auf Grund von Offbg. Joh 21,5.-2,6. Die Antrittspredigt hatte zum Inhalt 2.Cor. 5,20.

 

[47]  Siehe Kurzbiographie am Ende dieser Chronik 

 

1. Juni 1916 / Himmelfahrtsfest fährt S. Majestät der Kaiser vom Hauptquartier Ost (Feldmarschall Hindenburg) kommend, vermittelst Sonderzuges durch Rosengarten um 6 Uhr Nachm. Das Erscheinen zweier  Flieger am Morgen, die die Bahnstrecke entlang fliegen, deutet auf etwas besonders hin. So verbreitet sich schnell das Gerücht von der Durchfahrt einer hohen Persönlichkeit. Die Dorfbewohner sammeln sich von 6 Uhr nachmittags an auf dem Bahnhof, müssen jedoch auf Befehl der Bahnhofspolizei, diesen verlassen, und nehmen nun dicht an der Strecke, zu beiden Seiten, der nach Rastenburg führenden Chaussee, Aufstellung. Um 6 Uhr läuft der Zug langsam ein und geht sofort weiter nach Rastenburg. S. Majestät erwidert freundlich lächelnd, die ehrerbietigen Grüße der Dorfbewohner.

 

6. Juni 1916 / Heute findet die diesjährige Kirchen- und Schulvisitation statt, zu der sich trotz strömenden Regens eine große Menge eingefunden hat. Sie vollzieht sich nach einem vom Herrn Superintendanten Braun aufgestellten einheitlichen Plan und gipfelt in einer Kriegsgebetsstunde mit Kindern. Die üblichen Lektionen durch die Lehrer fielen fort, stattdessen trugen die Schulkinder auf die Kirche bezügliche Gedichte vor.

 

27. August 1916 / Die Gedenktagfeier der Schlacht bei Tannenberg, bestehend in Wettkämpfen der hiesigen Jugendkompagnie, die nach und nach einschläft, wird durch einen feierlichen Feldgottesdienst unter Teilnahme des Kriegervereins an den Gräbern der Helden aus der Schlacht an den masurischen Seen neben der Kirche eingeleitet. Eine zahlreiche Menschenmenge hat sich eingefunden, doch setzt gegen Schluss des Gottesdienstes strömender Regen ein, der die

nachfolgende Feier sehr beeinträchtigt, und viele der Teilnehmer nötigt, das schützende Dach

ihres Heimes wieder aufzusuchen.

 

19. Oktober 1916 / feiert das Leopold Schönfeld und Maria geb. Liss 'sche Ehepaar aus Gr. Steinort ihre goldene Hochzeit. Im Fliesensaal des Schlosses findet, in Gegenwart der ältesten Schwester des Herrn Grafen Lehndorff, der selbst im Feld ist, der Frau Baronin v. Schrötter die feierliche Einsegnung durch den Ortsgeistlichen statt, der dem Jubelpaar das allerhöchste kaiserliche  Gnadengeschenk von 50 M überreicht. Ein vom Herrn Grafen gespendetes Mahl wird den Teilnehmern noch lange in Erinnerung bleiben.

 

20. November 1916 / feiert das Friedrich Knust und Amalie geb. Nischke ’sche Ehepaar aus Rosengarten, die goldene Hochzeit. Die kirchliche Einsegnung findet in der Kirche statt, bei der der Ortsgeistliche, ebenfalls dem Jubelpaar das allerhöchste Gnadengeschenk aushändigen konnte.

 

In diesem Jahre wurden die allernotwendigsten kirchlichen Bauten in Angriff genommen und soweit vollendet, dass sie in Gebrauch genommen werden können, nämlich ein Stall für den Pfarrer nebst Gelass für die Kirchenkohlen und für die Haus…(?) des Glöckners auf der alten Stelle, doch mit der Front nach der Strasse, eine Scheune und ein Viehstall auf dem neuen Gehöft an der Chaussee nach Rastenburg, etwa 100 m vom Bahngeleise entfernt gleich hinter der Kiesgrube. Der für dieses neue Gehöft nötige Brunnen wird  ebenfalls angelegt unter einem Kostenaufwand von rund 2700 M.

Die Gebäude sind diesmal in etwas größerem Maßstabe aufgeführt als die Zerstörten, auch ist beschlossen, einen zweiten Stall dazu zu errichten.

 

Indessen erklärt der Patron, das Material nur in dem Umfange der alten Gebäude, hergeben zu wollen. Gegen seinen Wunsch halten die Gemeindeorgane den zweiten Stall für erforderlich und beschließen demgemäss.

Die Gebäude werden nach den Plänen und unter Oberaufsicht des Herrn Architekten Mayer ausgeführt von dem Bauunternehmen Klein in Drengfurt. Unter großen Schwierigkeiten namentlich in bezug auf die Anfuhr des Baumaterials infolge des Mangels an Angespann, gelingt es dennoch, sie fertig zu stellen. Pfarrgästehaus und 2. Stall werden aufgeschoben, bis die Zeit günstiger ist

Auch sonst entfaltet sich im Dorf eine rege Bautätigkeit, so dass in diesem Jahre fast das ganze Dorf wieder neu erstanden ist. Das Waisenhaus, die Schmiegel ’sche Villa, die Insthäuser von Butsch und Uwiss und mehrere andere stehen fast fertig da.

Das gottesdienstliche Leben nimmt seinen regelmäßigen Gang, die Teilnahme daran ist befriedigend, wenngleich ein regeres christliches Leben zu wünschen ist. Die Kollekten ergeben den doppelten Ertrag wie in Friedenszeiten, und wo es sich um Gaben für Kriegszwecke handelt, ist die Gabenfreudigkeit sehr groß. Die Leute werden nicht müde, den in dieser Beziehung ziemlich hochgespannten Anforderungen zu entsprechen.  Allerdings mangelt es ihnen auch nicht an dem nötigen Geld. Arbeitsgelegenheit ist reichlich und wird gut bezahlt. Die staatlichen Unterstützungen verleiten leider oft zum Müßiggang und werden nur zu häufig zu Putz und Tand [48] verwandt.

In diesem Jahr machen sich auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sehr bemerkbar. Es mangelt recht sichtlich an Kartoffeln. Trotzdem kann bei guten Willen noch vieles den darbenden Brüdern im Westen abgegeben werden, so z.B. zur Hindenburgspende gab unser Kirchspiel 960 Eier, 287 Stck. Speck, 52 Pfund Schmalz und 8 Pfund Butter. Allein der gute Wille fehlt vielfach, jeder glaubt in dieser Beziehung sich selbst der Nächste zu sein und vor allem seine eigene Person vor Hunger und Entbehrung zu schützen. Die behördlichen Anordnungen werden vielfach insgeheim übertreten, wenn sich auch der Wucher- und Hamstergeist nicht so breit macht wie in den Städten. Wenn die Leute etwas zurückhalten, so geschieht es vor allem, um ihr liebes Vieh nicht verkommen zu lassen und ihre Wirtschaft regelrecht fortzuführen. Die Eingriffe in die Wirtschaft werden eben als besonders hart empfunden – und auch häufig als ungerecht – also von Leuten ausgehend, die von der Landwirtschaft wenig wissen.

Im Grossen und Ganzen hat jeder sein „tägliches Brot“ gehabt, nur dass viele die große Gnade Gottes nicht erkennen und darum auch nicht mit der Danksagung empfangen ihr  „täglich Brot“. Die berüchtigte „Kohlrübensuppe“ nur aus Steckrüben und Wasser bestehend, kennen wir hier nur von Hörensagen.

 

[48]  Putz und Tand" ist ein weiterer nicht mehr gebräuchlicher Begriff. Putz (sich schmücken und zurecht machen) und Tand (von tändeln, sich amüsieren ) 

 

1917

Auf das Drängen des Pfarrhufenpächters sollte in diesem Frühjahr das Pächterwohnhaus gebaut werden. Der Gemeindekirchenrat hat anfangs große Bedenken, da die Kosten sich von 18 000 M im Vorjahr jetzt auf 28 000 M erhöht haben. Dem Bau wird schließlich die behördliche Genehmigung versagt, kann aber jederzeit begonnen werden, da die Ziegel hierzu und zu dem 2. Stall bereits in diesem Wert, bei guter Schlittbahn von der Ziegelei Blaustein [Kreis Rastenburg] herangeschafft worden sind .

Der Pächter, enttäuscht darüber, dass er seine eigene alte verfallene Hütte nicht mit dem schönen neuen Pfarrpächterhaus eintauschen kann, lässt seinen Unwillen den Pfarrer deutlich fühlen und verweigert ihm die Hergabe der nötigen Menge Futter für seine Kuh, in dem er sich auf den Pachtkontrakt beruft, demgemäss die Kuh in den Stallungen des Predigers von diesem zu füttern sei. Der Gemeindekirchenrat hatte bei seinem Beschluss ein neues Pfarrgehöft außerhalb des Dorfes, 400 m von der alten, am Pfarrhaus gelegenen Stelle entfernt zu errichten, leider nicht daran gedacht, dass sie dann auch den Kontrakt ändern müssen, und so die Interessen des Pfarrers hinten angestellt.

Schließlich wird nach viel Ärgernis eine Einigung erzielt, doch so, dass der Pfarrer von der Gnade des Pächters bis  1922 abhängig bleibt. – Wer dies liest, der merke darauf, und sei vorsichtig in ähnlichen Fällen!

 

27. Januar 1917 / Der Festgottesdienst am Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers findet die Gemeinde zahlreich versammelt. Die Liebe zum angestammten Herrscherhause und zu unserem Friedenskaiser, sowie der durch nichts zu erschütternd Entschluss, mit ihn auszuhalten bis ans siegreiche Ende, auch unter den schwersten Opfern und Entbehrungen, findet ihren Ausdruck in einem Treugelübde, das die Erschienenen namentlich unterzeichnen und das in dem Archiv der Angerburger Superintendantur aufbewahrt wird.

 

März 1917 / Der unermüdlichen Werbetätigkeit gelingt es, zur 6. Kriegsanleihe größere Beteiligung  als bisher zu erwecken. Aus den minderbemittelten Volkskreisen wurde durch die Hand des Geistlichen  4710 M gezeichnet und 1200 M in Lebensversicherungen. Die größeren Besitzer haben persönlich vermittelte, bei Banken ihrer vaterländischen Pflicht genügt. Die Höhe dieser Zeichnungen entzieht sich meiner Kenntnis. Die Kirchengemeinde beteiligte sich mit 13300 M .

 

15. Mai 1917 / treffen 85 Kinder aus Neuss am Rhein im Kirchspiel ein, die unentgeltlich für einige Monate zur Linderung der Not in den Industriegebieten und aus Dankbarkeit für die Guttaten aus dem Reich, während unserer Fluchtzeit von einzelnen Familien in Pflege genommen werden. Hervortun sich in barmherziger Liebe vor allem die mittleren und kleinen Besitze, während die Größeren im allgemeinen versagen. Da das Kirchspiel zum größten Teil Großgrundbesitz aufweist, so hat es von allen unter dem Kreise, die wenigsten aufgenommen. Von den 85 entfallen auf Rosengarten Dorf  und Ausbauten allein 43, auf Masehnen und Grieslack 13, die für Doben und Pilwe vorgesehenen 15 Kinder, mussten sogar noch nach Prinowen gebracht werden. Die Kinder sind nicht so erholungsbedürftig, wie es hieß, zum Teil sogar sehr wohl genährt, besonders aus Arbeiterkreisen, kommen aber mit Ansprüchen, die beweisen wie verwöhnt die Leute in der Stadt im Westen zu sein scheinen. Nun haben sie ostpreußische Genügsamkeit kennen gelernt, überhaupt das Leben auf dem Lande, das nicht Vergnügen und Müßiggang, sondern  recht saure Mühe und Arbeit bedeutet. Hoffentlich bleibt dieser Eindruck dauernd im Gemüt der Kinder haften. Das man trotz der vielen und großen Ärgernisse und trotz manches gar nicht zu ersetzenden Schadens, den die Kinder verursacht haben, dennoch ein nicht zu unterschätzender Segen der ganzen Maßnahme.

 

Am 13.August reisen zunächst zuerst 31 Kinder nach 3 monatigem Aufenthalt zurück.

 

12. Juli 1917 findet die diesjährige Visitation statt und zwar nur in Rosengarten. Sie ist nach Anordnung des kgl. Konsistoriums nur auf eine Unterredung mit den Konfirmanden beschränkt. Trotzdem haben sich Frauen und Kinder zahlreich versammelt

 

30. Juli 1917 / Die beiden kleinen Glocken, die eine ( in der Schule befindlich ) 1 Ztr, die andere  ( im Glockenstuhl ) 84 Pfd schwer, wurden abgenommen, und zur Verarbeitung von Kriegsmaterial abgeliefert. Der Erlös beträgt 414 M und wird als Glockenfonds auf die Kreissparkasse Angerburg gegeben. Die große Glocke aus dem Jahr 1727 kommend, mit Inschriften und Verzierungen versehen, ebenso wie die Dobener Siechenglocke, welche im Jahre 1619 gegossen ist, sind vom Provinzialkonservator, der Klasse C eingestuft, und vorläufig von der Beschlagnahme frei. In Betracht kamen  nur die A-Glocken. So bleibt uns wenigstens eine, die den lang und heiß ersehnten Frieden einläuten soll.

 

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Die Glocke von 1727 in einem Holzturm vor der Kirche (Aufn. 2004)
Aufschrift: „Ernesd Ahasverus Graf v Lehndorff Lehns Herr der
Rosengartschen Kirche“

 

15. August 1917 / Auch die Orgelgroßhohlpfeifen wurden ausgebaut und abgeliefert. Der Erlös 438,20 M wird ebenfalls auf  Sparkasse gegeben. Wohl ist die Orgel ihres Schmuckes beraubt, auch zweier Hauptregister zum Teil, aber der weniger Kundige merkt kaum den Unterschied in der Klangwirkung.

 

Oktober 1917 / Zur  7. Kriegsanleihe zeichnet die Kirchgemeinde den Erlös von Glocken und Orgelpfeifen, nämlich  800 M.

 

31. Oktober 1917 / 400 jährige Reformationjubelfeier. Festgottesdienst in der Kirche nach der vom Ev. Oberkirchenamt festgesetzten Ordnung. Die wenig bekannten lutherischen Weisen sind dazu vorher in den Schulen und Konfirmandenunterricht eingeübt. Der Gottesdienst selbst ließ die erwünschte Beteiligung leider missen. Die Bedeutung der der großen Gottestat durch unseren Reformator, dem starken Glaubensmeister, der uns in diesen Zeiten der Not so viel zu sagen hat, ist den meisten  gar nicht zum Bewusstsein gekommen. Das Interesse hat sich mehr und zu sehr (!) der  Magenfrage zugewandt, was  werden wir essen und was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden?

Eine Vertiefung des Glaubenlebens ist dadurch im Jubiläumsjahr nicht erreicht. In Doben veranstaltet Baron v. Schenk sogar, während in der hiesiger Kirche am Sonntag nach der  kirchl. Mission  Festgottesdienst gehalten wird, ein  Reiten auf Füchse zur Zeit des Gottesdienstes und ist selbst ungehalten, als ihm diese Entheiligung des Feiertags vorgehalten wird.

Das gottesdienstliche Leben im Winter wird durch den Mangel an Beleuchtungsmitteln und Brennmaterial sehr beeinträchtigt. Es gibt weder Kohlen, noch  Petroleum, keine Weihnachtlichter von denen für jeden Weihnachtsbaum wenigstens10 beschafft werden konnten, Kosten 11 …(?) per Stück!

Die Liebestätigkeit hat nicht nachgelassen, sich sogar noch etwas gesteigert, vornehmlich in Geldgaben. In naturalibus [49] -  Ist die Knappheit auch auf dem  Lande groß. Die an sich notwendige Beschlagnahmen und Enteignungen werden oft mit größtem Unwillen aufgenommen. Sie sind auch so weitgehend, dass sie die Produktion gefährden. Mit dem, was den Besitzern gelassen wird, ist es unmöglich, die Wirtschaft zu führen. Daher muss jeder die Bestimmungen umgehen, - ein großer beklagenswerter Umstand! - aber der Wahrheit zur  Ehre muss gesagt werden, wenn tatsächlich kein Getreide oder Kartoffeln an das Vieh verfüttert würden, dann gäbe es bald weder Fleisch noch Fett noch Eier. - - -  Möchte, doch bald dieser unselige Krieg zu Ende gehen und dass immer weiter greifende Zersetzung auf dem Gebiet der Sittlichkeit gesenkt werden!

Die Bautätigkeit ist in diesem Jahr infolge der Knappheit an Baumaterialien sehr beschränkt. Es werden nur  die bereits im vorherigen Jahr angefangenen und noch nicht beendigten Bauten vollendet, voraussichtlich die kleineren Wohnhäuser von Handwerkern (Finkhäuser, Wittbowski, Wischnewski, Heinrich Blonski ) und das Mühlenwerk von Holbüng anstelle der früheren Windmühle. (Randbemerkung: Der Bau der noch fehlenden kirchlichen Gebäude wird, da sie nicht unbedingt notwendig sind, auf ein Jahr verschoben). Im Grossen und Ganzen ist Rosengarten fast ganz wieder aufgebaut und macht mit seinen weiß verputzten Häusern und den roten Ziegeldächern einen freundlichen Eindruck, ja es mutet dem von auswärts kommenden wie eine kleine schöne Stadt an.

 

 [49]  Naturalien, Lebensmittel

 

1918

Das Frühjahr bringt die beiden Friedensschlüsse [50] zu Brest-Litowsk und Bukarest, und damit ein befreiendes Aufatmen und echt die Hoffnung auf das Kriegsende noch in diesem Jahr. Mit Spannung wird auf den Beginn der großen Offensive im Westen schon seit Januar gewartet, die endlich zu der von vorn herein vorgesehenen Stunde, am 21. März, mit unerhörter Wucht, im Sommegebiet [51]  einsetzt. Unter dem frischen Eindruck der gewaltigen Erfolge kommt es bei der 8. Kriegsanleihe zu dem überraschenden Resultat von  14 1/2 Milliarden.

 

 [50]  3. März 1918: Friedensvertrag zw.den Mittelmächten (Deutschland, Österreich u.a.) und Russland. 7. Mai 1918: Friedensvertrag zw.den Mittelmächten und Rumänien.

[51]   Offensive in der Picardie (Frankreich) zwischen Arras und La Fere  

 

April 1918. Die Kirchengemeinde zeichnet hierzu 700 M aus Überschüssen und 10000 M durch  Aufnahme eines Darlehens bei der Angerburger Vereinsbank.

 

29. Mai 1918 / treffen die diesjährigen Ferienkinder aus Mönchen-Gladbach ein. Trotz vieler Bemühungen haben sich nur wenige bereit finden lassen, Kinder aufzunehmen, teils weil sie durch unrechtmäßige wirtschaftliche Maßnahmen verärgert sind, teils weil auch bei uns kein  Überfluss vorhanden ist, teils auch wegen unerfreulicher Erlebnisse im vergangenen Jahr. 31 meist wirklich erholungsbedürftige Kinder aus dem Mittelstande sind im Kirchspiel untergebracht. Doben, Pilwe fallen ganz weg. Gr. Steinort hat nur 2 Kinder.

 

5. Juli 1918 / Kirchenvisitation wiederum nur in Rosengarten: Gesangsgottesdienst mit der konfirmierten Jugend, Unterrichtung mit den Konfirmanden die Kriegsgebetsstunde mit sämtlichen Schulkindern.

 

10. September 1918 / Die Ferienkinder fahren nach Hause. Pfarrer Drost und Schwester begleiten sie. Unterwegs in der Frühe des 11.Sept. verunglückt der Sonderzug kurz vor Schneidemühl dadurch, dass er auf einen  stehenden Güterzug  auffährt. Der Packwagen schiebt sich in den vordersten Personenwagon,  37 Kinder  werden getötet, 14 verwundet, die meisten von diesen waren im Kirchspiel Engelstein untergebracht. Im Jahr vorher schon hatte gerade die Mönchen-Gladbacher solches Unglück getroffen, damals nicht so schwer. Der Schmerz der Eltern, die ihre Kinder nicht frisch und munter, sondern tot wiedersahen, ging allen ans Herz. Am Sonntag darauf fand in Gladbach ein stark besuchter Trauergottesdienst statt, wobei ich auf Grund des  Joh. 14,2 den schwer Heimgesuchten und Erschütterten Trost aus Gotteswort spenden durfte, obwohl ich selbst unter den Nachwehen der Grippe litt.

Diese merkwürdige Kriegskrankheit, der Influenza ähnlich, fordert in den beiden Monaten September und Oktober 20 Opfer in der Gemeinde, namentlich erliegen ihr diejenigen, die eine schwache Lunge haben. Nur wenige bleiben von dieser Krankheit verschont. Oft werden alle Familienglieder fast zu gleicher Zeit ergriffen. Wer die Krankheit leicht nimmt und nicht sein Bett hütet, sondern seiner Arbeit nachgehen will, verfällt ihr noch einmal, dieses Mal trifft es ihn weit schwerer . Auch zeitigt sie üble Nachwehen an den Ohren, Zähnen. Lunge, Herzen u.a.m. [52]

 

[52]  Gemeint ist wohl die damals grassierende „Spanische Grippe“. 

 

Oktober  1918 / Trotz aller Mahnungen zum Durchhalten will die Masse dringend Frieden um jeden Preis, ohne sich auch nur im Geringsten klar darüber zu werden, was dies bedeutet. Als Kriegsverlängerer wird verschrien, wer es wagt, sie an ihre patriotischen Pflichten zu erinnern. Es ist kein Aufhalten, es geht mit Riesenschritten dem Abgrund zu. Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht beide in die Grube fallen?

 

9. Nov. 1918 / Der Umsturz des 9. Novembers wird von den Arbeitern und auch von vielen Bürgern, Kaufleuten, Lehrern, Bankiers mit Jubel begrüßt: jetzt werde man den Himmel auf Erden bekommen! Die fluchbeladene Hoffnung aller Wünsche: „ist ja besiegt; jetzt wird alle  Ungerechtigkeit aufhören: Freiheit, Friede, Brot. Nun wird geteilt werden; der Herr muss arbeiten, ich werde befehlen, ich werde die gnädige Frau spielen und sie kann melken und die Schweine füttern.“ So denkt man sich das künftige Leben.

 
1919 / Die Wahlen zur Nationalversammlung ergaben daher überall eine sozialdemokratische Mehrheit. Diese hat es ja auch leicht, bei der großen Verärgerung über unleugbare Missstände (Schiebereien, Wucher) die Massen zu gewinnen.

Allmählich geht jedoch manchem ein Licht auf, aus dem Teilen wird nichts. Es bleibt alles beim Alten. Keine inhaltliche Erleichterung der Ernährungslage. Die Teuerung und Knappheit infolge der „Streiks“ wächst. Diebstahl nimmt überhand. Die Dienstboten verlassen ihre Stelle, wann sie wollen, Arbeitskräfte sind schwer zu haben: ja, unter der alten Regierung war es doch besser!

Aber da man das Elend nicht sehen will, so täuscht man sich durch Vergnügungen darüber hinweg: Tanz und immer wieder Tanz? Das Geld spielt keine Rolle; mag auch die Musik allein 200 Mk kosten, ein 16 – 17 jähriger Junge verdient ja 10 M für den Tag. Wenn die 8  Stunden vorüber sind, was soll man dann anfangen?  Man muss sich amüsieren! Ein Taumelgeist hat das Volk ergriffen. Nur die Lehre erster Not, die am eigenen Leibe gespürt wird, wird es zur Einsicht bringen. Worte verhallen, sie bleiben machtlos. –

Ein Lichtstrahl wenigstens: einmütig wird gegen die Absicht der neuen Regierung, den  Religionsunterricht aus der Schule zu entfernen, protestiert: Die Kinder gehorchten schon jetzt nicht, sie dürften doch nicht ganz tierisch werden. Kein Lehrer im Kirchspiel weigert sich, den Religionsunterricht zu erteilen, sie erscheinen auch alle mit den  Kindern zur Visitation.

Im Frühjahr ist die Gemeinde 2 Monate verwaist. Ich habe mich nach erhaltenem Urlaub freiwillig zum Grenzschutz gegen die Bolschewisten gemeldet, da die Gefahr der Überflutung

unserer Grenzen durch diese Horden wegen Mangels kurzfristiger Truppen sehr groß erscheint. Ich erhalte einen erschreckenden Einblick in die Disziplinlosigkeit der Söldner, und da der Zweck eines Eintritts nicht erfüllt wird, erhalte ich einen Monat vor Ablauf der Verpflichtungszeit, die erbetene Entlassung und kann zu den Osterfeiertagen der Gemeinde wieder dienen, die den Pfarrer doch sehr vermisste. 

Das Pfarrpächterwohnhaus und der 2. Stall ( Pferdestall mit Speicher ) wurden nach den Plänen des Architekten Mayer durch Bauunternehmen Klein, dringlichst gebaut. Kostenendbetrag: 77207,84 M. Holz und Ziegel gibt der Patron her gegen Zeichnung, der darauf entfallenden Kriegsentschädigung.

 

1920 / Zum Bau eines Mietshauses der  Restaurantsgäste wird 1 Morgen Pfarrland zwischen Bahnstrecke und Pfarrershaus enteignet. Der Erlös 1200,- wird durch die Inflation vollständig entwertet.

 

1921 / Es finden die Neuwahlen zu den kirchl. Körperschaften statt, wobei ein hässlicher Wahlkampf entbrennt. Es gelingt, die Hauptstörenfriede, vor allem den Freimaurer Romehn, aus dem Gemeindekirchenrat auszuschalten, ebenso den Pfarrhufenpächter Bartelt. Erstmalig wird eine Frau, Hebamme Dorn, in den Gemeindekirchenrat gewählt. Sie ist eine  beherzte Stütze des Pfarrers, vornehmlich in allen Fragen des Amtes.

Der Konfirmandenunterricht kann von jetzt an nur an einem Tage in der Woche stattfinden, weil den Kindern nur dieser eine Tag von der Schule freigegeben wird. Auf einstimmigen Wunsch der Eltern und Lehrer soll die Schule vereinte Bekenntnisschule sein.

 

Die Evangelische Frauenhilfe wird ins Leben gerufen.

 

1922 / Zur Errichtung eines Elektrizitätswerks wurden 3 Morgen der Kiesgrube nebst einem schmalen Verbindungsstreifen  seitlich der Bahn als Weg zu den Rosengärter Wiesen gegen eine Rosengärter Wiese nördlich vom Kanal in doppelter Größe ausgesucht. Das ganze Dorf erhält darauf elektrisches Licht. Für dieses Jahr wird der Bau eines Gemeindehauses mit Badeeinrichtung zur öffentlichen Benutzung für die Kriegsschäden des alten Pfarrinsthauses geplant, zusammen mit dem Glöcknerhause auf dem Platze, auf dem das alte Pächterwohnhaus stand. Der Herr Oberpräsident verweigert die  Genehmigung, desgleichen auch für den Bau eines Mietshauses an Stelle des alten Pfarrinsthauses. Dadurch geht der Kirchgemeinde die Kriegsentschädigung für ein Gebäude ganz und gar verlustig. Die Pfarrhufen werden neu verpachtet. Die beabsichtigte parzellenweise Verpachtung gelingt nicht, da die nötigen Bieter fehlen, jeder auch nur das gute Land in der Nähe des Dorfes pachten will. Zum öffentlichen Termin am 8. Juni sind  sechs Nachbarn erschienen. Es geht sehr lebhaft her, das Pfarrland wird zum größten Teil sehr geringschätzig beurteilt. Das Angebot des einen lautet:  2 Jahre frei, 3. Jahr 25 Ztr. Roggen je Morgen, Rest  50 Pf.  Pächter wird Herr Oberinspektor Patschke aus Kl. Bretschkehmen [Kreis Angerapp] auf Empfehlung des Gemeindevertreters Rittergutspächter Lottermoser in Kl. Steinort.

          

1923 / Als letzter Bau wird das kriegszerstörte Glöcknerhaus nun errichtet auf der Stelle, wo früher  das Pächterwohnhaus stand. Die alte Baustelle nebst Glöcknergarten wird zur Vergrößerung des Rektorgartens zur Verfügung gestellt. Die Inflation erreicht ihren Höhepunkt:

Die Kirchensteuern werden auf  7 Milliarden Mark veranschlagt.

Die Lebensmittel unter den Minderbemittelten werden so knapp, dass von der Kirche eine Sammlung von Lebensmitteln bei den Besitzern zur Verteilung an die Armen beschlossen wird. Das Milliardengehalt des Pfarrers reicht ebenfalls zum Lebensunterhalt nicht aus, da es bei der Auszahlung bereits verteuert ist. Ich trage mich zum Schluss mit der Absicht, mir einen Nebeneinkunft in der Forstindustrie zu schaffen. Da kommt endlich im Herbst die Erlösung durch Einführen der Goldmark [53].

Die Kirchengemeinde büßt durch die Inflation 77000 M ein / vorher 87000,-, jetzt nur 10000,- Besitzvermögen.

 

[53]  Mit der Währungsreform trat am 15. November 1923 eine neue Währungsordnung in Kraft, welche die Inflation schlagartig beendete. Im Zuge des komplizierten Stabilisierungsprogramms hatte die Deutsche Rentenbank ein Grundkapital von 3,2 Milliarden Rentenmark (= 3,2 Milliarden Goldmark) durch Aufnahme einer Grundschuld von Landwirtschaft, Industrie, Handel und Gewerbe erhalten. Der Kurs für einen Dollar wurde auf 4,2 Billionen Papiermark (= 4,20 Rentenmark) festgesetzt. Weil aber nicht genügend neue Rentenmarkscheine zur Verfügung standen, liefen einige Notgeld- und Inflationsscheine, zumeist wertbeständiges Notgeld, noch bis Mitte 1924 um.


1924 / Weil die Satzungen der Verein. Gem. Organe fast immer beschlussunfähig sind, soll bei der im nächsten Jahr stattfindenden Neuwahl die Zahl der Gemeinde Kandidaten in Rosengarten auf  24, in Doben auf  6 herabgesetzt werden.

Die älteren Kirchenbücher werden nicht an das Pr. Staatsarchiv abgeliefert, sondern hier behalten.

 
1925 / Künftig werden alle Paare mit Kranz und Schleier unter Glockengeläut getraut, ausgenommen nur bei wilden Ehen.

Über die Frage des Eigentumsrechts an der Kirche in Doben wird keine Einigung erzielt. Da der Grund und Boden alter Kirchhof ist, gehört die Kirche nach dem allgemeinen Landrecht der Kirchengemeinde Doben. In den 80er Jahren ist jedoch die Kapelle auf dem Grundstück des Barons Schenk zu Tautenburg eingetragen. Daher beansprucht er auch die Kirche als sein Eigentum. In gerichtlicher Entscheidung ist die Frage nicht zu lösen. Sicher ist nur, dass der Herr Baron die Kirche nicht schließen darf, wie er mehrmals angedacht hat.

 

1926 / Am Volkstrauertag, 28. Februar findet die Einweihung der 4 Gedenktafeln für die im Weltkrieg Gefallenen (100) statt. Sie sind angefertigt nach dem Entwurf des Architekten Brettschneider aus Angerburg, durch den Tischlermeister Karl Schwingel in Rosengarten, der Eichenholz spendete und Kirchenpatron. Die übrigen Kosten werden durch freiw. Gaben erreicht. Für die Errichtung eines Ehrenmals zum Gedächtnis der Gefallenen wird ein Stück (etwa 12 qm) des Rektorgartens (früher Glöcknergartens) zur Verfügung gestellt gegen Abgabe eines schmalen Streifens und Weges zur Schule als Entschädigung des Nutznießungsrechts der Rektorstelle. Der Grund und Boden auf dem das Ehrenmal steht, bleibt Eigentum der Kirchgemeinde.

Vom Reichswirtschaftsgericht wird die Klage auf Erstattung des Kriegsschadens für das alte Pfarrinsthaus nun endgültig abgewiesen.

 

Auf Einspruch des G. H. Schenks sollen künftig Veranstaltungen des Sportvereins zur Zeit des Gottesdienstes nicht mehr stattfinden.

Infolge entstandener Unzuträglichkeiten durch weibliche Bedienung in einem Gasthause wird ein Antrag beim Kreisausschuss auf Kürzung der Polizeistunde in Aussicht genommen.

 

Zur Hundertjahrfeier der Kirche im nächsten Jahr werden die notwendige Arbeiten vorgesehen: 1) Neuanlage des Kirchenplatzes (Entfernung der überflüssigen Bäume und Gebüsche, Verlegung einer Ligusterhecke, Verbreiterung der Gänge, neuer Rasen, 2) Umbau der Orgel. 3) Neuanschaffung für die abgelieferten Glocken 4) Neuausmalung der Kirche .

Prov. Konservator Dethlefsen [54] unterzieht die Kirche  einer  eingehenden Besichtigung und macht Vorschläge zur Erneuerung derselben zur Gedächtnisfeier.

Der geplante Neubau der Schule kommt nicht zustande.

 

[54]   Richard Dethlefsen, geb.24.8.1864 in Grönland, Kr.Sonderburg, gest.24.3.1944 in Heinrichswalde, Kr. Elchniederung, Landeskonservator der Provinz Ostpreußen von 1902-193

 

1927 / Die Arbeiten zur Hundertjahrfeier [55] werden in Angriff genommen und energisch gefördert. Gegen die Ausmalung und auch wegen der finanziellen Anforderung erhebt sich eine Opposition, die ihr Gewicht indes erhält, dass der Kirchenpatron die Genehmigung zur Bereitstellung der Kosten aus Kirchenkassenmitteln für die Ausmalung versagt. Trotzdem wird die Sache vorwärts getrieben.

Für die Ausmalung sammelt der Pfarrer zusätzlich freiwillige Gaben, die den Betrag von rund 1000,- erreichen. Dazu kommen die seit 1924 für diesen Zweck aufgesparten Klingelsäckelerträge. Der Oberkirchenrat gibt 3000,- zur Ersetzung neuer Glocken (Moll-Geläut C Es G), der Patron 1500,- Beihilfe zum Umbau der Orgel. Das übrige (Luftheizung, massiv Decken) wird auf die Kirchenkasse übernommen.

Die Ausmalung führt Professor Pfeiffer [56]  von der Kunstakademie in Königsberg mit seinem Sohn, seiner Tochter und Schülern aus (Preis 2000,). gegen den Widerstand des Prov. Konservators, der die stilgerechte, aber sehr  kostspielige Arbeit des Künstlermalers Fey aus Berlin vorschlägt. Wir entscheiden uns jedoch für die schlichte Art Prof. Pfeiffers, die vor allem zur Erbauung des Gottesdienstbesuchers  beitragen soll. Die alte Ausmalung war  in grau gehalten und täuschte marmorne Säulen und Kuppeldach vor.

Trotz aller Schwierigkeiten kommt es doch noch zur Feier in diesem Jahr am 4. Advents-Sonntage am 18. Dezember. Es ist ein furchtbar kalter Tag (über 30 Grad -). Als Superintendent Gabler eintrifft, stehen die Glocken noch auf der Erde, aber Freiwillige aus der Gemeinde machen sich ans Werk und bringen sie bis zum Beginn des Gottesdienstes hoch. Die Decke in der Kirche ist erst im Laufe der Nacht fertiggestellt. Die Orgel wird zur Not mit wenigen Registern spielbar gemacht. Das alles tat aber der Feier keinen Abbruch..

Die Festpredigt hält Kons. Rat Prof. D. Uckeley aus Königsberg. Der Kirchenpatron nahm an  der Feier nicht teil.

Über den Verlauf, s. das beiliegende Jubiläumsdruckblatt [57].

Von der Frauenhilfe wurde ein weißer Altarbezug gestiftet. Die Gesamtkosten betrugen ca. 15000,- RM.

[55]  Die Festrede zur Hundertjahrfeier durch Superintendent Braun s. im Anschluss dieser Chronik
[56]  Richard Pfeiffer, geb.28.8.1878 in Breslau, gest.21.4.1962 in Berlin. Von 1910 bis zu seiner Pensionierung Professor an der Kunstakademie in Königsberg.
Pfeiffer war Genre-und Landschaftsmaler, aber auch Porträtist und Illustrator. In Ostpreußen schuf er mehrere Wandmalereien, z.B. in der Aula des Realgymnasiums in Elbing, in der Königsberger Neuroßgärter Kirche und in der ev.Kirche in Heydekrug (Memelland).

[57]  Diese Ausgabe des Jubiläumblattes stammt aus dem Angerburger Archiv in Rotenburg (Wümme)

 

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Jubiläumsdruckblatt (4 Seiten), erstellt und gezeichnet 1927 von
Luise Kalweit, Gemeindeschwester in Rosengarten


 

 

Ende Oktober des Jahres 1927 brennt die neuerbaute Pfarrscheune nieder. Der Verdacht der Brandstiftung richtet sich gegen den Pfarrhufenpächter, der sich dauernd in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindet. Es kann ihm aber nichts nachgewiesen werden.

 

1928 / Am 1. Oktober tritt der Glöckner Cypris nach 36 jähriger Dienstzeit mit 76 Jahren in den Ruhestand und verzieht nach Danzig zu seiner verheirateten Tochter. Er erhält jährlich einen Pensionszuschuss von 120,- / später um 20,- gekürzt.

Nachfolger wird der Arbeiter Gustav Schwarz aus Rosengarten.

 

Der Pfarrhufenpächter ist mit 1600,- RM im Rückstand, da alle Mahnungen nicht helfen, seine Wirtschaftslage auch sehr schlecht ist, soll ihm gekündigt werden.

Die Einsetzung der neuen Gesangbücher wird gebilligt.

 

1929 / Zum Pfarrhaus wird eine Wasserleitung vom Waisenhaus auf persönliche Kosten des Pfarrers gelegt. Bei seinem Weggang soll er eine entsprechende Vergütung erhalten. Das elektrische Ortsnetz wird ans Überlandwerk angeschossen. Die Schuld der Kirchengemeinde an die Elektr. Genossenschaft beläuft  sich bei 242 elektr. Morgen auf 3218,10 RM. Die Holzstützen werden geändert (Beschl. n. 4.8.29) und nach 3 Gruppen verkabelt. Das Vermögen des Pfarrhufenpächters wird im Vereine mit der Pächterkreditbank in Königsberg liquidiert, ein Verwalter eingesetzt und die Versteigerung vorbereitet, nachdem wieder eine Feuersbrunst den Kuhstall vernichtet hat und eine vertragsmäßige Wirtschaft vom Pächter nicht länger gewährleistet ist. Die Kirchgemeinde büßt ca. 6000 RM ein, eingerechnet der Kosten für das Haus des Pächters seit 1925.

 

 

1931 / Reisebericht des Pfarrers Doskocil [58]  Tharau über seinen Besuch der Kirche Rosengarten am 16./17. Juli 1931.

 

[58]  Anton Cäsar Doskocil war zu dieser Zeit Pfarrer in Tharau und zugleich Superintendent des Superintendenturbezirks Preussisch Eylau. Er wurde am 03.12. 1884 geboren und am 13.12. 1912 ordiniert. Zunächst Pfarrer in Kleszowen war er seit 1921 Pfarrer in Tharau und ab 1932 Pfarrer und Superintendent in Labiau. Nach dem Krieg lebte er im Hannöverschen und ab 1952 in Hamburg Harburg.

 

 Von der  ersten Nicolaikirche zu Rosengarten von 1497 ist nichts mehr übrig geblieben, nicht einmal der Taufstein. Auch von dem zweiten Altar dieser Kirche, dem Nikolausaltar um 1496 ist nichts mehr vorhanden. Das älteste Stück ist ein hölzerner Kruzifixus das Mittelstück einer Kreuzigungsgruppe eines Kanzelaltars von etwa 1500/70. Der Körper ist  wenig proportioniert oder durchgebildet, das Gesicht wirkt friedvoll gotisch. Die waagerechten Arme sind zu lang und zu dick. Das Kreuz zeigt an, das aus dem Mittelalter der Kern in die Neuzeit herüber nehmenden Volksgefühls des 16. Jahrhunderts.

 

 

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Das alte Kruzifix von Rosengarten

 

 

 

1 Engel mit der Stäupsäule [59] Christi, nackt, mit Brustschleife, in den Formen voll, sicher und eindrucksvoll geschnitzt, gewiss eine auf dem Hauptgebälk eines Altares von etwa 1620/30 angebracht gewesene Figur, also des 4. Altares von Rosengarten. Schade, dass auch von ihm nichts mehr vorhanden ist!

 

[59]  Als Staupe bezeichnete man im Mittelalter eine öffentliche Züchtigung mit Ruten. Der Verurteilte wurde an einem Pfahl gebunden und ausgepeitscht (gestäupt). Daraus ist dann die Staup- oder Stäupsäule geworden. In diesem Falle hält der Engel den Marterpfahl Christi, bzw. das Kreuz Christi in seinen Armen.

 

 


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Der Engel mit der Stäup- Säule in der Kirche von Rosengarten

 

2 Ölbilder von Christi Leidensgeschichte, nicht schlecht gemalt, etwa 1620/30 entstanden. Das eine zeigt Christi Gefangennahme und den im weißen Gewand flüchtenden Johannes. Das andere stellt Christi Verhör vor dem Hohenpriester Hannas mit dem Backenschlag und dem Kleiderzerreißen dar.

An einem kleineren Wandgrabmal im Ohrmuschelbarock sind noch 2 Schmuckleisten vorhanden mit einem Wappen eines abgebrochenen, neu ausschlagenden Baumes mit Wurzeln. Es dürfe um 1650 entstanden sein.

 

2 Alabastareliefs in Rahmen aus dem 17. Jahrhundert. Es ist eine hochwertige Arbeit mit sorgfältiger Einzelausführung, sicherem Formgefühl und geistig- religiösem Gehalt. Das eine stellt die Anbetung der Hirten dar und das andere Christi Kreuzigung. Es ist keine ostpreußische Arbeit, gewiss ein  Geschenk des Patrons von einer Reise nach dem Süden.

 

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Alabasterrelief mit der Kreuzigung

 

1 Taufengel [60]  von etwa 1680/90, eine bessere Arbeit mit gefällig weichem Ausdruck. Man hängte solche Taufengel gern damals in Kirchen auf, um für die Gemeinde mehr Platz zu bekommen und weil dieses herabschweben des Engels, zum Taufsakrament dem barocken Zeitgeschmack entgegenkam.

Derselben Zeit gehören auch 2 stehende, etwas steife Mädchenengel an, die jetzt an der Westwand aufgestellt sind.

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Der restaurierte Taufengel (Aufn. J. Lapo 2013)

 

[60]  Zum Taufengel von Rosengarten, s. auch Angerburger Heimatbrief Nr. 35 S. 4-6 u. Nr. 42 S. 30-32

  

 

Ein großer silberner Kelch mit Patene [61] stammt vom Jahre 1726, zeigt ein Wappen der Lehndorff und Wallenrodt und die Buchstaben L.M.G.V.L. und G.V.W. Die Patene ist vergoldet.

 

[61]  Patene, die kleine Oblatenschüssel, welche in den Kirchen bei dem Abendmahle gebraucht wird; aus dem Lat. Patina, im mittlern Lat. Patena.

 

1 Kirchenagenda mit Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts und Deckel mit Silberbeschlägen  in Rokokoformen von 1760. Dieselben  Wappen wie beim Kelch.


Die vorige Kirche stand bis 1817 und  musste wegen Baufälligkeit abgebrochen werden.

Die jetzige Kirche ist massiv erbaut. Der Grundstein ist in etwa 1826 gelegt. Im Jahr 1827 ist sie eingeweiht. Sie ist eine gleichseitige achteckige Anlage und erinnert an Lappienen [Kreis Labiau], Inse [Kreis Elchniederung], Mallwischken [Kreis Schlossberg]. Gemeinde, Patron und König (1000 Taler) brachten die Kosten auf. Für die jetzt 2600 Seelen zählende Gemeinde ist die Kirche etwas klein. Auf dem achteckigen Dach sitzt ein  kleiner Turm, der für größere Glocken zu schwach ist weswegen im S.W. der Kirche ein hölzerner Glockenstuhl aufgestellt ist, mit 3 Glocken. Die Kirche hat einen Eingang für die Gemeinde im Westen und einen für den  Geistlichen im Osten. Die Kirche ist genau orientiert. Die anderen Wände haben je 2 nahe zusammen liegende hohe schmale, rundbögige Fenster. Je ein Rundfenster über den Türen. Das Innere hat eine flache Decke, 8 Pfeiler und Empore ringsumlaufend. Im Ostsegment zwischen zwei Pfeilern und der Wand liegt die Sakristei mit der Kanzel darüber und dem Tischaltar davor. Das Kruzifix ist erhöht 1827 aufgestellt, die beiden Altarsilberleuchter 1833. Das Gestühl unter den Emporen, ist im Achteck herumlaufend, das in der Mitte mit einem Mittelgang nach dem Altar gerichtet. Das  Patronatsgestühl ist neben der Orgel, deren Prospekt von 1827 stammt. Die Kirche zeigt eine glückliche, gemeindeverbindende, helle, stimmungsvolle und wohnliche Anlage. Man fragt sich warum diese Lösung  nicht öfters versucht worden ist.

1927 ist die Kirche zum 100j. Jubiläum unterkellert mit einer Luftheizung und von Prof. Pfeiffer würdig ausgemalt. Die Decke ist mit einem Kranz von 4 monumental gemalten Mädchenengeln geschmückt.

Besonders schön macht sich dieser Zentralbau bei Abendbeleuchtung. Möchten Einheit im Geist, Zusammenhang in der Liebe hier immer einen Rosengarten bilden.

 

1930 – 1933 / Neuer Pächter wird der Bruder des Pfarrers, Max Drost, von den ver. Gemeindeorganen gewählt. Das Konsistorium, vom Kreissynodevorstand unzutreffend unterrichtet, wobei Herr Puschke, die treibende Kraft ist, genehmigt den Pachtantrag nicht, lässt durch den Kreissynodevorstand einen neuen Pachttermin auszuschreiben, ohne aber, wie vorauszusehen war, ein anderes Resultat zu erzielen, ja der neue Pächter kommt sogar besser weg, als nach dem nicht genehmigten Pachtantrag.

Das Pfarrwirtschaftgehöft erhält eine elektrische Wasserversorgungsanlage, wodurch 2234,79 Mark Kosten entstehen, die vom Pächter zu amortisieren u. zu erzielen sind. Die Gelder werden entnommen aus der früheren Hypothek Pacht (1032,13 RM) Kirchenkasse, 865,90 RM) Pfarrstellenkasse und ausgelöster Kriegsanleihe (335,86 RM).

Das Pfarrland wird 1931 systematisch drainiert. Die …(?) Genossenschaft bringt die Kosten auf. Die diesbezügliche Kanalleitung hat der Pächter zu zahlen.

Aus dem Erlös von 1500 cbm Steinen wird das Pfarrhaus gründlich renoviert und mit einer Badeanlage und Spülklosett versehen.

Der Posaunenchor, der seit 1925 viel zum Aufbau des kirchlichen Lebens beigetragen hat, die Kosten für die Anschaffung der Instrumente musste der Pfarrer persönlich tragen, schläft 1933 ganz ein, da unsere Mitglieder auswärts auf Arbeit gehen müssen oder der S.A. Dienst sie zu sehr in Anspruch nimmt.

Auch der Jungfrauenverein löst sich allmählich auf, nur die Ev. Frauenhilfe bleibt bestehen. Sie übernimmt einen Zuschuss der Kirchenkasse von jährlich 200,- von dem Vaterländischen Frauenverein, der ebenfalls aufgelöst wird, im Herbst 1931 die Gemeindeschwesterstation.

 

Der Anbruch der neuen Zeit durch die Machtübernahme der Nazionalsozialisten wurde trotz des Verbots des Ev. Konsistoriums durch Glockengeläut der Gemeinde verkündigt. Für das kirchliche Leben erwies sich der Umbruch zunächst als förderlich. Die Partei nahm an den gottesdienstlichen Feiern rege teil, an den Festen erschien sie geschlossen mit ihren Fahnen zur Kirche, an Parteifeiern (Fahnenschmuck, Tag der nationalen Arbeit, Weihnachtsfest)  konnte die Kirche mit dem Wort Gottes dienen. Auch die Kirchenwahlen geschahen in völligem Einvernehmen mit der Partei. Etwa die Hälfte der Mitglieder der kirchl. Bürgerschaften traten nun in diese ein und zeigten lebhaftes Interesse für sämtliche Fragen. Keine Sitzung war beschlussunfähig, während es bis dahin fast jede war, und in schöner Einmütigkeit verläuft die Zusammenarbeit.

Mit der H.J. (Hitlerjugend) ging die kirchliche Arbeit an der Jugend Hand in Haut. Das kam auch äußerlich zum Ausdruck dadurch, dass sich der B.d.M (Bund deutscher Mädchen) unter Führung eines früheren Mitglieds des Jungfrauenvereins im Konfirmandenzimmer versammelte.

Wie hätte die Kirche auf das öffentliche Leben weiter einwirken können, wenn nicht der Kirchenkampf dazwischen gekommen wäre, der durch seine gehässigen Formen alle schönen Ansätze volksmissionarischer Wirksamkeit nach und nach erstickte. Heute ist die Kirche so gut wie ausgeschaltet und ohne Einfluss auf das öffentliche Leben. Ohne Rücksicht auf den Gottesdienst wird der Parteidienst eingesetzt. Männer sieht man nur selten in der Kirche, die konfirmierte Jugend hält sich fern, und selbst ein Konfirmandenunterricht, den noch alle Kinder besuchen, ist die kirchenfeindliche Gegenarbeit in der zu tagtretenden Gleichgültigkeit, ja versteckte Ablehnung deutlich zu spüren.

 

Kirchliche Jugendarbeit nach der Konfirmation ist kaum noch möglich, da jeder Ruf ungehört verhallt. Mit dem allmählichen Hinsterben der alten Frauen wird die Kirche nach und nach ein Raum ohne Volk, wenn nicht endlich der verderbliche Kirchenkampf sein Ende findet und die Zeichen der Zeit erkannt werden und ihnen Rechnung getragen wird, denn das Evangelium selbst stößt nur bei den  wenigsten auf Widerstand, im Gegenteil, die frühere Gleichgültigkeit ist weithin geschwunden, starkes religiöses Interesse ist vorhanden, wie es auch der Unwille über das Aufhören der kirchlichen Andachten beweist.

Austritte sind im Ganzen nur  3 zu verzeichnen, denen 2 Rücktritte gegenüberstehen.

 

Im Übrigen konnte die hiesige Gemeinde, dank der bewussten Fernhaltung des Kirchenstreites aus ihrer Mitte, ungestört von staatlichen Eingriffen ihre Gottesdienste halten. Ein Versuch, die Kirchenpolitik in die Frauenhilfe hineinzutragen, wurde sofort im Keim erstickt und endete mit dem Austritt der 3 Unruhestifterinnen, an deren Stelle eine größere Zahl neuer Mitglieder eintrat, so dass der Frauenhilfedienst an der Gemeinde in der alten Organisation, aber frei von Kirchengezänk, im Geiste des Evangeliums seinem Fortgang nehmen konnte.

 

Auf großen Unwillen stieß auch der Versuch der Lehrer, geschlossen - mit einer einzigen Ausnahme – den Religionsunterricht niederzulegen. Die Eltern wollen ihre Kinder christlich erzogen wissen und verlangen, dass der Religionsunterricht viel intensiver erteilt wird, als es geschieht. In einigen Schulen findet dieser nur ausnahmsweise statt, an einer (Taberlack) schon seid ½ Jahr ganz und gar nicht, weil der alleinige Lehrer aus der Kirche ausgetreten ist.

Auch auf die politischen Leiter wurde ein Druck ausgeübt aus der Kirche auszutreten, und der größte Teil war schon geneigt sich diesem Druck zu fügen, doch fanden sich auch charakterfeste Männer, voran der Ortsgruppenleiter, Bürgermeister und Amtsvorsteher Max Drost, der Bruder des Pfarrers, die offen ihre Treue zur Kirche bekannten, und ihnen ist es zu zuschreiben, dass diese Austrittshetze wirkungslos verpuffte. Das Verhältnis zur Partei ist ein Gutes, zumal da fast alle Kirchenältesten Mitglieder der Partei sind einschließlich des Pfarrers, der schon seit 1931 der Partei angehört. Der Gottesdienstbesuch hat sich trotz allem dann auf derselben Höhe gehalten, nur die Abendmahlziffer ist im letzten Jahr stark gesunken, scheint aber in diesem Jahr wieder anzusteigen. Die Gaben weisen einen geringen Rückgang auf, allerdings fallen die Erträge der Gastkollekten, deren Fortfall sich leider im Ansteigen der Kollekten und Gaben nicht bemerkbar machen. Taufen und Trauungen werden noch immer allgemein begehrt. Eine Ausnahme bildeten die Neubauern in dem aufgesiedelten Gut Adl. Masehnen. Doch auch sie haben sich in der Mehrzahl wieder zur Kirche zurückgefunden. Durch die Siedung – es sind im ganzen 3 Güter gesiedelt worden: Pilwe, Rosenhof und Adl. Masehnen  - sind auch Sekten und Gemeindesektler [62] stärker geworden. Die Siedler sind durch ihre Wirtschaft sehr stark in Anspruch genommen und nehmen an dem kirchlichen Leben wenig teil.

In Rosengarten konnte aus den Ersparnissen des Klingelbeutels anstelle des baufälligen Glockenstuhles im Jahre 1937 ein schöner Glockenturm gebaut werden, wozu der Herr Patron – Heinrich Graf v. Lehndorff [63] - Steinort, 40 Ztr. Holz unentgeltlich lieferte und die Ortschaften die notwendigen Fuhren leisteten. Gesamtkosten: 3000,- RM.

Die Filialgemeinde Doben hatte Weihnachten  1938 die Freude, eine Orgel ihr eigen zu nennen, die durch den Bund dank ihres Opfers (?) von der aufgelösten Grenzlandschule Wildenau (?) [64] für 1500,- erworben wurde (eine frühere Seminarorgel) das Konsistorium gab zinsloses Darlehn von 1000,-, die Kreissynode eine Beihilfe von 100,-. Der Rest konnte aus Mitteln der Kirchenkasse bestritten werden.

[62]   Die Ostpr.Landeskirche , bis 1918 repräsentiert durch den König als „summus episcopus“, Oberkonsistorium in Berlin und Konsistorium in Königsberg war in sich keineswegs völlig homogen. Auch nach dem  formellen Zusammenschluss von Lutheranern und Reformierten hat es keine flächendeckende Einheit gegeben. Nicht in allen Gebieten war tatsächlich eine „Union“ erfolgt, und die offiziell verkündeten Lehrmeinungen waren nicht durchgängig konform. Mit der stärkeren Verbreitung liberalistischen Ideengutes seit dem 19.Jahrhundert traten auch in Ost –und  Westpreußen neue religiöse Gruppierungen starker in Erscheinung. Seit den 30er Jahren erregten vermehrt einzelne Sekten und schwärmerische Bewegungen Aufmerksamkeit, welche die Amtsautorität der Landeskirche zunehmend in Frage stellten und Unzulänglichkeiten der Kirche kritisierten. Bekannt wurde so etwa die Gruppierung um den Königsberger Pfarrer Julius Rupp (1809-1884) und sein Verein „Lichtfreunde“. Von der Amtskirche abweichende Lehrmeinungen und liturgische Praktiken vertraten u.a. auch die Irvingianer, Wiedertäufer (Baptisten) und die Bewegung um den Sektenführer Droste. Die Mennoniten besaßen schon seit langer Zeit Heimatrechte in Preußen und traten missionierend kaum in Erscheinung. Die kleine Gruppe der Philipponen besaß seit 1827 ihr Zentrum im Kloster Eckertsberg, Kr.Sensburg. An Gemeinschaftsbewegungen , seit den 80er Jahren ins Blickfeld tretend, sind u.a. zu nennen: die Herrnhuter Brüdergemeinde, der Gebetsverein der Kukatianer, die Stundenhalterbewegung sowie bes.in Masuren aktiv, die Gebetsbrüder (Gromadki). Die Gemeinschaftsbewegung hatte sich vor allem die Vertiefung christlicher Glaubensinhalte sowie die Evangelisation zum Ziel gesetzt. Ihre Stellung zur Landeskirche war vielfach unklar. Sie reichte von stärkster Ablehung bis zur Unterstützung. Die Chrischona- Anhänger sowie die 1905 gegründete „Christliche Gemeinschaft innerhalb der Landeskirche“ kooperierten mit der Landeskirche. Letztere unterhielt auch im Kr. Angerburg Kapellen, z.B. in Benkheim
[63]   Heinrich Graf v. Lehndorff (1909-1944) aus der Preyler Linie der Familie erbte nach dem Tode seines kinderlosen Onkels, Carl Meinhard(II.) v.Lehndorff im Jahre 1936, die Steinorter Begüterung. Wegen seiner Beteiligung an dem Aufstand des 20.Juli 1944 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
[64]  Genaue Lage dieser ehemals zur Gemeinde Doben gehörenden Schule ist nicht bekannt!

Am 20. Januar 1936 / stirbt der Patron der Kirche, Karolus Graf von Lehndorff im 76. Lebensjahr. Erbe wird sein Neffe Heinrich Graf von Lehndorff aus Preyl.

 

Herbst 1938 / Rektor Richard Puschke tritt in den Ruhestand.

Laut Gesetz tritt am 1.11.1938 theoretisch die Trennung von Kirche und Schule ein. Die Auseinanderlegung soll später erfolgen, Gebäude u. Ländereien gehen zunächst in die Verwaltung der Schulgemeinde über.

Frau Lehrer Peters, Gr. Steinort spendet nach dem Tode ihres Mannes  der  Kirchengemeinde ein Harmonium, Wert: 500 RM? Das Organistenamt wird weiter vom Rektor a.d. Puschke bekleidet. Der Nachfolger im Schulamt, den die Regierung bestimmt, ist aus der Kirche ausgetreten. Religionsunterricht findet nicht mehr statt.

 

1939 / Kriegsausbruch. Schon im Juli werden die älteren Jahrgänge bis 55 Jahre zu einer „achtwöchigen Übung“ eingezogen. Die aus dem Kreise Treuburg inzwischen (?) Militärpflichtigen können nach 14 Tagen wieder zurück. In drei Wochen ist der Polenfeldzug beendet, eine Woche lang wird täglich 1 Stunde nach der Einnahme von Warschau geläutet. Man merkt vom Krieg nur etwas durch das Überfliegen des Ortes seitens unserer Flugzeuggeschwader. Gefallene aus Rosengarten : 2.

 

1940 / Feldzug in Norwegen, Belgien, Holland und Frankreich. Der Waffenstillstand mit diesen Staaten löst Freude und Hoffnung auf baldige Beendigung des Krieges aus. Gefallene aus Rosengarten: 3.

 

1941 / „ Im Winter 1940/41 erhält Rosengarten eine Einquartierung. Im Pfarrhaus liegen 35 Mann. Die Organisation Todt, die ebenfalls hier Quartier bezogen hat, arbeitet in Schichten Tag und Nacht im Mauerwald am Hauptquartier. Große Ungewissheit in Bezug auf Russland, bis am 22. Juni die Abwehr des drohenden feindlichen Einmarsches erfolgt.


Die Chaussee durch den Mauerwald wird gesperrt, auf der Eisenbahnstrecke verkehren nur Militärzüge. Rosengarten ist wie eine Insel, wochenlang im Winter, infolge großer Schneeverwehungen, ohne Verbindung mit der Umwelt, da die Reichsbahn und der Postomnibus nicht fahren können. Besonders Kranke leiden darunter. – Hochgestellte Persönlichkeiten: Der Führer, Hermann Göring, Rippentrop, Mussolini, Antnescu, der König von Bulgarien etc. fahren teils im Triebwagen, teils im Auto durch Rosengarten. Gefallene aus Rosengarten: 19.

 

1942 / 2. März Müssen wir schmerzlichen Abschied von den beiden Kirchenglocken, die unter großen Opfern nach dem vorigen Krieg angeschafft waren. Die Teilnehmer  an diesem Gottesdienst sind tief bewegt. Wir trösten uns mit dem Liede: „ Die Gottesgnad allein steht fest und bleibt in Ewigkeit“.

Im Sommer werden wir nachts durch russische Flieger beunruhigt. Bomben fallen in den See bei Faulhöden und Gr. Partsch. Die Verdunkelungsvorschriften werden jetzt streng beachtet. Gefallene aus Rosengarten: 26

 

Zur Beheizung der Kirche werden nur 40 Ztr Koks bewilligt. Infolge dessen müssen die gewöhnlichen Gottesdienste im Konfirmandenzimmer stattfinden, das dann allerdings gefüllt ist. In der Kirche aber ist jetzt viel leerer Raum.

 

1943 / Die Außengottesdienste hören jetzt auf, da ihre Abhaltung in den Schulen verboten wird. Gefallene im Jahre 1942 aus Rosengarten: 26.

Am 5. p.Epiph. Trauergottesdienst für Stalingrad. Die Kollekten und Gaben steigen erheblich an. Die Woche für Innere Mission ergibt 1200,- RM gegen  723,- im Vorjahr. Berliner Evakuierte kommen an. Ende August, viele Unzuträglichkeiten. Gefallene: 31.

 

1944 / Im Januar muss der Konfirmandenunterricht auf den Nachmittag verlegt werden, da nur die letzten beiden Schulstunden für die auswärtigen Kinder freigegeben werden.  Dadurch wird der Unterricht bei den zum Teil weiten Wegen in den Monaten November, Dezember, Januar unmöglich. Damit die Kinder wenigstens die allernötigsten Kenntnisse mitbringen, wurde schon 1943 eine Kinderlehre für die Elfjährigen eingeführt, welche die Gemeindeschwester hält.

 

Die Bolschewisten stehen Ende Juli an der Ostpreußischen Grenze. Große Aufregung im Dorf. Man denkt ans Flüchten. Der Pfarrer befindet sich über 3 Wochen beim Stellungsbau in Litauen. …

 

Am Sonntag, den 22. Oktober 1944, wieder große Aufregung, da Goldap den Russen überlassen werden muss und Panzerspitzen bis nach Angerapp und Benkheim vorgestoßen sind. Der nordöstliche Himmel fast jeden Abend durch Leuchtbomben und sogenannten Weihnachtsbäume erhellt. Hin und wieder die ganze Woche hindurch Flakfeuer und Geschützdonner.

Am 28. Oktober, 12 Uhr, fährt der 1. Bergungszug hauptsächlich mit Frauen und Kindern ab.

Nur die mit Fuhrwerken fortwollen, bleiben zurück. Jetzt ist es Zeit, die wichtigsten Akten zu bergen, da vorher keine Frachtgüter von der Bahn angenommen wurden. Sie werden mit den Abendmahlsgeräten im Heizkeller der Kirche sichergestellt. Wertpapiere, Sparkassenbücher und Kassenbücher will ich persönlich mitnehmen, wenn wir als letzte das Dorf verlassen. Möge Gott uns vor dem Schicksal des vorigen Krieges bewahren!

Die vollständige Räumung ist bis Weihnachten nicht erforderlich. Frauen und Kinder sind allmählich fast alle wieder zurückgekehrt. Konfirmandenunterricht und Gottesdienst werden mit einer einzigen Unterbrechung regelmäßig gehalten. Am Totenfest ist der Gottesdienst noch stärker als früher besucht.

Am 8. Dezember stirbt Rektor Puschke, der 38 Jahre als Organist und Kirchenältester gewirkt hat.

Am 22. Dezember werden alle Kirchbücher, alte Kirchenkammerrechnungen und die wichtigsten Akten zur Sicherstellung an Pfarrer Lotz in Helmershausen [65] (Bahnstation Meinigen) abgesandt. (Verzeichnis in den Kisten, bei den hiesigen Akten und beim Konsistorium).

 

[65]  Im Kreis Meiningen, Thüringen

                    

 

Ende der Chronik

 

 

drost
Richard Drost
Pfarrer in Rosengarten und Doben
von 1916 bis 1945

 

Geb. 5.4.1883 in Pietrellen (Treugenfließ), Kreis Angerburg, Gymnasium in Lötzen und Lyck, 1902 Abitur, 1903 – 1906 theol. Studium in Königsberg, Hauslehrer auf versch. Gütern, März 1911: 1. Theologie Staatsexamen, 1.4.1911 – 31.3.1912 Lehrervikariat und Candidat bei Superintendent H. Braun in Angerburg, 30.3.1913 Ordination. 1913 – 1916 Prediger in Rudczanny, Kreis Sensburg. Flucht über Berlin, Hagen bei Bergen/Lüneburger Heide, Klein Bramstedt bei Bassum. 12.8.1946 im Ruhestand. Gest. 22.7.1953 in Bassum.


Eine    Kirchenrechnung    von    Rosengarten    aus    dem    Jahre   1662 / 63

 

….(„ Rechnung  Der Kirchen Roßengarten Aller Renten Einnahm Undt Auß Gabe   

    …..  Von Weynachten Ao. 1662 bis Wider Umb dieselbe Zeitt Anno 1663“) ………………… 

 

…Das Kirchspiel Rosengarten [1] gehört zu den einzigen im Kirchenkreis Angerburg, von dem seit der 2. Hälfte des 17. Jhdts. bis zum Anfang des 19. Jhdts. die Kirchenrechnungen fast vollständig in Deutschland erhalten sind[2]. Diese werden heute in der Bestandsgruppe 507/1209 des Ev. Zentralarchivs in Berlin aufbewahrt.[3]

  Den Rechnungen sind jeweils nicht nur die in der Kirchenkasse zum Zeitpunkt der Rechnungslegung vorhandenen Barbeträge zu entnehmen, sondern auch Angaben über die 

Art der Einnahmen und Ausgaben sowie über Personalia des Kirchspiels.

…Die erste auf unsere Zeit gekommene Kirchenrechnung von Rosengarten stammt aus den

Jahren 1662/1663, ist also nur wenige Jahre nach dem verheerenden Tatareneinfall in das  

Herzogtum Preußen (1656/57) zusammengestellt worden. Hierbei fällt auf, dass das Kirchspiel Rosengarten offensichtlich durch die Kriegswirren weniger beeinträchtigt wurde, als andere Kirchspiele unseres Hauptamtes, wie z.B. Angerburg, Engelstein, Kutten und Benkheim, aus denen in den überlieferten Quellen über stärkste Verheerungen und Menschenopfer berichtet wird[4].

…Im Kirchspiel Rosengarten sind für das Jahr 1662/63 keine wüsten Hufen aufgeführt. Die an der Kirche und ihren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden recht umfangreichen Reparaturarbeiten, die in der Kirchenrechnung aufgeführt werden,   scheinen allerdings auf Beschädigungen hinzudeuten, welche während der kriegerischen Auseinandersetzungen entstanden sind. (Einzelpositionen: s. Ausgaben).

…Im Folgenden sollen die wichtigsten Angaben der o.g. Kirchenrechnung zusammengestellt werden, die in keinem guten Erhaltungszustand ist, aber deren Angaben in den meisten Fällen noch lesbar sind[5].

…Das Patronatsrecht über die Kirche in Rosengarten lag im Jahre 1662/63 noch beim 

Landesherrn, damals Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (Großer Kurfürst). Amtshauptmann in Angerburg war zu dieser Zeit Martin v. Wallenrodt[6], als Erzpriester[7] fungierte der Pfarrer von Rastenburg, Christian Walter. Amtsschreiber war Elias Büttner.

Das Pfarramt bekleidete Albert Bartholomey[8]  „Verordnete Kirchen-Vorsteher“ waren Fabian Melchior v. Lehndorff[9], Hanß Krauß (Rosengarten), Christoff Penski (Grieslack) und Willhim Sczsuka (Masehnen).

…Als Restbetrag aus dem Jahre 1662 befanden sich 4731 Mark, 14 Schillinge in der Kirchenkasse. Die Kirche verfügte also zu diesem Zeitpunkt über ein recht ansehnliches Vermögen.

…Die laufenden Einnahmen der Kirchengemeinde bestanden in „steten“ (regelmäßigen) und

„unsteten“(unregelmäßigen) Gefällen (Abgaben).

…Zu den wichtigsten regelmäßigen Einnahmen zählten der Kirchenzehnt[10] (decem), eine hufenbezogene Abgabe, sowie das Rauchgeld, eine personenbezogene Abgabe für kirchliche Zwecke[11]. Das Rauchgeld war nach einzelnen Personengruppen gestaffelt: Hufenbesitzer zahlten jährlich 9 Sch. Handwerker: 30 Sch., Losgänger, Dienstboten sowie „Instweiber“ und Hirten jeweils 12 Sch.

…Die Rosengartener Kirchenrechnung von 1662/63 führt die folgende Einahmen[12] aus den zum Kirchspiel gehörenden Ortschaften und Gütern auf:

Roßengarten, Kirchdorf (74 Hufen)

Hufenzehnt: 37 M.

Rauchgeld von 24 Haushalten: 3 M.30 Sch.

Rauchgeld von 9 Dienstboten: 1 M. 36 Sch.

Rauchgeld von 6 Handwerkern: 3 M.

Rauchgeld von 5 Gärtnern: 3 M.

Rauchgeld von 10 Instweibern[13]: 2 M.

Raucheld von 1 Hirten: 12 Sch.

Grundzins 2 M.

??? 1 M.

(insg.: 52 M. 24 Sch.)

Doben[14] (30 Hufen, Besitzer: Herrn Meydels Erben)

Hufenzehnt: 15 M.

Rauchgeld von 9 Haushalten: 1 M. 24 Sch.

(insg.: 16 M. 24 Sch.)

Daugonnen (28 Hufen, Besitzer: Herrn Meydels Erben)

Hufenzehnt: 14 M.

Rauchgeld von 15 Haushalten: 2 M. 15 Sch.

(insg.: 16 M. 15 Sch.)

Kienorth (13 Hufen, Besitzer: Herr George v. Schenk[15]; „mit Bauern besetzt“.)

Hufenzehnt: 6 M. 30 Sch.

Rauchgeld von 8 Haushalten: 1 M. 12 Sch.

(insg.: 7 M. 42 Sch.)

Steinorth, das Vorwerk (18 Hufen, Besitzer: Meinhardt v. Lehndorffs Erben)

Hufenzehnt: 9 M.

(insg.: 9 M.)

Labap (32 Hufen, Besitzer: Herr Oberleutnant v. Lehndorff  “gebrauchet 12 zum Vorwerk, die anderen sindt besetzt.“)

Hufenzehnt: 16 M.

Rauchgeld von (?) Haushalten: 1 M. 36 Sch.

Rauchgeld von 3 Gärtnern[16]: 1 M. 12 Sch. Rauchgeld von 2 Knechten: 24 Sch.

Rauchgeld von 1 Instweib: 12 Sch.

(insg.:19 M. 24 Sch.)

Groß Blaustein[17](60 Hufen, Besitzer: Herr v. Klingspor)

Hufengeld: 30 M.

Rauchgeld von 8 (?) Haushalten: 1 M. 12 Sch.

(insg.: 31 M. 12 Sch.)

Klein Blaustein

(10 Hufen, Besiter: Herr Rabbe ?)

Hufenzehnt: 5 M.

Rauchgeld: 9 Sch.  

(insg.: 5 M. 9 Sch.)

Greyßlacken (12 Hufen, Besitzer: Rastenburger Spital, „mit Pauern besetzt.“)

Hufenzehnt: 6 M.

Rauchgeld von 6 Haushalten: 54 Sch.

Rauchgeld von 8“ gesindt“ : 1 M. 36 Sch.

Rauchgeld von Losgängern[18] : 12 Sch.

Rauchgeld vom Hirten: 6 Sch.

(insg. 8 M. 48 Sch.)

Pillwen (16 Hufen, Besitzer: Rittmeister v. d. Mölbe. Dieser nutzt 8 Hufen als Vorwerk)

Hufenzehnt: 8 M.

Rauchgeld: (unleserlich)

Groß Mauer(oder „Kicklitz“), (18 Hufen, Besitzer: Meinhardt v. Lehndorffs Erben)

(„Ist mit Pauern besetzt.“)

Hufenzehnt: 9 M.

Rauchgeld von 4 Haushalten: 1 M. 21 Sch.(?)

Rauchgeld von 2 Gärtnern: 48 Sch.

Rauchgeld von 2 Dienstboten: 24 Sch.

(insg.11 M. 33 Sch.)

Klein Mauer (oder Pniewen),( 32 Hufen, Besitzer: Meinhardt v. Lehndorffs[19] Erben)

(„Ist mit Pauern besetzt.“)

Hufenzehnt:16 M.

Rauchgeld von 16 Haushalten: 2 M. 24 Sch.

(insg.:18 M. 24 Sch.)

Stawißken (32 Hufen, Besitzer: Oberleutnant Fabian Melchior v. Lehndorff)

(„Sind mit Pauern besetzt.“)

Hufenzehnt: 16 M.

Rauchgeld von 5 Haushalten: 1 Mark (?)

Rauchgeld von 2 Dienstboten : 24 Sch.

(insg.18 M. 9 Sch.)

Langenbrücken (20 Hufen, Besitzer: Hans Georg v. Kanitz[20])

Hufenzehnt: 10 M.

Rauchgeld von 4 Haushalten: 36 Sch.

(insg.: 10 M. 36 Sch.)

Maßehnen (40 Hufen,“gehöret ins ambt Barten“. 20 Hufen sind mit Freien besetzt, 20 Hufen gehören Herrn v. Pröck[21])

Hufenzehnt von. den Freien: 10 M.

Rauchgeld von 7 Haushalten: 1 M. 30 Sch.

Rauchgeld von 5 „gesindt“: 1 M.

Rauchgeld von 3 Handwerkern: 1 M. 30 Sch.

Rauchgeld von 2 Handwerkern „von zu jahr“: 1 M.

Rauchgeld von 5 Gärtnern: („darunter die Pröcken“ ): 2 M.

Rauchgeld von 3 Losweibern: 36 Sch.

Rauchgeld vom Hirten: 12 Sch.

Hufenzehnt des Anteils v. Pröck: 10 M.(„Die 2 Gärtner sindt im Dorffgefälle.“)

Rauchgeld (?)

(insg.:17 M. 48 Sch.)

Steinhoff (7 Hufen, Besitzer: Herr v.  Schenken[22])

Hufenzehnt: 3 M. 30 Sch.

(insg.: 3 M. 30 Sch.)

Gesamtsumme der Einnahmen („Decem, Roch undt Gesinde Geld“)

264 M. 52 Sch.

 

Neben Hufenzehnt und Rauchgeld fielen im Kirchspiel Rosengarten als „unstette Gefälle“, u.a. für kirchliche Amtshandlungen, Kollekten und Strafgelder die folgenden Einnahmen an:

Seckelgeld (Kollekte): 76 M. 7 Sch. 3 Pfg. (gem. Register)

Einnahmen an „verehrtem Geldt“[23] (= Opfergeld, Spenden)

(insg.: 31 M. 2 Sch.)

Strafgelder[24]: 5 M. „Michel Preuß ein Knecht von Stobes“(?). 12 Sch. „Jeglas Kowa widbe von Maßenen“

(insg.: 5 M. 12 Sch.)

Beleut- und Gruftgeld[25]: 1 M. 5 Sch. für 4 Personen (Beleutgeld), 10 M. für eine Bestattung in der Kirche

(insg.: 11 M. 5 Sch.)

 

Einnahmen an allen unsteten Gefällen:   124 M.4 Sch. 3(?) Pfg.

Gesamtsumme der Einnahmen: (einschl. Decem):   388 M. 57 Sch. 3 Pfg.

Summe samt dem Rest: 5120 M. +…(?)

 

Summe aller Ausgaben im Abrechnungszeitraum 1662/63:   217M. 39 Sch.

Die Ausgaben setzten sich aus folgenden Positionen zusammen:

 Besoldung der Kirchendiener

114 M. 3 Sch. Pfarrer Alberto Bartholomey

30 M. Schulmeister George Silla

6  M. Inspektionsgeld für den Erzpriester

4 M. Kirchenväter

3 M. 30 Sch. für Registerführung (offenbar für den Schreiber der Kirchenrechnung)

Ausgaben für Wein und Oblaten: 42 M.

Ausgaben „Uf die Kirchen zum Schmuck“: 0

Ausgaben für Handwerker („uf Gebaw undt Flickwerck Bey Der Kirchen Widdem Undt schulhus“)

Grobschmied: 45 Sch. (für 2 Haken an der Kellertür des Pfarrhauses und für Nägel )

Maurer 1 M. 15 Sch. (Ausbesserung des Backofens u. Weißen einer Stube im Pfarrhaus)

1 M 30 Sch. (Ausbesserung u. Vermauerung eines Faches in der Kaplanei)

Zimmerman( Michel Derday) 4 M. (Arbeiten am Glockenturm u.a.)

Dachdecker(Kroles von Masehnen): 11 M. 24 Sch. (Deckung des Pfarrhauses

u. d. Glockenturms sowie 4 M. für die Beköstigung des Deckers)

Handlanger des Deckers (Beköstigung an 4 Tagen): 2 M. 54 Sch.

Dachdecker (Schikoras): 3 M. 3 Sch. (Deckung der Kaplanei u. Schule) für Beköstigung,  Kosten für 15 Bund Stroh zur Eindeckung der Kaplanei: 45 Sch.

Handlanger des Deckers (Beköstigung an 2 Tagen): 1 M. 30 Sch.

Für 20 Bund Stroh zur Eindeckung des Kirchturms: 45 Sch.

Kirchenkämmerer für seine Mithilfe: 18 Sch.

Tischler(Preußen von Drengfurt): 16 M. (=Restzahlung)

Glaser: 2 M. 30 Sch.(neues Fenster im Spital), 1 M. (Ausbesserung eines Fensters in der Kaplanei, 1 M. 6 Sch. (Ausbesserung von Fenstern im Pfarrhaus)

Töpfer: 12 Sch. (Ausbesserung eines Kachelofens im Pfarrhaus)

(Die umfangreichen Arbeiten an den Dächern des Pfarrhauses, der Kaplanei und 

Schule sowie des Glockenturms scheinen darauf hinzudeuten, dass diese strohgedeckten Gebäude während des Tatareneinfalls abgebrannt worden sind. In gleiche Richtung weisen die Glaserarbeiten im Pfarrhaus sowie in der Kaplanei und im Spitalgebäude. Das Kirchengebäude wird nicht direkt erwähnt, dürfte also weniger in Mitleidenschaft gezogen worden sein, weil es wohl massiver gebaut war.)

…Bei dem o.g. “Spitalgebäude“ handelte es um das Armenhaus der Gemeinde. Es

befand sich in kirchlichem Besitz. Seine Bewohner, meist ältere hilflose Personen ohne nähere Angehörige, wurden von der Kirchengemeinde unterhalten, zu deren Aufgaben in dieser Zeit auch die Armen- und Krankenfürsorge gehörte.

In der Rubrik “Gemeine Ausgaben“ der Kirchenrechnung werden u.a. die Folgenden aufgeführt:

2 M. („ bey dem decem Einnahm Verzehret an bihr“)

3 M. ( „bey dem licht Machen Verzehret“)

(Diese Position tritt auch in späteren Rechnungen regelmäßig auf. Es handelt sich hierbei wohl um Beköstigungsgeld für Gemeindemitglieder die mit dem Ziehen von Kerzen für die Kirche befasst waren. Für die Herstellung von zwei großen Altarkerzen wurden 9 M. für Wachs „von Labap Verehrt“, aufgewendet.

4 M. 30 Sch. (Spende für eine Kirche in   (?)

45 Sch. („einem abgebrannten Mann Von d. Liebstadt“)

54 Sch. („bey schlißung der Register mit den Kirchen Vättern“)

2 M. 30 Sch. (Kornspenden an das Spital)

3 M. 18 Sch. (Kornspenden an das Spital lt. „Klockregister“)

45 Sch. („zu Papihr Undt Dinte“)

1 M. 30 Sch. („Vor waschunge Kirchen Kleider“)

 

Die Summe aller Ausgaben belief sich im Jahre 1662/63 auf 217 M. 39 Sch.

Als Kapital verblieben in der Kirchenkasse 4902 M. 32 Sch. 3 Pf. 

 

Die Kirchenrechnung ist am 3. September 1664 vom Angerburger Amtshauptmann

Martin v. Wallenrodt[26] signiert und damit als richtig akzeptiert worden.

…In der Kirchenchronik von Rosengarten[27] wird über den unter dem Patronatsherrn Gerhard Ahasverus v. Lehndorff[28] erfolgten Bau der Kirche das Folgende berichtet: „Sie war 78 Fuß lang, 43 Fuß[29] breit, hatte einen mit Schindeln gedeckten stumpfen Turm, in welchem drei Glocken hingen. Außer der Sakristei war noch eine Chor- und Kirchenhalle angebaut, in welcher ein stark vergoldeter Engel ein silbernes Taufbecken hielt, auf dem das Lehndorff-Wallenrodtsche Wappen[30] zu sehen war. Eine Orgel gab es nicht, sondern nur ein Positiv mit sechs Zügen. Auf der Kanzel stand ein Stundenglas. Unter der Kirche befanden sich zwei Gewölbe[31], das „Lababsche“ und das „Pilwesche“.

…Ein Stempelabdruck aus dem Jahre 1892 gibt vermutlich noch die äußeren Umrisse dieses Kirchengebäudes wieder.  

…Der Neubau der Rosengartener Kirche, der 1827 eingeweiht werden konnte, erhielt einen achteckigen Grundriss - er soll von dem späteren preußischen König Wilhelm IV. stammen-

und prägt bis zur Gegenwart das Aussehen des Kirchengebäudes.[32]

Bei archäologischen Ausgrabungen auf dem Kirchengelände in Rosengarten (Radzieje) in jüngster Zeit sind u. a. Fundamentreste des Vorgängerbaues  freigelegt worden.

 Georg Malz (August 2013)


[1] Rosengarten ist als Angerdorf bereits 1417 angelegt worden. Wegen des um diese Zeit herrschenden Siedlermangels dauerte es noch mehrere Jahrzehnte, bis alle Bauernstellen besetzt waren. (Hufenzahl im Jahr der Gründung: 58, davon für kirchliche Zwecke: 4 Hufen). Ein erster Kirchenbau (Bethaus) in Rosengarten  soll schon am Ende des 15. Jhdts. bestanden haben. In den Visitationsakten des Bischofs Georg Venediger aus dem Jahr 1574 wird die Kirche als „sehr baufällig“ bezeichnet. Ein Neubau erfolgte aber erst in der Zeit von Gerhard Ahasverus v. Lehndorff (1637 – 1688). Der Nachfolgebau von 1827 (Grundriss: regelmäßiges Achteck) ist bis heute erhalten. Die kleine Kirche in Doben war eine Filialkirche von Rosengarten. Auch sie ist bis zur Gegenwart erhalten geblieben.

(Literatur: Fritz Grigat: Die Besiedlung des Mauerseegebietes im Rahmen der Kolonisation Ostpreußens, 1931.

Erich Pfeiffer: Der Kreis Angerburg, 1. Aufl. 1973. Carl Herman Schmidt: Der Angerburger Kreis…,1860.)

[2] Ob in Polen noch jüngere Kirchenakten von Rosengarten erhalten sind, ist mir nicht bekannt. Der letzte Pfarrer von Rosengarten, Richard Drost (1883-1953),  hat die meisten 1944/45  noch vorhandenen Archivalien der Kirchengemeinde nach Mitteldeutschland auslagern können. (vgl. AHB 133/204, S. 96ff.)

 Weitere Berichte, Kurzmitteilungen und Fotos von Rosengarten finden sich in älteren Ausgaben der Angerburger Heimatbriefe, so z.B. in den Nummern 9, 34, 42, 69, 94, 95, 117, 125, 127 und 131. Diese sind auch  zum Teil über das Internet abrufbar.   

[3] Die Bestandsgruppe 507 enthält Archivalien von Kirchengemeindeverwaltungen vornehmlich Ostpreußens, die vor dem Kriegsende 1945 nach Westen ausgelagert werden konnten.

[4] Besonders starke Verwüstungen sollen auch die Begüterung Steinort betroffen haben, vor allem Gr. Steinort.

[5] Wo es für das Verständnis sinnvoll erscheint, wird die Schreibweise des Originals der heute üblichen angeglichen. Hinter schwer lesbaren Angaben steht ein Fragezeichen. Orts- u. Personennamen werden in der Schreibweise der Vorlage wiedergegeben. Textzitate aus der Vorlage stehen in Anführungszeichen. Erläuterungen sind in runde Klammern gesetzt oder werden in den Fußnoten gegeben. Die rechnerische Stimmigkeit der Zahlenangaben konnte nicht in allen Fällen überprüft werden, weil einzelne Angaben in der Vorlage nicht mehr leserlich sind und deshalb vor allem die Summenbildung  nicht immer eindeutig ausfällt.

[6] Vgl. Fußnote 26.

[7] Die Funktion eines Erzpriesters,  mit der des späteren Superintendenten vergleichbar,  nahm bis 1657 der Angerburger Pfarrer Uriel Bertram wahr. Er starb an der Pest. Seine Aufgaben wurden zwischenzeitlich bis 1725 von den Rastenburger Erzpriestern wahrgenommen. Danach erhielt die Diözese Angerburg wieder eigene Erzpriester (Probst, Superintendent) –meist mit dem Amt eines Pfarrers an der Stadtkirche verbunden.

 

[8] Er war Pfarrer in Rosengarten seit etwa 1658 bis 1688.

[9] Dieser war  damals Erbherr zu Labab, Stawisken u. Taberlack. Er starb 1668. Das Patronat über die  Rosengartner Kirche hatte seit dem Jahre 1683 Gerhard Ahasverus v. Lehndorff (Steinort) inne, und seine Nachfahren übten es bis zum Ende des 2. Weltkrieges aus. Vorher hatte der jeweilige Landesherr das Patronat ausgeübt.  

[10] Der Kirchenzehnt gehörte seit dem Frühmittelalter zu den wichtigsten Abgaben der Laien an die Kirche.

[11] Ursprünglich  hatten diese Abgaben für kirchliche Zwecke  vornehmlich in Naturalien bestanden.

[12] M.=  Mark,  Sch.= Schilling,  Pf. =Pfennig.

Die gebräuchlichste Rechnungseinheit war im 16. u. 17. Jhdt. in Ostpreußen die Mark. Sie teilte sich in Schillinge, Groschen und Pfennige auf. (1 Mark=60 Schilling; 1 Schilling=6 Pfennig; 1 Groschen=3 Schilling.     (vgl. H.H.Wächter: Ostpreußische Domänenvorwerke im 16.u.17. Jhdt., 1958,  S.6.)

[13] Bei Instleuten/Deputanten handelt es sich um landwirtschaftliche Arbeitskräfte, die meist ein Insthaus bewohnten und für Tagelohn beschäftigt waren. Sie zahlten Miete an ihren Arbeitgeber. Ihr Lohn bestand aus Geld- u. Naturalleistungen. Ihre Rechtsstellung näherte sich im Laufe der Zeit denen der Gärtner an. (vgl. W. Rothe: Ortsatlas des Kirchspiels Gurnen. 1.Aufl. 2006, Glossar.)

[14] Die Reihenfolge bei der Aufführung einzelner Orte/Güter folgt keinem durchsichtigen Ordnungsprinzip und ist entweder zufällig oder orientiert sich an heute nicht mehr bekannten praktischen Gegebenheiten.

[15] Die ursprünglich aus Thüringen stammende Familie der Schenken zu Tautenburg erhielt 1529 Doben, Steinhof,  Deyguhnen und Kühnort als Lehnsbesitz und war bis 1945 im Kr. Angerburg ansässig. Nach dem Tatareneinfall 1656/57 verlor sie einzelne Besitzungen , konnte diese aber später zurückerwerben. Zwischenzeitlicher Besitzer Tautenburgicher Güter war u.a. die Familie v. Meydel.

Neben den adligen Familien v. Lehndorff  und der Schenken zu Tautenburg, die im Amt Angerburg über den größten Landbesitz verfügten, besaßen auch u.a. die Familien v. Kanitz  und  v. Pröck hier und in den benachbarten Ämtern recht ansehnliche Begüterungen.

 

[16] Landarbeiter meist ohne eigenem Land. Sie erhalten für ihre Arbeit freie Wohnung, Gartenland , Barlohn sowie Naturalien  und sind vorrangig auf privaten Gütern oder staatlichen Domänen beschäftigt.

[17] Kirchspielgrenzen und staatliche Verwaltungsgrenzen waren nicht immer deckungsgleich. Groß Blaustein gehörte in späterer Zeit zum Kirchenkreis Rastenburg.

Bis 1945 gehörten folgende Gemeinden zum Ksp. Rosengarten: Doben, Langbrück, Masehnen, Rosengarten, Steinort, Taberlack (ohne Serwillen, das zum Ksp. Drengfurth gehörte).

 

[18] Gemeint sind hier ländliche Tagelöhner (Losmänner, Losfrauen). Sie wohnen meist auf Gütern oder bei Bauern, sind aber ohne eine feste Anstellung.

[19] Meinhard v. Lehndorff  lebte von 1590-1639.

[20] Vgl. Fußnote15.

[21] Vgl. Fußnote 15.

[22]  Es handelt sich hier um ein Mitglied der Familie der Schenken zu Tautenburg,  die  im Angerburgischen  u.a. die Begüterung  Doben besaßen.

[23] Gemeint sind hier Opfergelder bzw. höhere Kollekten von insg. elf  namentlich aufgeführten Personen sowie ihre Wohnorte im Kirchspiel.

[24] Mit diesen Strafzahlungen wurden Personen belegt, die gegen den kirchlichen Moralcodex verstoßen hatten.

[25] Für das Geläut der Glocken und für die Bestattung innerhalb des Kirchengebäudes  sowie für sonstige außergewöhnliche Leistungen wurden besondere Gebühren erhoben.

[26] Er  war Amtshauptmann in Angerburg von 1659-1666. Sein Epitaph  befindet sich in der Angerburger Stadtkirche.

[27] Das Original dieser Chronik wird heute im Ev. Zentralarchiv in Berlin (Bestandsgruppe 507) aufbewahrt. Eine Kopie besitzt das Angerburger Archiv in Rotenburg (Wümme). Auszüge davon sind im AHB 69/1973 abgedruckt.

[28] Ahasverus  Gerhard v. Lehndorff  lebte von 1637-1688. Er bekleidete  hohe Ämter im Hzt. Preußen und erhielt 1686 vom Kaiser  den Titel eines Reichsgrafen. In der Kirche zu Rosengarten ließ er zwei Alabasterreliefs (Kreuzigung Christi, Hirtenszene) anbringen, die er auf seiner Bildungsreise erworben hatte.   

[29] Ältere Längeneinheit, der  in Preußen etwa 0,31 m entsprechen.

[30] Ernst Ahasverus v. Lehndorff (1688-1727) war mit Marie Louise v. Wallenrodt verheiratet. Es handelt sich hier also um ein sog. Allianzwappen.

[31] Bestattungen innerhalb von Kirchengebäuden wurden während der Regierungszeit König Wilhelm I. (1713-40) aus hygienischen Gründen verboten bzw. auf Ausnahmen beschränkt. Adlige bzw. andere vermögenden Familien legten deshalb eigene  Mausoleumsbauten an, wie z.B. die v. Lehndorffs, zunächst in Labab und dann in Gr. Steinort an. Für die bäuerliche  Bevölkerung wurde die Beerdigung auf Friedhöfen in Nähe ihres Dorfes (sog. Mogillen = Friedhöfe auf der Dorfgemarkung) üblich, auch wenn das Dorf keine eigene Kirche hatte.

[32] Literatur: vgl. Fußnoten 1 u. 2. Abbildungen: Kirchengebäude: AHB 125/2000, S. 72. Kirchenrechnung 1662/63, Anfangsseite: Ev. Zentralarchiv Berlin, Bestandsgruppe 507/1209;  Kirchensiegel, Stempelabdruck: ibid: Lagerbuch der Kirche zu Rosengarten.


 

Kirchspiel Rosengarten[1] den 27. May anno 1581 visitiret

 

Rechnunge der Kirchenveter zum Rosengarten den 27. May anno 81.

 

Nach gethaner Rechnunge, Ist Im Rest verbliebenn

32 mrk 15 ß.

 

Noch seind Schulden, so noch nicht In die Einnahme gebracht, thun lauts der Kirchenvetter Verzeichnus zusammenn

199 mrk 3 ß.

 

Wen man sie eingefordert, muss es in die Einnahme und Rechnunge gezogen, und gebracht werden. In diesen Restat ist Außtendig 13 mrk Beim Schulzen, zu Stawiscken ein gebrachter Decem, Noch haben sie ausgeben auffs Jahr Zuvorstehendenn (?)

12 ½ mrk 4 ½ ß

Mangeln den Kirchennvettern

6 ½ mrk 10 ß sollens auff künfftige Rechnunge einbringen.

 

Inüentarium bey dieser Kirchen Rosengarten

 

4 Corrocke

6 Tücher Aufm Althar

2 Alte Par mesinn Karmesinenn Caseln

1 Silbern vergulter Kellich mit Paten[2]

1 Zinnen Kellich mit Paten,

1 Humeral[3], 2 Zinnren  leuchter

1 Pulpet[4], 1 Sthuel

1 Kasten mit eisren beschlag.

1 vorhangenndt schloß an Kasten

1 handtuch, 2 alte trychte (?), 1 alte monstranz,[5]

1 Kupfren fuß von einer alten Monstranz vergolt(?)…

1 Apollem [6], 1 kleine Crucifix [7]

1 Keßel im taufstein, 1 leinen tuch ubrem taufstein,

1 signir glöcklein[8] auf d kirchen,

2 Glocken ihm thurm,

 

BÜCHER

Eine Kirchenordnunge,

Postilla Rei.[9]

Examen Theologicum[10]

 

Abschiedt so der her Pomesanische Bischoff D. Johannes Wigandus dieser Kirchen Rosengarten, nach geenter Visitation den 27. May anno 1581 gegeben und verlassen.

 

In dieser Kirchen, Ist in vorstehender Visitation Pfarher Befunden, Ehw. Albertus Dolengowius. Ist im Nahmen, F.D. zu Preussen Anhero beruffen, und vom Alberto Meldio ordiniret. Ist im aufferleget den heiligen Catechismum, in der Kirchen fleissig zu treiben, die Sontage fur der Predigt, die Fünff hauptstücke des Catechismi von Wort zu Wort fein deutlich fur zulesen, und alle Sontage auch Vesper zu halten, und darin wiederumb die Stücke des Catechismi nach dem Text fur sagen, und ein Stuck nach dem andern erkleren, und also, alle Sontage fort fahren, damit die leute nicht alleine die Fünff Stucke lernen, sondern auch verstehen mögen, und sol sich sonsten der Pfarher in allen Punkten, dem vorigen abschiedt, in nechst gehaltener Visitation gemess verhalten, und demselben nach lebenn. In sonderheit aber ist er mit allem fleisse vermahnet worden, das er ein unergerliches leben führe, und fleissiger studiere, damit er die leute in Gottes Wort mit nutz und frucht Unterrichten möge, In Ceremonien sol er nichts Neues anfangen, und alle zeit, wen Communicanten verhanden, das messgewand gebrauchen, die lichte aufm althar lassen anzünden, und da keine Communicanten verhanden, den Chorrock alle zeit auff die Sontage gebrauchenn.

 

Besoldunge des Pfarhernn

Es ist dem Pfarher in jetziger Visitation seine Besoldunge mit 20 mrk verbessert, das er hinfurt 70 mrk zu jehrlicher Besoldunge habe, welch ihme von Quartal zu Quartal sollen gegeben werdenn.

Schulmeister hat zu seiner Besoldunge 15 mrk ist wegen seines alters und fleisses ihme mit 5 mrk verbessert, sol sei fur der hinfurder jerlich 20 mrk haben, ist im auferleget, das er fleis habe, auff das er mit Knaben die Schule anrichte, dazu den der Pfarher die leute mit fleisse ermahnen soll, und sol sich sonsten, in allen Punkten, wie in nechst gehaltener Visitation sonst genug vorgeschrieben verhalten,

Er sol auch keine Neue lieder in die Kirche einführen, und furnemlich der lieder, D. Luthers soll singen, sich fleissigen und alle Tage des morgens und abendts leuten und

 zumittage die Betglock anschlagen, dem Pfarher sol er In Kirchen sachen gebührenden gehorsam leisten auch auf sein erfordern mit ihme zu den Kranken gehen,

 

Wiedem Bau

Die Wiedem ist ziemlich erbauet, es mangelt aber an einem Studier Stüblein, auch sindt Stelle un Schoppen ubel erbauet, der wegen sollen die Kirchenvetter mit zu thun des gantzen Kirchspiels solches auff eheste verfertigen, damit sich der Pfarher ferner nicht zu beschwerenn.

 

Kirchen Bau
Die Kirche ist neue erbauet, soll vollendts durch die Kirchenvetter mit zu thun des gantzen Kirchspiels vorfertiget und fein zierlichen angerichtet werden, weil auch der Kirchen vorrath  zu diesem Kirchenbaue angegrieffen, und in nechster[11] Visitation das ganze Kirchspiel gewilliget, solches geld so aus der lade genohmmen, wieder von jeder hube 2 gl[12] jerlichen bis solches gefallen, zu erlegen[13], sollen die Kirchenvetter hier über halten, und dasselbe gemelter gestalt einmahnen,

 

Kirchenvetter und ihre Bestallunge

George deutscher Schultz zu Rosengarten

Lasar ein frey zu Rosengarten,

Paul Schultz zu Lababke,

Lorenz von Doben,

 

Diese seindt beeidiget, darauf ihnen aufferleget, das sie in ihrem ampte sollen treu und fleissig sein, die gebeude der Kirchen Wiedem und Schulen, damit die selben nicht untergehen, gut acht zu geben, auch fleissig mit der Taffel umbgehen Wo das von inen nach gelassen wurde, sol ein ieder der einen tag verseumet, und nicht seinen Compan bestellett die Kirchen für den selben ieden tag 30 ß erlegen, darüber der her hauptman zu halten, und sol sich sonst in alle massen, nach der vorigen vorgeschriebenen Ordnunge, so in nechst gehaltener Visitation den hern Visitatoribus wol und gut gemacht, Und alle ihm Kirchspiel mit nahmen zu Register bringen und alles im Specie verzeichnen, und allezeit ehe den der decem eingenohmen, ein sollich Register machen lassen, und der da gibet mit debit verzeichnen den alle Jahr dem hern heuptman gute Rechnung tun … Es sollen auch die Kirchenuetter hinfurder den decem er geordenet, ohne nachlassen einmahnen, und keine schulde auffwachsen (?) lassen, wo es aber geschehe und die Kirche darüber in ungewisse schulde gerathen sollen sie solches vom dem ihrigen erstatten.

In allen andern Punkten, welche allhier mus in (? kann hier nur sinngemäß „fehlen“ bedeuten.) derhalbet sollen Pfarher, Schulmeister und Kirchenvetter der vorigen Ordnunge sich bequemen, und so nach den vorigen als diesen abschiedt polnisch machen sich vorlesen lassen, und ferner darnach richten, Aus allerley bedencklichen Ursachen, hat der her Bischoff geordenet, das der Amptschreiber zur Angelburgk, weil es im ampte ist, die Kirchen Register bey dieser Kirchen, wie den auch bey den andern halten sol, dauor sollen im alle Jahr aus der lade 2 tahler gegeben werdenn.

 



[1] Dieses stand zum Zeitpunkt der Visitation noch unter landesherrlichem Patronat. Erst später (1683) gingen die Patronatsrechte und –pflichten an das Adelsgeschlecht v. Lehndorff (Steinort) über.

[2] Abendmahlsteller auf dem die Oblaten liegen und der auch zur Abdeckung des Kelches dient.

[3] Humeral oder auch Amikt: Liturgische Bekleidung = Schultertuch

[4] Es handelt sich hier um ein Lesepult (Kanzelpult).

[5] „Eine Monstranz ist ein kostbares Zeigegerät für den Leib des Herrn. Der Name Monstranz kommt aus dem Lateinischen. Es steckt das Wort monstrare drin, und das heißt eben zeigen. In der Mitte der Monstranz ist eine Glaskapsel, und in die Mitte dieser Kapsel wird eine geweihte Hostie gesteckt, also der Leib des Herrn. Auf diese Kapsel hin laufen kostbare Strahlen, die vergoldet oder versilbert sind. Sie sollen zeigen: Das, was da in der Mitte gezeigt ist, ist enorm kostbar, das Kostbarste, das es eigentlich auf der Welt gibt. Erfunden wurde die Monstranz im Mittelalter: Die Menschen hatten das Bedürfnis, Christus anschauen zu können. Und so kamen die Fronleichnamsprozessionen auf. Für jeden sichtbar wird Christus in der Monstranz durch die Straßen der Städte und Dörfer getragen, um damit den Segen aus dem Gottesdienst hinauszutragen in den Alltag.“

[6] Gemeint ist vielleicht eine „Ampolle“, die zur Aufbewahrung von Messwein diente. Diese nannte man auch „Messpolle“ oder lat.: „amula“.

[7] Geschätztes Alter 1500 – 1570 (s. Chronik)

[8] Gemeint ist hier eine kleine Glocke (Schelle), die betätigt wurde, um besondere Höhepunkte im Gottesdienst anzuzeigen, z.B. den Augenblick der Wandlung,  d.h. den Übergang von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi beim Abendmahl.

[9] Postillen für kirchliche Zwecke enthielten biblische oder andere Texte und Gebete unterschiedlichster Art und dienten dem Pfarrer als Hilfsmittel im Gottesdienst und bei anderen geistlichen Verrichtungen. Eine „Hauspostille“. ist auch von Martin Luther verfasst worden.

[10] Unter diesem Titel sind theologische Werke unterschiedlicher Verfasser überliefert, so etwa  von Philipp Melanchton (1497-1560) dem Wittenberger Reformator und Freund Luthers. Es wurde von Johann Radomski ins Polnische übersetzt und 1566 gedruckt. Radomski, Diakon und Pfarrer in Neidenburg, war Mitarbeiter von Hieronymus Maletius (gest.1584) , dem  Erzpriester in Lyck.

[11] vorhergehender Visitation, also wohl der vom Jahre 1574 durch Bischof  Venediger

[12] gl =Abkürzung für Groschen.

[13] Es geht hier um eine Sonderabgabe für den Kirchenbau.