RESTAURANT "AUGUST MATTHEE"
Ein mißglückter Handel um die schöne Kellnerin

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

An der Ecke Holzmarkt - Königsberger Straße führte August Matthee ein gutgehendes Kolonialwarengeschäft mit Restaurant. Einst war August Matthee allseitig beliebter "junger Mann" bei der Firma E. A. Komm gewesen. Er heiratete Lieschen Albrecht, Besitzerin des Hauses, das später dem Fleischermeister Barran in der Königsberger Straße gehörte. August Matthee, der geborene Kaufmann, widmete sich mehr seinem Kolonialwarengeschäft als seinem Restaurant. Wie schon bei Komm, so war er erst recht in seinem eigenen Geschäft ständig um die Erfüllung der Wünsche seiner Kundschaft besorgt, so daß die Zahl seiner ländlichen Kunden von Jahr zu Jahr zunahm. Es stellte sich bald heraus, daß seine Auffahrt nicht mehr die Wagen all seiner Kunden lassen konnte. Deshalb kaufte er das dem Schuhmachermeister Banz gehörende Nachbargrundstück am Holzmarkt, ließ das Gebäude darauf niederreißen und vergrößerte so seine Auffahrt um ein Beträchtliches.

In August Matthees Restaurant sorgte eine "weibliche Bedienung" für das Wohl der Gäste. August Matthee war bestrebt, stets saubere, adrette und junge Kellnerinnen in seinem Lokal zu halten - appetitanregend und zur Weide der Augen seiner Gäste. Es war daher kein Wunder, daß so manch ein junger Mann - oder gar älterer Herr - den Wunsch hatte, mit solch einer reizenden Vertreterin der Weiblichkeit eine Zeitlang allein zu sein, zumal diese Damen nicht ganz so spröde waren und nicht ganz so unnahbar wie die wohlerzogenen und wohlbehüteten Bürgertöchter. So geschah es denn nicht selten, daß ein interessierter Gast das Lokal betrat, es aber unter irgendeinem Vorwand sofort wieder verließ, "weil schon einer da war". Glück aber hatte meistens derjenige, der solange die Stellung halten konnte, bis auch der letzte der übrigen Gäste gegangen war. Auch in dieser Endphase des Wettstreites hofften die beiden restlichen Rivalen, daß der andere es eiliger haben möchte, nach Hause zu gehen. Dabei kam es oft zu komischen Situationen, von denen ich hier eine wiedergeben will; denn die Geschichte hatte sich in Angerburg seinerzeit ohnehin herumgesprochen:

Verlebte da ein junger Mann mit gefüllter Brieftasche in Angerburg seinen wohlverdienten Urlaub. Peu ä peu klapperte er die Stätten freudiger Erinnerungen ab und wollte dabei auch mal sehen, was für eine neue Rose wohl August Matthees Lokal zierte.

Die Dame war nett, die Dame war unterhaltsam, und weil gerade "keiner da war", naschten sie gemeinsam ein Likörchen und noch eins, - immer so eines nach dem anderen.

Es wurde nachgerade Mittagszeit. Die Tür öffnete sich, und herein­spaziert kam ein Herr in den besten Jahren. Er hatte in der Nähe sein Geschäft und wollte nach dem Essen nur mal schnell ein Gläschen Bier trinken. Er war der Onkel des jungen Mannes. Onkelchen wurde natürlich auch zum Schnäpschen eingeladen, und so trank man denn zu dritt bei fröhlicher Unterhaltung munter weiter; denn dem Onkelchen hatten es die schönen Augen und die rosigen Wangen der freundlichen Bedienung gleichfalls angetan. Aber schließlich mußte der junge Mann auch mal zur Toilette. "Zur Gesellschaft" stieg ihm der Onkel nach. Geheimnisvoll flüsterte er dem Neffen am verschwiegenen Ort ins Ohr: "Hier, mein Jungchen, hast du fünf Mark, - aber verschwinde!" -

Da holte der junge Mann seine Brieftasche hervor, zückte einen andersfarbigen Schein und sagte: "Hier, Onkelchen, sind zehn Mark - verschwinde du !"

Kein Geldschein wechselte seinen Besitzer. Empört verließ der Onkel das Lokal; denn soviel Unverschämtheit von einem "jungen Bengel" war ihm bisher nicht begegnet! Aber die ganze Verwandtschaft (die männliche!) sollte es wissen! - Und so ist auch uns dieses Intermezzo zu Ohren gekommen.

Onkelehen hätte keinen weiten Weg gehabt, um schräggegenüber von Matthee in der Königsberger Straße bei Carl Arlart sein Bierchen, zwar mit weniger Anregung, dafür auch mit weniger Aufregung trinken zu können.