KONDITOREI "WERSTAT"
Ein Cafekonzert mit Hundegeheul

Erinnerung an Angerburgs Gaststätten von Gerhard Freundt

Wer jung und hübsch war oder sich dafür hielt, wer gern Kuchen mit Schlagsahne aß, wer lieber ein süßes Likörchen trank als den herben Kornbranntwein, besuchte in Angerburg die Konditoreien. Bei "Werstat" und "Reiß" wurde - nach dem 1. Weltkrieg - dazu noch ein Cafekonzert geboten. Mehr konnte der Gast in unserem kleinen Angerburg wirklich nicht verlangen!

Die "Konditorei Werstat" existierte zunächst jahrelang in der Königsberger Straße, nach dem 1. Weltkrieg führte sie Herr Reiß als "Cafehaus" weiter. Herr Werstat baute kurz vor dem Kriege das schöne Haus in der Bahnhofstraße, in dem er ebenfalls eine Konditorei eröffnete und in der nach dem Kriege sein Schwiegersohn, Herr Retzlaff, als Geschäftsführer fungierte.

Wie schon erwähnt, wurde in beiden Konditoreien Konzert geboten; die Musik war nicht schlecht. Ich erinnere mich, daß z. B. die Kapelle Zallet bei Werstat ein Repertoire von über 2. 000 Piecen besaß. Man konnte jedes bekannte Musikstück bestellen, - es wurde gespielt. Für den gebotenen Ohrenschmaus erwarteten die Musiker dann eine "Ehrenlage'", die ihnen gern spendiert wurde.

Doch auch Musik ist bekanntlich Geschmackssache. Wieder einmal auf Urlaub in Angerburg, machte ich mit Prinz, meinem Schäferhund, einen ausgedehnten Spaziergang über die Uferpromenade zur Mole, zum Heldenfriedhof und zurück zur Stadt.

Prinz und ich waren schon recht müde geworden. Deswegen nahm ich die Einladung eines ehemaligen Schulkameraden zu einem Frühschoppen bei Werstat recht gern an. Ein paar Freunde kamen noch dazu, und so wurde denn der Frühschoppen so lange ausgedehnt, bis am Nachmittag die Musiker mit ihren Instrumenten das Podium bestiegen.

Irgendein Witzbold hatte als Eröffnungsmarsch den "Einzug der Gladiatoren" bestellt. Die Kapelle spielte ihn, was Saiten und Klaviertasten herhielten.

Mein Prinz, der bis dahin artig bei Fuß gelegen hatte, schritt nunmehr mit gesträubten Haaren zum Podium, setzte sich vor die Musiker und heulte, - heulte zum Gotterbarmen! Die Musiker versuchten, ihn zu ignorieren und zu übertönen; aber mein Prinz war der stärkere Tonkünstler. Es blieb mir nichts anderes übrig, als unter dem Beifall der Zuhörer die gastliche Stätte zu verlassen und so den "Sängerwettstreit" zu beenden.

Solange der Herr Werstat seine Konditorei in der Königsberger Straße betrieb, hielt hier der Männergesangverein seine Übungsstunden ab. Dieser Gesangverein führte die Bezeichnung "Liedertafel", und seine Mitglieder hielten sich - sagen wir mal - für exklusiv. "Nicht jeder" durfte hier das Lied von der deutschen Einigkeit und vom "Liebchen mit dem Rosenmund" singen. Es wissen die Götter, wer auf die Idee kam und warum er sich für einen "besseren" Bürger hielt: Jedenfalls wurde die Aufnahme eines neuen Mitgliedes in geheimer Abstimmung vorgenommen. Und damit auch dieses Staatsgeheimnis bis zum letzten gewahrt blieb, ersetzten farbige Kugeln - in Nachahmung eines feudalen Londoner Westend-Clubs - den Stimmzettel. So konnte ein jeder seinen Widersacher aus der Anonymität heraus durch die Ablehnung eines Aufnahmeantrages vor der Öffentlichkeit der Blamage aussetzen. Ja, auch s o  e t w a s gab es in unserem lieben Angerburg! Später aber, als Mangel an guten Stimmen war und der Deutsche Sängerbund eine Massenorganisation wurde, gab auch die Angerburger "Liedertafel" ihren eigenartigen Wahlmodus auf.