"SCHLOSSHOTEL"
Der Saal und die Novemberrevolution

Erinnerung an die Angerburger Gaststätten von Gerhard Freundt

Das Grundstück an der Südseite des Neuen Marktes, auf dem das Schloßhotel stand, gehörte den Wittkos, deren Gutshaus, mit dem großen Garten an der Angerapp, gegenüber dem alten Semin, an der Lötzener Straße lag. Auf dem Gelände am Markt, neben der alten Post, befand sich schon früher eine Gaststätte, die der alte Wittko verpachtet hatte. Dieses Haus brannte zu Beginn dieses Jahrhunderts bis auf die Grundmauern nieder. Dann baute Herr Wittko hier ein Hotel auf, das den Namen "Schloßhotel" erhielt.

Das Schloßhotel hatte eine ornamental leicht vom "Jugendstil" bestimmte Fassade und bot einen recht repräsentativen Anblick.

Es gehörte seinerzeit zu den modernsten Gebäuden unserer Stadt. Auch dieses Hotel wurde von Wittko verpachtet. Ein Pächter war der Gastronom Winter, der später die "Konditorei Winter" am Alten Markt eröffnete. Danach übernahm Egon Scharnick die Bewirtschaftung des Schloßhotels.

Zu den Stammgästen des Schloßhotels zählten vornehmlich die Honoratioren unserer Stadt, u. a. der Bürgermeister. Laser, später dann Bürgermeister Laudon, ferner Hugo Priddat, der Herausgeber unserer beliebten Stadtzeitung "Bote am Mauersee", die Amtsrichter, Rechtsanwälte und Ärzte, - selbstverständlich auch der Herr Wittko selber.

Die Haupteinnahmequelle des Hotels war jedoch der neuerbaute Saal, den Vereine und Gesellschaften nun für ihre Festivitäten bevorzugten, wodurch dem Saalgeschäft in der Theaterstraße eine ernstzunehmende Konkurrenz erwuchs. Die älteren Angerburger werden sich noch heute mit Wehmut all der schönen Feste erinnern, die sie hier im Saale des Schloßhotels mitfeiern und miterleben durften.

Auch saß es sich gemütlich im "Dampfergarten" hinter dem Hotel gegenüber dem Schloß und der Dampferanlegestelle.

Aber auch eine historische Bedeutung kam dem Saal des Schloßhotels zu: Hier wurde im November 1918 in Angerburg "Revolution" gemacht !

Friedlich wie unsere Angerburger immer waren, kümmerten sie sich anfänglich überhaupt nicht um das, was nach dem Ende des 1. Weltkrieges in Berlin oder sonstwo "oberwärts" geschah. Sie waren zufrieden, daß sie nun wieder ungestört ihrer altgewohnten Arbeit nachgehen konnten. Das lag natürlich nicht im Sinne der Umstürzler in den größeren Städten. Auch Angerburg sollte an der Morgenröte einer neuen Zeit teilhaben. So erschienen denn eines Tages ein mit Spruchbändern und blutroten Fahnen bespickter Lastkraftwagen, besetzt mit einem entsprechenden Team des Insterburger Revolutionskomitees. Dieses berief eine "Volkversammlung" im Saal des Schloßhotels ein. Agitatoren hielten vor unseren Angerburgern gewaltige Reden, versprachen soziale Gerechtigkeit und den roten Himmel auf Erden. Dann forderten sie die Angerburger auf, einen Arbeiterrat zu wählen. Und die Angerburger wählten! Sie wählten aber in den Arbeiterrat Männer, die sie schon seit Jahr und Tag als geachtete Bürger kannten, u. a. Kannapin, den Polier des Maurer­und Zimmermeisters Woitkowitz, den Volksschullehrer Strass, ferner einen bisher "königlich-preußischen Eisenbahner" und einen "zugereisten" Architekten namens Streicher, der später Landrat des Kreises Angerburg wurde.

Das Insterburger Revolutionskomitee zeigte sich zufrieden. Fahnenschwenkend und mit den einschlägigen Hoch- und Heilrufen zogen die Mitglieder des Revolutionskomitees wieder ab. In Angerburg blieb, nicht zuletzt eben durch diesen gewählten Arbeiterrat, im großen und ganzen alles bei einer vernünftigen Ordnung, wie sie unter den Umständen lebenswichtig war. Zwar versuchten noch ein paar Hitzköpfe,sich ein bißchen interessant zu machen, doch scheiterten ihre radikalen "Sozialisierungsbestrebungen" rasch an den harten Realitäten des Nachkriegsalltags.

In diesem Zusammenhang soll aber auch erwähnt werden, daß im Saal des Schloßhotels später nicht nur Festlichkeiten und die Aufführungen des Landestheaters stattfanden, sondern daß er erneut und in zunehmendem Maße als Schauplatz für politische Auseinandersetzungen dienen mußte; - in zunehmendem Maße auch hinsichtlich der Härte des Stils der Auseinandersetzungen sowie deren schicksalhafter Bedeutung, - in jener letzten Zeit, als die Weimarer Republik ihrem Ende entgegenging. -