Auszüge aus der Chronik der Stadt Angerburg von Johannes Zachau

Johannes Zachau, Altphilologe aus Marienburg erhielt im September 1920 vom Magistrat Angerburg den Auftrag, zum Anlass des 350 - jährigen Bestehens der Stadt im Jahre 1921, eine Chronik der Stadt Angerburg zu schreiben. Er untersuchte die im Staatsarchiv Königsberg befindlichen Urkunden über Angerburg.
Da die Zeit für eine ausführliche Auswertung der sehr umfangreichen Dokumente nicht ausreichte, entschied er sich einen Überblick auf historischer Ebene zu geben. Unter Einstreuung einiger Urkunden als Text, beschreibt er das Erleben der Stadt während der dreieinhalb Jahrhunderte und über das Werden ihrer Einrichtungen.
Das vorliegende Exemplar enthält eine Widmung des damaligen Bürgermeisters Oskar Laudon:
" Dem hochherzigen unbekannten Spender der Festmusik zum 350-jährigen Stadtjubiläum mit herzlichen Dank zur Erinnerung an die Jubiläumsfeier der Stadt Angerburg überreicht.
Angerburg, den 20. August 1921
Laudon, Bürgermeister"


Inhalt:

Älteste Zeit
Die Ordenszeit
Bis zur Erhebung Preußens zum Königreich
Bis zum unglücklichen Krieg
Bis zur Gründung des Deutschen Reiches
Bis zur Gegenwart (1921)


Älteste Zeit

Dichte Dunkelheit liegt über der ältesten Geschichte unserer Gegend wie über der des ganzen Preußenlandes. Erst als der " Orden der Ritter des Hospitales von Sankt Marien der Deutschen zu Jerusalem" sein Kolonisationswerk beginnt, kommt allmälich Licht in diese Dunkelheit. Über die Zeit vorher kann uns nur die Prähistorie Aufschluß geben. Leider aber sind für unsere Angerburger Gegend die Denkmäler aus jener Zeit sehr gering, obwohl Masuren an Grabhügeln und Totenfeldern reich ist, und zwar deswegen, weil hier der Anbau erst viel später begann. ...

Auch einen schönen alten Schloßberg hat unsere Gegend, es ist der Grodzisko-Berg. Schon Henneberger erwähnt ihn um 1595. Am genauesten aber beschreibt ihn 1726 der Pfarrer Drigalski von Kutten. Hören wir ihn selbst: " Dieser Berg ist von einer entsetzlichen Höhe und sehr steil rundum und außer der Nordseite fast nicht zu besteigen. An dieser Seite geht er lang herunter, und muß daselbst der Weg und Zugang zu dem Berg gewesen sein und in der darauf noch zu spürenden Schanze ein Tor gestanden haben, weil die darauf noch stehende Schanze an dem Orte einen Durchbruch hat. Auf diesem Berge muß notwendig eine Festung ehemalen gestanden haben, wie die Rudera noch davon zeugen, auch eine ziemliche Schlacht vorgegangen sein, weil auf demselben viele Intrumenta bellica, als Eisen von den Spießen und Pfeilen, allerhand messingen Waffen und alte Sporen gefunden sind. Dieser Berg ist ungefähr vier bis fünf Gewende lang und auch mehrenteils also breit. In der Mitte hat er ein Loch oder Dümpel, darinnen ehemalen allezeit Wasser gestanden. Da aber, wie mich ein alter Mann berichtet hat , in diesem Dorfe Wasser gefehlet und die Dorfschaft das unten am Berge liegende Flüßchen geräumet hat, haben sie in der Erde kiehnichte Röhren gefunden, die  von dem eine Viertelmeile davon liegenden Gusewschen See das Wasser unter den Berg geleitet haben und als sie solche Röhren entzweigehauen, habe sich auch die Quelle auf dem Berg verloren."

Die Münzen, die hier gefunden wurden, sind zweifellos römische, von denen ja auch viele andere in Preußen gefunden sind. Wir können daraus schließen, daß die Bewohner dieses Landes schon früh mit den Römern durch den Handel in Verbindung getreten sind. Es ist in erster Linie der glänzende Bernstein, der von hier nach Italien ging, aber auch Pelzwerk ist sicher gehandelt worden. Die Münzen sind dann mit sonstigem Schmuck den Verstorbenen in den Grabhügel mitgegeben worden.

Reste von Altertümern sind auch auf der Insel Gilm im Dobensee, dem westlichen Teil des Mauersees, aufgefunden. Auf ihr fand man außer Überresten von Mauerwerk auch eine Menge Steithämmer von Stein, Pfeilbolzen, Schlösser, Lanzen, Nägel, alles von Eisen. Ob diese Funde der Zeit der Ordensherrschaft oder des Heidentums zuzuweisen sind, ist fraglich. Das vollständige Fehlen von Urnen deutet auf die erste hin, die zahlreichen Streithämmer dagegen auf die zweite.

Wir sehen: Nur gering sind die Denkmäler aus alter Zeit in der Umgebung unserer Stadt. ...

 


Die Ordenszeit

... Die erste Burg die der Orden in dem neu eroberten Gau Galindien anlegte, war das Ritterschloß Angerburg. Daß vorher dort Siedlungen gewesen sind, ist klar, wenn wir auch keine Berichte hierüber haben, wie ja überhaupt trotz ihres sehr bedeutenden Umfanges die Landschaft Galindien in der Geschichte des Eroberungskrieges der Ordensritter nur selten erwähnt wird. Von einer alten Burg Angetete berichtet Henneberger. Er erzählt, daß der Konthur von Königsberg im Jahre 1256 einen Haufen Volks versammelt und in dieser Gegend außer anderen heidnischen Burgen auch Angetete verheert habe. Er meint daß Angetete später Angerburg genannt sei. Werner berichtet daß zu seiner Zeit, also um das Jahr 1750, noch einige dem alten Angetete gehörige Überbleibsel im Mauersee zu sehen gewesen. Tatsächlich fand man im Jahre 1856 bei den Bauten zur Herstellung einer Dampfschiffahrtsstraße im Seegrunde und in der Angerapp alte eichene Pfähle. Dieselben gehörten aber nach Bötticher und Schmidt zu einer alten Brücke zwischen Engelstein und Kehlen. Keinesfalls werden wir allein aus dem Funde der Pfahlreihen auf eine Preußenburg schließen dürfen. Schmidt ist der Ansicht, daß Angetete aus Angelete verdorben sei und keine andere Burg bezeichne als Auctolite d. h. das heutige Wohnsdorf.

Zweifel herrschen auch über die Zeit der Anlage des Schlosses Angerburg. Nach Henneberger ist es ursprünglich am Mauersee im Jahre 1312 erbaut, nach Töppen dagegen erst 1335. Welche von beiden Zahlen die richtige ist, wird sich nicht feststellen lassen. Manche Schriftsteller nehmen sogar das Jahr 1412 an. Diese Zahl erklärt Werner und mit ihm Maschke so, daß das alte Schloß von dem littauischen Herzog Kynstutt zerstört und "dasselbe in der Art verbessert sei, daß es gleichsam als wie neu erbaut erschienen". In den ersten Wochen des Jahres 1365 zog nämlich der genannte Herzog durch die Wildnis, die damals das Ordensland gegen die feindlichen Nachbarn schützte, auf Angerburg vor, verheerte ringsum das Land und eroberte das Haus mit Gewalt. Folgende Verse melden sehr kurz das Ereignis:

"Der litthauisch Herzog, genannt Kynstod
In Preußen kam, schlug viel tod
Und Angerburg mit Gewalt gewann
Darnach ging ein Scharmützeln an."

Das Schloß war vollständig "ruiniert." Aber erst im Jahre 1398 wurde es an seiner jetzigen Stelle, also weiter landeinwärts, vom Oberst-Marschall in Königsberg, zu dessen Komthurbezirk diese Gegend gehörte, erbaut. Schon 1469 wurde die Burg vom Orden den Brüdern Amseln und Hans von Tettau verschrieben; später dem Christoph Schenk durch den Hochmeister Albrecht von Brandenburg. Die Befestigung war aus Stein erbaut, mit Ecktürmen versehen und lag auf einer Insel, die von zwei Armen der Angerapp gebildet wurde. Durch Zuschüttung der damals bis zur Freiheit führenden und dort sich mit dem anderen Arm vereinigenden Abzweigung der Angerapp hat das Schloß seine insulate Lage eingebüßt. Den Grundriß des Schlosses bildet ein Quadrat, dessen Hauptfront an der Straße ungefähr 62 m mißt. Die Front nach dem Hafen hat 72 m Länge, während die Seite nach der Angerapp zu 75 m lang ist. Von den stolz aufragenden Zinnen und Türmen, welche die Burg zur Ritterzeit krönten, ist heute keine Spur mehr vorhanden. Nur die beträchtliche Stärke der Mauern, die halbkreisförmige Einfahrt mit den drei mehrfach veränderten Kreuzgewölben und ein Dreiviertel-Rundturm in einer Ecke des Schloßhofes erinnern noch an die alte Ritterherrlichkeit. Gegenwärtig (1921) sind in dem Schloß das Amtgericht und das Katasteramt untergebracht.

Aufgabe des Ordens war es, unseren Bezirk Galindien nicht blos zu erobern, sondern auch Kultur in die Wildnis hineinzubringen. Zu diesem Zweck gründete er dann auch in der zweiten Hälfte des 14. und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts einen großen Teil der Ortschaften des Angerburger Kreises, welche westlich von der Angerapp liegen. In dieser Zeit machte die Landeskultur außerordentliche Fortschritte. So datiert aus dieser Zeit die Verschreibung folgender Ortschaften: Masehnen (Dorf) 1392, Resau 1403, Engelstein 1406, Goge (Guja) 1406, Reussendorf (Gut Reussen) 1421, Prumsdorf (Prinowen) 1435, Rosengarten 1437, Pilwe 1437, Hartenstein 1438, Thiergarten 1452, Kehlen 1478, Dorf Doben 1496, Gut Masehnen 1496, Grieslak 1496, Neudorf (Stadt Angerburg) 1514. ...

In diesem Zusammenhang sei es gestattet noch ganz kurz auf die Landesverfassung des Herzogtums Preußen einzugehen. Sie schloß sich unmittelbar an die des Ordens an. An die Stelle der Großgebietiger traten die Regiments- oder Ober-Räte, als Kollegium später die Preußische Regierung genannt, nämlich der Landhofmeister, Ober-Burggraf, Kanzler, und Obermarschall sowie an Stelle der Komthure und Pfleger die Amts-Hauptleute als Vorsteher der Ämter. Der Amtshauptmann hatte ziemlich denselben Geschäftskreis wie früher die Komthure. Er war nicht blos mit der Verwaltung der  landesherrlichen Einkünfte, sowie der geistlichen Angelegenheiten seines Bezirks sondern auch mit der Justiz in demselben, mit Ausnahme der Städte, die ihre eigenen Gerichte hatten, betraut. ...


Bis zur Erhebung Preußens zum Königreich

Die Gründung unseres Ortes weißt auf das Jahr 1514 zurück.
Neben dem Schlosse Angerburg waren schon früh im vierzehnten Jahrhundert Burglehen ausgegeben; um das Jahr 1450 gab es schon daselbst eine Ortschaft, aus welcher Rath, Schöffen und Gemeine vor dem Hochmeister zur Huldigung erschienen. Diese Ortschaft muß aber in dem bald darauf ausgebrochenen Kriege sehr zurückgekommen sein; denn beim Jahre 1478 wird man durch die Notiz überrascht, daß dieselbe keine Kirche gehabt habe. Es heißt nämlich in der Handveste des benachbarten Dorfes Kehl von diesem Jahre: "Die Einwohner des Dorfes sollen ihren Kirchgang und Gottesrecht tun und suchen zu Engelstein gleich den Thiergartern; geschehe es aber, daß man eine Kirche vor dem Schlosse zu Angerburg bauen würde, so sollten sie zur derselben Kirche und nicht zum Engelstein gehören. Nachdem eine Kapelle schon im Jahre 1479 erbaut war, erhielt der Ort unter dem Namen Neudorf (auch Neuendorf) oder Geratewohl (Gerate wohl?) eine neue Verschreibung von dem Hochmeister Albrecht von Brandenburg im Jahre 1514, in welcher 60 Hufen für das Dorf, 6 Hufen für den Schulzen Michel Pankewitz, zu kölmischem Rechte, die letzteren frei, die ersteren zins- und scharwerkspflichtig ausgeworfen wurden. Die Inhaber der scharwerkspflichtigen Hufen hatten nicht nur von je zwei Hufen einen Morgen Gras zu schlagen und aufzubringen, und ein Viertel Holz zu setzen und zu fahren, sondern auch jährlich 3 Tage zu pflügen und 8 Tage zu handscharwerken. Der Pfarrer sollte wie im Kehl statt der Naturalabgabe des Messekorns von jeder Hufe 8 alte Schillinge erhalten. Erst im Jahre 1528 wurde die Kirche zu Angerburg aus Holz gebaut, welche bis zum Ende des Jahrhunderts stand.

Ob die Ortschaft ihren Namen bis zur Gründung der Stadt behalten oder schon vor Gründung derselben Angerburg gehießen hat, läßt sich nicht genau feststellen. Nach Zweck hat sie erst bei ihrer Erhebung zur Stadt den Namen Angerburg erhalten, nach Werner schon vorher gehabt. Den Namen Angerburg versucht Werner zunächst von Angetete abzuleiten, doch dann kommt er zu der besseren Erkenntnis, daß der Name Angerburg von dem nahe gelegenen Fluß Angerapp herrührt, "welches letztere wohl das wahrscheinliche ist." Angerburg bedeutet auch m. E. nichts weiter als eine an der Angerapp befindliche Burg wie auch Insterburg den Namen von der nahe gelegenen Inster und Allenburg ihn von der vorbeifließenden Alle hat. Es bleibt noch zu erörtern, woher der Fluß Angerapp seinen Namen hat. Nach der Stadtchronik bedeutet Angerapp Fluß vom Anger ab, vom Anger herunter nach der alten Schreibweise Angerap. Die Erklärung erscheint mir falsch. Ich schließe mich der von Braun an. Der Name Angerapp stammt aus dem Altpreußischen her und bedeutet Aalfluß und somit Angerburg Aalburg. Die Angerapp hat ihren Namen mit Recht. Schon der königsberger Pfarrer Henneberger berichtet 1795, daß Angerburg "gar einen herrlichen Aalefang" hat. Die Ausbeute ist im Lauf der Jahrhunderte geringer geworden. Das hat besonders der im Jahre 1721 gegrabene Kanal verschuldet, besonders aber die Vertiefung der Dampfschiffahrtstraße bis Angerburg im Jahre 1856. Vor 1856 war noch ein Fang von 5-600 Aalen in einer Nacht nichts Seltenes. Die Angerapp strömt aus dem Mauersee. Unter den Namen dieses Sees ist man sich nicht einig. Unsere Stadtchronik leitet ihn von der "Kehl'schen Mauer" ab. Mit der "Kehl'schen Mauer", von der sofort gehandelt wird, hat der Name Mauersee nichts zu tun. Er heißt in der schon erwähnten Teilungsurkunde des Hochmeisters Dietrich von Altenburg "Mabrrow"  von den Polen wurde er später "Mamri" genannt. Die Ableitung des Namens ist zweifelhaft.

Die Kehlsche Mauer ist ein aus Backsteinen gemauerter Pfeiler etwa 11 Fuß hoch, und steht zwischen Angerburg und dem Dorfe Kehlen 3 km von Angerburg auf dem Kehler Kirchhof. Über diese Mauer, auch "Kehlsche Säule" genannt, ist viel geschrieben und gestritten worden. Braun gibt die Darstellung nach Henneberger. Ich will also nur darauf hinweisen und eine andere geben nämlich die des Kantors Wollweber. Er schreibt folgendes:

"Schwer ist es zu bestimmen, welches die Veranlassung gewesen, daß diese Säule errichtet wurde, man trägt sich zwar mit einer fabelhaften Nachricht herum, die ich in Art treulich erzählen will als ich zum Theil gehört, zum Theil in einem alt deutschen Mnuskript so sich im Schulzen Amte zu Kehl sich befindet, gelesen habe. Nach dieser Nachricht sollen 2 Brüder auch 2 Schwestern aus dem Dorfe Kehl, ihre Andacht zu halten, nach dem Kirchdorfe Neuendorff (nachherigem Angerburg) gegangen seyn. Auf ihrer Rückkehr ließen sie sich in lustige und unanständige Gespräche ein, so daß ihre Einbildungskraft erhitzt, sie sich von einer unordentlichen Leidenschaft Unzucht zu treiben, dahin reißen ließen, und in der Brachstube, die auf der Stelle. wo jetzo die Säule steht, sich befand, ihre unreine Begiierden stilleten. Hierüber wurde nun der Himmel entrüstet, schwarze Gewölke umzogen ihn, und außerordentliche Blitze und Donner mußten diesen Frevel bestrafen, alle 4 Personen verbrannt in der Brachstube und zum Andenken dieser abscheulichen That wurde die Säule errichtet, ja so oft die Mauer einstürzt und verfällt, so oft wird die Dorfschaft durch ein klägliches Winseln und Heulen in den mittermächtlichen Stunden aufgefordert, die Säule zu erneuern und in den gehörigen Stand zu setzen."

 So weit die mündliche und schriftliche Überlieferungen. Indessen , in wie fern diese Nachricht Glauben verdient, wird ein jeder unparteyische Forscher der Geschichte leicht einsehen, ohne noch die piece des Angerburgschen Pfarrers Vincentus Barfuss, der Anno 1759 bis 1795 dem Amte vorgestanden hat, zu lesen. Nie ist sie mir zu Gesichte gekommen, sie führt aber den Tittel: Veram historiam de calamitoso et horrendo quattuor personarum interitua, qua accidit in pago Kehl Borussorum Dantisci 1593. Und schon selbsten zu der Zeit muß diese Geschichte schon eine alte Nachricht gewesen seyn denn in einer Kirchen Rechnung vom Jahr 1592 findet man hier folgendes:

In eben diesem Jahr hat der Pfarrer zu Angerburg Vicentius Barfuss die erschreckliche Historie wegen der Unzucht wie sie von Gott abgestraft zur Kehle vorgegangen, auf der Kanzel wiederholet, davor 2 Mark 48 Schill. bekommen. Niemand wird in Abrede seyn, daß diese That von gewissen Personen vollführt ist, daß aber ein dergleiches Andenken durch eine ansehnliche Säule zu verewigen, die Absicht der Errichtung derselben gewesen sey, ist unglaublich, abscheuliche Verbrechen z.B. Mord, Mordbrennerey, Sodomittere, u.s.w. pflegen durch Räder, angebrannte Pfähle, Warnungstafeln angezeigt zu werden. Den Gebrauch haben wir schon von unseren ältesten Vorfahren entlehnt, aber nie findet und lieset man, daß Säulen errichtet worden sind. Das Falsche hierin haben auch schon viele eingesehen, dahera einige auf den Gedanken gekommen, daß da die Säule sich entweder aus dem 13 ten oder Anfang 14. Jahrhunderts beschreibt, sie vormals in den Catholischen Zeiten eine Art von Kapelle dargestellt werden muß, wo ei Heiliger sich oben darauf befunden habe. Sie unterstützzen diese Muthmaßung noch damit, daß bis auf den heutigen Tag der Begräbniß Hügel der Dorfschaft sich daselbsten befindet, und die Mönche gern an dergleichen Oertern, sowie es noch im Papsthum gewöhnlich ist, dergleichen Erinnerungszeichen zur Andacht zu errichten, sich befleißigten. Allein hierwider läßt sich manches einwenden. Eine Kapelle konnte es nicht füglich seyn, wenigstens müßte doch irgend wo ei Eingang gwesen seyn, Messe zu halten, und darinnen zu beten, und wenn auch nur die Aushöhlung einen Menschen hätte fassen können; eher ließe sich der Fall denken wie anderem einen, daß ein wohlhabender oder um den Staat verdienter Ordens-Ritter oder Comtur der dem Schlosse Angerburg, (das damals ohnweit der Mauer an der See stand) vorgesetzt war, daselbsten sich beerdigt wissen wollte, und ihm daher zum Andenken und Ehre eine Säule erbaut worden ist. Allein auch dies scheint so wenig Grund zu haben, als das vorhero aufgeführte, dahero ich blos bei der Säule stehen bleiben und untersuchen will, zu welchem Ende ähnliche Säulen in Preussen errichtet worden sind. Und da findet man, daß sie entweder der Tapferkeit oder dem Andenken großer Persönlichkeiten gewidmet waren. ...

Nach dem wenig gelungenen Versuch die Namen Angerburg, Angerapp, Mauersee zu erklären, kehren wir zu unserer Siedlung zurück Sie entwickelte sich unter dem Schutz der Amtshauptleute kräftig weiter. Besonders ist es Nikel von Sparwein, der viel zu ihrer Weiterenticklung beigetragen hat. Ihmist es zu danken, daß der Ort zu Stadt erhoben wurde. Am 4. April 1571 unterzeichnete der Markgraf Wilhelm Albrecht Friedrich die Urkunde, durch welche unser Ort zur Stadt erhoben wurde. Die Urkunde ist selber verloren gegangen, doch befinden sich drei Abschriften auf dem Staatsarchiv zu Königsberg.

>>Abschrift des Angerburger Privilegiums<<

Das neue Stadt-Privileg erfuhr schon im Jahre 1601 eine Änderung hinsichtlich der Jahrmärkte. Es wurde bestimmt, daß der Jahrmarkt in Engelstein, weil er der Stadt zum Nachteil gereichte, augehoben wurde und es wurde der Stadt erlaubt einen vierten Markt zu halten, und zwar fiel der erste Diensteag vor dem Andreae-Markt in Lyck und der dritte Dienstag vor dem Andreae-Markt in Lyck und der vierte Donnerstag vor Palmarum. Die Wochenmärkte wurden ebenfalls ausgedehnt und alle Mittwoch und Sonnabend dazu bestimmt. Der Viehmarkt wurde sehr viel später  als in den anliegenden Städten eingeführt. Erst im Jahre 1679 wurde "auf unterthänigstes supplicieren Bürgermeisters, Raths und sämtlicher Gemeinde des Städtleins Angerburg vergönnt, daß vor den gewöhnlichen Jahrmärkten des Montags, sofern derselbe nicht ein Festtag ist oder an einem anderen bequemen Tage vorher ein Vieh- und Pferdemarkt wie in den anderen umliegenden Städten gehalten werden möge".
Die in dem Privileg angekündigte Willkühr wurde im Jahre 1575 erlassen. ...

>>Abschrift Willkühr von 1575<<

Über den allmählichen Aufbau und die Entwicklung der Stadt finden sich aus der älteren Zeit nur sehr unvollkommene Nachrichten, denn wie die Stadtchronik sagt "hielten die Vorfahren nicht viel vom Schreiben" und dann sind auch die Kriege, welche im siebzehnten Jahrhundert herrschten viel Schuld daran, daß nur wenige Nachrichten aus jener Zeit vorhanden sind.

Schon im Gründungsjahr der Stadt brachen zwischen dem Magistrat und der Bürgerschaft Streitigkeiten aus. Welcher Art diese gewesen wissen wir nicht. Sie wurden aber durch die Vermittelung des schon genannten Hauptmanns Nikel von Sparwein, der mit der Schlichtung des Streites vom Markgrafen beauftragt wurde, beigelegt. Aber schon im Jahr 1592 brach der Streit von neuem aus, den diesmal auch der hochangesehene Amtshauptmann nicht aus der Welt schaffen konnte. Es wurde daher eine Kommission von drei Männdern Leonhard von Wetzhausen, George von Hohendorf und Daniel von Kunheim, eingesetzt, welche durch Bestrafung der Widerspenstigen den immer währenden Mißhelligkeiten ein Ziel setzte. So war die Eintracht wiederhergestellt, und in froher Zuversicht sahen die Bürger dem Umbruch des neuen Jahrhunderts entgegen. Aber dies brachte ihnen statt der Freuden nur Leiden. Krieg, Pest, Hungersnot und teure Zeit kennzeichnen das Jahrhundert. die ersten Schrecken des Krieges erlebte die Stadt im Jahre 1629. König Gustav Adolf von Schweden war mit Polen in Krieg verwickelt und landete 1626 in Pillau. Der Kurfürst als polnischer Lehnsmann blieb neutral. Aber trotzdem drangen die polnischen Kriegshorden in das Land und plünderten es. Der polnische Oberst Buttler rückte über Thiergarten gegen Angerburg vor. Er schickte Boten an den Magistrat und verlangte Brandschatzung. Die Bürger aber setzten sich zur Wehr, faßten am Mühlenkanal Fuß, machten sich eine Wagenburg von beladenen Mistwagen und töteten viele Polen. Aber auch sie verloren 27 Mann. Da die Polen in der Uebermacht waren, mußten sich die Brüger nach dem nächsten Morast zurückziehen. Sie gerieten in gorße Bedrängnis.ö Da soll ein alter Schumacher Purtzitzki sie aus ihrer Not gerettet haben. Er nahm eine alte Trompete und blies in der Stadt so kräftig Alarm, daß die Polen, welche vielleicht das 'anrücken eines Hilfsheeres vermuteten, die Flucht ergriffen. Als der Kurfürst Georg Wilhelm, der gerade in der Nähe auf der Jagdbude Haarszen weilte, von dem Angriff Kunde erhielt, schickte er der Stadt seine Trabenten zu Hilfe. Aber diese kamen zu spät. Die Stadt war weiteren plötzlichen Ueberfällen zu sichern, warfen die Bürger um die Stadt herum Schanzen auf. Daß diese sehr nötig waren, sollte sich bald zeigen. Im Jahre 1656 brach der Schwedisch-polnische Erbfolgekrieg aus, an welchem bekanntlich der Große Kurfürst hervorragenden Anteil genommen und in welchem der die Souveränität über Preußen errungen hat. Königin Christine von Schweden, die Tochter und Nachfolgerin Gustav Adolfs, war der Regierung überdrüssig und dankte im Jahr 1654 ab; zu ihrem Nachfolger bestimmte sie ihren Vetter Karl Gustav von Pfalz-Zweibrücken, der als Karl X. die Regierung antrat. Eine andere Linie des Hauses Wasa regierte in Polen; und als König Johann Kasimir Karl X. nicht anerkennen wollte, begann dieser 1655 gegen Polen den Krieg. Mitten zwischen den beiden streitenden Mächten gelegen, wurde Brandenburg in den Kampf hineingezogen. Der Kurfüst Friedrich Wilhelm stand als Lehnsträger der polnischen Krone im Anfang aus Seiten der Polen. Aber durch die Uebermacht der Schweden gedrängt, schloß er mit ihnen Frieden und Bündnis. Als Verbündeter half er ihnen die blutige Schlacht vor Warschau im Juli 1656 gewinnen. Der König von Polen beschloß nun sich durch einen Einfall in Preußen zu rächen. Sein Unterfeldherr Vincentius Corvinus Goniewski erhielt den Auftrag diesen Raubzug mit einigen littauischen Völkern und einer starken Schar von Tataren, den Verbündeten der Polen, auszuführen. Es waren zusammen etwa 20 000 Mann. Zur Deckung der Grenze vereinigten sich zwar eiligst der Graf von Waldeck, welcher preußische, und Fürst Roguslax Radziwil, welcher schwedische Truppen befehligte, aber ihre Gesamtmacht betrug nur etwa 10000 Mann. Um St. Michaelistage kam es bei Prostken zur Schlacht, die Verbündeten wurden trotz tapferer Gegenwehr überwältigt. Fürst Radziwil, mehrere Generale und Obersten wurden gefangen. Kaum zweihundert Streiter entrannen der furchtbaren Niederlage. Verheerend ergossen sich die wilden Sieger über das Land. Der mächtige Feuerschein brennender Dörfer trug die Kunde weit hinaus in das Land. Weder Säuglinge noch Greise wurden von den Horden geschont. Jünglinge und Männer, Mädchen und Frauen wurden "wie eine große Herde Schafe" vorwärts getrieben und in die Sklaverei nach der Türkei abgeführt "Es ist nicht zu beschreiben" so berichtet Mulverstedt, "was vor Jammer klagen vorgegangen. Die Christenkinder sind von den Tartaren weggeführt, beschnitten, die Männer verkauft, auf die Galleren geschmiedet, die Weiber zur viehischen Unzucht behalten worden." Sehr bald erschienen die wilden Scharen auch vor unsrer Stadt. Furcht und Entsetzen ergriff die Bürger. Der Graf von Waldeck hatte zuvor vor der Stadt einige Verschanzungen aufgeworfen,  die Brücke über den Fluß abgebrochen und eine Wagenburg errichtet. Aber durch eine Furt, die ein Bauer, durch Matern gezwungen, den Tataren gezeigt hatte, drangen diese in die Stadt. Nur die jenigen Einwohner wurden gerettet, die sich hatten in das Schloß flüchten können. Die anderen wurden teils ermordet, teils weggeschleppt. Dies Schicksal traf besonders das Geschlecht der Freiherren Schenk zu Tautenburg. Johann Sigismund aus der Gablick'schen Linie gelang es nach fast fünfjähriger Gefangenschaft zurückzukehren; Michael Wilhelm aus dem Hause Steinhoff aber sah sein Vaterland nicht mehr wieder. Sein Vater, der Ahnherr der heutigen Mitglieder des Geschlechts, Friedrich Schenk Freiherr zu Tautenburg Erbherr auf Steinhoff, Deguhn, Paulheyde und Sturlack wurde von den Tartaren vor der Tür seines Wohnhauses in Stücke gehauen. Die Häuser der Stadt wurden in Brand gesteckt. Nur die Kirche blieb verschont. Zwar soll schon ein polnischer Pfarrer sie haben anstecken lassen, aber darüber von einem Bürger erschossen sein. Doch auch diesen Braven sollen die herbeieilenden Tartaren im nahen Garten des Diakonus getötet haben. In der Kirche zeigte man noch lange an der Tür der Sakritei die Spur eines gewaltsamen Hiebes, den ein Tartar angeblich auf diese geführt hat. Ein polnischer Befehlshaber soll aber den Tartaren daran gehindert und die Kirche, Schule und Widdem durch eine Wache geschützt haben aus Dankbarkeit dafür, daß er einst bei einer Durchreise durch Angerburg, als er nirgends eine Herberge finden konnte, gastfreundlich aufgenommen war. Schon im nächsten Jahre, den 21. Februar, am Sonntage Esto mihi drang abermals ein Haufen Polen und Tartaren in die Stadt. Die noch stehen gebliebenen Häuser wurden verbrannt, viele Bürger getötet. Man zählte an 200 Erschlagene, deren Leichname von Hunden und Schweinen gefressen wurde, da niemand zu ihrer Beerdigung da war. Erst im Frühjahr ließ der Pfarrer Uriel Betram (1631-57) die Leichname der Erschlagenen feierlich bestatten. Die Kirche blieb auch diesmal verschont. Ein Pole, der schon im Begriff war, den Bau anzuzünden, wurde durch den Anblick eines vergoldeten Marienbildes davon abgehalten; er hielt die Kirche für eine katholische. Blieb auch das Gotteshaus erhalten, so wurde es doch vollständig ausgeplündert. Die Feinde raubten 1000 Mk., die Abendmahlsgeräte, silberne Kannen und Schilde auch 100 Mk. Stadtgeld, das im Kirchenkasten lag.

Die Einfälle der Tartaren hörten auf, aber noch einmal sahen die Angerburger den Feind vor den Toren. Diesmal waren es Schweden. Sie waren zwar bei Fehrbellin aufs Haupt geschlagen, aber Preußen war gesichert. Im Winter 1679 waren sie bis Assauen bei gerdauen vorgerückt. Sie forderten von den geängstigten Angerburgern Geld und Lebensmittel. Der Brief, in dem das verlangt wurde, lautet nach der Stadtchronik so:

"Wohlehrenfeste und Wohlweise Herren Bürgermeister und Rechtsverwandte und Einwohner der Stadt Angerburg! Nachdemalen Ihre königl. Majestet zu Schweden meines allergnädigsten Königs und Herren Armee unter Kommando des Feld-Marschallen Heinrich Horn Exellenz itzo dieser Orten stehet ist nicht mehr als billig, daß auch Eure Stadt gleich den andern zur Bezeugung ihrer Schuldigkeit sich allhie bei der Königlichen Armee durch ihre Deputierte einfinde und die gebührende Brandschatzung abtrage. Wenn aber solches bisher nicht geschehen, so hat man hierdurch euch erinnern und ernstlich andeuten wollen, daß solches stracks nach Empfang dieses und noch durch die Nacht von Euch ins Werk gerichtet und eure Deputierte unsehbar morgen früh zu Nordenburg bei mir seyn mögen und ein resonabel Stück Geldes und Proviant entweder selber mitbringen oder sich allererst dadurch auslösen lassen. Verstehe mich an euch auch guter Willfertigkeit, widrigenfalls aber und da sie durch ihr Ausbleiben sich ungehorsam erzeigen würde, sollen sie unausbleiblich nach Morgen Abends die scharfe Militärische Exekution und gänzliche Ruinirung zu gewarten haben. Wonach sie sich zu richten und vor Schaden zu hüten. Gott empfolen.

Datum im Haupt-Quartier Gr. Aussauen den 16. 20. Januar anno 1679. Ihre königl. Majestät in Schweden, meines allergnädigsten Königs und Herrn bestellter Assistent-Rath und Ober-Kriegs-Commissarius Jacob Schneckschild."

Auf diesen drohenden Brief hin begab sich der damalige Stadtschreiber Bartholdi nebst einigen Deputierten mit den bereits gesammelten Geldern nach Assauen, wo einige schwedische Völker lagen. Er versicherte, daß auch die geforderten Lebensmittel in wenigen Tagen nachfolgen sollten und es gelang ihm die Schweden hinzuhalten, bis die Kunde von dem Anrücken der Brandenburgischen Armee erscholl, worauf die Schweden sich aufmachten und "die Stadt nur mit Wenigem abkam." (Offenbar nahmen die Schweden das gesammelte Geld mit.)

Die fortdauernden Kriegsnöte und unruhigen Zeiten hatten natürlich die Bevölkerung unserer Stadt in ihrem Wachstum sehr gehindert. Aber noch ein anderer Feind, die Pest,  ließ die Stadt nicht zur Ruhe kommen. Schon im ersten Anfang des Jahrhunderts 1602 trat sie auf und viele Einwohner starben unter ihnen auch der damalige Pfarrer Elias Wolf (1596-1602). Im Jahre 1625 erschien die Seuche abermals und raffte viele Menschen dahin, ebenso 1630. Zum dritten Mal in dem Jahrhundert trat sie 1657 auf, als die Stadt von den Polen erobert und verbrannt wurde. Auch in diesem Jahr hat sie, wie die Stadtchronik berichtet, viele Opfer gefordert unter ihnen auch den Pfarrer Uriel Bertram. Ueber Ursache und Verlauf dieser Pestseuchen soll im Zusammenhang bei Besprechung der großen Pest 1709 und 1710 weiter unten gehandelt werden.

Auch von Feuersnot blieb die Stadt nicht verschont Im Jahre 1609 wurde durch ein gewaltiges Feuer fast die ganze Stadt in Asche gelegt. Weder die Kirche noch das Rathaus nach die anderen öffentlichen Gebäude konnten gerettet werden. Der Ort war nicht in der Lage, die Häuser aus eigenen Mitteln wieder aufzubauen. So mußte auf Befehl der Landesherrschaft das ganze Land beisteuern. Als der Kurfürst Johann Sigismund sich mit dem Herzog von Kurland 1609 einige Zeit in der Stadt aufhielten, wurden bei dieser Gelegenheit der Stadt wegen des großen Brandschadens der jährliche Zins in Höhe von 290 Mark 28 Schilling erlassen, auch verschiedene Geschenke für die Kirche und Schule gemacht. Der Kirche schenkte der Kurfürst 20 Taler; der Schule aber 15000 Ziegel zum Bau und der damalige Amtshauptmann von Oletzko Balzer Fuchs stiftete der Kirche einen Gulden Ungarisch und eine silberne Kanne. ...

Eine Uebersicht über die allgemeine Entwicklung der Stadt während dieses Jahrhunderts finden wir in den Untersuchungen der priv. Städte de anno 1691-93.
Angerburg Untersucht den 11. Februar 1692 hat gemäss Fundation Vom 4 April 1571 dass Stadtrecht und 50 Huben erhalten, darunter 4 Pfarr Huben, 10 Morgen Zum Umbkreiss der Stadtgärten, dann 42 H. 20 Mo welche auf 50 Erbe (
=
eigentümliches Grundstück) a 25 Mo und 10 Buden a 3 M gemäss Privilegio vertheilet werden sollen.
In Ampts Rechnungen aber werden sie also geführt und contribuiren auch also:

12 H -- M  Alt Mosehnen gemäss Confirmation de dato Koenigsberg d 12 Febr 1613
9  "   7  "   Neu Mosehnen Koenigsberg den 1 gbr.
(November) 1612 verschrieben
4  "  17 "   Vom Kurfürstlichen Vorwerk Zinsen a 10 Grosch Vom Morgen, welche 25 H. 24 M. nicht auf die 
                  Erbe Vertheilet, sondern Kaufland ist, da einer Viel der andere wenig hat Gemäss Specification sind
                  sie auf 126 Stück a 6 Mo Vertheilet
6  "  -- "    die Schenkhuben auf 50 Erbe vertheilet vom Morgen a 4 Schill.
1  "  -- "    die Plätzner oder Hakenbuden geben jährlich 2 M.
1  "  22 "   Die Hübner unter sich a 4 Schill. vom Morgen
6  "  -- "    Waldes auf Ilmen d. 12. Dezember 1620 verschrieben a 3 M von der Hube jährlich.
3  "  10 "   Zum Umbkreiss der Stadtgärten etc. ohne die 4 Pfarr- und 1 Hospital Hube.
_________
84 H 26 M

Die Acker sind in allen Feldern gut, doch an einigen Orthen schlupfig (schluffig) ein Haus hat 8 a 10 fuder Heu, Häuser: doch ohne Taxe vorhero als (vorher gewesen)

35 bebaute
1   so zum Rathaus       gantze Häuser
14 unbebaute                    "          "
11 bebaute
1   unbebaute  Haken Buden
(haken: von hökern, Kleinhändler von Material-, Kurz- und Schnittwaren auch Ausschank)
71 bebaute
89 unbebaute  gemeine Buden
(derartige Buden waren oft um das Rathaus und in den unteren Räumen desselben gebaut)
3   Maltzhäuser
1   Baderey.

Die Stadt hat zwar keine Mauer, ist aber fast rund herumb mit Wasser umflossen, hat meist gemauerte, doch nur mit Stroh gedeckte Häuser, haben alle Schornsteine, theils aber nur geklebet; auch hat sie gute Nahrung und alle Sonnabend einen volckreichen Marckttag, gute Landstrassen und Acker. Hat zur Noth Wiesen und seithero 65 Teile oder Vermögen geschosset, da sie doch allein 87 H. 26 M. Landhuben hat, die Häuser sind gross 110 Schuh lang und 30 breit. ...

Den Schluß dieses Zeitabschnittes mögen einige Mitteilungen aus der Stadtchronik bilden die sich in die zusammenhängende Darstellung nicht gut einreihen lassen, aber doch der Erwähnung wert sind:

1602. Den 13. Oktober fand Markgraf Georg Friedrich sich auf dem hiesigen Schlosse ein und verweilte daselbst bis zum Januar 1603.

1609. Der Kurfürst Johann Sigismund nebst dem Herzog von Kurland und dessen Gemahlin hielten sich hier einige Zeit auf.

1612. Den 1. Juli ist der Kurfürst Johann Sigismund mit seiner Gemahlin hierher gekommen und bis zum 27. September allhier geblieben.

1621. Der Kurfürst Georg Wilhelm ist eine Zeiltlang auf dem hiesigen Schlosse gewesen und obgleich Sie von hier nach Rhein gingen sind sie dennoch den 1. Oktober zurückgekehrt und bis den 29. cod. m. allhie geblieben.

1627. ist allhie eine große Teuerung gewesen, und galt die Tonne Schwarzbier 12, die Tonne Weißbier 6 Mark und ein Aal 3 Groschen - Der Kurfürst Georg Wilhelm hat sich eine Zeitlang hier aufgehalten.

1636. ist der Kirchturm mit Blei belegt worden. Hierzu sind 24 Zentner Blei verbraucht und kostet dasselbe Dach inhalts Kirchenrechnung 951 M. 16 Schill.

1671. Den 18. Juli schlug der Blitz in den Turm. Der Strahl ging von der Spitze an bis an die Orgel, tat aber weiter keinen Schaden, als daß einige Pfeifen zerschmolzen und ein Stück Mauer losgerissen wurde.

Soweit gehen die Nachrichten aus dem 17. Jahrhundert. So kurz dieselben auch sind, so enthalten sie doch nur Ueberfälle und Leiden, welche die Stadt und die Einwohner erlitten haben.


Bis zum unglücklichen Krieg

Auch mit dem Eintritt des 18. Jahrhunderts kehrte nicht Ruhe in die Stadt ein, sondern es trafen sie noch mehrere sehr harte Schläge. Der Krieg dauerte fort, das Land war von den Polen noch immer bedroht. Es wurde daher 1703 eine Bürger-Kompagnie formiert welche wöchentlich dreimal in den Waffen geübt werden sollte. Die Waffen mußte sich jeder selbst anschaffen. Die Kompagnie erhielt eine Fahne mit dem Namenszuge Friedrich Rex und der Ueberschrift pro Deo rege et patria, auf der anderen Seite sah man das Stadtwappen. Die Fahne und die Trompete schaffte die Kämmerei an. Die Bürger - Kompagnie bestand aus 72 Gemeinen, 1 Kapitän, 1 Lieutnant, 1 Fähndrich, 3 Sergeanten, 3 Korporalen, 2 Tambours. Im Exerzieren hat sie offenbar nur wenig geleistet. Denn ein Ausschreiben vom 17. März 1704  sagte, es sei mit höchstem Mißfallen wahrgenommen, daß die Bürgerschaft beim Exerzieren mit dem Gewehr so übel umgehe, daß ein und der andere aus Unvorsichtigkeit erschossen und jämmerlich ums Leben gekommen sei. Von nun an "sollten die Offiziere vor den Exerzieren die Gewehre genau visitieren, ob sie scharf geladen bei Vermeidung exemplarischer auch nach Befinden harter Leibesstrafe."

Fast hundert Jahre nach dem gewaltigen Brande von 1608, nämlich im Jahre 1706, wurde die Stadt wieder von einer großen Feuerbrunst heimgesucht und nahezu der halbe Ort in Asche gelegt. Die öffentlichen Gebäude blieben diesmal verschont. Auf die Bitte der Bürgerschaft ihr einige Freijahre zu bewilligen, verfügte die Regierung, daß die Bewilligung der Freijahre höheren Orts nachgesucht sei, vorläufig aber die Abgebrannten von jeder Zahlung der Accise und allen militärischen Lasten befreit sein sollten.

Das Jahr 1707 brachte der Stadt nicht bloß Feuers- sondern auch Hungersnot. Die Ernte war schlecht, die Zufuhr an Lebensmitteln blieb aus, so mußten viele Menschen vor Hunger sterben. Das Unglück wäre noch größer geworden, wenn nicht die Gräfin Lehndorff aus Steinort die Stadt wöchentlich ein paarmal mit Lebensmitteln versorgt hätten.

Nicht lange darauf so wurden die Angerburger in neuen Schrecken versetzt. Die gefürchtete Pest hatte die Grenze überschritten und näherte sich der Stadt. Es kam zu der furchtbaren Pestepidemie, die allein in der Stadt 1111 Personen dahinraffte. Ueber die Krankheit sei hier im Zusammenhang folgendes angeführt:

Darstellung der beiden Pestjahre 1709 und 1710 haben wir mehrere: ich nenne Hagen, die Pest in Preußen, Beitr. z. Kunde Preußens 1821, Bd. 4, p. 27 ff. das Pestjahr 1709-10 in Preußen, Verfasser ungenannt, Altpr. Mon. 1884, XXI, p. 503 ff. und das treffliche Buch von W. Sahm, Geschichte der Pest in Preußen.

Die Geschichte der Epidemien ist selbst für die nicht übermäßig ferne Vergangenheit sehr dunkel. Sie wird auch kaum ganz aufgehellt werden weil erst die Wissenschaft unserer Tage jene Epidemien recht anerkannt hat und weil auch die Statistik erst neueren Ursprungs ist.  Es ist daher nicht möglich zu wissen, mit welcher Art von Krankheiten man es in den einzelnen Fällen zu tun hat, noch kann man den Umfang und die Identität der verschiedenen Epidemien beurteilen, da die Angaben der älteren Chronisten wenig vertrauen verdienen und auch kein Bild davon geben können, in welchem Verhältnis die angegebenen Todesfälle zur Gesamtziffer der Bevölkerung gestanden haben. Wir müssen uns daher begnügen, daß eine "Pest" in dem und dem Jahre geherrscht und zahlreiche Menschenopfer gefordert hat.
Wenn wir die einzelnen Pestzeiten mustern, so tritt uns die überraschende Tatsache entgegen, daß Krieg, Hunger, Elend, Not aller Art die steten Begleiter der Pest gewesen sind, daß man in geordneten Zeiten nichts von diesem unheimlichen Gaste erfährt. So lange der deutsche Orden in dem neu besiedelten Lande ein kraftvolles Regiment führte, ist auch der Gesundheitszustand so gut gewesen, daß wir nur zweimal von außergewöhnlichen Krankheitszuständen hören. Im Jahre 1312 soll die Pest gewütet haben, von der wenig Näheres gemeldet wird und im Jahre 1352 erreichte der ganz Europa durchziehende "schwarze Tod" die Ufer der Weichsel.

Nach dem Fall des Ordens in der Schlacht bei Tannenberg und der dann folgenden Zeit der Unordnung beginnt sofort eine Reihe von Pestfällen. Die unaufhörlichen kriegerischen Beunruhigungen des Landes, welches im 17. Jahrhundert wie wir gesehen haben, auch in die schwedisch-polnischen Kriege verwickelt wurde, ließen keinen Wohlstand aufkommen und waren daher auch von wiederholten Epidemien begleitet. Die Erschöpfung des Landes äußerte sich auch in den Epidemien, welche dasselbe in den Jahren 1527-37, 1542, 1549, 1556-70, 1580 und 1588, 1601, 1620-30, 1639, 1653, 1661 und endlich 1709-10 immer wieder, zuletzt in ganz abnormen Maße, verödeten.
Ueber den Charakter der Seuche gibt uns eine Schrift des Dr. Burkhard Mithobins aus dem Jahr 1552 Aufschluß. Er schreibt: "Solche Pestilenz hat viel schreckliche  Sumptomata oder Zufälle, als Herzgespann, Unsinnigkeit, Hauptweh, Veränderung des Angesichts, Unverständigkeit, Zittern, Schlafen, Wachen, Bräune, Halsgeschwür, Unmacht, Spannen der Mitte oder Seiten, großen Durst, Karbunkeln, Beulen hinter den Ohren, unter den Armen und anderen Stätten, Blattern und Pistichien (?), welche gute Zeichen sind am Anfange, jetzund viel Hitze, jetzund wenig Hitze mit viel böser Unruhe der Stuhlgänge. Haben auch etzliche einen trüben Harn, die anderen einen Harn, der Gesunden gemäß ... Haben auch etzliche diese Zufälle und Zeichen alle nicht und sind dennoch mit dieser Plage behaftet. Der Puls ist bei etzlichen sehr schwach, bei anderen heftig und sehr unbeständig.* Nach der heutigen Wissenschaft beginnt der Verlauf der Krankheit mit örtlichen Zufällen, Karbunkeln und Pestbeulen, denen dann Fieber folgt, bald mit Frost, Mattigkeit, Kopfschmerz, Ohrensausen und Schwindel, Angstgefühl, verstörtem Gesicht, Appetitmangel, beschleunigtem Atem und Pulsschlag, heißer Haut, bisweilen Erbrechen und Durchfall etc.

Wie man die Seuche bekämpfen sollte, wußte man nicht. Man stand ihr völlig ratlos gegenüber. Das einzige Rettungsmittel sah man in der Absperrung, und zwar nicht bloß der Kranken, sondern auch des verseuchten Hauses, Dorfes, Landes. Schon im Jahr 1549 hatte man mit einer teilweisen Absperrung einen Versuch gemacht. Das Verbot während einer Pest Jahrmärkte und ähnliche Zusammenkünfte abzuhalten ist schon älter. Zu dem genannten Jahre aber ging man weiter. Man verbot Personen, welche in einem verpesteten Hause wohnten, in eine öffentliche Versammlung zu gehen, und man verpflichtete die Genesenden, eine Zeitlang ein Zeichen an sich zu tragen, wodurch andere vor der Berührung mit ihnen gewarnt wurden. Da aber der Kirchenbesuch nicht verboten war, so wird die Anordnung nicht viel genützt haben. Es wird auch ausdrücklich berichtet, daß die Pest trotzdem weiter um sich gegriffen habe.

Im Jahre 1564 ging man noch weiter. Man verbot Fremden, die aus verseuchten Bezirken kamen, den Eintritt. Auch kamen Gesundheitsatteste auf. Ob sie aber zuverlässig gewesen sind, wissen wir nicht. Auch half das Mittel nicht, sondern die "Pest" verbreitete sich trotz aller Anordnungen der Obrigkeit, und als diese die Landstraßen militärisch sperrte, hatte man sofort Hungersnot auf dem Halse, und die Sache wurde noch schlimmer. Man war also genötigt, wollte man nicht Hungers sterben, die Sperre wieder aufzuheben, und siehe da, die Seuche ließ sofort nach.

Den Höhepunkt der Verheerungen zeigt die Pest, welche in den Jahren 1709 und 10 unser Land, vor allem Littauen, entvölkerte, so daß die Kolonisation der alten "großen Wildniß" der Ordenszeit geradezu wiederholt werden mußte. Der nordische Krieg, welcher die Nachbarstaaten verwüstete, hatte zwar das Land nicht mitbetroffen. Aber eine fürchterliche Hungersnot hatte die Menschen so entkräftet, daß allen die möglichen Epidemien der breiteste Boden geschaffen war. Danzig und Thorn waren die Tore, durch welche die Epidemie in das Land eindrang und sich mit dem schon herrschenden Hungertyphus zur Vernichtung der Bevölkerung verbündete.

Der furchtbar strenge Winter 1708, 09 machte das Unglück noch größer. Reinhold Grube, Bürger in Königsberg, berichtet hierüber: "So einen schlechten Anfang der Winter dieses Jahr genommen, so hat doch am Neujahrtag es ohne Schnee hart zu frieren angefangen und die Kälte dermaßen zugenommen, daß den Leuten Nase und Ohren, Hände und Füße erfroren, auch viele davon das Leben eingebüßet, wobei auch das Horn- und Federvieh vieles erlitten. Den 15. Maji haben wir die ersten Schiffe bekommen, Die Erde ist noch so voller Eis gewesen, daß kein Gras herfür gekommen und um Pfingsten kein Blümchen zu sehen gewesen. Die Wintersaat ist an den meisten Orten erfrohren, und hat der Acker müssen umgepflüget und mit Sommersaat besäet werden müssen, wodurch dann eine große Theuerung und Hungersnoth zumal in Litthauen entstanden. Das Korn hat per Scheffel 5 Gulden und der Weizen 6 Gulden gegolten, und sind in den Monaten Majo und Junio über 4000 Last verschiffet und von den Kaufleuten viel Geld verdienet worden."

Im November 1708 zeigte sich die gefährliche Krankheit in Hohenstein und dem Dorf  Bialutten, hörte aber bald wieder auf, so daß sie in Ostpreußen bei Beginn des Jahres 1709 als erloschen galt. Jenseits der Grenze aber wütete sie weiter. Im März 1709 trat sie besonders heftig in Warschau und Thorn auf, so daß der Verkehr mit jenen Orten verboten wurde. Schon am 3. Juli lief in Königsberg die Nachricht von dem Auftreten der Pest in Danzig ein, und trotz aller Vorsichtsmaßregeln, die man in Königsberg ergriff, war sie Mitte  August auch in dieser Stadt und verbreitete sich weiter über die Provinz. Die ersten Notizen über das Auftreten der Krankheit in unserem Bezirk lauten:
"1709, den 27. November 3 Personen in Pietrellen an Kontagion gestorben, eodem die in der Stadt 2 Personen an der Pest." Sehr bald mehrten sich die Krankheitsfälle, und gerade im Amte Angerburg sollte die Pest den Höhepunkt ihrer Verwüstungen erreichen. Man erließ sofort die strengsten Verordnungen, um die Seuche zu unterdrücken, aber diese hatten nur zum Teil einen Erfolg, denn einmal fehlten hinreichende Anstalten zur Unterbringung der Kranken, und dann fehlten die Beamten und Landräte; trotz der ihr drohenden Dienstentlassung hatten sie sich aus Furcht vor der Pest geflüchtet. Wie in früheren Pestjahren führte man auch jetzt eine strenge Absperrung durch. Die Zugänge zu den Städten und Dörfern wurden Tag und Nacht bewacht, die Wege in den Wäldern verhauen, die Brücken abgebrochen. Niemand wurde in die Stadt gelassen, der nicht Quarantäne gehalten und dessen Sachen nicht geräuchert waren. Eins aber hatte man aus früheren Epidemien gelernt, daß eine geordnete Verpflegung den Körper besser vor der Kontagion schütze als alles andere. So wurden von Königsberg sogleich Lebensmittel nach den verschiedensten Teilen des Landes geschickt. Daher nahm die Pest von Februar bis Mai außerordentlich ab und dauerte nur in den Aemtern Riesenburg, Oletzko, Angerburg und Insterburg fort. Dann verbreitete sie sich wieder weiter. Am schädlichsten wirkte der große Getreidemangel, der trotz der reichen Ernte des Jahres bestand. Es waren aber nicht mehr Leute genug da, die Ernte einzubringen. So dauerte die Pest den ganzen Sommer und Herbst und forderte riesige Opfer. Die Regenmaßregeln der Menschen erwiesen sich als ziemlich machtlos. Die Kranken wurden in Pesthäusern gebracht, die man vor den Toren angelegt hatten. Sie durften nur von besonderen Pestärzten und Pestpredigern besucht werden, welche in Wachsleinwand gehüllt warten. Wenn sie durch die Straßen gingen, mußten sie mit einer Glocke ununterbrochen das Zeichen zur Entfernung für alle übrigen Personen geben. Bald aber griff die Pest so um sich, daß die Pesthäuser nicht mehr ausreichten. Man war gezwungen, die Kranken in ihren Häusern zu behandeln. Diese wurden, sobald sich die Zeichen der Pest zu erkennen gegeben hatten, auf das strengste abgesperrt. Bei Todesstrafe war jede Gemeinschaft mit den Pestkranken verboten, und nur zur Nachtzeit durften sie von den Pestoffizianten besucht werden. Niemand als diese hatten die Erlaubnis nach 10 Uhr sich auf der Straße zu zeigen. Von 10 bis 1 Uhr nachts fuhren die Pestträger mit ihren mit Glocken behangenen Totenwagen durch die Straßen und durchsuchten die infizierten Häuser. Von 1 Uhr bis 7 Uhr morgens dauerte der Dienst der Pestärzte. Nach dieser Zeit wurden die Häuser wieder verschlossen, und dann erst durften die Gesunden wieder ihren Geschäften nachgehen. Alle Gerichtshöfe waren geschlossen, die Kirchen jedoch nicht. Wo Zusammenkünfte unvermeidlich waren wie auf den Märkten, wurden große Feuer angezündet. Für die Reinlichkeit wurde mit solchem Nachdruck gesorgt, daß man auf die Straßen und an die Flüsse Soldaten stellte, welche den Befehl hatten, jeden zu verwunden, der sich eine Verunreinigung erlauben würde. - Der Handel mit Pelzwerk war gänzlich untersagt, auch andere Krämer durften ihr Gewerbe nur mit Vorsicht treiben, und alles Geld mußte vor dem Austausch in einer Schale mit Pestessig gelegen haben. Am strengsten war der Gebrauch solcher Sachen verboten, die Pestkranken gehört hatten, und um diesen zu vermeiden, wurden die Häuser, deren Einwohner gänzlich ausgestorben waren, vernagelt und mit einem weißen Kreuz bezeichnet. Die Wohnungen der Genesenen aber wurden unter obrigkeitlicher Aufsicht von dazu besonders angestellten Weibern gereinigt, und alles, was nur die Pest fangen konnte, wurde verbrannt. Dann erst durften die Genesenen nach 6 Wochen ihr Gewerbe anfangen, und damit sich alsdann noch jeder vor ihnen hüten konnte, sollten sie ein schwarzes Kreuz am Ärmel tragen."

Trotz aller Verordnungen, die erlassen wurden, forderte die Seuche ihre Opfer bis zum Beginn des Winters. Nach Ausweis der Kirchenbücher starben im Kirchspiel im Jahre 1709 291, 1710 dagegen 3229 insgesamt 3520 Bewohner an der Pest. Davon entfielen auf die Stadt allein 1111 Personen, unter denen sich auch der Bürgermeister Thomas Anderson, Rektor Magister Johann Christian Helwig sowie sämtliche Lehrer befanden. Der Friedhof konnte die Massen der Verstorbenen nicht aufnehmen. Man begrub sie daher auf dem sogenannten Pestkirchhof. Ein bleibendes Denkmal aufopfernder Menschenliebe setzte sich in jenen Schreckenstagen die Gräfin Eleonore von Lehndorff. Um die Einwohner vor dem Hungertode zu retten, schickte sie täglich eine vierspännige Fuhre mit Lebensmitteln in die Stadt.

Von weiteren Personen, die sich in der Pestzeit rühmlich ausgezeichneten, erwähnt die Stadtchronik den Fähndrich Melchior Roggon, welcher "gemäß Verfügung de dato Königsberg den 10. Dezember 1710 für die der Stadt in der Pestzeit geleisteten Dienste" die erledigte Bürger-Kapitänsstelle erhielt.

Eine Übersicht über die Todesfälle in den einzelnen Ortschaften gibt folgende Tabelle.

Nachricht nach dem Totenregister

der Stadtgemeinde                                                                      der Landgemeinde

Aus der Stadt                         1111                                              -
Von Kühl                                  215                                              Kahl                    255
        Arsen                                 312                                              Arsen                  321
        Rogen                                  19                                              Rogen                   19
        Ogonken                           108                                               -                          108
        Strengel                             173                                               -                          170
        Krziewischen                    139                                              Krzywiesken     139
        Domiaten                          119                                              -                           119
        Brosowken                          91                                              -                             91
        Wiensken                             91                                             Wiecken              139
        Pietrellen                          139                                               -                             65
        Bucien                                 50                                               Bucun                   50
        Pawlowen                        123                                                -                          123
        Sobjechen                         101                                                 -                          101
        Wienzowken                      59                                                 Wiesowsken       59
        Olszerwen                        190                                                  -                         190

        Reussen                              72                                                  -                           72 
        Numeiten                            18                                                  -                             1
        Stullichen                           59                                                  -                           58
        Gut A.
        Vorwerg                              18                                                 Praedio               57
        Gärtnerhäuser                    39                                                 Regio     
                    
                             ____                                                                           ____
                                                 3246                                                                           2154

 

Die zum Kirchspiel gehörigen Ortschaften Thiergarten, Wilkowen, Prinowen sind nicht aufgeführt, weil zum Kirchspiel gehörig.

Mit Eintritt des Winters 1710/11 war die Volksseuche auch in Masuren erloschen. Furchtbar hatte der Tod die Reihen der Bevölkerung, die ihm nur noch geringen Widerstand bot, gelichtet. Wer vermöchte alle die Opfer zu zählen, die dem grausigen Geschick erlagen!

Über die Verwüstungen im Amtsbezirk Angerburg berichtet neben dem Gehörten das Kirchenbuch Benkheim. Da schreibt der Pfarrer Christoph Gregorowius:

„ Anno 1710 Vom Mai hat die Pest so heftig grassiert, dass im September schon fast keine Menschen zum sterben übrig waren. Da ist auch das liebe Korn im Felde geblieben und gar nicht (eingeerntet) worden. Im Angerburgischen und Sperlingschen Kammeramte hat es so gegangen, dass in manchem Dorf kaum zwei oder drei Personen überkrankt. Daher denn auch die königlichen Vorwerke sollen im Korn- und Sommerfelde total fast ruiniert sein.“

Dem Schreiber entsank die Feder. „Ipse qui hoc scripsit, peste obiit“, setzte sein Nachfolger hinzu.

Aus dem Kirchspiel Kutten starben im Jahr 1710 1372 Personen; der Kirchort selbst war bis auf den Pfarrer Drigalski, seinen Sohn und einen Knecht ausgestorben. Die beiden Männer durchsuchten die Häuser des Dorfes und versenkten die Leichen samt ihren Betten in einer Lehmgrube. Niemand kümmerte sich um die Ernte. Das Getreide verdarb auf dem Halme, das Obst auf den Bäumen.

Auf dem Gut Przytullen war von sämtlichen Bewohnern nur eine Gänsemagd übrig geblieben. Diese traf Drigalski, wie er erzählt, im Garten des Gutes in Seide gekleidet und mit goldenen Ketten geschmückt. Sie hatte in Keller und Speisekammer reichlich Vorräte zu ihrem Lebensunterhalt entdeckt und fand nun ihre Freude dran, in Samt und Seide gekleidet, in den verödeten Räumen des Gutshauses die große Dame zu spielen. Drigalski übergab die Wertsachen den Verwandten der Verstorbenen, die Magd nahm er mit in sein Pfarrhaus.

Die unsächliche Not bringt ein altes Pestlied in folgenden schlichten Versen zum Ausdruck:

            „Die wilde Pest heert weit und breit,

            Mit Leichen ist die Welt bestreut.

            Schon manchen Toten deckt sein Grab,

            Der’s graben wollt, sank selbst hinab.

 

            Bekleidet auf dem Felde liegt

            Der Leichnam, bis der Hund ihn kriegt.

            Verzweifelt wirft, den Raben gleich,

            Das liebe Kind man in den Teich.

 

            Das Elternpaar liegt auf der Bahr

            Verwaiset steht der Kinder Schar.

            Sie weinen sich die Äuglein rot,

            Vergehn in Frost und Hungersnot.

 

            Sie tasten mit den Händchen klein

            Nach Väterchen und Mütterlein,

            Sie fordern weinend Milch und Brot,

            Die Mutterhand bleibt kalt und tot.

 

            Das Söhnlein hört der Vater nicht,

            kein Wort die tote Mutter spricht,

            Doch fasst der Säugling unbewusst

            Noch an die kalte Mutterbrust.

 

            Am Tage scheucht uns Winseln auf,

            Geheul durchbricht der Nächte Lauf.

            Wer noch am Leben ist, verzagt

            Und wird von düstrer Angst geplagt.

 

            Hier presst die Krankheit Seufzen aus,

            Dort bricht die Pest blitzschnell ins Haus,

            Entreißt im Flug die Deinen Dir,

            Denn sein darf keiner warten hier.

 

            Die Menschen schwärmen auf dem Feld,

            Ohn Rast und Ruh ist alle Welt,

            Der Bruder fleucht den Bruder scheu,

            Und keiner bleibt im Tode treu.“

 

Als endlich die schwergeprüfte Bevölkerung anfing, wieder Mut zu fassen, stand ihr eine neue Heimsuchung bevor. Die Viehseuche, welche nach dem Erlöschen der Pest auch in anderen Orten Preußens aufgetreten war, räumte namentlich unter den Pferdeständen der Ämter Angerburg, Rhein und Lötzen auf und raubte so den unglücklichen Bewohnern noch das letzte, was sie aus den Leidenstagen gerettet hatten. Weite Strecken Landes waren durch die Pest herrenlos geworden und gingen in königlichen Besitz über. Der Acker wurde teilweise wieder zu Wald.

Während der Tod die Menschen dahinraffte, erfasste eine förmliche Heiratswut, eine gewöhnliche Begleiterscheinung großer Volksseuchen, die Überlebenden. „Heute noch bettete der Mann Weib und Kind ins Grab, morgen schon raffte ihn, den Neuvermählten, die Pest vom Traualtar hinweg, und während ihn seine neue Lebensgefährtin verscharrte, zog sie wohl der erstarrten Hand den Trauring ab, um ihn einem anderen aufzustecken und schließlich dann selbst in kurzer Zeit dahinzusinken.“

Die Zahl der Trauungen betrug im Jahre 1710 97, im Jahre 1709 88. Diese Zahlen sind in der Zeit von 1700-1807 nie erreicht worden. Die Ziffer der Eheschließungen war stets unter 60, im Jahr 1715 war sie sogar nur 12. Selbst die Bewilligung von Freijahren seitens der Regierung vermochte anfänglich nur wenige, die aus Furcht vor der Seuche Haus und Hof verlassen hatten, zur Rückkehr zu bewegen.

So fand Friedrich Wilhelm I bei seinem Regierungsantritt noch viele Strecken herrenloses Land vor. Dieser um den Wiederaufbau des Landes so hochverdiente König wandte seine ganze Fürsorge der Belebung des Ackerbaues zu. Er verschaffte sich durch zwei Reisen, 1713 und 1722, selbst eine genaue Kenntnis von den traurigen Zuständen des schwer heimgesuchten Landes und forderte dann zur Kolonisation unter günstigsten und freigebigsten Bedingungen auf. Es kamen viele Pfälzer, Nassauer, Schweizer, Franzosen ins Land; aber noch immer war es nicht genug bevölkert; denn ein Teil der Neuangekommenen verließ es wegen der traurigen Verkehrs- und Erwerbsverhältnisse bald wieder. Freudig ergriff daher der König zu neuer Kolonisation des Landes durch die fanatischen Verfolgungen des Erzbischofs von Salzburg viele tausend Anhänger der evangelischen Lehre zur Auswanderung aus ihrer Heimat gezwungen wurden. Mittels Patent vom 2. Februar 1732 erklärte sich der König bereit, die evangelischen Salzburger, so viele ihrer schon ausgetrieben wären oder noch auszuwandern gedächten, in Preußen aufzunehmen und ihnen daselbst Ländereien zur Niederlassung anzuweisen. Nach einer amtlichen Zusammenstellung vom August 1734 waren damals in Littauen 10135 Salzburger untergebracht, in Königsberger Regierungsbezirk 1854, deren Nachkommen sich über die ganze Provinz verbreiteten. Vorzugsweise waren es zunächst die littauischen Ämter, wo sich die Salzburger niederließen. Aber sehr früh, nämlich schon 1732, zogen die Salzburger in unsere Stadt ein. Am 3. Oktober des genannten Jahres war ein Termin zur Empfangnahme der eingewanderten Salzburger in Königsberg angesetzt, wohin die Stadt 2 Deputierte schicken musste, um diejenigen Salzburger, welche die hiesigen Einwohner wünschten, abzuholen. Es waren 48 Personen, die in Angerburg eine neue Heimat fanden. Freundschaft verbanden sie bald mit den alteingesessenen Bürgern, und als im Jahre 1832 das Gedächtnisfest der vor hundert Jahren erfolgten Einwanderung begangen wurde, war es ein besonders feierliches in Angerburg. Es fand ein Gottesdienst und ein Abendvergnügen statt. Die Salzburger Familien aber bewirteten festlich die Armen der Stadt.

Als die Stadt sich wenigstens etwas von den Leiden der Pestjahre erholt hatte, winkte ihr eine schnellere Entwicklung in Handel und Verkehr: sie wurde Garnisionsstadt. Im Jahre 1718 erhielt sie ihr erstes Militär. Am 3. Oktober wurde von dem Kreiskommisarius Lomeyer zunächst der Entwurf gemacht, in welcher Art drei Kompagnien Kavallerie untergebracht werden sollten. Es sollten die Pferde einer Kompagnie im Schlossstall, die Mannschaften auf der Freiheit, zwei Kompagnien aber bei den Bürgern der Stadt untergebracht werden. Den Bürgern wurde befohlen, die Ställe sofort in guten Stand zu setzen und die Stallutensilien anzuschaffen. Nicht lange darauf rückte das Militär wirklich ein. Es waren Kürassiere vom Regiment General-Major von Katt oder, wie sie genannt wurden, Kattsche Reuter.

So viel Gutes sich auch die Stadt von der neuen Garnision versprochen haben mag, so drückend und lästig wurde ihr diese. Statt drei rückten vier Kompagnien ein und nach einigen Jahren das ganze Regiment, bestehend aus zehn Kompagnien. „Der Raum ist viel zu eng“ so schreibt die Chronik, „um das Ungemach zu schildern, das der Stadt durch die Garnision widerfahren ist.“ Die Häuser, welche nach den mehrmalgen Bränden nur sehr schlecht gebaut waren, wurden dermaßen mit Einquartierung belegt, dass alles Gewerbe aufhören musste und kein Bürger einen Platz für sich in seinem Hause behielt. Der Soldat war Herr im Hause, der Bürger ihm völlig untergeordnet, er durfte sich nicht regen. Das Regiment stand über zwanzig Jahre in der Stadt. Die Mehrzahl der Bürger verarmte in der Zeit gänzlich, die Gebäude zerfielen, dass zuletzt ein „großer Teil unbewohnbar wurde und kein Reuter darin einquartiert werden durfte. Der Jammer stieg aufs höchste. Aus den folgenden Berichten kann sich jeder selbst ein Bild machen, wie General von Katt und seine Reuter in Angerburg gehaust haben.

Schon im zweiten Jahr der Einquartierung 1719 kennzeichnet folgender Befehl die herrliche Stellung des Generals zur Bürgerschaft: „Jeder Bürger ist bei den überhandnehmenden Diebstählen verpflichtet, auf seine Einquartierten sorgfältig acht zu geben, ein paar Mal des Nachts aufzustehen und nachzusehen, ob sie schlafen; sofern sie nicht zu Hause , solches dem kommandierenden Offizier anzuzeigen. Würde sich der bequartierte Bürger hierin nachlässig bezeigen und möchte in der Nacht ein Diebstahl vorgehen, so soll dieser Bürger zur Ersetzung des ganzen Schadens angehalten werden.“ Eine nicht minder große Last entsprang der Bürgerschaft aus den sehr häufigen Desertionen. Mit zehn Pferden wurde jedes Mal nachgesetzt und zehn Pferde zur Reserve gehalten. Über jede Nachsetzung musste der Magistrat ein Protokoll aufsetzen, ebenso mussten ihm Verweise, dass die Bekanntmachung in den umliegenden Ortschaften erfolgt sei, von diesen eingerichtet werden. Hatte ein Bürger auch nur in einer unbedeutenden Angelegenheit die Unzufriedenheit des Generals erregt, so verklagte dieser ihn beim Magistrat, doch war seine Klage jederzeit ein Befehl, und der Magistrat musste die Verantwortung des Angeklagten sowie die Entscheidung ihm allemal vorlegen, und der Magistrat benahm sich dabei so furchtsam, dass er sein Urteil allemal dem Gutdünken des Generals unterwarf. Zum Beispiel musste der Schmied Kossinna 48 Stunden im Turm bei Wasser und Brod verbüßen, weil er mit dem Beschlagen zweier Wagenräder und der Herstellung der Achse zwei Stunden später, als der General erwartet hatte, fertig geworden war, obwohl durch Zeugen bestätigt worden war, dass die Arbeit gar nicht in kürzerer Zeit möglich war.

Der Magistrat befand sich bei Anmaßung der Magistratrechte durch den General in einer üblen Lage. Schon im Jahre 1719 hatte von Katt den Bürgermeister „wegen Particulier-Sachen“ mit wirklicher Exekution belegt, worauf nach Berichterstattung an den Hof der Bürgermeister ersucht wurde „sich bis auf weiteres moderat zu halten und alle Gelegenheit zu vermeiden, damit der General ihm nicht noch sonst etwas anhaben könne,“ Der Magistrat befand sich in großer Verlegenheit, er solle auf das genaueste über den General berichten und sich doch mit ihm gut stellen. Im folgenden Jahr erhält der Magistrat einen ernstlichen Verweis wegen Unterlassung der Anzeige, dass der General von Katt sich in der Stadt eine Brauerei angelegt habe und das Bier auf sein Gut Reussen verführe. Der Befehl, dass der Magistrat jetzt die genauesten Angaben darüber mache, sollte als geheime Order gehalten werden. Der General aber stand dem Magistrat in übermächtiger Stellung zur Seite, er war Amtshauptmann, und als solchem waren ihm die Behörden des Hauptamtes untergeordnet. So konnte er es wagen, in der Kirche einen “Ratsstand“ zu erbauen und dem Magistrat den Befehl zugehen zu lassen, dass er fortan den Stand einzunehmen habe. Der Commisarius loci setzte 50 Dukaten Strafe darauf, wenn das nicht geschehe.

Ganz im Sinn de Generals trat auch der Kommandeur des Regiments Oberst von Posadowski auf. Das beweist sein Erlaß folgender Ordre: 1. „Wenn die Straßen unrein sind, solle der Mist dem Bürgermeister und den Ratsherren in die Häuser geworfen werden. 2. solle sogleich untersucht werden, ob die Soldaten in den Bürgerquartieren gute Betten hätten, wo nicht, so wolle er dem Bürgermeister die Betten unter dem Leibe wegnehmen und den  Reutern geben lassen.“ Derselbe Oberst erledigt einen Streit, den der Bürgermeister mit einem Leutnant von Katt hat, so: Der Leutnant hatte durch einen Unteroffizier dem Bürgermeister sagen lassen, er möge dafür sorgen dass ein Invalide sein Gnadengehalt schneller erhalte. Der Bürgermeister antwortet, dass ihn die Zahlung des Gehalts nichts anginge. Auf die Klage des Leutnants beim Oberst erlässt dieser ohne weitere Untersuchung den Parolebefehl, dass wenn der Bürgermeister sich mit Worten gegen einen vom Militär verginge, der Unteroffizier ihn sofort bei den Ohren kriegen solle. Erst ein Rittmeister von Kalkstein legte diesen Streit bei und gab dem Magistrat vollkommen recht.

Aber auch manches Verdienst hat der General um die Stadt erworben, wenngleich er auch hierbei oft seinen persönlichen Vorteil im Auge hatte. So verdanken wir ihm die Anlage des neuen Marktes. Er erwirkte für die Bürger, die sich neu anbauen wollten, freies Holz und Braufreiheitsgelder; er selbst aber erhielt auf sein daselbst zu erbauendes Haus Braugerechtigkeit und Hökerei verliehen und später auf besonderen „Kammerbefehl“ die Erlaubnis 20 Eichen aus dem Stadtwalde zu holen. – Dem Rathmann David welcher 4 Häuser zu bauen übernahm, hat die Kämmerei 1200 Thlr. Vorgestreckt; weil diese aber kein Geld hatte, so ist das Geld aus der Bartensteiner Kämmerei-Kasse aufgenommen und darauf jährlich 100 Thlr. Abgezahlt. Die Häuser mussten nach einem höheren Orts genehmigten Riß gebaut werden. Gemäß Kabinetts-Ordre vom 2. Oktober 1729 sind zwei Bürgern, wenn sie zwei gute Häuser in der neu angelegten Straße bauen, 2 Huben 25 Morgen sogenannter Freiheitsacker nebst zwei Amtsschreiber-Diensthuben geschenkt unter der Bedingung, dass sie dem Amte die im Ertrag angesetzten 5 Thlr. Pro Hube beständig entrichten.

Zur besseren Unterbringung der Reuter sind im Jahre 1740 durch Vermittelung Katts die Baracken oder Kasernen gebaut. Sie bestanden aus 10 Häusern und waren je 2 und 2 unter einem Dach zusammen gebaut. In jedem Hause waren fünf Stuben. Die Kosten des Aufbaus betrugen 4772 Thlr. Die nötigen Utensilien für die Soldaten sind ebenfalls angeschafft. Doch ist von diesen Kasernen wenig oder gar kein Gebrauch gemacht worden, weil das Regiment kurz darauf von hier ausrückte. Überhaupt waren diese Gebäude für die Stadt von keinem bedeutenden Nutzen, weil sie die Einquartierung nur sehr wenig erleichterten, da nur 100 Mann darin untergebracht werden konnten. Die Kasernen sind hierauf den Bürgern, besonders den Tuchmachern, geschenkt worden. Schon viel früher, im Jahre 1733, war auch für das Kattsche Regiment auf dem neuen Markt eine Reitbahn erbaut, welche jedoch später wieder abgebrochen ist.

Um die Grenzen seines Gutes Reussen besser zu legen, kaufte er einigen Bürgern ihre an Reussen liegende Äcker ab, seine Erben mussten aber die Äcker wieder herausgeben. Die Landstraße wurde von Angerburg auf Reussen geradezu gelegt, um seinem Gut „einen besseren Debit“ auf Kosten der Stadt zu verschaffen. Aus demselben Grunde „des besseren Debits“ wegwn, befahl er, die Märkte nicht mehr wie früher auf dem alten und Littauer Markt, sondern auf dem neuen Markt abzuhalten, weil ja da sein Brauhaus lag.

Auch die Anlage der Angerburger Wasserkunst ist sein Werk, wenngleich die Chronik wenigstens  die erste Idee dem Koch des Generals zuschreiben will. Dieser stellte dem General vor, dass statt des beschwerlichen Wassertragens – die Küche lag in der zweiten Etage - ein Triebwerk angelegt werden möchte, wodurch das Wasser in die Küche getrieben werden sollte. Daß bei Anlegung dieses Werks der General bedeutend mitgewirkt hat, steht fest. Daß aber vom Magistrat schon lange vorher bei der Behörde Klagen über Wassermangel geführt wurden, welche noch dadurch begründet wurden, daß der General das Wasserholen hinter dem Schlosse verbot, weil dadurch der Paradeplatz verunreinigt wurde, ergibt sich aus der Registratur. Es ging damals ein Kanal durch die Stadt, um diese mit Wasser zu versorgen. Dieser war jedoch schon wegen seines geringen Gefälles nicht zu gebrauchen; andererseits war er so schmal und zwischen die Bürgerhäuser eingeengt, daß er mit Unrat verworfen und jährlich mehrmals gereinigt werden mußte.
So wurde der Plan, eine Wasserkunst zu erbauen, gefaßt und von dem Ober-Teichinspektor von Suchodolitz und dem Rohrmeister Sack durchgeführt. Ursprünglich war folgendes festgesetzt: „Daß das Druckwerk auf der Stelle, wo die Schleuse ist, doch mit Beibehaltung derselben hingesetzt werde. Von diesem Orte wurden also die Röhren gelegt und das Wasser

a.      nach den königl. Ställen, so vor die königl. Pferde auf dem hiesigen Schlosse sind,
an die bei diesen Ställen schon vor einigen Jahren gelegte fertige Röhren geführet, dass ein jeder Stall sein laufendes Wasser hat,

b.      werden Röhren nach dem neuen Markt gelegt, allwo mitten auf dem Markt, wie,solches dem Herrn General von Katt expresse beliebet, ein Bassin von 30 Fuß Schuh im Quadrat gemacht werde, wovon eine aparte Zeichnung gegeben wird,

c.      wird auf dem sogenannten Klosterplatz ein kleines Bassin mit einem kleinen Zierrat angelegt,

d.      wird bei des Bürgermeisters Andersohns Hause ein vierkantiger Wasserkasten, 8 Schuh lang, 4 Schuh breit, 6 Schuh tief, gesetzt.

e.      am alten Markt, wo jetzt der alte Brunnen steht, wird dieser so weit zugeworfen, dass ein Wasserkasten von 6 Schuh tief und 7 Schuh ins Quadrat bleibt,

f.        bei des Barthel Hübners Haus an der littauischen Straße kommt eben ein solcher

Wasserkasten,

g.      ingleichen an dem anderen Hause des Hübner in der Schustergasse,

h.      von dem Bassin, welches auf dem Klosterplatz gesetzt wird, geht eine Wasserleitung nach dem Lötzenschen Magazin in einen Wasserkasten.

 

Bei allen obigen Wasserkastens wird eine Abzugsröhre gemacht, damit das Wasser in steter Bewegung bleibt. Da nun dieses feststeht und hierdurch die Stadt hinlänglich Wasser erhält, so wird der Rohmeister Sack mit dem ersten Frühling die Arbeit beginnen“ Hierauf ist im Sommer 1740 das Werk erbaut, doch sind später wegen der kostbaren Unterhaltung desselben nur 5 Brunnen beibehalten.

Daß eine Röhre das Wasser in die Küche des Generals führte und daß an dem neuen Markt, wo das Brauhaus des Generals lag, ein Bassin von 30 Schuh im Quadrat errichtet wurde, war natürlich. Für den fiskalischen Nutzen sorgte der General durch Erwerbung eines Exerzierplatzes.
Der Paradeplatz war von ihm für die Summe von 112 Talern angelegt, der Exerzierplatz aber, mehrere Morgen groß nach Wunsch des Generals ausgesucht und ohne Umstände den Bürgern weggenommen, welchen eine Entschädigung zugesagt, aber nicht gezahlt wurde. Außerdem hatte die Stadt einen Graben um den Exerzierplatz zu ziehen und denselben mit Bäumen zu besetzen. Betrat trotzdem ein Stück Vieh diesen eingezäunten Platz, so musste es mit 12-30 Groschen Pfandgeld ausgelöst werden.

Infolge aller dieser schweren Bedrückungen durch das Militär bat und flehte der Magistrat den General um Verlegung wenigstens eines Teils der Garnision, jedoch vergeblich. Da wandte er sich in seiner Not, aber erst im Jahre 1740, an den König, als er in Königsberg anwesend war, und stellte ihm vor 

„dass die Stadt die Last unmöglich länger tragen könne, indem jeder Malzenbräuer beständig 9 – 11 Mann und verhältnismäßig die übrigen Hausbesitzer größtenteils verheiratete Reuter mitsamt ihren Pferden halten muß, welche in seiner Wohnstube mit Weib und Kind logieren. Darin ihre Sachen nutzen, waschen, die Kolletter färben und den Wirt in seinem Gewerbe stören, die Frauen, indem sie noch andere Reuter speisen, dem Wirt das Holz verbrennen, die Betten bereits ruiniert haben, die Lebensmittel in der Stadt verteuern und selbige den Wirten auf dem Markt vor der Nase wegnehmen, Vieh und Schweine, obgleich solches beim Einmarsch des Regiments nicht erlaubt sein sollte, halten und selbiges nicht beim Hirten, sondern auf die Saat, überhaupt so viele Insolentien treiben, daß man wegen derselben nicht ständig den Herrn Kommandeur mit Klagen belästigen kann, weil man sich dadurch einen unversöhnlichen Feind am Reuter macht und man auch nicht als alle Stund zu laufen und zu klagen hätte, viele Diebstähle im Hause, in Scheunen und Gärten verüben, Reisende bestehlen, daher auch kein Reisender mehr in der Stadt anhält, sondern geschwinde durchfährt, wodurch die Stadt alle Nahrung verliert, obgleich wohl der Kommandeur scharfe Disziplin hält und öfters Dpießruten laufen läßt. Die Straßen müssen täglich gekehrt werden, weil täglich ausgerückt und selbige also täglich beschmutzt werden. Der Mist aus den Soldatenställen wird nachlässig auf die Straße geworfen, dieser muß vom Bürger mit Hintansetzung aller anderen Arbeit beinahe täglich fortgeschafft werden, wozu die, welche keine Pferde haben, Fuhren mieten müssen. Zur Nachsetzung der Deserteure muß die Stadt täglich 10 bis 20 Piquet Pferde stellen und oftmals 2 Meilen weit nachsetzen. Eimern, Peden, Laternen, Handtücher, Schüsseln, Löffel, Tischtücher muß der Wirt auf eigene Kosten anschaffen. Die Wohnungen sind sowohl durch die beweibten Offiziersknechte, Köche, Häckselschneider, Büchsen- und Zirkelschmiede als viele ausrangierte Reuter unter andere, die man kaum bezahlen kann, so besetzt, auch sogar alle Gärtner- und Instbuden, daß kein armer Bürger oder Instmann eine Wohnung findet und viele dergleichen Menschen die Stadt verlassen müssen. Viele Reuter schenken Bier und Branntwein, haben Häuser aquiriert, benehmen den Bürgern das Brot und wollen nicht einmal die Jurisdisdiktion des Magistrats anerkennen. Sobald der Stadt Fleisch oder Tafelbier fehlt, welches doch wegen großer Armut der Bürger nicht allemal so genau zugehen kann, so hat sowohl Bürgermeister und Rat samt den Bürgern die allergrößte Ungelegenheit, welche nimmermehr zu beschreiben, so daß zwischen einem ehrlichen Mann und einem infamen Kerl gar kein Unterschied in Worten und Drohungen zur großen Kränkung gemacht wird, und hat Magistratus, da das Regiment zusammen liegt continuierlich was mit demselben und bald mit einer, bald mit der anderen Kompagnie zu schaffen, so daß selbiger oft außer stande gesetzt wird, die herrschaftlichen Sachen nach Pflicht und Gewissen zu respicieren. Der Magistrat muß  alle Tage und meistens auch Nachmittage zusammenkommen, so daß viele Raths-Membra bei ihrem Dienst schon ihr Brot und Vermögen zugesetzt haben. Die Stadt hat anno 1736 die nötige Stallung bauen müssen, wozu viele zu ein-, zwei- bis dreihundert Gulden aufnehmen und bisher verzinsen müssen, ohne einzige Hoffnung, solches bei so gestalten Sachen abzahlen zu können, zugeschweige, daß sich ein Bürger ehrlich ernähren oder die Seinigen zu Gottes Ehre auferziehen könne, besonders da die Bauprozentgelder ausbleiben, so daß viele neu erbaute Häuser wiederum verfallen, weil der Bürger durch den Bau ganz verarmt und zu allen Praestandis incapabile geworden. Es ist also nicht möglich, daß das Regiment ferner hier bleiben könne, weil die Stadt gänzlich zu Grunde geht und von Zeit zu Zeit mehr Bürger verarmen und ganz ausfallen, auch die Häuser in der Stadt, weil die Bürger unvermögend, nicht unterhalten werden können, schon viele verlassen."

 Auch die gesamte Bürgerschaft bat den König um Versetzung wenigstens des halben Regiments. Der König ließ hierauf durch die Kammer und diese durch den Commissarius loci die Beschwerden untersuchen und versprach der Bürgerschaft Erleichterung. Diese kam aber schneller als man gedacht. Bei Ausbruch des 1. Schlesischen Krieges rückte das Regiment aus und kam nicht wieder. 

Während die ersten beiden Schlesischen Kriege unsere Stadt und Provinz von den Schrecken des Krieges unberührt ließen, kamen mit dem Beginn des Siebenjährigen Krieges schlimme Zeiten, als die Russen als Verbündete der Östreicher in 3 Kolonnen in Ostpreußen eindrangen. Bereits am 20. Juni rückten 30 000 Russen unter Fermor gegen Memel vor, dessen schwache Besatzung, zu Lande und zu Wasser angegriffen, sich bald ergeben musste. Langsam ging Fermor auf Tilsit und vereinigte sich mit dem mehr als doppelt so starken Heere Apraxius. Dieser großen Übermacht sollte der Feldmarschall Lehwald mit etwa 25 000 Mann entgegentreten. Er griff sie in der Tat am 30. August südöstlich von Wehlau herzhaft an, wurde aber nach Verlust vo etwa 5000 Mann (die Russen verloren etwa das doppelte) zurückgeworfen und musste sich bis in die Nähe von Königsberg zurückziehen. – Die dritte oben erwähnte Heeresabteilung leichter Truppen, die den Vormarsch des linken Flügels der russischen Hauptarmee decken sollte, stand unter dem Befehl der Generale Sibilski und Liewen. Sie überschritt in der Nacht zum 1. und 2. August die preußische Grenze, um über Maggrabowa und Goldap Insterburg zu erreichen. Am 2. August marschierten die Russen in Maggrabowa ein und wenige Tage später in Goldap. Die Behörden hatten schon vorher ihre unterwerfung angezeigt, und so hatten die Bewohner wenigstens persönlich keine erheblichen Excesse zu beklagen. Nach den vorliegenden Berichten verlor kein Einwohner sein Leben. Desto schlimmer hausten die Russen auf dem Lande bis in unsere Gegend hineinund raubten und plünderten genau so wie inm vorigen Jahrhundert die Tartaren. Neben den Gewalttaten der Kosaken hatten die Bewohner noch von den Plünderungszügen fremder Räuber, welche nicht unter der fremden Fahne dienten, zu leiden. Mit dem endlosen Troß des russischen Heeres waren zahlreiche Landstreicher und übles Gesindel aus Polen ins Land gedrungen. Sie durchstreiften in ganzen Banden die Gegend, trieben die Herden weg, plünderten die Reisenden auf der Landstraße, notzüchtigten die Frauen, machten die Wälder an der Grenze unnahbar. Die Bauern flüchteten in Massen nach dem vom Feinde noch unbesetzten Gebiet oder verbargen sich in den Wäldern. Der Abzug der Bewohner erbitterte die Kosaken und reizte sie dazu, sich an den Flüchtlingen durch Niederbrenneb der verlassenen Wohnstätten zu rächen. Alle Klagen der unglücklichen Landleute bei den russischen Generalen blieben fruchtlos. Die Offiziere erklärten offen ihre Unabhängigkeit, dem Wüsten der Horden Einhalt zu tun und empfahlen Selbsthilfe. Zu diesem Mittel nahm denn auch die ländliche Bevölkerung ihre Zuflucht, ohne natürlich einen dauernden Erfolg zu erzielen. Da kam die Hilfe aus der Not schneller, als man gehofft hatte. Die Kaiserin Elisabeth erkrankte sehr schwer und dies bewog den Staatskanzler Bestuscheff in dem Sinne des Thronfolgers Peters III, der ein begeisteter Verehrer Friedrichs war, den Befehl zum Rückzug zu geben, und so ging für diesmal das drohende Ungewitter, wenn auch nicht ohne manche furchtbare Verheerung glücklich für Preußen vorüber. Es ist bekannt, dass die Russen im Jahre 1758 wieder vorrückten und Ostpreußen ohne Wiederstand besetzten und es bis zum Ende das Krieges auch besetzt hielten.

Unter dem Zwang der Not musste auch unsere Stadt der russischen Kaiserin Elisabeth huldigen und alle Zeichen der bisherigen stolzen Preußenherrschaft entfernen. Die vorgeschriebene Eidesformel lautete: „Ich Eydesunterschriebener gelobe bei dem allmächtigen Gott und Seinem h. Evangelio, der Allerdurchlauchtigsten, Großmächtigsten Kaiserin und souveränen Beherrscherin aller Reussen Elisabeth Petrowna u. s. w. und Ihre Majeste hohem Thronfolger, Ihre kaiserl. Hoheit dem Großfürsten Peter Feodorowitz treu und gehorsam zu sein und alles, was Ihre kaiserl. Majeste hohes Interesse betrifft, mit äußerstem Vermögen zu befördern, verpflichte mich von der Vervorteilung aber und einiger Untreue gegen dieselbige, sobald es mir bekannt, nicht allein zeitig anzugeben, sondern auf alle Weise zu trachten, solches abzuwenden und mich in allem so aufzuführen, wie ich obenermaßen angelobt habe, und wie ich es vor Gott und seinem strengen Gericht verantworten kann. So wahr mir Gott Leib und Seele helfe!"

Mochten auch die Russen in der festen Annahme, daß unsere Provinz endgültig mit dem Zarenreiche vereinigt werde, die Greul des verflossenen Jahres nicht wiederholen, so waren doch die Kontributionen, die dem Lande auferlegt wurden, recht beträchtlich. Bald nach der Besitznahme des Landes (5. März 1758) wurde im Namen der Kaiserin von Fermor eine Verordnung publiziert, welche die Provinz mit einer Steuer von 1 Million Alberts-Talern belegte, eine Summe, die 1 1/3 Mill. Taler preuß. Courant betrug und binnen 6 Monaten aufgebracht werden sollte. Auch Angerburg hatte eine große Konstribution aufzubringen, 30 Gewehre, auch 5 beschlagene Troßwagen nebst einer Anzahl von Kavallerie-Pferden zu liefern. Wie schwer dies den Bürgern wurde, erzählt recht anschaulich Braun. Erst mit dem Tode der Kaiserin Elisabeth hörte die Not und Bedrückung für unsere Provinz auf.

Unter mancherlei Verheerung, welche während der russischen Invasion unsere Provinz betrafen, war wohl keine in ihren Folgen verderblicher als die Verwüstung der Forsten. In der Gegend von Königsberg und besonders im Samlande waren ganze Waldungen heruntergehauen. Der Wiederaufbau der Wälder erforderte Jahre, und es fehlte an Bau- und Brennholz. Die in Masuren belegten Forsten, namentlich die Johannisburger, Nikolaiker, Grondowker und Kruttinger Heide hatten dagegen einen Überfluß an Holz, und es fehlte hier der Absatz. Es entstand die Frage, wie das Holz aus diesen 20 und mehr Meilen entfernten Forsten nach Königsberg gebracht werden sollte. Es befinden sich in der Nähe jener Forsten mehrere Landseen. Der damalige Oberpräsident von Domhard ließ durch mehrere Sachverständige untersuchen, ob es möglich sei, die Seen durch Kanäle mit der Angerapp in Verbindung zu setzen und das Holz dann auf diesem Fluß und weiter auf dem Pregel herabzuflößen. Die Kommissarien versicherten einmütig, die Sache sei nicht nur ausführbar, sondern auch mit Gewinn verknüpft. Sie wiesen nach, daß der Kostenaufwand höchstens 100 000 M., die aus dem Holzverkauf zu erwartende Einnahme aber jährlich 12 000 M. betragen, das Kapital mithin sich sehr reichlich verzinsen würde. Das Unternehmen war sehr verlockend. Der Oberpräsident überreichte dem Könige den Plan, welcher mit großem Beifall aufgenommen und genehmigt wurde. Nach der Versicherung der Kommissarien sollte das Werk in einem Jahr völlig beendet sein. Kaum aber war man mit der Arbeit vorgegangen, als sich schon Schwierigkeiten zeigten. Man stieß auf Triebsand, Sprinde und Quellen. Es mußte mehrmals mit der Arbeit inne gehalten werden und andere Stellen zum Graben aufgesucht werden, was mit Zeit- und Geldverlust verknüpft war. Das Werk wurde jedoch im zweiten Jahr, wenngleich auch mit erheblich höheren Kosten als veranschlagt war, vollendet, entsprach aber leider nicht dem beabsichtigten Zweck. Man hatte auf Flößerei in Gellen gerechnet. So gut diese auch auf dem Kanal selbst weiter ging, so übel lief sie bei dem Transport über die Seen ab. Die Gellen wurden durch die Stürme auseinander gerid´ssen, und viel Holz ging verloren. In der Angerapp stellten sich neue Hindernisse entgegen. Der Fluß war an einigen Stellen zu seicht, an anderen mit großen Steinen angefüllt. Die vielen Krümmungen desselben erschwerten ebenfalls die Weiterflößung des Holzes, und so war der erste Flößversuch mit so viel Verlust an Holz und Geld verknüpft, daß man das Unternehmen aufgeben mußte. Um die Kanalanlage nicht ganz ungenutzt liegen zu lassen, wurde ein Brennholz-Transport in Gefäßen eingerichtet, dieser aber nur auf die Nähe des Kanals liegenden Städte beschränkt. Die Langholz-Flößerei wurde gänzlich eingestellt. In Angerburg wurde ein Holzgarten angelegt, und die Stadt verpflichtete sich, jährlich ein bestimmtes Quantum gegen eine gewisse Taxe zu entnehmen. Der Holzgarten hielt sich aber nur wenige Jahre, weil später das Holz keine Abnahme fand.

Sehr bald nach dem Tode des großen Königs im Jahre 1788 wurde die Generallandschaftsdirektion in unserer Stadt eingerichtet. Die Stadtchronik schreibt darüber: „Dieses Kollegium bearbeitet ein zum Besten der adeligen Gutsbesitzer eingeführtes Kreditsystem. Es nimmt Gelder von Partikuliers und anderen gegen 4 Proz. Zinsen und gibt diese Gelder den genannten Gutsbesitzern auf Hypotheken gegen 4 ½ Proz. Zinsen aus. Zur Sicherung der Gelder auf diese Güter werden selbige gewöhnlich zuvor landschaftlich abgeschätzt und 2/3 des hiernach ausgemittelten Wertes der Güter erhalten landschaftlichen Kredit und werden mit landschaftlichen Schuld- und Kreditbriefen auf Verlangen des Besitzers belegt. Die Taxen fallen jedoch in vielen Fällen ziemlich hoch aus, so dass bei irgend niedrigen Preisen die Gutsbesitzer die Zinsen schuldig bleiben, welches die Folge hat, dass solche Güter sequistriert und zuletzt oftmals auch mit Nachteil für die Landschaftskasse subhastiert werden. Die landschaftlichen Pfandbriefe, welche wohl seit mehreren Jahren in einem Kurs stehen, der lange nicht dem Nominalwert gleich kommt, und zu einer Zeit sogar nur 30 Proz. Standen, sind jedoch ziemlich sicher, weil alle adeligen Güter für die Sicherheit des ganzen garantieren. Für viele der Gutsbesitzer ist dies Kreditsystem von sehr großem Nutzen indem sie durch den ansehnlichen landschaftlichen Kredit in Stand gesetzt sind, so oft sie Geld brauchen, solches gegen billige Zinsen zu erhalten und dasselbe in einzelnen bis auf 25 M. gehenden Pfandbriefen wieder abzutragen. Allein schlechte Wirte nehmen nicht selten die vollen Zweidrittel ihres Kredits aus und verschwenden solches. – Durch die Kriegsjahre seit 1806 sind bei der Landschaftskasse überaus große Zinsenreste aufgelaufen, so dass die Kasse zahlungsunfähig wurde und ihre Gläubiger noch jetzt nicht (1818) hat befriedigen können.“

Im Jahre 1859 wurde die Landschaft leider nach Königsberg verlegt. Hierdurch erlitt die Stadt einen herben Verlust. Sie erstand das Landschaftshaus für 3050 Thlr. Und richtete darin 2 Mädchenklassen ein, der übrige Teil wurde vermietet. Am 26. Februar fand ein Abschiedsfest für die Landschaftsbeamten bei Kaufmann Rohrer statt.

 Das 18. Jahrhundert brachte noch, bevor es schied, schwere, düstere Gewitterwolken. Staunend und mit großer Sorge zugleich hatte Europa der französischen Revolution zugeschaut. Der wilde Revolutionssturm sollte auch die Grenzen des europäischen Staatensystems gründlich verschieben. Auf das Nachbarland Deutschland wirkten diese Begebenheiten zunächst und am mächtigsten. Mitten in den Stürmen der Revolution begann Napoleon seine gewaltige Laufbahn. Ein einziger Tag, der Tag von Jena und Auerstädt, zertrümmerte das alte, mächtige Preußen. In raschem Siegeszuge überschritten die übermütigen Feinde die Elbe, Oder, Weichsel, um auch die letzte noch uneroberte Provinz des Vaterlandes zu besetzen. So war der Kriegsschauplatz nach Osten verlegt. Es sind regellose Hin- und Herzüge, welche die russische Armee und in ihrem Gefolge das Lestocqsche 4. Korps bald den Franzosen ausweichend, bald ihnen folgend, durch den südlichen Teil von Ostpreußen führten. Auch Angerburg wurde von diesen Durchmärschen und Einquartierungen betroffen. Schon im Monat Dezember fingen die Durchmärsche der Russen an. Am 1. Januar 1807 rückte das preußische Hauptquartier unter dem Kommando des Generalleutnants L’Estocq ein. Es blieb 9 Tage in der Stadt und rückte dann über Barten auf Bartenstein vor. Während dieser Zeit wurde hier ein russisches Militär-Lazarett eingerichtet und das Schloß, welches die Kreis-Justitzkommission räumen musste, dazu genommen. Bevor die Räumung zu Ende geführt wurde, wurde eine beträchtliche Anzahl Russen in die Bürgerhäuser gelegt. Es verbreitete sich eine sehr bösartige Krankheit (nach der Chronik eine Nervenkrankheit, nach Braun Typhus) in der Stadt und raffte viele Menschen, als einen der ersten den Kreisphysikus Flach, hinweg. Von den erkrankten Russen starben 165 in wenigen Monaten.

Da zur Errichtung des Lazaretts aus den königlichen Kassen nichts hergegeben wurde, so war die Stadt genötigt, das Erforderliche dazu herzugeben und hat ungefähr 3000 Thlr. Kapital aufnehmen müssen, was den Grund zu dem nachherigen Verfall der Kämmereikasse legte. Außerdem hat die Stadt durch starke russische Einquartierung viel gelitten.

Während des Friedensschlusses in Tilsit fingen die französischen Durchmärsche an. Zunächst rückte polnische Kavallerie in die Stadt, welche das hiesige königliche Salzmagazin plünderte und 2092 Tonnen Salz im Werte von 20 920 Thlr. teils wegführte, teils verkaufte. Außerdem nahm sie den baren Kassenbestand von 2758 Thlr. 7 Gr. 12 Pfg. mit. Die nachfolgenden Franzosen requirierten alles mögliche zur Bekleidung der Soldaten, ferner Lebensmittel, Branntwein, Kaffee, Zucker, Arak, Wein, Pferde, Wagen im Werte von 6000 Thlr. Aber auch für weitere Unterhaltung der Pferde, Wagen u.s.w. mußte die Stadt sorgen. Nach dem Abmarsch der Feinde hatte die Stadt an Kriegskontribution und für "approvisionement" der von den Franzosen besetzten Oderfestungen 7516 Thlr. 80 Gr. 6 Pfg. zu bezahlen. Durch alle diese Kriegslasten wurde die Stadt und die Bewohner in die größte Armut versetzt. Dazu trat noch unter dem Vieh eine schreckliche Seuche auf, die "alles Vieh", wie die Chronik schreibt, dahinraffte. So wurde überall über großen Geldmangel geklagt, was aber zum größten Teil seinen Grund darin hatte, daß die Franzosen das Land ganz ausgesogen und ungeheure Geldsummen requiriert oder besser gesagt geraubt hatten.

Aber nicht blos an Geld fehlte es, sondern auch an der notwendigen Nahrung. Die Witterung des Jahres 1808 war für den Ackerbau sehr ungünstig, weil der Sommer sehr trocken war. Das Sommergetreide wurde schon im August eingeerntet und gab einen sehr schlechten Ertrag. Nach ungefährem Überschlag war auf dem Stadtfelde höchsten ein Korn über die Saat zu rechnen, und es hat im Monat Juli und August garnicht, im September erst am 29. angefangen zu regnen. Das Winterfeld war unterdessen bestellt; bei der großen Dürre wurde aber die Saat durch Kornwurm sehr beschädigt.
Trostlos war die Lage im Preußenlande, trostlos auch in unserer Stadt.
Am Schluß dieses Abschnitts sei wieder eine kleine Chronik des Zeitraums angegeben.

1711. Den 11. Maji schlug der Blitz in den Kirchturm. Es geschah aber wie 1671 ebenfalls kein großer Schaden, außer daß einige Balken zerschmettert und etliche Pfeifen in der Orgel zerschmelzet wurden. Nach der Kirchenrechnung hat die Reparatur 1000 M. gekostet. Aus demselben Jahre findet sich folgende Note vor: Ein neu gewählter Bürgermeister der Stadt Angerburg zahlt zu der königl. Marinekasse in Berlin 3 Thlr., ein Ratsverwandter 2 Thlr., der Richter 3 Thlr., der Schöppenmeister und Gerichtsverwandte 1 Thlr.
Den 20. Juli ist befohlen, daß der Fluß Angerapp und Goldap durch die Angrenzenden aus dem Grunde ausgekrautet und das Schilf und Rohr ausgerissen oder mit Senken ausgehauen werden soll: auch wurde das Flachseinweichen verboten.
Den 9. Mai ist befohlen, daß bei Annehmung der jungen Bürger, darauf gesehen werden soll, daß sie ihr Ober- und Untergewehr vollkommen haben, welcher Gebrauch bis zum Jahre 1806 beobachtet wurde.

1712. Den 26. September wurden dem Mathes Franz für die von Grund aus gebaute Hakenbude 6 Freijahre von Steuer, Accise und Einquartierung bewilligt.
Den 6. Mai verfügt der Amtshauptmann Graf Truchseß von Waldburg, daß er, ob Gott will, entschlossen sei, die Kuhr und Wahl bei der Stadt Angerburg vorzunehmen, ersuchte demnach den Magistrat, die nötige Anstalt dazu zu machen, zugleich aber auch das bevorstehende Scheibenschießen also ordentlich einzurichten, damit dasselbe zum Ruhm der Stadt und männigliches Vergnügen sonder Streit fortgestellet werden könne.

1713. Den 30. Mai ist verfügt, daß es der Regierung zu einem sonderbaren Mißfallen gereicht, daß der Magistrat und in specie der Bürgermeister sich untersteht, den Stadt-Lieutnant Christian Heinz mit Scharwerk, Einquartierung und anderen Beschwerden zu belegen, da früher verordnet war, daß die Stadtoffiziere dieselbe Befreiung, so die Ratsverwandte und Gerichte haben, genießen sollen.

1714. Den 3. August verfügte die Regierung, daß bei Untersuchung des rathäuslichen Wesens in verschiedenen Städten unseres Königreichs an den Tag gelegt worden und mit nicht geringem Mißfallen wahrgenommen, daß in denen Kämmerei-Rechnungen auf Verehrungen und Spendagen an Geld, Biktualien und sonst ingleichen auf Gastereien und Traktamenten unserer durchreisenden Bedienten, wiewohl sonder Spezifizierung der Namen, dann auf Bewirtung der Kommissarien und auf Reisekosten der Deputierten des Rats ohne Benennung der Sache, um welcher willen es geschehen, ansehnliche Geldposten und gar bis etliche Tausende ausgebracht werden, solchem unbefugten Gebahren aber welches zum Präjudiz und Nachteil der Städte und unsere getreuen Bedienten zum Tort gereichet, mit Nachdruck zu steuern und zu  präkavieren von Nöten ist, als wollen wir hiermit alles Ernstes verordnet haben, daß künftig keine dergleichen Ausgaben passieren, und wenn sie vorkommen, in der Rechnung gestrichen werden sollen.
Den 17. Juli ist verordnet, daß sofort ein Expresse nach Königsberg gesandt werden solle, um einen kulmischen Stof, eine Elle, ein Maß oder Quart. ein Fleischer - Pfund und ein Krämer - Pfund abzuholen, indem früher nirgends richtige Maße und Gewichte gehalten sind. Diese Maße sollen auf dem Rathause zur Nachricht und Entscheidung aller Differenzien aufbewahrt werden. Der Scheffel soll nicht mehr, auch nicht weniger als 18 1/4 kulmische Stofe inne halten. Bei der Eichung sollen allemal trockene Erbsen langsam in den Scheffel geschüttet werden.

1715. Den 23. Juni ist verfügt, daß sofort eine publique Wage eingerichtet werden soll.
Ist publiziert, dass den 12. Mai ein allgemeiner Buß- und Bettag in allen preußischen Landen gehalten werden soll, um die russischen Waffen gegen den Einfall der Schweden zu segnen.

1717. Das Gewitter schlug in den Mauersee ein, wodurch sehr viele Fische abgestanden sind. Früher, und zwar im Jahre 1692 soll nach einer geschriebenen Nachricht der damalige Beamte mit großen Böten in die See gefahren sein, auch allerhand Schießgewehre, auch einige Doppelhaken, so dermalen auf dem Schloss gewesen, mit sich genommen haben, welche er auf dem Wasser hat abfeuern lassen. Die Nacht darauf soll gar kein Aal gefangen, auch der Fisch nach der Zeit sich verloren haben.

1719. Den 28. September. Da bisher die Mälzenbräuer zu ihres Tisches Notdurft das Tischbier (von einer jeden Last 12 Scheffel) accisefrei genießen, welches den andern Bürgern nicht zu statten kommt so ist dies Vorrecht als unbillig aufgehoben.
Den 14. Oktober. Ein allgemeines Ausschreiben an die Behörden setzt fest, in welcher Art die Berichte an die hohen Behörden künftig sollen eingerichtet werden. Es soll nämlich gut Schreibpapier genommen, die Kontenta und Data oben angesetzet, selbiger sauber geschrieben, ein drei Finger breiter Rand gelassen, besonders aber sollen solche bei keiner Tabakspfeife und Biersaufen verfertigt oder versiegelt werden, weil man bei Erbrechung derselben den Tobak- Tolch- und Biergestank noch gänzlich riechen kann. Sollte solches noch weiter kontinuieren, so soll dem Stadtschreiber von jedem dergleichen Bericht ein Taler von seinem Traktament abgezogen werden.
Den 11. Oktober ist allgemein verordnet, daß der Mist von der in den kleinen Städten stehenden Kavallerie nach den angrenzenden königl. Vorwerken gebracht werden solle, wobei jedoch der übrige Mist, den die Vorwerke nicht mehr brauchen, unter die Bürger verteilt werden soll.
Den 25. Dezember ist wegen Feuer - Sicherheit befohlen, daß in den Städten nur auf wenige Tage Rauchfutter reingebracht werden soll, das übrige soll vor der Stadt aufbewahrt werden.
Den 9. Juli wurde höhern Orts verfügt, die Bürger wegen etwanniger Verbrechen bei der jetzigen schweren Zeiten, und da sie so schlecht beschaffen sind, statt mit Geld am Leibe, und zwar mit Bürgergewahrsam, Turm oder Arrest im Hause zu bestrafen, damit die Bürger auf alle Art und Weise konserviert bleiben.

1720. Ist die Abdecker-Wohnung vom Amte Angerburg aufgebaut.
Den 16. Dezember sind dem Stadtschreiber Rohr zu seinem Traktament von 22 Thlr. 22 Gr. jährlich wegen der sich vermehrten Arbeiten 8 Thlr. Zulage bewilligt.

1721. Den Bürgern, welche ihre alte Gebäude reparieren, sind, sofern die Kosten 50 Thlr. betragen, 4 Proz. Vergütung zugesichert.

1722. Den 15. Dezember. Da in der Stadt mehrerer ergangener Verordnungen zuwider noch immer der alte Scheffel von 50 Stof (der alte Angerburger Scheffel genannt) gebraucht und der Verkauf des Getreides danach geschlossen wird, so ist beschlossen, den Berlinischen Scheffel nunmehro zu allen Getreidemaßen zu gebrauchen.
Den 12. Dezember ist befohlen, daß vor jedem Hause, welches zum Brauen privilegiert ist, mit einem vom Eigentümer beliebten Bilde, etwa ein Adler, ein Löwe, nebst der Beischrift privilegiertes Brauhaus sofort aufgehangen werden soll.

1723. Den 25. Mai sollte die Grenze zwischen Reussen und der Stadt auf Verlangen des General von Katt reguliert werden. Die Bürger, die mit ihren Aeckern angrenzten, gestellten sich aber nicht, und es wurde daher ohne deren Zuziehung die Grenze abgestochen.

1726. In diesem Jahr war eine Viehseuche.

1729 sind sämtliche Feuerstellen incl. der wüsten nummeriert.
In diesem Jahr ist eine Stadtuhr angeschafft.
Den 12 Mai sind die Bürger, welche vor ihren Häusern noch nicht gepflastert haben, angewiesen solches sofort zu tun; auch ist den Fleischern bekannt gemacht, nicht eher ein Stück Vieh zu schlachten, bis es versteuert ist.
Den 21. Dezember wurden die Bürger erinnert, das freiwillig übernommene Holz nebst Sand und Strauch zur Reparierung des Weges am Schlosse, nämlich des neuen Dammes anzufahren, widrigenfalls sie Exekution bekommen. Da das offerierte Holz nicht hinreichte, mußte noch welches aus Ogonken geholt werden.

1730 wurde das zweite Jubiläum der Augsburgischen Konfession gefeiert.

1731. Den 12. Mai befahl die Kammer, daß die Neubauenden auf dem neuen Markt mit der größten Strenge zum Bau angehalten werden sollen.

1732. In diesem Jahr ist das Edikt publiziert, daß die Mägde keine seidenen Kleider tragen sollen.
Auf dem neuen Markt sind bis jetzt 13 Häuser aufgebaut.
Es grassierte in der Stadt eine epidemische Krankheit.
Den 21. August sind auf Befehl der Kammer die schmalen Beete auf den Stadtfeldern abgeschafft und bei harter Strafe befohlen, breite Rücken zu pflügen. Einen Ratsverwandten sollten bei der Nichtbefolgung 5 Thlr. und einen Bürger 48 stündige Turmwacht als Strafe treffen. Man wollte sich anfänglich dieser Anordnung nicht unterwerfen, daher einige Jahre hindurch mehrere Revisiones vorgenommen und Strafen vollzogen sind.
Der König Stanislaus von Polen verweilte hier wegen der polnischen Unruhen einige Zeit.

1735 ging S. königl. Hoheit, der Kronprinz, hier durch.

1738 ist der Platz beim sogenannten Kloster ausgepflastert. Die Kosten betragen 23 Thlr. 43 Gr. Auch ist befohlen die nötigsten Straßen mit Steinpflaster zu versehen.
Da die Landleute die zu Markt bringenden Viktualien zu hoch aufschlagen, so ist ein Collegium mixtum vom Militär und Magistrat zusammengesetzt, welche alle Freitag zusammentreten und für die nächsten acht Tage die Preise der zu Markt kommenden Viktualien festsetzen sollen.
In diesem Jahr reiste S. königl. Majestät hier durch, wozu die Stadt 100 Pferde gestellen mußte.
Den 15. September stellte der Magistrat dem Kriegsrat vor, daß der Stadtschreiber David die Fegung des Paradeplatzes für 20 Thlr. übernommen. Da das Jahr zu Ende, so kündigt er den Kontrakt, weil er diesen Platz wegen der täglichen Wacht- und Kirchenparaden Tag vor Tag auch sogar des Sonntags und bei regnigtem Wetter zweimal des Tages fegen lassen muß, obwohl er kontraktmäßig nur dreimal die Woche hätte fegen lassen dürfen. Da sich nun bei mehrmaliger Aufforderung kein Bürger zur Übernahme des Geschäfts verstehen will, so findet sich der Magistrat genötigt, die Fegung des Platzes für Rechnung der Kämmerei zu administrieren.

1740. Den 6. Juli wurde auf Königl. Befehl das Begräbnis Ihro hochseligen Königs Majestät celebriert. Magistratus mit der Bürgerschaft hatte sich aufs Rathaus versammelt, um von da aufs Schloß und von dort unter Vortritt des Personals des Hauptamts in Prozession nach der Kirche zu gehen.
Den 4. April ist folgendes verhandelt: Da am vergangenen Sonnabend kein Fleisch in der Stadt gewesen und das Regiment und die Stadt in Not gelassen worden, die Reihe zum Schlachten an den Meister Kunz und Beyer war, welche sich aber aus dem Staube gemacht so wurde Kunz erst heute zur Rede gestellt, welcher aber besoffen ist. Weil es nun notorisch, daß die hiesigen Fleischer nur arm werden, weil sie Tag vor Tag in der größten Völlerei und Saufen leben, die Stadt im bloßen lassen und die Accise Revenüs schwächen, so ist, weil keine Strafe mehr verschlagen will, resolviert, daß Kunz geschlossen 14 Tage bei Wasser und Brot sitze und falls dies nicht bessern will, sollen härtere Mittel vorgenommen werden, und falls noch einmal ein Fleischer, er sei, wer er wolle, auf der Straße oder in den Banken oder sonsten besoffen gesehen wird, soll gleichfalls sofort beim Kopf genommen, in die Eisen geschlossen und bei Wasser und Brot im Turm sitzen, damit der Gottlosigkeit der Fleischer einmal gesteuert werde.

1742 sind zur Reparatur des Steinpflasters 42 Thlr. 48 Gr. 15 Pfg. verwandt.

1746 waren noch 10 Gebäude, welche hinter den Häusern standen, mit Stroh gedeckt.
Auf königl. Rechnung wurde die Schleuse hinter dem Schloß gebaut. Es wurde der höhern Behörde vorgestellt, daß durch diese Schleuse, wenn sie geschützt ist, die Gärten oberhalb, und wenn sie oder der Aalfang gezogen, die Gärten unterhalb unter Wasser gesetzt werden, wodurch der Stadt großer Schaden erwächst. Der Magistrat schlug demnach vor, an Stelle der Schützbretter einen Überfall von Bohlen in gewissem Maße einzusetzen, über welchen das Wasser perpetuierlich gehen und weder oben noch unten eine Stauung verursachen würde.
Da nach geschehener Untersuchung in der Stadt nur 6 Last Malz vorrätig gefunden sind, so wurden die Mälzenbräuer angewiesen, sich auf dem Lande nach Gerste umzusehen, damit die Stadt nicht wegen Bier in Verlegenheit käme.
In diesem Jahr ist das Friedensfest des ersten Schlesischen Krieges gefeiert.

1750 wurde auf Kammerbefehl zur Aufhängung der Deserteure oder deren Porträts ein Galgen aufgebaut. Er stand auf dem littauischen Markt.
Die Freiheitlichen Bürger mußten ihre bis jetzt in der Stadt gehabten Scheunen abbrechen und es wurden ihnen Plätze am polnischen Tor angewiesen.

1751. Den 1. Juni verfügte der Steuerrat Hindersinn auf die Beschwerde der Garnision, daß die Stadtuhr dem Uhrmacher übergeben werden soll und daß selbiger sie zum Besten des Publikums in steter Ordnung halten und weder des Sonnabends noch des Sonntags sie aufhalten oder vorstellen solle, damit sie zu aller Zeit gut gehe und die gute Polizei auch darin befördert werde. 
Den 13. März setzte die Kammer fest, daß der Abdecker für Ausschleppen des in der Seuche gefallenen Viehs, 19 Gr. p, Stück, und wenn der Bürger das Leder zurückverlangt für das Abledern auch 15 Gr. erhalten soll.
Den 10. März. Wegen der schädlichen Rinnen sollen fortan keine Giebelhäuser in der Stadt neu gebaut werden, sondern lauter Querhäuser. Diese Verordnung ist schlecht befolgt. In diesem Jahr war abermals Viehseuche.

1755 schlug der Blitz in dem Andersonschen Malzhause ein, ohne Schaden anzurichten.

1757 hat die Stadt zu der vom Staat gemachten Anleihe von 500 000 Thlr. ein Kapital von 800 Thlr. hergegeben, welches 1763 zurückgezahlt ist.

1772 sind Pallisaden der Stadt umgefallen und nicht wieder in Stand gesetzt.

1779 herrschte hier eine Krankheit unter den Pferden, die Augen verschwollen, setzen Materie, und die Pferde wurden am Ende verrückt.

1782 schlug der Blitz in eine Scheune ein, und es brannten dadurch 54 Scheunen ab.
Beinahe Zweidrittel der Bewohner laborierten an einem Flußfieber, welches zwar nicht gefährlich, aber sehr langweilig, anhaltend und mit besonderen Nebenzufällen begleitet war.
Den Mälzenbräuern und Häkern sind die Bruch-Gärten angewiesen und durchs Los bestimmt.

1785 war der Sommer außerordentlich naß und alles Getreide verdarb auf dem Felde. Man wußte kein Beispiel von einem ähnlichen, nassen Jahre.
Hier wurden zwei berüchtigte Straßenräuber und Mörder namens Joseph Musziovski und Karl Prengel die wegen vieler begangener Diebstähle und Mordtaten, auch wegen ihrer Flucht aus dem Gefängnisse und Losmachung ihrer fürchterlichen Fesseln damaliger Zeit in der ganzen Gegend zum Tagesgespräch geworden waren, hingerichtet, und zwar mit dem Rade von oben herab, worauf ihre Körper auf das Rad geflochten und ihre Mordtaten, auf eine Tafel verzeichnet, an den Pfahl angeschlagen wurden.

1791. 9. Juni. Die Färber Hoffmannschen Eheleute und deren Schwester wurden nach dem Mittagessen plötzlich sehr gefährlich krank und nur die Geschicklichkeit des Dr. Neuen rettete sie. Sie hatten nämlich aus ihrem hinterm Hause gelegenen Garten grünen Kohl gekocht und gegessen, worunter sich eine ziemliche Menge Schierling befanden.

1792. Der Bettler Christian Franz aus Lötzen wurde wegen versuchter Notzucht und begangenen Totschlages zum Tode verurteilt. Er wurde ohne Begleitung eines Geistlichen zum Richtplatz geführt, daselbst mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht, sein Körper auf das Rad geflochten, sein Kopf aber auf den Pfahl genagelt, welches Urteil an ihm den 27. April vollstreckt wurde.

1793. Den 22. April. Die Ehefrau des Töpfermeisters Saffran, welche schon einige Zeit melancholisch, seit 14 Tagen aber vollständig wahnsinnig war, entschlüpfte der Aufsicht ihres Mannes und ihrer Mutter, stürzte sich in den Angerapp-Strom und ertrank. Alle Mühe war vergebens. Da sie Selbstmord in bewußtlosem und wahnsinnigem Zustande verübt hatte, so wünschte der Ehemann sie anständig zu begraben. Der Probst Pisanski verweigerte ihr aber ein ehrliches Begräbnis und wollte sie nicht einmal auf dem Kirchhof begraben lassen. Nur nach vielen Vorstellungen wies er einen Platz, jedoch im entferntesten Winkel des Kirchhofs an ließ sich dafür 2 Thlr. 12 Gr. bezahlen und räumte nicht einmal soviel ein, daß die Leiche hinter einer anderen Leiche, welche eben beerdigt wurde, unter Geläut zu Grabe getragen werden durfte, sondern sie mußte spät abends in aller Stille beerdigt werden.

1794. Durch die Nachlässigkeit eines Müllergesellen, welcher beim Schlafengehen sein Licht nicht gut ausgelöscht, ist das Bäcker Riegersche Haus total abgebrannt. Nur der großen Tätigkeit der Bürger ist zu danken, daß das Feuer nicht weiter griff, da es von allen Seiten ganz dicht mit hölzernen und Fachwerksgebäuden umgeben war.

1795. Es wurde in diesem Jahre ein toter Elends-Hirsch im Stadtwalde gefunden.

1797 schlug der Blitz in das Königl. Militär-Lazarett ein und tötete einen Soldaten, ohne zu zünden.

1798 ist das Hirtenhaus gebaut, auch das Pulver- und Munitions-Behältnis

1799 wurde von einer Dienst-Margell des Kaufmanns Janusch böshafter Weise ein Stall, worauf ein Vorrat von Heu befindlich gewesen, angesteckt. Es brach ein fürchterlich Feuer aus, wurde aber glücklich gelöscht, so daß nichts mehr als der Stall abbrannte. Die Margell wurde zu 8 Jahr Zuchthaus verurteilt.

1802 reiste S. Majestät, der jetzt regierende König auf der Reise von Memel nach Ortelsburg hier durch.


Bis zur Gründung des Deutschen Reiches.

 Mitten in dem großen Unglück, das über Preußen durch den Krieg von 1806 und 1807 gekommen war, erstarkte das Land wieder, und zwar schneller, als seine Feinde es je vermutet hatten, und sammelte die Kräfte, durch die es bald darauf eine so achtenswerte Stellung wieder erkämpfte. Der erste Schritt zu seiner Erneuerung war die Städteverordnung vom 9. November 1808. In unserer Stadt wurde sie im Jahr 1809 eingeführt. Die Stadt nahm nun die Verwaltung ihrer Angelegenheiten selbst in die Hand. Nach der Einteilung in kleine (bis 3500 E.), mittlere (bis 10 000 E.) und große Städte gehörte Angerburg zur ersten Gruppe. Es hatte das Recht 24-36 Stadtverordnete zu wählen. Diese, nicht nach Zünften und Korporationen, sondern von sämtlichen stimmfähgen Bürgern gewählt, hatten das allgemeine Wohl der Stadt zu vertreten. Bei ihnen lag die Wahl der Magistratsmitglieder. Das bisherige Vorrecht der Städte, dass in ihnen allein mit wenig Ausnahmen, Gewerbe und Handel getrieben werden durfte, wurde am 2. November 1810 durch Einführung der allgemeinen Gewerbefreiheit aufgehoben; gegen Entrichtung einer Patentsteuer erhielt jeder das Recht, ein beliebiges Gewerbe zu treiben, da fortan jeder Zunftzwang aufgehoben und jedem überlassen wurde, sein Geschäft da zu treiben, wo er am besten leben zu können meinte. Ebenso wurde auch auf dem platten Lande freier Marktverkehr gestattet und alte Verkaufsedikte und Monopole abgeschafft. Wie der Zunftzwang, so hörte auch der Mühlen-, Brau- und Brennereizwang auf.

Während diese Änderungen und Verbesserungen sich im Innern vollzogen hatte Preußen nach außen eine schlimme Stellung. Das Land wurde dauernd durch Konstributionen geschwächt, die Macht Napoleons aber stieg immer mehr. Im Jahre 1810 stand er auf der Höhe seines Glanzes. Er beschloß den einzigen Staat auf dem Kontinent, der noch unbesiegt dastand, niederzuwerfen. So begann 1812 der große Kriegszug gegen Russland und damit für unsere Stadt wieder trübe Zeit.

Im Monat Mai rückten hier die ersten Truppen der französischen Armee und ihrer Verbündeten auf dem Hinmarsch nach Russland ein. Man kann sich denken, wie angenehm diese Gäste waren, zumal in der Stadt große Teuerung herrschte. Der Durchmarsch dauerte ununterbrochen ungefähr 2 Monate. Es war hier zwar ein königl. Verpflegungs-Magazin eingerichtet, indessen ließen sich die Herren Franzosen mit dem, was da gegeben wurde, nicht abspeisen und es hat mancher Einwohner darben müssen, weil die Einquartierung alles aufgezehrt hatte.

Im Monat Mai war eine Vermögenssteuer ausgeschrieben, zu welcher 2 ½ Prozent von jedem Vermögen an liegenden Grundstücken, Waren und Kapitalien eingezogen wurden. Wegen der großen Einquartierungslasten wurde aber die Einziehung der Steuern suspendiert und gestattet, dass diese mit Forderungen für Leistungen an die Armee aufgerechnet werden konnten. Da hier ein Magazin war, so erhielten die Quartiergeber pro Mann und Tag 1 Gr.
Die Franzosen haben auf diesem Hinmarsch, obgleich sie Alliierte von uns waren, sich dennoch keineswegs als Freunde benommen, denn außer sehr großen Ansprüchen, die sie an die Verpflegung stellten, nahmen sie auch eine große Menge von Wagen und Pferden mit, die natürlich nicht bezahlt wurden. Auch Felder und Wiesen wurden stark beschädigt. Mit Ablauf des Juli hörten die französischen Durchmärsche größtenteils auf, und man erfuhr von dem weiteren Verlauf des großen Kampfes nur das, was die Franzosen zu melden für gut befanden. Der Brand von Moskau wurde zwar auch gemeldet, und man konnte wohl schließen, dass Napoleons große Pläne missglückt waren. Aber dass die Niederlage der großen französischen Armee eine so unheilvolle war, konnte man nicht eher begreifen, als bis gegen Ende Dezember die Stadt und die Umgegend von fliehenden halb erfrorenen, zerlumpten französischen und alliierten Soldaten, bei denen alle Disziplin aufgehört hatte, überschwemmt wurde. Diese Skelettten ähnliche menschlichen Figuren wankten hier zu fahren und zu fuß eilig durch, immer verfolgt von den Russen.

Im nächsten Jahre löste König Friedrich Wilhelm bekanntlich das Bündnis mit Frankreich und trat auf die Seite der Russen. Der Freiheitskampf begann. Da packte auch unsern Kreis und unsere Stadt edele Begeisterung. Graf Lehndorff auf Steinort formierte das National-Kavallerie-Regiment und übernahm auch dessen Führung. Aus reiner Vaterlandsliebe hat er mit diesen Freiwilligen Gut und Blut, Leben und Gesundheit freudig eingesetzt. Von allen Seiten strömten Jünglinge, von edlem Patriotismus beseelt, zu dem Regiment und erhielten bei unseren Bürgern die freundlichsten Quartiere.
Hierauf wurde die Landwehr organisiert und die Stadt Angerburg musste 53 Mann, davon 3 zu Pferde, stellen und vollständig ausrüsten. Nach der Vorschrift sollten die Männer aus allen Ständen, welche im landwehrpflichtigen Alter waren, untereinander losen, und es sollte auf diese Art bestimmt werden, wer zur Landwehr übertreten sollte. Es stand Termin zur Auslosung am 20. April in der Kirche an. Der Bürgermeister May hielt an die dort versammelten Männer eine kurze,  kräftige Ansprache und forderte dann Freiwillige zum Eintritt in die Landwehr auf. Der erste, der sich meldete, war er selbst. Dieses rühmliche Beispiel hatte zur Folge, dass sich sogleich mehr Freiwillige meldeten, als angefordert wurden. Ehre dem Andenken des edlen Mannes und braven Stadtoberhaupts!
Die Stadt hatte die Pflicht, die 53 Mann zu bekleiden und 3 davon beritten zu machen. Dies geschah; die Kosten dafür und für den weiteren Unterhalt und für die zweite Bekleidung betrugen ungefähr 2000 Thlr., welche zum Teil durch freiwillige Beiträge, zum Teil durch Repartitionen aufgebracht wurden.
Hierauf wurde hier der Landsturm organisiert. Zu dem Stadt-Bataillon mussten auch die vier Dorfschaften Kehlen, Thiergarten, Prinowen, Stullichen Mannschaften stellen, so dass ein Bataillon Infantrie aus 6 Kompagnien und 3 Eskadrons Kavallerie gebildet werden konnten, die täglich in den Waffen geübt wurden.
Zum Landsturmdienst waren alle Männer von 15 bis 60 Jahren verpflichtet. Ein großer  großer Teil der Landsturm-Männer hatte sich Feuergewehre und Büchsen angeschafft und übte sich täglich im Schießen. Der Geist, der sie beherrschte, war vortrefflich, und es wünschte jeder, sich möglichst bald mit dem Feinde zu messen.

Die von der preußischen Armee eingegangenen Siegesnachrichten wurden mit Begeisterung von den Bürgern aufgenommen, jede gewonnene Schlacht durch Gottesdienst gefeiert und ansehnliche Beiträge für die Verwundeten gesammelt. Aus der Stadt sind in den Jahren 1813 bis 1815 freiwillig in den Militärdienst getreten 76 Mann davon 19 beim National-Kavallerie-Regiment, den Jäger-Detachements und Freikorps, 57 aber zur Landwehr. Erstere haben sich größtenteils selbst ausgerüstet. Sämtliche Ausrüstungskosten betrugen nach genauer Aufstellung einschließlich der für die Landwehr 11785 Thlr. Durch Kollekten und freiwillige Opfer sind aufgebracht 445 Thlr., im ganzen also 12230 Thlr. Im Jahre 1814 sollte nach abgeschlossenem Frieden der Landsturmdienst aufhören und die Bürgergarde errichtet werden. Dies kam aber nicht zustande, weil die Bürgerschaft auf Beibehaltung des Landsturms drang. Das sollte sich bald als richtig erweisen. Denn noch einmal mussten bekanntlich die Preußen gegen Napoleon ins Feld. Erst durch die Schlacht bei Waterloo wurde die Macht Napoleons völlig vernichtet und der Frieden herbeigeführt. Am 18. Januar 1816 wurde in unserer Stadt höherer Anordnung gemäß ein Friedensfest „mit möglicher Sollemnität“ gefeiert. Der Magistrat und die Stadtverordneten und alle Behörden versammelten sich um 8 Uhr morgens im Leitnerschen Saal, nachdem schon am frühen Morgen die Glocken das Fest eingeläutet hatten. Ein Herold in Begleitung von 32 Landsturm-Reitern verkündetete unter kriegerischer Musik folgendes:

„Proklamation des Friedens in der Stadt Angerburg am 18.Januar 1816.

Gemäß dem Befehl der Königl. Littauischen Regierung und dem Auftrag der vorgesetzten Beförden dieser Stadt, verkündige ich ihnen, meine geliebten Mitbürger, den Frieden, welcher unser edler Monarch und seine hohen Verbündeten durch die Traktate vom 30. Mai 1814 und 20. November 1815 mit dem Könige von Frankreich abgeschlossen haben einen Frieden heilig wie der Krieg, der ihn erkämpfte. Rühmlich wie die Waffentaten der preußischen und verbündeten Krieger, glänzend wie die Sieger der verbündeten Heere und besonders unsrer Krieger.

Errungen in zwiefachen, siegreichen Kriegen,  errungen sind die edelsten Güter des Menschen, Freiheit und Unabhängigkeit von fremdem Joch, errungen insbesondere für uns die Erhaltung unseres geliebten Königs auf dem preußischen Thron, wieder errungen der Glanz und die Ehre der preußischen ^Waffen und gesichert der Herd jeder Familie.

Dank sei Gott, der solche große Dinge an uns getan hat, Dank dem Könige, der mit Festigkeit das große Ziel verfolgte, Dank unserm großen Feldherrn Blücher, der mit Jünglings Kraft und mit Geistes Weisheit den Kampf leitete, seine Befehle übertraf, Dank dem preußischen Volke, welches mit seiner Habe, mit seinen geliebten Kindern beider Geschlechter, selbst mit seinen Hausvätern an diesem Kriege innigen Anteil nahm, Dank auch Ihnen, geliebte Mitbürger, im Namen des Königs und des gesamten preußischen Volkes für jede Aufopferung, welche der heilige Krieg von ihnen forderte, für jedes freiwillige Opfer, welches Ihr Anteil an der heiligen Sache darbot, Dank für die Großherzigkeit, mit welcher sich Ihre Kinder selbst und Sie Ihre Kinder dem allgemeinen Wohl des Vaterlandes opferten. Ist je ein Friede würdig, von dem gesamten Volke mit wahrer Teilnahme gefeiert zu werden, so ist es der heute verkündete Friede, zu dessen Einigung die ganze Nation unter den Waffen und mit dem Gut und Blut bereit war. Gerecht ist demnach die Freude, zu welcher sich heute das beruhigte Herz geneigt fühlt, geheiligt aber sei diese Freude durch Dank gegen den Geber alles Guten und durch die weise Art ihres Genusses.

Friede, Friede sei heute und für immer das große Losungswort! Friede in unserer Stadt, Friede in jeder Familie!“

 Nachdem diese Proklamation in den drei Hauptstraßen der Stadt verlesen, begab sich die ganze Versammlung unter Vortritt der Geistlichkeit und der Schule in feierlichem Zuge nach der Kirche, wo ein Gottesdienst gehalten wurde; während des Tedeums wurde zu jeder Strophe desselben von dem Schützenkorps des Landsturms eine Salve gegeben. Nach Beendigung des Gottesdienstes ging der Zug in derselben Ordnung aus der Kirche und stellte sich auf den alten Markt auf, woselbst zu Ehren des Königs das Lied „Heil dir im Siegerkranz“, gesungen und dem Landesvater ein herzliches dreimal donnerndes Divat ausgebracht wurde. Des Abends war ein allgemeiner Ball.

Nach Beendigung des Krieges rückte am 21. März das 2. Landwehr-Infantrie-Regiment hier ein. Die Mannschaft wurde in den ersten 14 Tagen in die Heimat beurlaubt, und nur der Stamm blieb hier stehen.

Im weiteren Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts ist die Stadt zu ihrem Heile an bedeutsamen geschichtlichen Ereignissen weniger beteiligt gewesen.

Im Jahre 1831 aber erschien zum ersten Male ein unheimlicher Gast in der Provinz und auch in unserer Stadt: die Cholera. Eine ungeheure Panik ergriff die damalige Gesellschaft, als die Nachrichten von dem Vorschreiten der unbekannten, fürchterlichen Krankheit gegen die preußische Grenze hin sich häuften.

Die Cholera hatte im Winter ihren Einzug in das europäische Russland gehalten. Gleichzeitig war in Polen ein Aufstand ausgebrochen, welcher leicht zu dauernder Vertreibung der Russen aus dem ehemaligen Königreich hätte führen können. Krieg und Pestilenz dezimierten die russischen Regimenter in furchtbarster Weise, und den Truppen, welche sehr allmählich aus dem Innern des weiten russischen Reiches und die Seinen noch lebend durchzubringen, schien nahezu abgeschnitten zu sein, und sie belebte sich erst wieder, als man Gelegenheit hatte, dem Feinde Auge in Auge unmittelbar gegenüber zu stehen, und als man einsah, dass die gefürchteten Folgen in dem gefürchteten Maße nicht eintraten. Was aber tat die Regierung? Sie machte dieselben Fehler wie im großen Pestjahr des vorigen Jahrhunderts. Strengste Absperrung, das war das Mittel, durch welches sie der der Seuche Herr zu werden hoffte. Man zog Sanitäts-Kordons, welche verseuchte Gegenden absperren sollte. Aber ein rechtzeitig gespendeter Schnaps war völlig hinreichend, um jeden militärischen Kordon zu öffnen. Später stellte man Passagierscheine aus für Personen, die in eine verseuchte Stadt hinein oder aus ihr heraus wollten. Hier ein spaßiges Beispiel, wie solche Scheine ausgestellt wurden: Der Schippenbeiler Stadtchirurgus war nach Königsberg geschickt, damit er dort die Cholera gründlich studiere. Er legte bei seiner Rückkehr dem entsetzten Bürgermeister zwei Bescheinigungen vor, eine, daß er fleißig in den Cholera-Hospitälern mitgewirkt und die ganze Cholerakraanken in sich aufgenommen habe. Das zweite Attest dagegen bezeugte ihm, daß er mit keinem Cholerakranken in Berührung gekommen sei und daher frei in Königsberg zum Tore hinaus und in Schippenbeil hinein spazieren könne.

Trotz alledem blieb die in Berlin errichtete Immediat-Cholera-Kommission bei ihren strengen Absperrungsmaßnahmen. Alle erkrankten Personen wurden völlig isoliert. Sie durften nicht in ihren Wohnungen verpflegt werden, sondern mußten sofort in bereit gestellte Lazarette geschafft werden. Man legte sie in Tragkörbe, welche vollständig mit Wachstuch verhangen waren und dadurch das Ansehen eines großen schwarzen Sarges erhielten. Die Krankenträger waren ebenso mit Wachstuch behangen und trugen anfänglich ebensolche Masken vor dem Gesicht. Ebenso verhüllte und vermummte Personen begleiteten den traurigen Transport, um jede Annäherung anderer an die verhängnisvolle Bahre zu verhüten. Den Ärzten war dieselbe Vermummung vorgeschrieben. Alle Sachen, mit denen die Kranken in Berührung gekommen waren, sollten verbrannt werden. Dann aber wurden auch alle Personen, die sich mit dem Kranken bis zu seinem Transport ins Lazarett in demselben Raum angehalten hatten, eingesperrt und erst nach längerer Quarantäne zum Verkehr mit anderen zugelassen. Am schärfsten war verboten die Leichen zu berühren. Trat ein Todesfall im Hause ein, so sollte die Leiche mit Haken aus dem Bett gezogen und dann in den Leichenwagen ohne Sarg geschleppt werden. Die Leichenwagen transportierten dann die Leichen nach einem besonderen Friedhof, wo sie in Gruben geworfen und mit ungelöschtem Kalk bedeckt wurden. Es war kein Wunder, daß die Phantasie des Volkes durch diese barbarische Behandlung fieberhaft aufgeregt wurde. Die Sanitätskommission sah ein, daß das vorgeschriebene Verfahren nutzlos sei und daß sich ein unübersehbares Elend aus der Anwendung der vorgeschriebenen Maßregeln ergeben müsse. Es wurden Anordnungen getroffen, zur Förderung der Reinlichkeit, Gesundheit, Ermittlung der Kranken und Verhütung der Ansteckung. Man ließ Straßen, Plätze, Wohnhäuser gründlich und ernergisch reinigen. Wenn sich auch alle diese Maßnahmen besonders in den großen Städten nicht plötzlich in umfassender Weise durchführen ließen, so hörte doch die Krankheit mit Eintritt des Winters auf.

Auch in unserer Stadtfinden wir dieselben Isolierungsmaßnahmen wie wir es eben schilderten. Schon im Mai 1831 war das Angerburgische Landwehr-Infantriebataillon nebst der dazu gehörigen Eskadron an die Grenze geschicht, um diese wegen der Choleragefahr abzusperren. Trotzdem brach die Krankheit auch in unserem Ort aus, und zwar fand sie sich zuerst am 27. Oktober; siehörte am 27. November auf. Es erkrankten während dieser Zeit 374 Personen, davon starben 151 einschließlich der Militärpersonen. Durch diese Seuche starben mehrere Familien ganz aus, mehr als 30 Kinder armer Eltern wurden Vollwaisen, ebensoviele Halbwaisen. Infolge der strengen Absperrung und der allzu großen Furcht vor Ansteckung blieben die Zufuhren vom Lande aus, und die Lebensbedürfnisse wurden immer teurer, so daß die ärmeren Einwohner in große Not gerieten. Aber es fanden sich viele mildtätigen Menschen. Es wurde nicht nur Geld und Lebensmittel in bedeutender Menge für die Armen der Armen-Deputation übergeben, sondern auch fertige Speisen und Holz von vielen Familien geschenkt. Selbst aus der Umgegend gingen Lebensmittel für die Armen ein, und es muß hier besonders der Gräfin von Lehndorff, geborenen Gräfin vonSchlippenbach, auf Steinort gedacht werden, welche ebenso wie ihre Vorfahren im Pestjahr 1707 die Armen sehr reichlich bedacht hat.

Wenige Jahre später, im Jahre 1837, zeigte sich die Cholera wieder; sie dauerte vom 1. September bis 14. Oktober. Es erkrankten 111 Personen, davon starben 40. Noch einmal sah die Stadt den fürchterlichen Gast in ihren Mauern im Jahre 1855. Von den letzten Oktobertagen an wütete sie etwa sechs Wochen hindurch unter den Einwohnern und raffte etwa 300 Menschen hinweg. An einem Tage starben 21 Personen, und aus dem einen Hause des Tuchmachers Gindler in der Kaserne wurden 14 Leichen herausgetragen. Mit Einbruch des Winters erlosch die Seuche. Von den anderen Choleraepidemienj, die in den Jahren 1832, 48, 49, 52, 53, 54 das Land betrafen, blieb unsere Stadt verschont.

Verschont blieb sie auch von den Wirren, die das "tolle Jahr 1848" heraufführte. Die Chronik berichtet hierüber folgendes: "Nachdem im Jahre 1848 unser geliebtes Vaterland durch Aufrührer und Republikaner in seiner Ruhe erschüttert wurde, hat dieser Revolutionsgeist auch in sehr vielen Städten der Monarchie seinen Einfluß nicht verfehlt und leider nur Trübsal und Elend über einzelne und ganze Familien gebracht. Unsere gute Stadt hat sich aber stets royalistisch gehalten, und sich dadurch die Zufriedenheit des Landesherren erworben."

Ebenso interessant ist die Eintragung in der Chronik über die Sonnenfinsternis des Jahres 1851. Wir lesen dort:

Den 28. Juli 1851 fand in den Nachmittagsstunden eine totale Sonnenfinsternis statt. Sie dauerte etwa 2 Minuten und einige Sekunden. Es wurde ganz finster. Das Federvieh schickte sich zur Ruhe an, Fledermäuse und Eulen sah man umherflattern, die Luft wurde sehr kalt. Es war ein herrlicher und schauerlicher Anblick! Da war man so recht durchdrungen von der Macht des Schöpfers, wie ihm alle Welt und Welten dienen müssen. Leute, die auf diese himmlische Erscheinung nicht vorbereitet waren, auch in ihrem Leben nie etwas von einer Sonnenfinsternis gehört hatten, glaubte, die Welt würde untergehen. Weiber und Kinder schrien nach ihren Männern und Vätern, die zufälliger Weise auf dem Felde bei der Arbeit waren, und verwünschten diejenigen Herren, die das heraufgezaubert hatten. Andere betrachteten sie ruhig und äußerten nur: "Was die Herren auch nicht alles machen können!"

Um die Mitte des Jahrhunderts gab es für unsere Stadt und unseren Kreis sechs magere Jahre.
Im Jahre 1844 war der Winter sehr rauh und kalt und brachte viel Schnee. Der Sommer zeichnete sich durch ungehäuere Regengüsse aus. Die Gewässer waren seit Johanni aus ihren Ufern getreten und überschwemmten den ganzen Sommer hindurch die Wiesen, Gärten und niedrige Äcker. Auch waren die Landstraßen von der Littauer Brücke an bis zu dem ersten Berge nach Wensken und mehrere niedrige Stellen unausgesetzt bis auf 4 Fuß Tiefe unter wasser. Das Getreide war mißraten und enthielt mehr Schlauben als Korn. Der Roggen war besonders schlecht und lieferte ein so minderwertiges Mehl, daß dies im Brot nicht zusammenhielt. Die Kartoffeln waren ebenfalls mißraten, so daß mancher kaum die neue Saat erntete, ebenso hatten die Gemüse kaum einen Ertrag. Wie vorauszusehen, brachte das nächste Jahr die Hungersnot. Der Roggen, wie auch alle andere Getreidearten, stieg fortwährend und erreichte schon im Monat Mai einen Preis von 2 Thlr. 15 Sgr. pro Scheffel, und die Kartoffeln stiegen bis auf 1 Thlr. 5 Sgr. Diese Preise waren sehr hoch, wenn man bedenkt, welche schlechte Ware man für sein Geld erhielt. Das Fleisch war ekelhaft, denn das Schlachtvieh war durch die ungesunde Weide des vorigen Sommers und das unreife Futter krank.

Die Bettelei nahm überhand, obwohl täglich 30 bis 40 Portionen Suppe und etwas Brot verteilt wurde, auch den Armen durch Verteilen von Gespinnst zum Verarbeiten Verdienst verschafft wurde. Von seiten der Staatsregierung wurde an die Landleute Brot und Geld verteilt. Aber trotzdem lagerten die ganze Zeit hindurch bis zur neuen Ernte mehrere hundert hungrige Leute vor dem Landratsamt und bettelten um Unterstützung. Um den Arbeitern Beschäftigung zu geben, wurden von staatswegen Chausseebauten angeordnet; auch die Festungsbauten in Lötzen und Königsberg beschäftigten viele Arbeiter. Das milderte zwar die Not , hob sie aber nicht auf. Bei solcher Lager der Dinge war es nicht möglich, die Gefälle und Abgaben regelmäßig einzuziehen, daher schloß die Kämmerei-Rechnung mit einem unerhörten Defizit. Nach Einbringung der neuen Ernte war die Teuerung allerdings nicht mehr so groß, aber die Ernte war höchst mittelmäßig ausgefallen, und man fürchtete, daß die Not im nächsten Winter wiederkehren würde, daher fielen die Preise der Lebensmittel zunächst nur wenig. Aber da die Kartoffeln gut geraten waren, auch die Zufuhr von Lebensmitteln sich hob, hörte die Not der Stadt allmählich auf.

Die teure Zeit und die schlechten Lebensmittel hatten übrigens einen sehr schlimmen Einfluß auf die Gesundheit der Menschen , besonders auf die aus den niederen Ständen. Es starben in dem Jahr über 100 Personen mehr als geboren wurden, während in normalen Jahren das Verhältnis gerade umgekehrt war.

Viel schlimmere Not entstand im Jahr 1847. Getreide, Kartoffeln und alle Lebensmittel stiegen ungeheuer im Preise, der Roggen kostete 5 Thlr. pro Scheffel. Es entstand eine richtige Hungersnot unter den Armen. Zwar wurde eine Suppenanstalt mit Hilfe freiwilliger Beiträge durch den Armenvorstand eingerichtet, und es wurden von Februar bis Juni täglich wohl hundert Portionen Suppe und Brot verteilt, aber die Zahl der Notleidenden, die keine Beschäftigung fanden, war sehr groß. Diebstähle und Bettelei waren an der Tagesordnung. Der Staat verbot die Ausfuhr von Getreide und Kartoffeln und ließ alle Brennereien schließen. Da die Getreideernte eine sehr gute war – die Kartoffeln missrieten wieder – so hörte die Not bald auf.

Auch im Jahre 1853, 54 und 56 herrschte große Teuerung.

Auffallend hoch ist die Zahl der großen Brände in unserer Periode im Verhältnis zum vorigen Jahrhundert. Dies ist nur so zu erklären, dass die genaue Aufzeichnung der Feuersbrünste eine mangelhafte gewesen ist. Denn bei den noch sehr unzulänglichen Löschvorrichtungen müssen wir annehmen, dass früher die Zahl der Brände mindestens die gleiche gewesen ist wie zu unserer Zeit. Aus dieser berichtet uns unsere Chronik von 19 großen Feuersbrünsten.

Am 29.Mai 1825 brach in einer vor dem Littauer Tor gelegenen Scheune, welche nahe an dem Pferdewinkel grenzt, und zwar mittags um 1 Uhr, ein Feuer aus, welches so geschwinde um sich griff, dass in wenigen Minuten 76 Scheunen, 20 Schuppen, 1 Wohnhaus ein Raub der Flammen wurden. Da die Eigentümer ihr bestes Wirtschaftsgerät und bedeutende Vorräte an Brennholz und Planken in und neben den Scheunen aufbewahrt hatten, so war der Brandschaden sehr beträchtlich, zumal sämtliche Gebäude unter dem Wert bei der Feuer – Societät versichert waren.

Am 28.Juli 1826 nachts gegen 1 Uhr entstand ein Feuerlärm, weil ein Stall der Mälzenbräuer-Witwe Albrecht in Flammen stand. Das Feuer griff bei einem mittelmäßigen Winde so heftig um sich, dass in wenigen Minuten 50 Wohnhäuser, 1 Roßmahlmühle, 1 Malzhaus, 4 Farbhäuser, 1 Mangelhaus, 1 Schmiedehaus, 4 Brandhäuser, 4 Speicher, 57 Stallgebäude, alles nach der Seite des Neuen Marktes und nach dem Schloß gelegen, und 15 Scheunen vor dem polnischen Tor eingeäschert wurden, wobei die Salzspeicher, das königl. Schloß und das Landwehr-Zeughaus, obgleich sie zwischen zwei Feuern standen, unversehrt blieben. Es sind 122 Familien abgebrannt. Die ganze Versicherung betrug nur 40000 Thlr., wogegen der Schaden den Wert von 100000 Thlr. weit überstieg. Auf Verwendung des Magistrats bewilligte der König den unglücklich gewordenen Abgebrannten ein Gnadengeschenk von 4000 Thlr. als Unterstützung. Bei dem Brande sind einige Personen, die sich eifrig an der Rettung beteiligten, teils leicht teils schwer verwundet. Von diesen starb der Handlungsdiener Rehann noch selbigen Tages an den durch seinen rühmlichsten Eifer erhaltenen Brandwunden.

Im Lauf des Jahres 1835 wurde die Stadt von zwei großen Bränden heimgesucht. In der Nacht zum 1. April brach in dem Hintergebäude des Kaufmanns Rohrer Feuer aus, welches so heftig um sich griff, dass in sehr kurzer Zeit 10 Wohnhäuser nebst den dazu gehörigen Hintergebäuden eingeäschert und außerdem mehrere Gebäude beschädigt wurden.

Am 5. Juni morgens 8 Uhr entstand in dem Brauhause des Mälzenbrauers Mittelsteiner ein Feuer, wodurch 6 Grundstücke ganz und 3 zu Teil eingeäschert wurden.

Am 4. Juni 1841 abends vernichtete ein Großfeuer 2 Wohnhäuser und 4 Stallgebäude.

Den 10. Juni 1849 – die Schützengilde feierte gerade Königsfest – brannten um die Mittagszeit 48 Scheunen in wenigen Stunden nieder.

Am 9. April 1854, den Psalmsonntag, brach in der Scheune des Gastwirts Keil Feuer aus. Es verbreitete sich mit großer Schnelligkeit weiter, und in wenigen Stunden waren sämtliche Scheunen vor dem polnischen Tor, 14 an der Zahl, ein Raub der Flammen. Nur der unermüdlichen Tätigkeit der Bürgerschaft und besonders der Umsicht des Feuerinspektors, Ratmanns Raulien, war es zu danken dass das furchtbare Element keinen weiteren Schaden anrichtete.

Im Jahre 1857, am 4. Juni, nachmittags brannte das Etablissement des Rendanten Schaupensteiner auf der rechten Seite des Neuen Marktes ab. Der Wind trieb das Feuer südöstlich, und es wurden dadurch mehrere Wirtschaftsgebäude der benachbarten Wohngebäude eingeäschert.

Am 12. April 1863 vernichtete ein Großfeuer, das im Stall des Stellmachers Werner entstand, 20 Gebäude; es waren bis auf ein Wohnhaus glücklicherweise Scheunen.

Ein großer Scheunenbrand wird aus dem Jahr 1866 gemeldet. Es brannten die Scheunen der Bürger Ecker, Kanacher, Rohrer, Schweiger, Struwe vollständig nieder.

Betrachten wir noch, in wie weit die Stadt von den Kriegsjahren von 1864, 66 und 70, 71 berührt wurde. An dem Kriege mit Dänemark nahm sie und ihre Umgebung nur geringen Anteil, hatte doch kaum jemand aus dem Kreise der Fahne flüchten müssen. 1866 gab es öfter große Einquartierungen preußischer Truppen. Auch 1000 Mann österreichische Kriegsgefangene wurden einen Tag in Bürgerquartieren verpflegt. Ebenso war die Königsberger Landwehr einen Tag mit Verpflegung einquartiert. Um so lebhafter zeigte sich in den ersten sechziger Jahren die Teilnahme an der inneren Politik. Die konsevative und fortschrittliche Partei rangen um die Herrschaft. Der Kampf beider Parteien zeigte mancherlei Unerfreulichkeiten. In Bismarck sah man damals nur einen Junker, und als 1866 der Krieg mit Österreich ausbrach, gab es viel Unwillen im Lande.

Auch in Angerburg entstand am 25.Juni in Folge der Wahlen zum Abgeordnetenhause ein nicht unerheblicher Tumult. Die Polizeibeamten konnten denselben nicht unterdrücken. Einige Läden wurden gestürmt, es kamen auch Verwundungen vor, und es mußte aus Lötzen ein Kommando Militär requiriert werden, welches abends gegen 10 Uhr eintraf.  Obwohl nun Ruhe eintrat, wurden doch einige Verhaftungen vorgenommen. Bei der gerichzlichen Verhandlung sind die Rädelsführer mit empfindlichen Strafen belegt worden. Als dann aber im Verlauf des Krieges Sieg auf Sieg erfolgte, war man doch zu stolz, um nicht über die Erfolge zu frohlocken.

Der deutsch französische Krieg entfachte die Bürgerschaft zu heller Begeisterung. In der Stadt, die damals kein Militär hatte  - es waren nur 14 Tage 1000 Mann Rekruten zur Ausbildung - löste jede Siegesnachricht hellsten Jubel aus, der natürlich am größten war, als in den Straßen der Ruf erscholl: Napoleon gefangen!

Zur Unterstützung unserer vor dem Feinde stehenden Brüder flossen von allen Seiten aus der Stadt Gaben zu, so daß reichlich Lebensmittel  und Bekleidungsstücke nach dem Kriegsschauplatz gesandt werden konnten. Das öffentliche Leben wurde in keiner Weise beeinträchtigt. Die Geschäfte nahmen ihren gewohnten Gang. Die Tätigkeit des Gerichts und der übrigen Behörden war uneingeschränkt.

Nach Beendigung des Krieges kehrten auch unsere braven Vaterlandsverteidiger wieder heim. Sonntag der 2. April war für die Einholung der Krieger bestimmt. Sie waren in Goldap in die Heimat entlassen und wurden von der Schützengilde im Paradeanzug feierlich begrüßt. Der Obervorsteher der Gilde Raulien hielt den Kriegern folgende Ansprache:

"Herzliches Willkommen, tapfere Vaterlandsverteidiger, rufen wir bei Eurer siegreichen Heimkehr aus dem Feldzuge mit wärmster Anerkennung für die ausgestandenen Beschwerden und Strapazen Euch zu danken Gott dem Allmächtigen, daß ihr unter Führung unseres Kaisers und Königs siegreich und ruhmvoll in Eure Heimat zurückgekehrt seid. Viele unter Euch haben durch Verwundung viel leiden müssen, sind doch, wenn auch mit Schmerzen behaftet, in die Arme der Ihrigen gelangt. - Leider vermissen wir manchen Braven unter Euch. Sie haben fürs Vaterland ihr Leben gelassen und ruhen im fremden Lande. Wir gedenken auch ihrer heute mit schmerzlichem, aber dankerfülltem Herzen. Sanft ruhe ihre Asche!
Euch aber, glücklich Heimgekehrte, rufen wir aus vollem Herzen als Willkommen ein donnerndes Hoch zu. Unsere braven heimgekehrten Angerburger Krieger leben hoch!"

Dann vereinigte man sich zu einem Frühstück, bei dem auch einige Fäßchen Bier gereicht wurden. Zur Befreiung der Kosten hatte die Schützengilde einen Aufruf an sämtliche Bewohner der Stadt erlassen, der natürlich einen vollen Erfolg hatte.

In den Abschluß des Krieges fiel das 300 jährige Gründungsjubiläum der Stadt. Es wurde nicht gefeiert, "da der noch nicht völlig beendete Krieg die Stadt in eine schlechte pekuniäre Lage gebracht hatte."

Auch für diese Periode folge als Abschluß die kleine Chronik.

1817. Den 31. Oktober wurde das Reformationsfest Dr. Martin Luthers wie allgemein so auch hier gefeiert.

1818. Den 1. Januar wurde die Stadt für einen offenen Ort in Ansehung der Accise-Abgaben erklärt und die bis dahin bestandenen 3 Torschreibereien aufgehoben.
Den 17. Januar nachmittags um 3 Uhr erhub sich ein Sturmwind, welcher in Zeit von zwei Stunden in einen fürchterlichen Orkan ausartete, so stark und wütend, wie seit Menschengedenken keiner gewesen ist. Es stürzten mehrere gemauerte Giebel ein, mehrere Scheunen und Ställe wurden von Grund aus umgeworfen und das Holz davon größtenteils zersplittert. Die Strohdächer der Scheunen wurden teils mehr oder weniger beschädigt, alle Dächer der Stadtgebäude wurden aber stark abgedeckt, und es war lebensgefährlich, über die Straße zu gehen. Die Wälder der Stadt wurden durch diesen Orkan gänzlich ruiniert, indem etwa Zweidrittel der Bäume teils aus der Wurzel aufgehoben, teils gebrochen sind. Um 10 Uhr abends legte sich der Sturm. Der Schaden, welchen die Stadt durch diesen Sturm erlitten, beträgt 16 000 Thlr.
Den 16. Februar ereignete sich ein grässlicher Kindermord. Die Ehegattin des bei der Armee in Frankreich seit dem Kriege noch abwesenden Train-Soldaten Grabowski hatte während der Abwesenheit ihres Mannes ein liederliches Leben geführt. Bei der Rückkunft ihres Mannes war sie grob schwanger, und der Mann hatte überdem den Verdruß ihren Galan bei ihr zu finden. Er wurde darüber unwillig und machte seiner Frau täglich Vorwürfe darüber. Sie kam unterdessen mit einer Tochter nieder, und die Vorwürfe des Mannes wurden dadurch vermehrt. Sen 12. geriet sie auf den bösen Gedanken, den Gegenstand des täglichen  Zwistes an die Seite zu schaffen. Sie wusste unter dem Vorgeben, dass sie etwas zu färben habe, für 5 Schillinge Vitriol-Öl sich zu verschaffen und flößte den 13. morgens 5 Uhr, ihrem Kinde , welches 9 Wochen alt war, mit einem Teelöffel dieses Gift in den Mund ein, worauf dasselbe nach 4 Stunden starb. Die Nachbarfrauen besuchten sie dem Gebrauch nach, und es fiel denselben auf, dass das Kind mit einem Tuche um den Mund gebunden und so der ganze untere Teil des Gesichts bedeckt war, anstatt dass sonst die Leichen, damit der Mund geschlossen bleibt, unters Kinn und über den Kopf gebunden zu werden pflegen. Man gab seine Verwunderung über dies sonderbare Verbinden zu erkennen und schob das Tuch zurück. Hier fand sich, dass von dem Vorbeilaufen des Vitriols das Kinn und der Hals ebenso der innere Teil des Mundes ganz schwarz verbrannt war. Diese Umstände wurden sogleich ruchbar und die Kriminal-Untersuchung verhängt. Die Inquisitin leugnete die Tat nicht im geringsten, sondern entschuldigte sich bloß damit, dass sie, um ihren Mann auszusöhnen, den Mord begangen habe. Sie wurde zum Tode verurteilt, das Urteil aber in lebenslängliche Zuchthausstrafe gemildert.
Den 4. Mai geschah allhier die Vereinigung der beiden Konfessionen, nämlich der Lutherischen mit der Reformierten infolge der bei der Gelegenheit des Reformationsfestes ergangenen Verordnungen, wobei eine große Anzahl Kommunikanten teilnahm.
In diesem Jahr war ein außerordentlich hoher Wasserstand.

1822. Am 11. Januar wurde ein Artillerie-Park von 16 Kanonen, welche zur Übung für die Landwehr dienen sollen, aus Lötzen hierher transportiert. Die Pferde haltenden Bürger holten selbige gratis her.
Am 24. Januar hielt die im Königl. Gumbinner Regierungs-Department sich gebildete Ökonomische Gesellschaft ihre erste Sitzung im hiesigen Landschafts-Lokale ab.
In der Nacht vom 28. zum 29. März wurde in dem Stall des Mälzenbräuers Hensel ein Feuer entdeckt, welches aber auf der Stelle, ohne dass es zum Ausbruch kam, unterdrückt wurde. Kaum war dies geschehen, so brannte der Mühlenkrug rein ab. In der umliegenden Gegend sind Feuersbrünste seit geraumer Zeit an der Tagesordnung.

1823. In der Nacht vom 18. zum 19. März wurde ein Einbruch in die Kaffeestube des hiesigen Königl. Steueramtes versucht. Der Dieb wurde durch das Erwachen des Steuer-Rendanten, dessen Hund in der Stube bellte, verscheucht, nachdem er bereits zum Fenster der 2. Etage eingestiegen war. Kaum waren die Bewohner dieses Hauses durch den Dieb aufgeweckt, als man bemerkte, dass ein Balken der ersten Etage schwelte. Der verscheuchte Dieb hat wahrscheinlich eine große Gefahr abgewandt.

1824. Die in der hiesigen Kirche befindlichen Armenbüchsen wurden schon zu dreienmalen gewaltsam geöffnet gefunden. Im Dezember 22 wollte der Glöckner abends um 7 Uhr die Kirchenuhr aufziehen gehen. Als er an die Kirchentür kam, hörte er einen Knall: er hatte seinen achtjährigen Knaben zur Haltung der Laterne mitgenommen. Dieser erhob ein furchtsames Geschrei, daher der Glöckner zuerst in die Lauterbude nach Assistence ging. Als er nun in die Kirche trat, fand er den Büchsenstock erbrochen. Der Dieb war aber schon fort, ohne dass er den Diebstahl vollzogen hatte. Nachher fand man noch dreimal die Schlösser dieser Büchsen eröffnet. Zu vermuten war, dass der Dieb die Zeit an Sonntagen zwischen den Predigten, wenn die Kirche eine Zeitlang leer und unverschlossen ist, benutzte, um zu stehlen. Es wurde daher achtgegeben und wirklich der Schlösser-Lehrling Schneider, 19 Jahre alt, attrappiert. Er ist zu 30 Peitschenhieben und 6 Monat Zuchthaus-Arbeit in eine Besserungsanstalt bis zur völligen Besserung gebracht und darf bei sechsmonatlicher Zuchthausstrafe die Schlösser-Prozession nicht exerzieren. Im Monat August herrschte unter dem Notvieh die Lungenfäule, es ist ein Viertel der Herde gefallen.
Am 30. November wurde ein Junge, etwa 18 Jahre alt, für einen an dem Müllergesellen Bolz verübten vorsätzlichen Mord mit dem Rade von unten hingerichtet. Der Mord fiel in der Gegend von Wehlau vor, wo auch der Mörder zu Hause gehörte. Er verübte die Tat aus Habsucht, indem ihn eine mit Silber beschlagene Pfeife und eine Uhr, welche der Erschlagene bei sich führte, zu dieser Mordtat reizten.
Die diesjährige Landwehr-Übung fand in Königsberg statt, allwo S. Königl. Majestät Allerhöchst selbst die Revue abzunehmen geruhet.
Der Sommer war außerordentlich trocken und warm. Die Feld- und Gartenfrüchte sind jedoch mittelmäßig geraten.

1827. Der Sommer war wieder sehr trocken

1830. Am 25. Juni wurde das Säkularfest der öffentlichen Übergabe der Augsburgschen Konfession der Allerhöchsten Anordnung gemäß durch Gottesdienst gefeiert, wobei der hiesige Superintendent Neumann nach abgehaltener Liturgie die überaus zahlreich versammelte Gemeinde durch eine sehr gehaltvolle Predigt über den höchsten Orts vorgeschriebenen Text aufs innigste erbaut hat.
Am 29. Dezember rückten zwei Eskadron des kaiserlich Russischen Kosaken-Regiments vom Schwarzen Meer unter Anführung des Obersten Perkrest hier ein und marschierten am folgenden Tage nach Tilsit ab. Diese  Kosaken hatten die Grenzen von Polen besetzt gehalten und waren bei Ausbruch der Insurrektion von ihrem Posten vertrieben. Sie zogen nach Russland zurück. Die Quartiergeber nahmen selbige ausnehmend gastfrei auf.

1832. Durch die seit dem Monat Mai bis in den Oktober angehaltene nasse und kalte Witterung ist die Zeitigung der Feld- und Gartenfrüchte um mehrere Wochen aufgehalten. Das Wintergetreide konnte erst ausgangs August und doch nicht gehörig reif und trocken eingeerntet werden. Das Obst, womit dieses Jahr ganz besonders gesegnet war, ist, obgleich es bis in den äußersten Spätherbst auf den Bäumen blieb, doch nicht reif geworden. Die Gurken wurden in der Nacht vom 7. zum 8. September durch Frost zerstört.

1834. Am 2.August hat der Töpfermeister Hensell drei Mädchen, unter 14 Jahr alt, beim Baden vom Ertrinken gerettet, wofür ihm außer einer Prämie von 15 Thlr. noch die silberne Rettungsmedaille von S. Majestät verliehen ist.
Als etwas Außerordentliches ist zu bemerken, dass der Sommer des Jahres 1834 sehr warm und trocken war, so dass alle Feld- und Getreidefrüchte weit früher als gewöhnlich reiften, und da sie des Regens auch sogar des Taues entbehrt, nicht gehörig auswachsen konnten. Bei den Kartoffeln machte sich ein Regenschauer, welcher sich um Bartholomäizeit einstellte, so stark bemerkbar, das selbige durchwuchsen und die junge Frucht wiederum eine neue ansetzte, wodurch die Kartoffeln für dieses Jahr größtenteils ungenießbar und ungesund geworden sind.

1835. Im Oktober sah man mehrere Male den Halleyschen Kometen mit bloßem Auge.

1837. Die Witterung war den Feldfrüchten nicht günstig. Die Getreideernte war kaum mittelmäßig, die Kartoffelernte schlecht, denn der Frühling war sehr kalt, naß und spät. Der Storch ließ sich am 26. März sehen. Da aber die Erde noch überall mit Schnee bedeckt und Frostwetter war, fand dieses Tier lange Zeit keine Nahrung, und viele derselben sind verhungert und ertarrt.
Im Herbst dieses Jahres sind abermal ein paar Metzen Bucheckern im Kämmereiwalde ausgesät, nachdem der Boden dazu gehörig umgegraben worden. Seit dem Ankauf dieses Waldes sind bereits mehrere Versuche im kleinen gemacht, um diese nutzbare Holzgattung allmählich heimisch zu machen, doch sind bis jetzt nur etwa 30-40 Stämmchen vorhanden und nur wenige davon in Mannesgröße.
Da seit Einführung der Gewerbefreiheit 1810 die Fleischbanken nicht benutzt werden, so geriet das von Holz erbaut gewesene Fleischbankengebäude so sehr dem Verfall, dass das Fleischer – Gewerk durch Exekution zur Abtragung oder Instandsetzung desselben angehalten werden musste. Da nur noch ein Teil der Wände vorhanden war, beschloß das gedachte Gewerk die Niederreißung welche am 18. Dezember erfolgte.

1838. Am 18. Juni trafen s. königl. Hoheit der Kronprinz von Preußen zu Abnahme der Revue des hiesigen Landwehr-Bataillons mittags um 12 hier ein, hielten ein Diner, wozu der Bürgermeister namens der Bürgschaft zugezogen wurde und setzten nachmittags um 4 Uhr höchst Ihre Reise nach Gumbinnen fort. Der Magistrat und die Stadtverordneten in pleno erhielten gnädigst Audienz. Die Stadtbewohner hatten ihre Häuser samt und sonders mit Land und Blumengewinden bekränzt und die Eingänge der Häuser mit Laub verziert, wozu das Land aus dem Kämmereiwalde nach einem Beschluss der Stadtverordneten verabfolgt wurde.
Der Winter war strenge. Schon anfangs Dezember 1837 stellte sich Frostwetter ein, welches bis in den März hinein anhielt, ohne auch nur einen Tag nachzulassen. Die Folge war, dass die Kartoffeln in Kellern und Gruben erfroren. Das Getreide stieg infolge der vorjährigen Missernte so hoch, dass der Preis für den größten Teil der Konsumenten nicht zu erschwingen war. Die Wasserleitungs-Röhren froren im Januar zu und tauten erst am 9. Juni auf. Der Frost war so tief in die Erde gedrungen, dass noch im Juli und August Eis in den Brüchen gefunden wurde, welches wahrscheinlich auch in diesem Sommer an manchen Orten gar nicht aufgetaut ist. Die Monate Juli und August brachten vielen Regen, so dass die Ernte überaus schwierig war und der ausgestochene Torf bis zum Winter nicht trocken werden konnte. Im Frühling herrschten infolge des strengen Winters unter den Menschen die Katarrhe und Rheumatismen und unter dem Vieh die Klauenseuche und Maulfäule.
Am 25. März wurde das 25 jährige Stiftungsfest der Königl. Landwehr durch öffentlichen Gottesdienst, Parade, Mittagsmahl und Ball auf Veranlassung des Kommandanten des Angerburger Landwehr-Bataillons gefeiert.
Am 26. November brach im Königl. Schlossgebäude morgens um 5 Uhr Feuer aus, und zwar in der 2. Etage in einem ganz unbewohnten Teil. Es wurde jedoch, nachdem es 4 Balken, 6 Stichbalken, 4 Sparen zerstört hatte, gelöscht.
Nachdem seit ein paar Jahren das alte Schmiedeeisen zum Umschmieden in den Eisenfabriken durch die Kaufleute aufgekauft wird, nimmt die Dieberei sehr überhand, und es werden Eisenstücke sogar von Gebäuden abgerissen, Türen und Fensterläden gestohlen, um den Eisenbeschlag zu verkaufen, ja es hat sogar ein auswärtiger Mensch die Denkmäler des neuen Kirchhofs ihrer eisernen Klammern beraubt, welcher aber entdeckt und dem Kriminalgericht zur Bestrafung überwiesen ist. In diesem Jahre hat die Kämmereikasse an Kriminalkosten 212 Thlr. 18 Sgr. 11 Pfg. bezahlen müssen. Der Wert der gestohlenen Sachen betrug in vielen Fällen nicht ein Zehntel der Kosten, und die Diebe mögen lieber im Gefängnis als frei sein.

1839. Am 28. Juni trafen S. Königl. Hoheit der Prinz Friedrich von Preußen auf höchstihrer Inspektionsreise hier ein, musterte das königl. Landwehr-Bataillon auf dem Neuen Markt, hielten ein Diner, zu welchem außer der Generalität der Landrat des Kreises und der Bürgermeister der Stadt zugezogen wurden und setzten sodann die Reise nach Dönhofstädt fort.
Am 11. April morgens um 1 Uhr brach in dem Eckhause am Alten Markt, dem Bäckermeister Echternach gehörig ein Feuer aus, wodurch dieses Haus bis auf den Grund niederbrannte.

1840. Der Sommer war sehr naß; es hat geregnet im Mai 8, im Juni 15, im Juli 14, im August 15, im September 7, im Oktober 16, im November 11 Tage. Die Heuernte ist ganz fehlgeschlagen, das Getreide mittelmäßig, die Kartoffeln aber minder als mittelmäßig geraten.

1841. Die Erbhuldigung S. Königl. Majetät Friedrich Wilhelm IV. geschah am 10. September 1841 in Königsberg. Der zur Wahl der Landtagsdeputierten bestehende Wahlbezirk der 10 Städte Angerburg, Darkehmen, Goldap, Lötzen, Marggrabowa, Nordenburg, Pillkallen, Ragnit, Schirwindt, Stallupönen sandte 2 Huldigungsdeputierte, und zwar die Bürgermeister von Angerburg und Darkehmen ab.

1842. Die Turmuhr, welche 1769 angefertigt ist, wurde, da sie seit mehreren Jahren irregulär ging, durch den Uhrmacher Helfrich aus Goldap in Stand gesetzt. Er erhielt für die Arbeit, die laut Kontrakt in 6 Monaten beendet sein musste, fünfunddreißig Taler.

1850. Die Kirche wurde mittels Einbruch durch ein Fenster bestohlen. Der Dieb entwendete silberne Altargeräte im Wert von 100 Thlr.

1851. Den 1. August hatten die Bewohner das Glück, den König Friedrich Wilhelm IV., wenn auch nur einige Minuten, in ihren Mauern zu sehen. S. Majestät kamen von Steinort und fuhren über Angerburg und Darkehmen nach Gumbinnen.

1854. Den 19. Juni beglückte S. Majestät, der König Friedrich Wilhelm IV. die Stadt mit seiner Anwesenheit. Um 10 Uhr abends traf Allerhöchst derselbe ein und nahm bei Landrat Schmidt Wohnung. Die ganze Stadt war mit Guirlanden, Ehrenpforten aufs herrlichste geschmückt. Am nächsten Morgen setzte S. Majestät die Reise nach Lötzen fort.
1856. In diesem Jahr wurden die Tannenbäume im Kämmerei- und Hufenwalde durch die Nonnenraupe größtenteils vernichtet.

1863. Am 17. Juni passierte Ihre Königl. Hoheit die Frau Kronprinzessin auf dem Wege nach Steinort unsere Stadt, welche am Ein- und Ausgange mit Ehrenpforten verziert war.

1867. Im Sommer zeigten sich einige Typhusfälle. Die Krankheit dauerte bis zum Mai des nächsten Jahres. Gestorben sind 10 Personen.


Bis zur Gegenwart (1921)

Trotz der dreihundertjährigen Leidensgeschichte, die wir soeben haben an unserem Auge vorüberziehen lassen, machte sich sehr bald nach dem Kriege wie ja im ganzen Reich ein frisches Vorwärtsstreben auf allen Gebieten des kommunalen Lebens deutlich bemerkbar. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Chausseen, die Belegung der Stadt mit Garnision haben wesentlich dazu beigetragen, nicht zum wenigsten eine geregelte Finanzwirtschaft und eine zielbewusste Leitung der Stadt. Alles dies bewirkte eine erfreuliche Vermehrung der Bevölkerung, eine Erleichterung des Verkehrs und ein Steigen des Wohlstandes. In enger Beziehung damit steht auch das, was den Ausgang des 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts wie für die meisten Gemeinden so auch für Angerburg kennzeichnet: erhöhte Sorge für die Gesundheit der Bevölkerung, Fortschritte auf  hygienischem Gebiet und Streben nach sozialer Verbesserung, besonders der ärmeren Bevölkerung.
Leider sollte der schönen Weiterentwicklung unserer Stadt wie auch unseres stolzen deutschen Vaterlandes bald ein schreckliches Halt geboten werden. 
... so begann der Weltkrieg, „der, ach für uns ja so traurig sollte enden.“ Während unsere braven Truppen in glänzendem Siegeszuge auf Paris los eilten, gelang es ihnen im Osten nicht, die Russen von den grenzen fernzuhalten, da diese ja an Zahl unendlich überlegen waren. So erlebte der größte Teil unserer Provinz wieder eine Okkupation durch die Russen mit allen Schrecken. Auch unser Angerburg sah sehr bald den Feind in seinen Mauern. Diese Russenzeit schildert ausführlich Dr. Greif in seiner Schrift „Der Russenbürgermeister von Angerburg“. Auf dieser Schrift, vor allem aber auf zwei Aufzeichnungen, die mir freundlichst zur Verfügung gestellt wurden, nämlich denen des Kaufmanns Franz Tietz und des Apothekenbesitzers Max Rademacher, beruht die folgende Schilderung der Russenzeit.

Schon von Mitte August ab zogen endlose Scharen von Flüchtlingen durch unsere Stadt, weiter dem rettenden Westen zu. Traurig war es den Zug der Vertriebenen zu sehen, und bald packte Angst und Verzweiflung die Bewohner. Am 22. entstand unter der Bevölkerung geradezu eine Panik, denn es wurde von der Polizei-Verwaltung bekannt gemacht, dass die Bewohner der drohenden Gefahr wegen Angerburg räumen sollten. Jeder raffte das Allernotwendigste zusammen und floh zum Bahnhof in der Hoffnung, mit der Eisenbahn weiter zu kommen. Hier aber wurde den Flüchtlingen der Bescheid, dass Bergungszüge wegen der großen Truppentransporte nicht gingen. So verließen die Besitzer von Fuhrwerk die Stadt zu Wagen. Die andern suchten den etwa 30 km entfernten Bahnhof von Rastenburg zu erreichen. Auch Landrat und Bürgermeister verließen am Vormittag die Stadt. So war diese in der Stunde der Not von den Beamten verlassen, denen die Bürger in erster Linie die Sorge für Kreis und Stadt anvertraut hatten.

Am Sonntag den 23., war unser Ort fast menschenleer. Nur herrenloses Federvieh und zurückgelassene Hund trieben sich umher. Der Pöbel aber benutzte die Gelegenheit, um in der menschenleeren Stadt zu plündern und zu stehlen. Am schlimmsten sah es in dem Laden von Grundmann aus. Die Schubladen herausgerissen und auf den Boden geworfen, Kaffee, Tee, Grütze, Zigarren, zerbrochene Weinflaschen, alles lag durcheinander. Zwar wurden die Plünderer auch von guten Bürgern vertrieben, aber was half’s! Sie gingen einfach wo anders hin und trieben es dort ebenso. Da etwa um halb 5 nachmittags ertönte der angstvolle Ruf durch die Straßen: „ die Russen kommen!“ und kurz darauf begann der Einzug der Feinde. Es war zum größten Teil Kavallerie, vorzüglich beritten, in guten, sandfarbenen Uniformen. Der russische General, der die Truppen führte, forderte in fließendem Deutsch zunächst, Landrat und Bürgermeister zu sprechen. Er war sehr erstaunt und konnte es kaum fassen, dass beide ausgerissen waren. „Dann“ fuhr er fort, „müssen Sie aus Ihrer Mitte einen Mann wählen, mit dem ich verhandeln kann.“ Es wurden nun die zurückgebliebenen Bürger zu einer Versammlung zusammengeklingelt, und es wurde in dieser einstimmig Kaufmann Franz Tietz zum Bürgermeister und Landrat gewählt. Der General bestätigte die Wahl und stellte Tietz auf seine Bitte folgenden Ausweis aus.

Angerburg, den 10. August 1914.

Ausweis für den von Einwohnern gewählten Franz Tietz zum freien Durchgang in der Stadt Angerburg. (Gez.) Der Chef der Heeresabteilung

Generalleutnant ....

            Unterschrift

Für den Chef des Stabes

Hauptmann Nowikow.

An die Straßenecken der Stadt aber ließ der General auf farbigen Plakaten den aufruf Rennenkampfs an die Bewohner Ostpreußens ankleben:

Bekanntmachung

Allen Einwohnern Ostpreußens!

Gestern d. 4-17 August überschritt das Kaiserliche Russische Heer die Grenze Preussens und mit dem Deutschen Heere kämpfend, setzt es seinen Vormarsch fort.

Der Wille des Kaisers aller Russen ist die friedlichen Einwohner zu schonen.
Laut der mir Allerhöchst anvertrauten Vollmachten mache ich folgendes bekannt:

  1. Jeder, von Seiten der Einwohner dem kaiserlichen Russischen Heere geleistete Wiederstand, wird schonungslos und ohne Unterschied des Geschlechtes und des Alters bestraft werden.
  2. Orte, in denen auch der kleinste Anschlag auf das Russische Heer verübt wird oder, in denen Versuchungen desselben Wiederstand geleistet wird, werden sofort niedergebrannt.
  3. Falls die Einwohner Ost-Preußens sich keine feindlichen Handlungen zu schulden kommen lassen, so wird auch der kleinste dem Russischen Heere erwiesene Dienst reichlich bezahlt und belohnt werden; die Ortschaften werden verschont und das Eigenthumsrecht wird gewahrt bleiben.

Gezeichnet: von Rennenkampf

General Adjudant Seiner Kaiserlichen Majestät

General der Kavallerie.

 

Folgendes Aussehen hatte ein weiterer Aufruf der, auf weißem Papier gedruckt, nur an wenigen Stellen der Stadt zu finden war:

Bewohner von Ostpreußen !

Die Russische Kaiserliche Armee ist eingetreten in Euer Gebiet.

Obwohl das Eintreten wegen der Kriegeszeit herausgerufen ist müsst Ihr Euch ruhig verhalten.

Euer Hab und Gut , Eure Familien werden geschützt und stehen unter dem Schutze Russischer Gesetze und Bestimmungen der Haager Conferenz. Lebet und arbeitet, wie Ihr früher gelebt und gearbeitet habt.

Eure aufrichtige Klagen werden durchgesehn und die Schuldigen werden bestraft bei strengster Strafe des Kriegsgesetzes.

Verlasst Euch auf den russischen Soldaten und glaubtet, er ist bloss schrecklich gegen den bewaffneten Feind auf dem Schlachtfelde doch gedenket: gutgesinntes Benehmen und Vertragen zu Euch seitens der Russischen Kaiserlichen Armee ist nur dann möglich, wenn ihr Euch selbst zur Russischen Armee gutgesinnt benehmt.

Jedes feindliche Auftreten gegen die Armee, wie auch in einzelnen Fällen, wird bei strengster Strafe des Kriegsgesetzes gestraft und die Schuldigen der feindlichen Austritte, in welcher Weise es auch wäre, werden dem Feldkriegsgericht übergeben.

 Armeechef General Siwers

 

 So hatte nun unsere Stadt wenigstens ein Oberhaupt. Welche Riesenlast von Arbeit aber dem neuen Bürgermeister aufgebürdet war, wird uns jeder Tag der gottlob nur kurzen Russenzeit immer aufs neue zeigen. Einen treuen Helfer und Berater fand Tietz in dem Apotheker der Stadt Max Rademacher, der neben der Leitung der viel in Anspruch genommenen Apotheke die Stadtkasse führte. Aber auch der beherzten Männer und der Frau, die dageblieben und den beiden erstgenannten Bürgern tatkräftig zur Seite standen, möge die Chronik gedenken:

„Herr Medizinialrat Dr. Bremer, obwohl selbst krank, hat zusammen mit den Schwestern der Krüppelanstalten in hingegebender Weise für die Kranken und Verwundeten gesorgt, er hat dabei, - das gereicht dem alten längst pensionierten Herrn zur ganz besonderen Ehre, sich nicht gescheut, die ganze Zeit seine preußische Stabsarztuniform zu tragen. Der Gasmeister, Herr Steuernagel, hat mit dem ganzen Aufgebot seiner Kraft die Gasanstalt in Stand gehalten und nicht selten unter Lebensgefahr den 3 – 4 Kilometer langen Weg von der Stadt nach dem Wasserwerk zurückgelegt, wo der Arbeiter Waschke ebenfalls in schwerer Arbeit ausharrte. Außerdem hat Steuernagel neben Buchdrucker Bohn und Meiereidirektor Klatt stundenlang bei Tietz schriftliche Arbeiten erledigt, wenn dieser zum Korpskommandanten beschieden wurde. Klatt hat sich dazu noch dadurch besondere Verdienste erworben, dass er für Milch und Butter sorgte. Auf seine Bitten hin sandte Herr Gutsbesitzer Mensch aus Wilkowen jeden Tag mit einem alten Manne, dem Tietz einen Freipaß besorgte, Milch zur Meierei. Frau Bäckermeister Kroll hat ebenfalls durch Offenhalten ihrer Konditorei viel zum allgemeinen Besten beigetragen.“

Erste Aufgabe des Bürgermeisters war es ein Quartier für den General zu besorgen. Er führte ihn nach dem Deutschen Hause, fand es aber fest verschlossen und musste es erst öffnen lassen. Dann verlangte der General für sich und seine Offiziere Verpflegung. Tietz bedauerte nichts liefern zu können, weil er außer einem Lehrling niemand in seinem Hause hatte. So war es froh zu Begrüßen, dass die Damen lange auf die Bitte eines Russischen Offiziers den Stab mit Kaffee versorgten, was mit vielem Dank aufgenommen wurde.

Die erste Frage des Generals war, ob außer Gas auch ein Wasserwerk am Ort sei. Als Tietz das bejahte, machte er zur Bedingung, dass beides in Tätigkeit gehalten werden und alle Laternen des Nachts brennen sollten. Dann verlangte er 200 Zentnern Hafer und eine Menge Heu und Stroh und 10 Zentner Brot. Tietz erklärte, soviel Hafer unmöglich auftreiben zu können, verspach aber 30 – 40 Zentner zu besorgen. Ebenso wisse er nicht, woher er das Brot nehmen solle. Er könne Mehl, Holz und Backofen zur Verfügung stellen, die Soldaten müssten aber selbst backen. Da der General keine Bäcker in seiner Abteilung hatte, so verlangte er von Tietz, dass er möglichst viel Brot aus der Stadt auftreiben sollte. Bäckermeister Timm übernahm die Herstellung von 5 Zentner Brot und Bäckermeister Gross die von 2, die letzten drei Zentner konnten nicht aufgetrieben werden, weil die übrigen Bäcker geflohen waren. Der General gab sich auch mit den 7 Zentnern zufrieden. Für den nächsten Morgen verlangte er 2 Zentner harten Zucker, Tee, Salz und 100 Kisten Zigarren. Dann entließ der General den Bürgermeister, gab ihm aber einen Offizier mit, weil Tietz kurz vorher auf dem Wege zum General beinahe von 3 Kosaken erschossen worden wäre; nur sein Ausweis rettete ihn, Es war nämlich der Befehl gegeben worden, „jede männigliche Person“, die sich auf der Straße nach Eintritt der Dunkelheit zeigte, niederzuschießen.

Am nächsten Morgen früh 5 Uhr begann wieder die Arbeit. Die geforderten Waren wurden besorgt und fortgeschafft. Ebenso wurde später das Brot durch die Russen abgeholt. Tietz erhielt dann die Aufforderung vom General, die Rechnungen für die gelieferten Waren bei ihm vorzulegen. „Denn“ so sagte er bei der Unterschrift, „entweder bezahlt sie Ihr Kaiser oder mein Kaiser.“ Der General teilte dem Bürgermeister noch mit, dass er mit seiner Abteilung abrücke, dass aber neue Truppen noch im Laufe des Tages kommen. Mit einem herzlichen „Leben Sie wohl!“ brach er auf.

Tietz eilte nun zu Rademacher, um zu beraten, was weiter zu tun sei. Um dem weiteren Plündern der Zurückgebliebenen Einhalt zu tun, beschlossen sie folgende Bekanntmachung in der Krüppelanstalt drucken zu lassen und an sämtliche Ecken der Straßen anzukleben:

Bürger Angerburgs!

 Eine unendlich schwere Zeit ist über unsere Stadt hereingebrochen. Russen herrschen augenblicklich über uns und ihren Befehlen müssen wir, wollen wir nicht das allergrößte Unglück über uns hereinbrechen seehen, Folge leisten.

Daß wir den russischen Soldaten höflichst entgegenzuteten  haben, und wie wir ihnen gegenüber uns sonst zu verhalten haben, besagt die vom General Rennenkampf unterzeichnete Verfügung.

Die uns vorgesetzten Behörden und maßgebenden Persönlichkeiten haben uns verlassen und, da ohne Obrigkeit Gezetzlosigkeit droht, so müsssen wir uns selber eine solche schaffen. Auf Befehl des russischen Generals wurden von den wenigen Anwesenden am Sonntag, den 23.d.Mts Herr Kaufmann Tietz zum einstweiligen stellvertretenden Landrat und Bürgermeister gewählt.

Einige unserer Bewohner haben das Fehlen jeder Behörde dazu benutzt, um gewaltsam in Geschäfte und Wohnungen einzudringen und nicht nur Esswaren, sondern auch andere Gegenstände, die zur Lebenserhaltung nicht erforderlich sind, sich anzueignen.

So darf das nicht weitergehen, aufs strengste muß dagegen eingeschritten werden! Und so wird bekannt gemacht:

  1. Jeder, der gewaltsam in ein Geschäft, eine Wohnung eindringt, dort Raub begeht (und durch Zeugen sind viele namhaft gemacht) wird verhaftet und deutscher oder russischer Militärbehörde zur Aburteilung überwiesen und Angerburger! Wir leben im Krieg, es herrscht blutiges Recht, auf die meisten derartigen Übergriffe steht „Todesstrafe“!
  2. Wer innerhalb 24 Stunden das Angeeignete zurückbringt, soll straflos ausgehen.
  3. Eltern, die ihre Kinder nicht in Zucht halten oder sie gar zu Räubereien anhalten, werden harte Strafen entgegensehen.
  4. Um solchen Ausschreitungen zu begegnen, Feuersgefahr und anderes Unglück von uns fernzuhalten, sollen aus unserer Mitte Männer berufen werden, die in der Nacht von 8 Uhr an, je alle 3 Stunden wechselnd die Aufsicht führen. Sie werden durch irgend ein Zeichen kenntlich gemacht, und ihren Anordnungen muß sich jeder fügen. Nur wenn ein jeder seiner Arbeit nachgeht und seine Pflicht erfüllt, können wieder geordnete und bessere Verhältnisse eintreten. Redensarten führen und Drohungen gegen alles mögliche ausstoßen, das kann keinen Segen bringen.

Deshalb werden zu heute Nachmittag um 4 Uhr im Rathause möglichst alle Angerburger Bürger zu einer Versammlung eingeladen.

Die Stadtvertretung.

Franz Tietz                 Max Rademacher                  Richard Preuss

Die Bekanntmachung hatte die Wirkung, dass viel gestohlenes Gut, Uhren, Musikinstrumente, Tischzeug, Silber zurückgebracht wurden. Es wurde den Eigentümern zurückgegeben, wo ein solcher nicht zu ermitteln war, an die Polizei abgeliefert.

Gegen Abend rückten neue russische Truppen ein. Aber diese kamen wie zügellose Horden an, hauptsächlich Infantrie, dazwischen Kavallerie. Die Stadt sah bald wie ein großer Pferdestall aus, weil die Russen keine Quartiere bezogen, sondern in den Straßen und auf den Marktplätzen ihr Lager aufschlugen. Die Mannschaften lagen auf den Bürgersteigen auf Stroh und in Decken gehüllt; die Pferde aber standen in der Mitte der Straße, in langen Reihen zusammengekoppelt.

Sogleich nach dem Einrücken der Truppen erhielt Tietz den Auftrag, Quartier für die Offiziere zu besorgen. Besonders wurde ihm ans Herz gelegt, den Korpskommandeur v. Scheidemann ja gut unterzubringen. Er ließ also für diesen die Villa von Zimmermeister Woitkowitz öffnen. Die übrigen Offiziere wurden teils im Schlosshotel teils im Deutschen Hause untergebracht. Kaum hatte Tietz diese nicht gerade angenehme Arbeit beendet, so wurde er ins Schlosshotel gerufen. Verschiedene Verpflegungsoffiziere verlangten Kaffee, Tee, Zucker u.s.w. In Kaisers Kaffeegeschäft fand sich das Gewünschte. Komisch wirkte es, wie sich die Offiziere über die Schokolade hermachten und sich die Taschen füllten. Plötzlich spuckte einer von ihnen furchtbar schimpfend aus: er hatte auf Holz gebissen.

Um 9 Uhr wurde Tietz zur Abrechnung ins Schlosshotel befohlen. Diese ging aber sehr langsam von statten, weil der russische Offizier nur sehr mangelhaft deutsch konnte und auch mit unseren Münzen und Gewichten wenig Bescheid wusste. Endlich um 12 Uhr war sie beendet.

Am anderen Morgen wurde unser Bürgermeister zum Korpskommandeur v. Scheidemann befohlen. Dieser war ein großer, hagerer, finster aussehender Mann mit grauschimmerndem Barte und buschigen Brauen. Er verlangte Lebensmittel, besonders Milch, Butter, Zucker für das Lazarett. Gas- und Wasserwerk sollten in gutem Betrieb erhalten werden. Von den Einwohnern dürfe sich niemand nach 7 Uhr auf der Straße zeigen. Beim Weggang erbat sich Tietz einen neuen Sicherheitsschein, der folgenden Wortlaut hatte:

Durchlaß-Schein.

Der Stellvertreter des Bürgermeisters der Stadt Angerburg Franz Tietz ist berechtigt durch die Stadt in jeder Zeit am Tage und nachts zu gehen.

(Gez.) Für den Chef des Stabes des 2. Armeekorps Oberst Golubew.

(Siegel) Den 13. August 1914

 

Am Nachmittag des 29. August erschien ein junger Offizier bei Tietz und verlangte von ihm 6 zweispännige Fuhrwerke und die dazu gehörigen Leute. Das zu besorgen, war zunächst unmöglich, denn in der Stadt gab es kein Fuhrwerk zu suchen. Nach einer halben Stunde schon erschien der Leutnant mit einem Einspänner, und los ging es auf die Suche. Sie fanden auch in Johannishof 6 und in Schönbrunn acht Pferde. Die Leute wurden mit den fertigen Fuhrwerken für den nächsten Morgen um ¾ 4 Uhr zu Tietz bestellt. Pünktlich waren die Leute mit den Fuhrwerken zur Stelle, ebenso der Bürgermeister. Wer nicht erschien, war der Leutnant. Erst um 6 Uhr kam er und entschuldigte sich bei Tietz, dass er verschlafen habe. Dieser erklärte ihm nachdrücklich, dass es keine Art sei, einen alten Mann so lange warten zu lassen, außerdem dürfe ein Offizier im Kriege doch wohl nicht verschlafen. Der Offizier wurde sehr klein, gab die gewünschte Bescheinigung, dass er die Fuhrwerke erhalten und zog mit diesen von dannen. Die Fuhrwerke kamen auch nach 3 Tagen alle unbeschädigt zurück.

Erheblich weniger bescheiden als dieser Offizier war der Korpskommandeur. Er wollte, bevor er weiter rückte, einen Aufruf an die Bevölkerung Ostpreußens erlassen und ließ deswegen am 28. Tietz zu sich holen. Da es diesem wegen der ungeheueren Arbeit und der fortwährenden Aufregung unmöglich war sogleich einen Aufruf zu verfassen, schlug er vor, Apotheker Rademacher dazu zu holen. Dieser kam auch sofort. Aber man ließ die beiden Männer 2 Stunden warten. Da riss Rademacher, der seine Apotheke ganz allein zu verwalten hatte, die Geduld, und er ging wieder nach Hause.

Endlich erschien der Kommandeur und fuhr Tietz in barschem Ton an, warum er allein sei. Empört über das stunden lange Warten und über den schroffen Ton, entgegnete dieser: „Ich habe mit Herrn Apotheker Rademacher bis jetzt vor Ihrer Tür gestanden, Herr Korpskommandeur! Rademacher und ich haben andere Sachen zu tun, als stundenlang zu stehen und warten. Ich werde Herrn Rademacher holen, und wenn ich komme, bitte ich, uns sogleich vorzulassen. „Soll geschehen“, erwiderte von Scheidemann kurz. Als Tietz mit Rademacher wieder erschien, wurden sie sofort vorgelassen. Rademacher arbeitete dann folgenden Aufruf aus:

Ich wende mich an die Bevölkerung Ostpreußens, das von meinen Truppen besetzt ist, ermahne sie, in ihre Behausungen zurückzukehren und die Wälder und die Schlupfwinkel zu verlassen. Ich werde alles mögliche tun, um durch meine Soldaten euer Eigentum zu schützen, aber es ist schwer dies durchzusetzen, wenn die Bewohner nicht zu Hause sind.

Kommandierender General vom 2. Armeeekorps

General der Kavallerie

v. Scheidemann.

 

Der Kommandeur war mit dem Entwurf sehr zufrieden und befahl 500 Druckerexemplare herzustellen und sie in der Stadt und im Kreise zu verteilen.

In seiner Kundgebung hatte der General versprochen, das Eigentum zu schützen, aber dieser Schutz stand nur auf dem Papier. Überall wurde geraubt, geplündert, Vieh weggetrieben. Hinter den russischen Truppen her kamen russische Zivilleute auf ihren gefochtenen Wagen. Sie räuberten die Wohnungen und Geschäfte aus und fuhren mit den wohlbepackten Fuhrwerken wieder über die Grenze. Gemeine Soldaten und Kosakenoffiziere halfen dabei. Im Seminar hatten sie ein ganzes Lager zusammengeschleppt, ebenso an der Reussener Allee. Von hier wurden die Sachen zum Teil mit der Bahn verladen. Vielfach unterstützt wurden die Russen von unserem Pöbel. Das Fehlen jeglicher Polizei machten sich die Leute zu Nutze. Jeder Unterschied zwischen Mein und Dein hörte auf. Meistens sind die Diebereien von den Hinterstraßen verübt worden, so dass von den Hauptstraßen aus nichts zu sehen war. Auf diese Weise ist das Manufakturgeschäft von Cohn vollständig ausgeraubt worden. Auch in bewohnte Häuser drangen die Soldaten z.B. in die des Medizinalrats Bremer und zerschlugen und zerschlugen und zerbrachen alles. Der alte Herr zeigte darauf dem Kommandeur selbst seine Wohnung und bat um Schutz. Es wurde ihm Schadenersatz zugesichert. Auf dem Rückweg verhaute der General höchst eigenhändig einige Soldaten, die er traf, und erließ dann strengere Befehle, um das Plündern zu verhindern. Aber es half wenig. Selbst das Haus des Bürgermeisters blieb nicht verschont. Eines Tages waren drei Kosaken von hinten durch den Torweg eingebrochen. Sie waren schon dabei, durch die Fenster  in das Haus einzusteigen. Da rief ihnen Tietz im donnernden Tone zu: „Hallunken, was wollt ihr hier beim Bürgermeister?“ Das Wort Bürgermeister muss allen dreien so in die Glieder gefahren sein, dass sie sogleich ausrissen. Zweien gelang dies, der dritte aber blieb in dem auf dem Hofe liegenden Stabeisen hängen und erhielt nun eine so gründliche Tracht Prügel, dass er wohl nie mehr bei einem Bürgermeister einbrechen wird.

Der große Respekt, den man dem Bürgermeister bisher bewiesen hatte, ließ allmählich nach.
An einem Nachmittag versuchte ein  Kosak in den Keller von Tietz einzudringen. Als dieser ihn daran hindern wollte, zog er seinen Revolver und hielt ihm diesen vor die Brust. Tietz zeigte nun auf einige Flaschen Wein und auf Zigarren, die in dem Geschäft standen und die er ihm notgedrungen überlassen musste. Der Russe packte sich 8 Flaschen Wein und ein paar Kisten Zigarren ein und schob davon. Da draußen ein Fuhrwerk mit anderen Russen wartete, war es gewiss auf einen größeren Raub abgesehen. Ähnlich machte es ein Kosakenoffizier. Er forderte eines Tages von Tietz Zucker. Da dieser den letzten kleinen Vorrat, den er für alle Fälle der Not auf dem Speicher versteckt hielt, nicht herausgeben wollte, ging der Offizier mit geladenem Revolver selbst auf den Speicher und holte sich das Gewünschte. Ähnlich ging es auch mit den Lieferungen; Lieferungsscheine wurden kaum noch ausgestellt. 

Damit soll nun nicht gesagt sein, dass die Russen alle Räuber und Spitzbuben waren, es gab natürlich unter ihnen sehr anständige Leute, wie dies auch Tietz ausdrücklich in seinen Aufzeichnungen hervorhebt. So berichtet er uns von der wackeren Tat eines jungen russischen Bäckergesellen. In dem Hause von Trempenau war abends Feuer ausgebrochen.

Der Bürgermeister eilte mit anderen Bürgern zur Brandstelle und unter Leitung des Schornsteinfegers Griguscheit gelang es, des Feuers Herr zu werden. Bei den Löscharbeiten half der erwähnte Bächergeselle wacker mit. Als ihm Tietz zur Belohnung ein Zehnmarkstück geben wollte, wies er es zurück, indem er erklärte, er habe nur seine Pflicht getan. Mit vielem Dank nahm er eine Kiste Zigarren an.

Wie schon erwähnt, rückte der Korpkommandeur von Scheidemann am 30. August weiter. Er ließ den Unteroberst Samsanoff als Stadtkommandanten zurück, der im alten Seminar sein Quartier aufschlug. Samsanoff war ein Mann von mittlerer Größe mit blondem  Haar und Schnurrbart und kräftigem Wuchs, in seinem Wesen liebenswürdig und verständig. Er sprach nur sehr wenig deutsch und bediente sich bei den Verhandlungen stets eines jüdischen Dolmetschers namens Iwanow.

Von den vielen Wünschen, die Samsanoff gleich bei Antritt seines Kommandos hatte, geben folgende Befehle Zeugnis:

 An Herrn Bürgermeister der Stadt Angerburg.

Hier in Kaserne sind Militairgefangene über 300 Mann. Besorgen Sie für denen jeden Tag vier Centner Brod. Mehl können Sie aus unsern Magazin kriegen.
Kommandant d. St. Angerburg.

31. Aug. 1914                         Unt.-Oberst
Angerburg                              Samsanoff.

 

An Herrn Bürgermeister St. Angerburg.

Ich bitte Sie geben lassen acht Meter weißen Tuches, acht Meter roten Tuches und acht Meter blauen Tuches.
Kommandant St. Angerburg.
Unter-Oberst Samsanoff

 (Stoff zu einer russischen Fahne, die fortan von der Kommandatur wehte).

 

An Magistrat Stadt Angerburg.

Ich bitte zwanzig Fuhrwerke holen zum 6 Uhr heute Abens. Die müssen ankommen am Feld bei Lazaretten.
Unter-Oberst Samsanoff.

 

An Herrn Bürgermeister der Stadt Angerburg. 
Ich bitte Sie schicken ein Mann aus der Bürger zu dem Laden, in welchem sind Geschirr und lassen sie ein Mitnehmen und aus dem andern man muß ein Veles für Militairbedürfnisse zu holen.

Kommandant der St. Angerburg.
Unter-Oberst Sammsanoff.

  Ich bitte Sie an diesen Herrn lassen geben Geschirr für zwei Pferde und ein Sattel.
Samsanoff

Herrn Bürgermeister St. Angerburg hiermit befehle ich Ihnen, die Bürger bekannt zu machen, dass auf Grund russischer Gesetze eine deutsche Mark als firzig (40) russische Kopeken berechnet werden soll.

Der Kommandant.

 

In den ersten Tagen des September begann es unter den russischen Truppen unruhig zu werden. Ein öfteres Hin- und Herziehen der Truppen setzte ein. Regimenter mit derselben Nummer zogen in einer Richtung ab, kehrten nach 2 Tagen zurück, um in anderer Richtung weiter zu ziehen. Wenn die Bürger gewusst hätten, dass Hindenburg die Schlacht bei Tannenberg geschlagen hatte, dann hätten sie sich diese Nervosität der Russen wohl erklären können. Doch abgeschnitten von aller Welt, waren sie nur auf die Berichte der Russen angewiesen, die von der Einnahme Königsbergs und von dem nahen Einzug in Berlin erzählten. In diesen Tagen wurden folgende Telegramme des russischen Hauptquartiers in den Strassen der Stadt verteilt:

1.
Am 3. (16.) August attackierten die französische und englische Flotten bei Dalmatien ein österreichisches Geschwader. Nach kurzem Kampf sind ein österreichisches Linienschiff und 3 Torpedoboote vernichtet worden.

2.
Am 3. (16.) haben die Serben eine große Schlacht gewonnen. 3 österreichische Regimenter sind vernichtet und mehrere Geschütze erobert worden. Die Österreicher flohen in voller Panik.

3.
An den Wallen der belgischen Festung Namur liegen mehr als 10000 Deutsche begraben.

4.
In der Nacht vom 12. (25.) auf den 13. (26.) August beschossen russische Kreuzer beim Eingang in den Finnischen Meerbusen den deutschen Kreuzer Magdeburg. Auf dem Kreuzer Magdeburg kam es zu einer Explosion. Der Kommandeur und die ganze Mannschaft wurden von den Russen gefangen genommen.

5.
Am Morgen des 15. (28.) Augustes attackierte die englische Flotte bei Helgoland ein deutsches Geschwader, 3 deutsche Kreuzer und zwei Torpedoboote wurden vernichtet. Die englischen Schiffe blieben dabei unbeschädigt; aus der Mannschaft sind nur einige Tote und Verwundete ausgeschieden.

6.
Am 16. (29.) ist ein Zeppelin, der in der Umgegend von Mlawa Bomben warf, von den Russen mit Erfolg beschossen worden. Er fiel zur Erde und die ganze Besatzung wurden gefangen genommen.

7.
Am 19. August (1. September) eroberten die Russen nach siebentägigem Kampf die vorderen Befestigungen der österreichischen Festung Lemberg. Die österreichische Armee, bestehend aus dem 3., 7., 11., 12., 13., und 14. Armeekorps und fünf Kavallerie-Divisionen wurden dabei aufs Haupt geschlagen. Die Österreicher flüchteten und ließen den Russen 150 Geschütze, eine Menge Munitionswagen, Maschinengewehre und Gepäck. Außerdem ist eine Fahne erbeutet worden und viele gefangen genommen. Die energisch verfolgenden Russen fanden die Wege gesperrt von liegengelassenen Munitions-Kolonnen und Trains.

8.
Am 19. August (1. September) versuchten österreichische Kolonnen die russische Linie zwischen Lublin und Cholm zu durchbrechen, den 19. und 20. August (1. und 2. September) ergriff die russische Armee gegen die Österreicher die Offensive. Die Österreicher flüchteten in großer Unordnung, wobei von den Russen eine Fahne, 20 Geschütze, 8 Maschinengewehre erobert wurden und mehrere Tausend gefangen genommen. Die Russen gehen unaufhaltsam vorwärts.

9.
Am 21. August (3.September) um 11 Uhr vormittags wurde die starke österreichische Festung Lemberg von den Russen eingenommen. Zugleich mit der Festung fiel in die Hände der Russen eine große Kriegsbeute, mehr als 200 Geschütze und zehntausende von Gefangenen. Die Häuser der Stadt sind voll von österreichischen Verwundeten, die beim Rückzuge liegen gelassen worden sind. Abgesehen davon, dass Lemberg als politisches und administratives Zentrum Galiziens eine große Rolle spielt, ist seine Eroberung in operativer Hinsicht für die russische Armee von der größten Bedeutung.“

 

Diese Telegramme drückten die traurige Stimmung der Bewohner noch mehr herab. Immer hatten sie auf Befreiung durch die deutschen Truppen gehofft. Nach den russischen Siegesnachrichten war wohl alles Hoffen vergeblich. Dazu kam, dass die Lebensmittel anfingen knapp zu werden. Von der russischen Kommandatur war nichts zu erwarten, da sie ihre eigenen Truppen kaum genügend verpflegen konnte.

Inzwischen wurden die Russen immer dreister und brachen immer ungenierter in die Wohnungen der Bürger ein.

Daß ein Offizier, wie es in den ersten Tagen einige Male geschehen war, die Leute mit der Knute aus den Läden jagte, kam gar nicht mehr vor. Vielleicht erklärt sich das daraus, dass jetzt in der Stadt mehr Kosaken waren, bei denen die Disziplin viel zu wünschen übrig ließ.

Der Abend des 7. Septembers brachte ein Zeichen der Hoffnung, den ersten deutschen Flieger: Die Straßen waren, wie nie vorher, voll von Bagagewagen. Da auf einmal ein Surren in der Luft, ein Flieger gerade über dem Holzmarkt, Leuchtkugeln herabwerfend. Die Russen krochen ängstlich unter die Wagen und schossen wie toll auf ihn, natürlich ohne ihn zu treffen. Der Flieger zog unversehrt davon.

Am 8. September hörte man von Drengfurt her Kanonendonner, ebenso am 9. früh von Lötzen, Stawken, Thiergarten, Engelstein. Was für sehr viele den Tod bedeutete, den Angerburgern sollte es endlich Erlösung bringen. Aber zuvor galt es noch manches Leid zu ertragen, besonders auch für unsern Bürgermeister.

Am 9. brachten die Russen etwa 90 Zivilgefangene aus Stadt und Umgebung und sperrten sie teils in die Kellerräume des neuen Seminars, teils in einen nahen Stall. Zugleich begannen sie mit Haussuchungen. Bei Kaufmann Recklies fanden sie drei Gewehre. Da dieser geflüchtet war, wurde sein Neffe, der das Geschäft führte, arretiert und mitgenommen. Auch bei Tietz nahm man eine Haussuchung vor, die ihm fast das Leben gekostet hätte. Am 10. September morgens 4 Uhr wurde er durch Kolbenschläge gegen seine Haustür geweckt. Er eilte hinunter, stellte einige Flaschen Portwein und einige Kisten Zigarren für die Russen auf den Ladentisch und öffnete die Tür. In demselben Augenblick ergriffen ihn zwei derbe Fäuste und und wollten ihn auf die Straße zerren. Wütend stieß er den Kerl zurück, und es gelang ihm seinen Durchlassschein aus der Tasche heraus zu bekommen und dem Führer der Patrouille zu zeigen. Dieser ließ nun Tietz ruhig auf die Straße treten  Ebenso wurden noch 4 Besitzer, die bei Tietz übernachtet hatten, herausgeführt. Nun wurde das Haus durchsucht. Zum Unglück fanden die Russen in der Wohnung des Zollinspektors M., der als Hauptmann im Felde stand, ein paar Gewehre und Munition. Triumphierend brachten sie diese auf die Straße, und nun wurde der ganze Trupp zum Kommandanten geführt. Hier beschuldigte der Führer den Bürgermeister, dass aus seinem Hause geschossen sei. Zum Beweise zeigte er die Gewehre und die Munition, Tietz bestritt die Angaben auf das entschiedenste; er wies darauf hin, dass er von dem Vorhandensein der Gewehre keine Ahnung gehabt habe, da sie doch in der verschlossenen fremden Wohnung gefunden seien. Der Kommandant möge doch einmal in die Gewehre hineinriechen, ob daraus ein Schuss gefallen sei. Aber alle Beteuerungen der Unschuld halfen nichts. Der Kommandant zuckte schweigend die Achseln und befahl, die fünf Männer abzuführen. Aber als diese nur etwa 10 Schritt gegangen waren, kam der schon erwähnte Dolmetscher Iwanow nach und holte Tietz zurück. Die anderen wurden weitergeführt, während Tietz unten in der Kommandatur von Iwanow ein Zimmer angewiesen wurde. Tietz versuchte nun durch den Dolmetscher die Freilassung seiner Mitgefangenen und die eigene zu erwirken, indem er ihm schmeichelte, dass er vermöge seiner Stellung viel beim Kommandanten ausrichten könne, auch stellte er ihm eine große Belohnung in Aussicht. Aber alles Bieten war vergeblich. Iwanow verließ schweigend das Zimmer, um bald herauf mit einem zweiten Russen zurückzukehren. Er forderte Tietz auf ihm zu folgen. Alle drei stiegen eine Treppe hinauf und kamen in ein Giebelzimmer. Hier musste Tietz sich mit dem Rücken gegen das Fenster setzen, während der Soldat ihm gegenüber mit dem Gewehr Platz nahm.

Zwischen 8 und 9 Uhr wurde es im Hause unruhig. Ein fieberhaftes Hin- und Herrennen begann. Dass da draußen ungewöhnlich vorging, ahnte Tietz, aber er durfte sich nicht rühren, der russe mit schussbereitem Gewehr beobachtete alle seine Bewegungen. Etwa um 10 Uhr trat ein zweiter Russe herein, um das Zimmer nach kurzer Zeit mit dem ersten zu verlassen. Allen Anschein nach suchten sie draußen nach einem Schlüssel. Als sie keinen fanden, stellten sie einen schweren Gegenstand gegen die  Tür und gingen davon. Dann wurde es ganz still im Hause. Tietz befand sich in schrecklicher Ungewissheit. „Was wird weiter mit mir geschehen?“ so überlegte er immer wieder. Er hatte jetzt Zeit genug, sich durch das Fenster das Leben auf der Straße anzusehen. In langer Reihe standen vor der Kommandatur Wagen, auf die eilig große Pakete geworfen wurden. Nach einigen qualvollen Stunden sah Tietz Rademacher kommen. Es gelang ihm sich bemerkbar zu machen, und er wurde von Rademacher befreit, indem dieser den schweren Gegenstand – es war eine Schornsteintür, die die Russen gegen den Drücker gestemmt hatten – fortschaffte. Totenbleich und wie trunken wankte unser Braver Bürgermeister aus seinem Gefängnis. Auch die Gefangenen im Seminarkeller und im Stall wurden von Rademacher befreit.

Leider hatte der letzte Tag der Russenherrschaft noch blutige Opfer gefordert. Die Russen hatten 11 Zivilisten erschossen, darunter zwei von den mit Tietz festgenommenen Besitzern.

Bevor die Russen abgezogen, hatten sie die Bahnbrücken gesprengt und mehrere Gebäude angezündet, die Anstaltsscheunen in der Litauer Straße, den Wolffschen Speicher, den Kohlenstapel. Sie hatten auch versucht den Gasometer zu sprengen, aber es war ihnen nicht gelungen.

Nachmittags gegen 5 rückten die ersten deutschen Truppen ein, von den Bewohnern mit lautem Hurra empfangen. Blumen, Zigarren, sogar noch etwas Bier, wurden den Rettern freudig dargeboten.

Für unseren Bürgermeister aber war die Zeit der Ruhe noch nicht gekommen, denn nun hieß es für die deutsche Einquartierung sorgen. Und das war nicht leicht, denn die Russen hatten die Stadt nahezu ausgesogen. Aber der gute Wille half über alle Schwierigkeiten hinweg. Erst am 18. September konnte Tietz den neu hergesandten Behörden die weitere Verwaltung der Stadt übergeben.

Was Tietz geleistet, ist des höchsten Lobes würdig. Hatte er auch die Stadt nicht vor der Plünderung bewahren können, so war sie doch glimpflich genug davon gekommen. Eine Konstribution war nicht gezahlt, Gas- und Wasserwerk erhalten, keine Wohnhäuser abgebrannt. Darum wird auch noch lange in der Bürgerschaft fortleben das Andenken an den Russenbürgermeister Franz Tietz.

Als die Russen zum zweiten Mal in Ostpreußen eindrangen, kamen sie nur bis auf etwa 6 km an unsere Stadt heran. In der großen Winterschlacht trieb sie Hindenburg endgültig aus der Provinz. Auch kein andrer Feind hat sie während des ganzen Krieges betreten. In Ruhe konnten die Bewohner an den Wiederaufbau des Landes herangehen. In ruhiger Begeisterung feierte man überall und wohl mit am herzlichsten in Angerburg die Siege, die unsere Truppen überall errangen. Aber der Feinde wurden immer mehr, die Kampffreudigkeit ließ mehr und mehr nach, und so brachte der 9. November 1918 die Katastrophe: Das Heer löste sich in Unordnung auf, die deutschen Fürsten wurden abgesetzt, die Republik in allen deutschen Ländern ausgerufen. In Angerburg wie überhaupt in den kleinen Städten unserer Provinz vollzog sich die Umwälzung ohne wesentliche Erregung. Ruhestörungen sind überhaupt nicht vorgekommen. Trotzdem wurde zur Hilfeleistung bei Bränden und Verhütung von Plünderungen eine Bürgerwehr gegründet. Letztere ist nicht in Tätigkeit getreten.

Ein Teil der Bevölkerung war mit mehreren Beamten der Kreis- und Stadtverwaltungen unzufrieden und hat gegen sie Drohungen ausgestoßen und Absetzungen verlangt.

Die Behörden haben jedoch ihre Geschäfte mit denselben Beamten weitergeführt. Zur Kontrolle und Unterstützung der Behörden ist hier ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet worden, von dem die Herren Architekten Kessler und Zeggel der Stadtverwaltung zugeteilt waren. Seitens des Arbeiter- und Soldatenrat bei Erledigung der umfangreichen Dienstgeschäfte behilflich sein. Letzterer hat jedoch die ganze Arbeit allein bewältigt, so dass eine Betätigung des Bürgerausschusses nicht erforderlich war.

Einige Arbeiter wollten 2 Gefangene, die kurz vorher wegen Diebstahls festgenommen waren, befreien. Um dies zu verhindern, wurde das Gericht mit Militär besetzt. Zwischen diesem und den Arbeitern kam es auch zur Schießerei, die jedoch unblutig verlief. Es ist nur ein unbedeutender Gebäudeschaden entstanden.

Und dann kam der Friede von Versailles: Von stolzer Höhe des Ruhmes und des Wohlstandes stürzte er uns in tiefste Tiefen der Schmach und der Armut. Wir Erwachsenen werden ein besseres Schicksal nicht mehr sehen, aber vielleicht sehen es unsere Kinder. In der Hoffnung wollen wir weiter arbeiten zum Heile unseres Vaterlandes, zum Heile unserer alten Stadt Angerburg.

Dass in dieser wach geblieben ist die treue Liebe zum Vaterlande und die Dankbarkeit gegen die Männer, die uns das Reich schufen, bewies die Feier zur Erinnerung an die Errichtung des Deutschen Reiches. Sie fand am 15. und 16. Januar 1921 statt und nahm einen ebenso würdigen wie glänzenden Verlauf. Mit der Feier war die Weihe zweier neuer Innungsfahnen, nämlich der  Bäcker und Fleischer verbunden. Die Feier begann am Sonnabend, den 15. Januar mit einem Zapfenstreich. Dieser setzte sich pünktlich 7 Uhr von der Schlossstrasse in Bewegung, marschierte durch die Hauptstraßen der Stadt und endete auf dem Kirchenberg. Mit dem alten schönen Lied: „Ich bete an die Macht der Liebe“ schloss diese Vorfeier. Der Hauptfesttag war der Sonntag. Nach dem großen Wecken rüstete man sich zum feierlichen Gottesdienst. Schon vor Beginn desselben waren die beiden neu zu weihenden Fahnen in die Kirche gebracht worden. Die Festpredigt hielt Superintendent D. Braun. Seine zu Herzen gehenden markigen Worte werden allen Festteilnehmern unvergessen bleiben. Der Kirchenchor brachte zur Feier des Tages zwei wohlgelungene Festgesänge zu Gehör. Dann folgte die feierliche Weihe der beiden Fahnen. Die an dem Festakt sich beteiligenden Vereine, etwa 25 an Zahl, überbrachten durch ihre Vertreter den beiden Innungen ihre Glückwünsche und überreichten mit kurzen Ansprachen Fahnennägel. Den Glanzpunkt des Tages aber bildete der Festumzug am Nachmittag. An ihm nahmen über 2000 Personen mit 26 Fahnen teil: sämtliche Innungen, viele mit Emblemen ihres Handwerks, alle Vereine der Stadt und näheren Umgebung. Auch einige schon geschmückte Festwagen sah man im Zug, in dem 3 Musikkapellen verteilt waren.

Auf dem Neuen Markt hielt der Leiter der ganzen Veranstaltung, Tierarzt Mayhöfer, eine kurze, kernige Ansprache, in der er auf die Bedeutung des Tages hinwies und die Hoffnung aussprach, dass Deutschland bald wieder seinen hochgeachteten Platz im Rate der Völker einnehmen möge. Mit einem dreifachen Hoch auf das deutsche Vaterland schloß der Redner. Nach dem Gesange des alten schönen Liedes: „Deutschland, Deutschland über alles“, löste sich der Zug allmählich auf. Nunmehr eilte alles nach den drei Sälen der Stadt, auf die sich Vereine und Innungen zu einer gemütlichen Schlussfeier verteilt hatten. Prologe, turnerische Vorführungen, Festgesänge, kleinere Theaterstücke – alles prächtig eingeübt – lösten Freude und Begeisterung aus. Daß auch der Tanz zu seinem Rechte kam, braucht kaum erwähnt zu werden. Es war ein wohlgelungenes Volksfest im besten Sinne des Worts. Es hat nicht nur gezeigt, dass wir in unserer Stadt wahre Geselligkeit und echten deutschen Frohsinn allem Elend zum Trotz unser eigen nennen. Einen feierlichen Abschluß erhielt die Gedenkfeier am Dienstag, den 18. Januar. Mittags 12 Uhr legte eine Deputation des Angerburger Kriegervereins, bestehend aus Tierarzt Meyhöfer, Kürschnermeister Bartsch und Schlachthofaufseher Skerra, unter dem feierlichen Läuten der Kirchenglocken am Denkmal des Gründers des Deutschen Reiches, Wilhelm I., einen Kranz mit Schleife in den Farben Schwarz-weiß-rot nieder, während die Musik die Choräle spielte: „Lobe den Herrn“ und „Ein feste Burg ist unser Gott“.

 

  Ende Teil I