RESTAURANT "FRANZ TIETZ"
Die tückische Treppe und ein "gefallener" Freiersmann

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Wie heute die Geschäftsleute für ihre Kunden Parkplätze bereithalten, so gehörte damals in Angerburg zu jedem Kolonialwarengeschäft eine meist überdachte Auffahrt, wo Bauern und Gutsbesitzer Pferde und Wagen unterstellten, bis sie ihre Einkäufe und sonstigen Geschäfte erledigt hatten. Auch gehörte zu jedem Kolonialwarengeschäft ein Restaurant, möglichst mit "Damenbedienung", in dem die Kunden mit Freunden und Bekannten ihr mehr oder weniger geglücktes Geschäft begossen oder aber den Ärger hinunterspülten.

Wer es nötig hatte, konnte sich sogar von der Damenbedienung trösten lassen. Waren keine Markttage, dann widmete sich die Damenbedienung ganz den Kunden aus der Stadt.

Auf der Sonnenseite des Holzmarktes befanden sich zwei solcher Restaurants nahe beieinander. Sie lagen im Hochparterre und waren von der Straße über beischlagähnliche Aufgänge zu erreichen. Das eine Restaurant gehörte dem Kaufmann Wallentowitz, das andere zum Kolonialwarengeschäft des "Russenbürgermeisters" Franz Tietz. Es kam nicht selten vor, daß so manch ein Gast, dem es die liebliche Kellnerin angetan hatte und der sich von ihr gar nicht mehr trennen konnte, so voll des süßen Weines war, daß er die Treppenstufen der Beischläge unfreiwillig schneller heruntergelangte, als seine Beine ihn in bürgerlichgesetzter Gangart zu tragen vermochten. - Peinlich war so etwas natürlich nur bei Tageshelle.

So saß denn eines Tages ein junger Bauernsohn stundenlang bei der Kellnerin und trank mit ihr einen "Bärenfang" nach dem andern. Plötzlich fiel ihm ein, er müsse doch mal im Hof nach seinen Pferden sehen und ihnen Hafer vorschütten. Kaum war er auf den oberen Treppenabsatz hinausgetreten, purzelte er auch schon die Stufen hinunter und lag da wie ein Häufchen Unglück. Eine resolute Bürgersfrau versuchte, ihn aus der Horizontalen wieder auf die Beine zu stellen. Er aber kroch, wenn auch auf allen Vieren, zielstrebig zurück und die Stufen der Treppe hinauf. Ärgerlich schimpfte die indignierte Samariterin: "Haben sie noch immer nicht genug? Was wollen sie bei dem Weib? " - Da blickte der junge Man flehentlich zu der Mahnerin empor und antwortete kleinlaut: "Madamke, loate se mie doch - de Marjell secht, se wöll mie friee. "

Kaufmann Franz Tietz erlangte eine gewisse Berühmtheit da durch, daß ihn die Russen während ihrer Invasion im 1. Weltkrieg im Jahre 1914 bei der Besetzung der Stadt als Bürgermeister eingesetzt hatten. Es gelang ihm, durch furchtloses und zugleich geschicktes Auftreten, größere Übergriffe und Greueltaten der russischen Soldaten in unserer Stadt zu verhindern. Seitdem hieß er in Angerburg nur noch "der Russenbürgermeister".

Franz Tietz stammte aus dem Ermländischen Heilsberg. Als er das Geschäft in Angerburg übernahm, heiratete er Anna Kraska, eine Bauerntochter aus Engelstein. Sie hatten zwei Kinder: Anneliese und Rudi, der später Großkaufmann wurde. Nach Franz Tietz' Tode erwarb der Kaufmann Neumann das Geschäft in Angerburg.