"SAAL IN DER THEATERSTRASSE"
Die Sonntagsnachmittagstänzchen und die Proteste

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Die Theaterstraße hatte ihren Namen von den Lokalitäten am Ende der Straße. Hier befand sich einst Angerburgs einziges Saalgeschäft mit einer Bühne, auf der auch Theater gespielt werden konnte. Theateraufführungen waren damals die einzigen erhebenden Abwechslungen, die den weltabgeschiedenen Angerburgern geboten wurden. Fehlte eine reisende Schauspielertruppe, die mit ihren Darbietungen den Hauch der großen Welt in unser Städtchen brachte, dann spielten eben Angerburger ihren Mitbürgern auf dieser Bühne Theater - was übrigens bei jedem größeren Fest der Vereine, Innungen und Gesellschaften üblich war. An Naturtalenten hat es bei uns nie gefehlt. -

Im Zuge der neuen Zeit fanden in jenem Saal übrigens auch die ersten "Kinematographischen Vorstellungen" - sprich "Kintopp" statt. (Bewegung der Apparatur per Handkurbel!)

Wie schon eingangs gesagt, gehörte dieses "Etablissement" in der Theaterstraße Frau Komm, der Besitzerin des Hotels E. A. Komm in der Litauer Straße. Ihre langjährigen Pächter waren Ernst Knittel und Albert May. Danach bewirtschafteten den Betrieb noch Knuth, der nachmalige Inhaber des Delikatessengeschäftes von Viktor Grundmann, und der Bäckermeister Franz Holland, der es später an die Kirchengemeinde verkaufte - wodurch das Etablissement dann endgültig den irdischen Lustbarkeiten entzogen wurde.

Solange hier aber noch Saalbetrieb herrschte, fanden neben Theateraufführungen auch Vereinsfeste und öffentliche Tanzvergnügen statt, zu welchem Zweck nicht nur der Saal, sondern auch der baumbestandene Garten bestens geeignet war. Als dann in den Jahren vor 1914 das "10. Jägerregiment zu Pferde" in Angerburg aufgestellt worden war, fanden hier schon am frühen Nachmittag öffentliche Tanzveranstaltungen statt, bei denen die lebenslustigen Soldaten mit den aus Stadt und Kreis herbeigeeilten Mädchen sich laut und ausgiebig amüsierten.

Der stattliche Garten grenzte an kircheneigenes Gelände. Die nicht endenwollenden Amüsements an Sonn- und Feiertagen mit Trara und Tschingdarassabumm waren aber unserem hochwürdigen und lieben Herrn Superintendenten D. Braun (Doktor der Theologie, damals schon selten als akademischer Titel) ein Greuel; er hätte die ganze fröhliche Gesellschaft viel lieber bei dem Sonntagnachmittagsgottesdienst in der Kirche gesehen! Doch so sehr er auch protestierte und von der Kanzel gegen diese schamlose Entheiligung des Sonntags wetterte: es wurde im Saal und Garten weitergetanzt und weitergejubelt - allerdings nur noch ein paar Jahre, - dann kam die große Unterbrechung durch den 1. Weltkrieg.

Erst als unser hochverdienter Geistlicher schon längst gestorben war, konnte die evangelische Kirchengemeinde endlich das Grundstück mit Saal und Garten erwerben und zu einem Gemeindehaus umgestalten. Schade, daß unser allseits verehrter und unvergessener Superintendent D. Braun diese Entwicklung der Dinge nicht mehr erleben durfte.