Der Angerburger Landrat Hermann Carl Schmidt

Zu den Landräten des Kreises Angerburg aus dem 19. Jahrhundert, dessen Nachruhm in historisch interessierten Kreisen bis in die Gegenwart wirkt, gehört ohne Zweifel Hermann Carl Schmidt. Der Grund dafür liegt nicht so sehr auf dem kommunalen Sektor und Schmidts Leistungen für die Entwicklung Angerburgs während seiner Amtszeit, sondern ist vorrangig durch sein 1860 im Verlag von F.J. Priddat veröffentlichtes Werk: „Der Angerburger Kreis in geschichtlicher, statistischer und topographischer Beziehung “begründet worden. Dieses Werk mit einem Umfang von über 300 Seiten ist heute nur noch in ganz wenigen Exemplaren erhalten, zählt aber nach wie vor zu den Standardwerken der Angerburger Kreisgeschichte. Schon bald nach seiner Veröffentlichung wurde es als vorbildlich gerühmt, weil es auf der Auswertung archivalischer Quellen basiert und auch Vorgänge aus der Amtszeit des Verfassers geschickt und sachkundig in die Darstellung einzubeziehen versteht. Nachdem durch Kriegsgeschehen und Vertreibung der überwiegende Teil der lokalen Angerburger Aktenüberlieferung vernichtet worden war (1), war die Darstellung von Schmidt, die einzige Sekundärquelle, die detaillierte Ausführungen über geschichtliche Abläufe im Kreis Angerburg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts enthielt. Und auf dieses Werk ist denn auch sehr häufig zurückgegriffen worden, nicht zuletzt auch in starkem Maße von Erich Pfeiffer bei der Abfassung seiner Monographie über den Kreis Angerburg(2). Über Schmidt selbst war hingegen bisher nur wenig bekannt, obwohl bereits in dem von Walter Hubatsch hrsg. Grundriss zur deutschen Verwaltungsgeschichte (1815-1945) und zwar in dem 1975 vorgelegten Band über die Verwaltungsgeschichte von Ost- und Westpreußen (3) darauf hingewiesen wurde, dass die Personalakte von Carl Hermann Schmidt erhalten ist und sich heute im Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin befindet.(4)

Dieser Akte sind zwar keine ausführlichen biographischen Angaben über Schmidt und sein Lebensumfeld zu entnehmen, sie gibt aber einzelne Hinweise auf Schmidts Karriere als preußischem Beamten. Diese war keineswegs nur mit dem Angerburger Kreis verbunden.

Hermann Carl Schmidt wurde am 25. Februar 1821 in Königsberg geboren. Es ist zu vermuten, dass er Kindheit und Jugend sowie die Ausbildungsjahre ebenfalls in der Residenzstadt des Königreichs Preußen verbrachte. Dem Militär hat er nicht angehört.

1843 wurde Schmidt als Referendar bei der Königsberger Regierung vereidigt. Nach seiner vor der Königlichen Hohen Ober-Examinations-Kommission in Berlin abgelegten Prüfung wurde er 1848 zum Regierungsassessor ernannt und mit der kommissarischen Verwaltung des Landratsamtes in Angerburg betraut. Der Osteroder Landratsposten, auf den er sich auch beworben hatte, war kurz vorher mit einem anderen Aspiranten besetzt worden. Schmidts Ernennung zum Landrat in Angerburg erfolgte im Jahre 1850, und er übte diese Funktion bis 1861 aus. Über Einzelheiten seiner Tätigkeit im Kreis Angerburg enthält die oben zitierte Akte keine näheren Hinweise, wohl aber wird mehrfach hervorgehoben, dass die vorgesetzten Behörden mit seinen Leistungen sehr zufrieden waren. Im Jahre 1856 wurde er deshalb mit dem Roten Adlerorden (IV.Klasse) ausgezeichnet. Die positive Beurteilung seiner Angerburger Tätigkeit führte wohl auch dazu, dass er zu Anfang des Jahres 1861 für eine kommissarische Beschäftigung beim Preußischen Innenministerium in Berlin herangezogen wurde.

Aus personaltechnischen Gründen währte dieses Arbeitsverhältnis in Berlin nicht lange, führte aber dazu, dass der damalige preußische Innenminister, Graf v. Schwerin, Schmidt für eine Tätigkeit bei der Königsberger Regierung in Vorschlag brachte. Graf v. Schwerin schrieb:“ Ich habe durch die Beschäftigung des Landraths Schmidt, der schon als Landrath sich den Ruf besonderer Tüchtigkeit erworben hat, die Überzeugung gewonnen, dass er auch in einem Regierungs-Collegium sehr ersprießliche Dienste leisten würde.“ (5). Nach Abstimmung mit dem preußischen Finanzminister wurde der Königsberger Regierung empfohlen, Schmidt zu übernehmen und ihn später zum Regierungsrat zu befördern. Die Weisung aus Berlin stimmte mit dem Wunsch des Ostpreußischen Oberpräsidenten Eichmann überein, der „sich den Schmidt erbeten hat.“(6) Schmidts Ernennung zum Regierungsrat erfolgte am 15.1.1862. Seine Besoldung betrug 1000 Thaler/jährlich.

Von den Angerburger Kreiseingesessenen verabschiedete sich Schmidt mit herzlichen Worten, die auch im Angerburger Kreisblatt (2.9.1861) abgedruckt wurden. Er versicherte u.a.: Auch von Königsberg aus „werde ich die Geschicke meines lieben Angerburger Kreises…mit meiner wärmsten Theilnahme begleiten.“ Für Schmidts Verabschiedung von Angerburg wurde eigens eine Festkommission gebildtet, welche die Gutsbesitzer Girod (Siewken), v.Jaski (Langbrück), Kiehl (Angerhof), Vogel (Jakunowen) sowie August Thesing, Direktor des Kreisgerichts, angehörten. „Es soll ihm durch ein Festmahl im Gasthoffbesitzer Keil’schen Lokale unsere Achtung und Liebe bethätigt werden, “verlautete im Kreisblatt vom 13.9.1861. „Das Couvert kostet exclusive Wein 1 Thlr. 15 Sgr.“ Und interessierte Teilnehmer wurden gebeten, sich umgehend zu melden. Landrat Schmidt bereitete indessen seinen Umzug vor und inserierte im Kreisblatt (16.9.1861) „Am Mittwoch den 25. September von 9 Uhr vormittags ab beabsichtige ich in meiner Wohnung mein Mobiliar, bestehend in verschiedenen Mahagoni- und Eschenmöbeln, Küchengeräth, ferner einen Verdeck, einen offenen Wagen, Schlitten, Pferdegeschirr u.m.dgl. im Wege der Auktion zu verkaufen.“ Offenbar waren die Kosten für einen Transport von Angerburg nach Königsberg damals so hoch, dass für Schmidt nur ein Verkauf in Betracht kam. Und die Übernahme von Umzugskosten war abgelehnt worden, weil Schmidt zunächst nur kommissarisch beschäftigt und noch nicht in eine Planstelle eingewiesen worden war. Über Schmidts konkretes Arbeitsfeld bei der Königsberger Regierung fehlen detaillierte Angaben. Bekannt ist nur, dass er u. a. auch als „Kgl. Kommissarius bei den Geschäften der Ost- und Westpreußischen Landarmen-Direction“ mitwirkte.

1869 war eine weitere Ordensverleihung fällig: der Kronen-Orden (IV. Klasse).

Am 19. Juli 1870 wurde Schmidt zum Ober-Regierungsrat ernannt. Ihm wurde jetzt die Dirigentenstelle der Abt. für die Kirchenverwaltung und das Schulwesen bei der Regierung zu Magdeburg übertragen. Sein bisheriges Gehalt von jährlich 1400 Reichstalern wurde durch eine Dirigentenzulage von 300 Reichstalern/jährlich aufgestockt. Nach sechsjähriger erfolgreicher Tätigkeit in Magdeburg  erhielt er erneut eine Auszeichnung: den Roten Adlerorden (III.Klasse) mit Schleife. Kurz danach wurde er an die Regierung in Breslau versetzt und blieb auch hier der Kirchen-und Schulverwaltung zugeordnet Im Jahre 1887 bat Schmidt nach einer 44-jährigen Dienstzeit um die Versetzung in den Ruhestand. Sein „Nervenleiden“, an dem er seit längerer Zeit laboriere, sowie die Verschlechterung seiner Sehkraft (grauer Star) hätten ihm die Erfüllung seiner Dienstpflichten aufs Äußerste erschwert. Das Regierungspräsidium in Breslau kam Schmidts Bitte nach, der auf eine „ehrenvoll zurückgelegte Dienstzeit…zurückblicken“ könne, „in welcher er in wirklich seltener Weise in seinen Hauptobliegenheiten völlig aufging“ (7) Wie seinem Amtsvorgänger in Breslau wurde Carl Eduard Schmidt bei seiner Verabschiedung aus dem aktiven Dienst der Rote Adlerorden (II. Klasse) mit Eichenlaub verliehen. Sein Ruhegehalt wurde auf 5544 Mark festgesetzt. Über die weiteren Lebensumstände Hermann Carl Schmidts und sein Todesdatum liegen keine Angaben vor.

 

1)Der weitaus überwiegende Teil der 1944/45 aus dem Angerburger Kreisgebiet verlagerten Akten hat das Kriegsende nicht überdauert. Nur die ältere Aktenüberlieferung aus dem Kreisgebiet, die lange vor 1944 schon in das Königsberger Staatsarchiv gelangt war, konnte zum größeren Teil gerettet werden und ist heute im Geheimen Staatsarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin benutzbar.

2)Pfeiffer, Erich: Der Kreis Angerburg. Ein ostpreußisches Heimatbuch. Kreisgemeinschaft Angerburg, 1973.(2. Auflage noch lieferbar).

3)Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte. 1815-1945. Reihe A: Preußen, hrsg. von Walther Hubatsch. Bd.1: Ost-und Westpreußen, bearb. von Dieter Stüttgen. Marburg 1975.

4)GStA Berlin, Hauptabt. I, Rep.77, Nr.2448 (Min. d. Inneren, Beamtensachen,1848-1887).
(In den Reposituren 77 und 90 sind außerdem Akten über die folgenden Angerburger
Landräte enthalten: 77/Nr.913: Erich Julius Feige (Landrat v.1861-1867);77/ Nr.2214: Staudy(1867-1869); 77/Nr. 2214: Frh. v. Salmuth (1869-1875); 90/Nr.1031, Bd.I: Köhn v. Jaski (1875-1883); 90/Nr.1031, Bd.I: Ernst v. Kannewurff (1884-1892); 90/Nr.1031, Bd.I: Dr. Beeckmann (1893-1906); 90/Nr.1031, Bd.I: Heyl (1907-1915); 90/Nr.1031, Bd.I: Dr. Kurt Wiechert (1915-1920); 90/Nr.1032, Bd.II: Wilhelm Ellinghaus (1929-1930); 90/Nr.1032, Bd II: Franz Rudnitzki (1930-1933.)

  5)Rep.72, Nr.2248, Bl.20

6)Rep.72, Nr.2248, Bl.21

7)Rep.72, Nr.2248, Bl.63v

Georg Malz